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Die Wirtschaft Der „Frauen-Effekt“
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14:06 26.11.2018
In Deutschland ist noch Luft nach oben, wenn es um Frauen in der Wirtschaft geht, sagt Bildungsministerin Karin Prien. Quelle: BILDUNGSMINISTERIUM

Im Sommer dieses Jahres haben drei junge Frauen von der Fachhochschule - heute Technische Hochschule Lübeck - Akzente gesetzt. Sie gewannen den Gründerpreis der Sparkasse zu Lübeck. Das hat mich als Bildungs- und Wissenschaftsministerin gefreut und nicht weniger beeindruckt. Die Geschäftsidee der drei jungen Wissenschaftlerinnen hat neben dem ökonomischen auch gleichzeitig einen sozialen und ökologischen Hintergrund: Sie wollen mit Mehrwegbechern die Müllberge schrumpfen, die sich aus dem „Coffee-to- go“-Trend ergeben. Kompliment. Denn über die Geschäftsidee hinaus ist das Projekt „SaveCup“, eine Konstellation wie aus dem Lehrbuch: Drei junge, selbstbewusste, exzellent ausgebildete Gründerinnen aus dem Hochschulbereich. Ein verantwortungsvolles ökologisches Konzept mit guten Marktchancen. Und absolut auf der Höhe der gesellschaftlichen Entwicklung. Das zeigt, dass die Gründerförderung in der Hansestadt funktioniert. Vor allem aber ist das ein Beispiel, dass Frauen Mut zeigen, etwas anpacken und sich durchsetzen - auch gegen starke Konkurrenz im Wettbewerb. Da kann man als Bildungsministerin, der viel an Frauenförderung liegt, nur begeistert sein. Das ist der Idealfall. Aber leider kann man immer noch nicht behaupten, es sei der Normalfall.

Denn es gibt viele statistische Belege, dass Frauen in der Wirtschaft noch immer im Nachteil sind. Da ist einerseits das Gender-Pay-Gap, die Tatsache, dass Frauen im Mittel etwa ein Fünftel weniger verdienen. Und noch immer gilt: Weniger als ein Drittel aller Führungspositionen in deutschen Unternehmen werden von Frauen besetzt. Im EU-Vergleich schneidet Deutschland damit schlecht ab und landet nur im unteren Drittel. In den letzten 20 Jahren ist der Anteil in Deutschland nur um 3 Prozentpunkte angestiegen. Im Jahr 2017 betrug der Anteil der Frauen in den Vorständen der 200 größten deutschen Unternehmen gerade einmal 8,1 Prozent. Ja, es hat sich etwas bewegt, aber da ist also noch jede Menge Luft nach oben, trotz mancher geglückter Berufskarriere, ungeachtet mutiger Gründerinnen wie in Lübeck.

Schon gar nicht bilden diese Zahlen das große Reservoir an exzellent ausgebildeten Frauen ab. An den Hochschulen haben Frauen in vielen Fächern längst mit Männern gleichgezogen. Aber irgendwie „verschwinden“ die weiblichen Talente dann doch allzu oft auf dem Weg nach oben. Man kann unter dem Strich festhalten: Die Diskriminierung von Frauen im Beruf hat abgenommen, aufgelöst hat sie sich nicht. So belegt eine aktuelle Studie der Universität Kalabrien: Frauen führen ihre Teams oft zu besseren Leistungen, werden von Männern allerdings weniger anerkannt. Sie nehmen Aufgaben wie die Teamleitung oft besonders ernst. Das wurde an einem Teamwork-Experiment im realen Leben bestätigt. Nennen wir es den „Frauen-Effekt“. Der bleibt jedoch zu oft ungenutzt. Wirtschaftliche Eliten sind nach wie vor männlich geprägt.

Aber es gibt zweifellos „good news“: Nach meiner Überzeugung wird sich das bald ändern. Erstens: „Typisch weibliche“ Eigenschaften wie etwa soziale Kompetenzen und Motivationstalent gewinnen in der modernen Arbeitsumgebung zunehmend an Bedeutung. Und die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt verbessert die Chancen der Frauen.

Der jüngste Fortschrittsbericht zum Fachkräftekonzept der Bundesregierung geht davon aus, dass bis 2030 der deutschen Wirtschaft bis zu 700 000 Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen. Das Beratungsinstitut Prognos kommt sogar zu dem Schluss, dass sich bis 2040 die Zahl der fehlenden Facharbeiterinnen und Facharbeiter, Technikerinnen und Techniker und Fachkräfte im medizinischen Bereich auf über drei Millionen belaufen könnte. Wenn wir nichts unternehmen. Das ist einerseits eine große Herausforderung. Aber es liegt darin durchaus auch eine Chance - gerade für Frauen.

