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Die Wirtschaft Das Ende der althergebrachten Werkzeuge?
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18:32 22.06.2017
Thomas Lehmkuhl bestimmt mit Farbtonscanner den richtigen Farbton.
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Leichte Risse durchziehen die dunkelgelbe Fassade des kleinen Altstadthaus von Horst Busch, an einigen Stellen wirft die Farbe Blasen. Ein neuer Anstrich muss deshalb her. Malermeister Thomas Lehmkuhl steht an der Hauswand und hält einen Farbtonscanner an die Mauer. Wurden früher noch mühsam und zeitaufwendig Farbkomponenten per Hand zusammengemischt, um den richtigen Ton zu treffen, kann man den heute einfach per Knopfdruck bestimmen.

Das kompakte Gerät, ausgerüstet mit multidirektionaler Messtechnik, ist kleiner als ein Smartphone und identifiziert nahezu jeden Farbton. Mit einem Tastendruck scannt Lehmkuhl mit dem eingebauten Laser die Wand. Nur Sekunden später spuckt das Gerät eine Ziffernfolge aus. „Diese Nummer steht für den Farbcode. Damit können wir dann bei unserem Lieferanten gleich die richtige Farbe ordern“, erklärt Lehmkuhl das Procedere.

Mit Farbtonscanner und ähnlichen Hilfsmitteln hat auch im Malerhandwerk die Digitalisierung Einzug gehalten. „Das sind Geräte, mit denen wir schon seit Jahren arbeiten“, sagt Lehmkuhl. Der Maler, der das Unternehmen mit 14 Angestellten gemeinsam mit Mutter Ingrid leitet, hat schon in den 1990er Jahren eine Homepage erstellen lassen und auf den Firmenfahrzeugen damit geworben. „Die Kollegen aus der Innung hielten mich damals alle für verrückt. Die meinten, aus dem Internet bekommt man doch keine Aufträge. Heute gibt es keine Firma mehr, die keine Homepage hat.“

Mit dem Internetauftritt lag Thomas Lehmkuhl schon früh im Trend. Nach einer Untersuchung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom in Zusammenarbeit mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) kam heraus, dass aktuell 95 Prozent der deutschen Handwerksbetriebe über eine eigene Website verfügen. 58 Prozent setzen Software- Lösungen für die Steuerung ihrer betrieblichen Abläufe ein und ein Viertel nutzt moderne digitale Technologien, zum Beispiel 3D-Drucker zur Herstellung von Ersatzteilen oder Tracking-Systeme für Maschinen und Werkstoffe.

Gerade kleine Unternehmen können von digitalen Lösungen profitieren. Sie verwenden die Technik im Büro für die Auftragsabwicklung, Rechnungslegung oder auch die Lagerhaltung. „Besonders für kleine Handwerksbetriebe sind Büro-, Verwaltungs- und Planungsarbeiten echte Zeitfresser. Software-Lösungen können die Organisation eines Betriebs enorm vereinfachen“, sagt ZDH-Geschäftsführer Karl-Sebastian Schulte.

Thomas Lehmkuhl ist mit seinem Malerunternehmen auch auf Facebook vertreten und gehört damit zu 26 Prozent der Handwerksbetriebe, die die sozialen Netzwerke zur Kommunikation nutzen. Er postet dort Neuigkeiten oder zeigt fertige Projekte. Das zeige sich dann auch im Google Ranking, sagt Lehmkuhl. Schon früh hat er sich für Computer interessiert. „Mit 15 Jahren hab ich mal ein Praktikum als Programmierer gemacht, mich dann aber doch für das Malerhandwerk entschieden.“ Die Leidenschaft für alles Technische ist geblieben. So fotografiert er unter anderem Hausfassaden, die es neu zu gestalten gilt und legt mit speziellen Bearbeitungssoftwares verschiedene Farbtöne über das Bild. „So können die Kunden dann sehen, wie ihr Haus in der einen oder anderen Farbe aussieht und sich so schneller entscheiden“, hat er festgestellt.

