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18:33 22.06.2017
Azubis und Lehrer in der technischen Berufsausbildung stehen an einer Drehmaschine. Quelle: Fotos: Industrieblick, Benschonewille/fotolia
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Cheyenne-Celine Hadden (18) steht am Bedienpaneel des Tischfräse im Maschinen-Raum der Holzabteilung in der Emil-Possehl-Schule (EPS). Sie sucht in der Werkzeugdatenbank der hochmodernen Maschine nach der richtigen Einstellung für den Fräsgang. Die Aufgabenstellung, die es zu lösen gilt: eine Nut in ein Brett zu fräsen. Lehrer Uli Frigin steht hinter ihr und gibt Hilfestellung.

Alltägliche Situation an der Berufsschule in der Hansestadt. Genau 3724 Schüler werden an der EPS unterrichtet. Sie büffeln dort entweder für einen besseren Schulabschluss. Oder sind Lehrlinge in einem von 40 Handwerksberufen mit 56 Schwerpunkten und besuchen ein- oder mehrmals die Woche die Berufsschule.

Die EPS gehört zu den vier größten Berufsschulen in Schleswig-Holstein. Hier ist man sehr bestrebt, mit der Zeit zu gehen und technisch up to date zu sein. „Es ist immer die Frage, wo Digitalisierung für berufliche Schulen eine Rolle spielt“, sagt Schulleiter Jörn Krüger. So stehen moderne CNC-gesteuerte Maschinen neben einfachen Werkbänken, an denen noch per Hand gefeilt, geschliffen oder gesägt werden muss. In anderen Bereichen haben Schüler die Möglichkeit von normalen Schulzimmern in Labore zu wechseln, in denen nach neuesten Richtlinien gearbeitet werden kann.

Das Thema Digitalisierung betrachtet Jörn Krüger mit großem Interesse. „Das ist ein großes Feld“, sagt er. Hier sieht er ganz klare Trends auf die Schulen zukommen. „Das geht mit den Lernmitteln los“, sagt Krüger. Blättert der Schüler heutzutage noch in Schulbüchern, kann das in Zukunft anders aussehen. Habe man früher noch klassensatzweise Bücher angeschafft, wird man dann eher Lizenzen von E-Books und Programmen anschaffen, die dann auf dem Tablet gelesen werden. „Die Anschaffung von Büchern und die ganze Verwaltungsarbeit dahinter würde sich so auf die reine Rechteverwaltung reduzieren“, sagt der engagierte Pädagoge, der seit 2014 der EPS vorsteht.

Jeden Schüler mit einem Tablet zu versorgen, davon ist man allerdings noch weit entfernt. Diese Lernmittelfreiheit wird auch auf politischer Ebene gerade neu diskutiert. Denn ob man die kostenlose Bereitstellung von Schulbüchern und Übungsheften auch auf Tablets ausweiten kann, ist noch nicht klar. Die Finanzierung von elektronischen Geräten als Bildungsmittel für jeden Schüler wird angesichts klammer Haushalte für die Schulträger eher schwierig. „Ein Buch ist quasi unkaputtbar. Bei Tablets sieht es ganz anders aus, die gehen leichter zu Bruch“, meint Krüger. Dazu kommen noch Fragen über zum Beispiel den Verbleib von Tablets, Datenpflege auf den Geräten und Datensicherheit.

Generell ist die Lehrerschaft bei der Verwendung von Tablets oder Smartphones als Recherchemittel im Unterricht sehr gespalten. Dabei gucken viele Schüler gar nicht mehr ins Schulbuch, sondern suchen sich bei Problemen lieber Tutorials auf Youtube. „Google ist der beste Freund der Schüler, Wikipedia der Zweitbeste“, scherzt Jörn Krüger. Die Schwierigkeit sieht der Pädagoge eher in der Trennung von sinnvollem Einsatz und Ablenkung. „Die meisten sind pausenlos und ständig erreichbar. Der Drang, sofort auf Nachrichten zu antworten, ist groß.“

Auch über das Schlagwort „Blended Learning“ wird unter den Lehrern im Land heiß diskutiert. Hierbei sollen traditionelle Präsensveranstaltungen mit E-Learning verknüpft werden. „Wir sind ein Flächenland. Solche Formen machen in manchen Bereichen durchaus Sinn“, ist sich Krüger sicher.