Nüchtern betrachtet: Viele Unternehmen werden schlicht auf qualifizierte Frauen angewiesen sein. Das schafft zunehmend Konkurrenz um qualifizierte Frauen. Man muss ihnen also Perspektiven bieten. Ich bin deshalb überzeugt: Eine „gläserne Decke“ als Standardinventar von Firmen wird zu einer immer größeren Belastung. Aber es wäre blauäugig, sich auf einen Quasi-Automatismus zu verlassen. Wir sollten diesen Prozess steuern.

Das bedeutet für die Bildungspolitik: Die richtigen Akzente setzen. Seit langem ist klar: Wir müssen das Potential von Mädchen und Frauen für naturwissenschaftlich-technische Berufe stärker nutzen.

Initiativen wie der „Girl’s day“, an dem sich Mädchen einer eher „untypischen“ Berufsumgebung nähern können, sind ein guter Schritt. Aber wir sollten systematischer ansetzen und bereits in Kita und Grundschule Interesse für die so genannten MINT-Berufe wecken. Wir müssen die Berufsorientierung klischeefrei gestalten. Da ist auch etwa das Handwerk gefragt. Aber Studien zeigen auch: Mädchen lassen sich eher themenbezogen für Naturwissenschaften und Technik begeistern. So entwickeln sie zum Beispiel über ein Thema wie den Umweltschutz und eventuell dazugehörigen Projekte auch stärker technische und naturwissenschaftliche Interessen. Wir sollten also auch im Unterricht selbst über praxisnähere Aufgabenstellungen nachdenken. Und auch die Digitalisierung bietet Chancen, neue Zugänge zu eröffnen.

Das bedeutet für die Politik insgesamt: Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Die Kinderbetreuung muss weiter ausgebaut werden, quantitativ wie qualitativ. Es geht auch darum, mehr berufliche Flexibilität möglich zu machen. Und berufliche Barrieren für Frauen abzubauen.

Das bedeutet für die Wirtschaft: Mehr Aufstiegsoptionen für Frauen zu schaffen, damit die Perspektive stimmt. Mehr Flexibilität, vor allem bei der Arbeitszeit. Dazu gehören auch Themen wie die Akzeptanz von „home office“ und Job-Sharing in Leitungspositionen. Denn immer noch tragen Frauen den größten Teil der Familienarbeit.

Die Rahmenbedingungen für Frauen im Betrieb müssen stimmen - und dazu gehört nicht zuletzt ein gutes Teamwork. Viele Unternehmen sind übrigens längst in dieser Richtung unterwegs. Das ist übrigens eine klare Win-Win-Situation. Erst im vergangenen Jahr belegte auch eine Feldstudie des Instituts für Weltwirtschaft Kiel, dass Teams, in denen Frauen und Männer gleichermaßen vertreten sind, ausgewogenere Beschlüsse fassen. Es führe zu einer besseren Entscheidungsqualität, „wenn damit die Männerdominanz abgemildert oder sogar ausgeglichen wird“, schreiben die Kieler Forscher. Ich möchte hinzufügen: Meine subjektiven politischen Erfahrungen stützen diese These.

Das bedeutet für die Frauen: Mutiger und risikofreudiger an berufliche Herausforderungen herangehen. Netzwerke aufbauen. Soziale Kompetenz einsetzen. Die Erziehungswissenschaftlerin Hildegard Macha hat für die Unterrepräsentierung von Frauen im Wirtschaftsleben vor allem einen Mechanismus der Entmutigung von begabten Mädchen schon in der Kindheitsphase ausgemacht. Sie fordert eine „Kultur der Ermutigung und Anerkennung“. Das halte ich für einen wichtigen Fingerzeig. Und ich denke, das sollte auch für das spätere Berufsleben gelten.

Wenn diese Elemente zusammenkommen, sehe ich durchaus großen Grund zum Optimismus. Denn letztlich können alle nur gewinnen: Die Frauen, die dem Ziel Gleichberechtigung einen großen Schritt näher kommen. Und die Unternehmen, die von einer gemischt-geschlechtlichen Führungskultur profitieren werden. Wenn sie klug genug sind, den „Frauen-Effekt“ zu nutzen.

„Ich habe immer Dinge getan, für die ich noch nicht ganz bereit war. So wächst man.“ Das ist ein Zitat der Yahoo-Chefin Marissa Mayer. Vielleicht ist das auch ein Hinweis für manchen männlichen Firmenchef. In puncto Frauenförderung. Stellen wir die Weichen richtig.