Auch die Abmessungen von Wänden oder Fassaden geht im Malerhandwerk heute weitgehend mit Lasermessgeräten. Mit ihnen werden die Daten aufgenommen und mit den Infos ergänzt, was erledigt und welche Materialien benutzt werden sollen. Im Büro angekommen, spielt Lehmkuhl die Daten auf seinen PC und kann so blitzschnell ein Angebot erstellen und dieses dann per Mail zum Kunden schicken. Für ihn hat die Digitalisierung allerdings zwei Seiten. „Das geht alles ganz schnell“, sagt er. Manchmal zu schnell, so Lehmkuhl. Zeit zum Nachdenken bleibe da oft nicht.

Sogar die digitale Zeiterfassung, die in der Industrie schon gang und gäbe ist, wird für Handwerker immer interessanter. „Unsere Mitarbeiter schreiben noch Stundennachweise und Wochenzettel. Doch auch das wird sich vielleicht irgendwann ändern“, meint Lehmkuhl. Schon heute gibt es dafür Apps für Smartphones oder Tablets, die die Daten automatisch mit dem Firmenrechner abgleichen und so die verrechenbaren Stunden leicht aufzeichnen und bei Projekt- und Arbeitsablaufsteuerung helfen.

Auch Kreishandwerksmeister Carsten Groth beobachtet das Thema Digitalisierung sehr genau. Der Obermeister der Bauinnung Lübeck, der gemeinsam mit Christian Ramm in der Hansestadt eine Zimmerei führt, arbeitet schon seit langem mit Abbund- und CAD-Programmen. „Früher wurde noch ein Aufriss auf dem Fußboden gemacht. Die Zeiten sind aber lange vorbei.“ Jetzt bekommt er bei Bauvorhaben digitale Pläne vom Architekten übermittelt. „Die Lehrlinge lernen schon im ersten Lehrjahr in der Berufsschule, wie man Abbund-Computerprogramme bedient“, sagt Groth.

Der Nachwuchs muss mittlerweile einiges mehr mitbringen als nur handwerkliches Geschick, auch technisches Verständnis sollten die angehenden Gesellen haben. „So manche Alt-Gesellen humpeln da noch hinterher und sind gefordert, die neuen Medien zu lernen und zu nutzen. Die müssen einfach damit klarkommen.“ Der klassische Bauhelfer habe im Handwerk eigentlich ausgedient, sagt der Kreishandwerksmeister. Die Ansprüche an die Mitarbeiter werden immer höher. „Heute ist es normal, ein Laptop auf der Baustelle mitzuhaben.“

Hilfestellung erhalten die Handwerksmeister unter anderem durch die Kreishandwerkerschaft. „Wir veranstalten immer mal wieder Kurse für unsere Mitglieder“, sagt Groth. Wer sich heute nicht über neue Maschinen und Verfahren informiert oder seinen Kunden mit digitalen Helferlein wie zum Beispiel appgesteuerte Fernwartungsprogramme, die auch über Smartphones laufen, helfen kann, ist schnell nicht mehr zeitgemäß. Als Handwerker muss man sich anpassen, sagt Groth, sonst verliert man schnell den Anschluss an die Entwicklung. „Betriebe, die sich dem verschließen, bleiben auf der Strecke.“

Einer, der sich genau mit den gestiegenen Anforderungen an das Handwerk auskennt, ist Wolfram Kroker, Beauftragter für Innovation und Technologie (BIT) bei der Handwerkskammer Lübeck. Er ist Anlaufstelle für alle, die den Sprung in das digitale Zeitalter machen wollen. Die Akzeptanz und das Interesse an der Digitalisierung ist in den letzten Jahren gestiegen, hat Kroker festgestellt. „Es wird zwar mehr über solche Themen gesprochen und geschrieben. Aber oft ist die Auseinandersetzung und Verständnis für das Thema das Problem.“

Denn gerade kleine Handwerksbetriebe kämpfen mit dem Anschaffungsgedanken und der Finanzierung von neuen technisch hochgerüsteten Maschinen und überlegen genau, ob sie die Technik brauchen. „Kleine Förderprogramme sind oft schwierig zu realisieren“, sagt Kroker. Er versucht, hier Synergien und Kooperationen zwischen Handwerkern anzuschieben, um den Finanzierungsaufwand klein zu halten. „Die skandinavischen Länder machen das vor. Dort wird miteinander gearbeitet.“   •

Majka Gerke

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