Virtuelle Schulklassen, die nur noch über den Computer miteinander kommunizieren sind in anderen Ländern heute schon gang und gäbe. Auch in der Lehrerfortbildung gibt es eine Reihe von Online-Seminaren. Bei den so genannten „Webinaren“ können sich die Teilnehmer vom heimischen Sofa aus weiterbilden.

Die Anforderungen, die die Handwerksbetriebe aus der Region an die Schule stellen, sind hoch. Hinzu kommt der ständige technische Wandel. Maschinen, die vor zwei Jahren noch technisch hochaktuell waren, sind schnell veraltet. „Da kommt ein Schulträger schnell an seine finanzielle Grenzen. Überall neue Maschinen, das könnte die Schule gar nicht leisten. Es ist immer ein Abwägen in der Ausstattung. Und man muss auch sehen, welche Schüler erreiche ich damit“, sagt er. Denn nicht jeder Handwerksbetrieb setzt heute schon modernste Technik ein.

Für viele kleine Unternehmen rechnen sich die Investitionen nicht, trotzdem versuche man in der Schule, den Schülern auch die Kompetenz im Umgang mit Maschinen und neuer Technik zu vermitteln. „Das ist für die Betriebe eigentlich eine große Chance. Wir reden ja immerhin von Fachkräftemangel“, sagt Krüger.

Dass die EPS trotzdem zu den technisch am besten ausgestatteten Schulen in Schleswig-Holstein gehört, macht Krüger stolz. Hilfestellung in der Beschaffung kommt unter anderem auch durch die Innungen und deren Verbindungen. „Da kriegen wir schon mal gute Konditionen vermittelt. So konnten wir für die Fahrzeugtechnik-Abteilung direkt über Audi einen gebrauchten Audi Q5 Hybrid anschaffen“, sagt er.

Daran können die angehenden Kfz-Mechatroniker nun hautnah üben, wie diese Technik funktioniert und wie man sie repariert. Doch auch auf anderen Wegen wird kooperiert.

Große Synergieeffekte gibt es auch durch Zusammenarbeit mit Firmen aus den verschiedenen Gewerken. So kooperiert unter anderem ein großer Heizungsanlagenbauer mit der Schule, um die Ausbildung der Fachkräfte für Sanitär, Heizung- und Klimatechnik auf dem aktuellsten Stand zu halten. Auch im Bereich Elektrotechnik wird die EPS von einem großen Innovationsführer unterstützt. „Die Zusammenarbeit mit großen Firmen ermöglicht einfach Zugang zu neuester Technik. Ansonsten könnten wir uns das nicht leisten. So bleiben wir am Puls der Zeit“, sagt Krüger.

Probleme bereitet der Schulleitung die digitale Infrastruktur in der Schule. Für jeden Schüler einen WLan-Zugang zu stellen, davon ist man noch meilenweit entfernt. Momentan dürfen 300 ausgesuchte Nutzer der Schule ins Netz gehen. Mehr geht nicht, sagt Krüger. „Die Bandbreite ist unzureichend für alle. Wenn alle ins Netz könnten und in den Pausen Musik oder Filme streamen würden, steht das Netz still.“

Thomas Baehr, Leiter der Travemünder Berufsbildungsstätte der Handwerkskammer Lübeck, ist mit der Ausstattung seiner Einrichtung nicht zufrieden. In der Bildungsstätte auf dem Priwall werden überbetriebliche Ausbildungen, aber auch Fortbildungen in verschiedenen Handwerksberufen angeboten. Daneben ist die Lehranstalt auch Landesberufsschule von Gewerken wie Bootsbauer, Augenoptiker oder Orthopädieschuhmacher. Auch hier greift man auf CNC-gesteuerte Maschinen, Labore und Werkzeuge zu. Doch ein Teil davon ist schon technisch überholt. Er wartet auf dringend benötigte Fördermittel, um die technische Ausrüstung auszubauen, so Baehr. „Ich wünschte, wir wären schon weiter.“ Denn den Einsatz von neuer Technik hält er für sehr wichtig. „Das ergänzt das Handwerk“, findet er.

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Majka Gerke

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