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Die Wirtschaft Die Kunst, über das Scheitern zu sprechen
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12:10 01.10.2018
Mit der Geschäftsidee gegen die Wand zu laufen, ist das Eine - darüber zu reden, das Andere. Quelle: Paolese/Fotolia

Ein Unternehmen aufziehen, es erfolgreich am Markt halten, die Auftragsbücher immer voll haben und mit Rückhalt von Mitarbeitern und Banken am Leben halten. Der Idealfall. So stellen sich viele Jungunternehmer die Zukunft vor. Doch nicht immer gelingt Firmengründern das Kunststück, ihre Geschäftsidee so umzusetzen, dass dabei ein gesunder Betrieb entsteht. Manche Unternehmen scheitert mit Pauken und Trompeten. Welche Erfahrungen sie in solchen Situationen gemacht haben, darüber berichten Unternehmer auch bei der so genannten „Fuckup Nacht“ der IHK Schleswig-Holstein.

„Ich wollte all denen, die darüber nachdenken, sich selbstständig zu machen, meine Geschichte erzählen. Nicht für mich, sondern für die, denen es ähnlich gegangen ist. Andere können schließlich auch auf die Schnauze fallen.“

Dennis Forte

Unternehmer

Dennis Forte steht im Schuppen 9 an der Lübecker Untertrave vor rund 100 Leuten und erzählt seine ganz persönliche Geschichte des Scheiterns. Was auf den ersten Blick eher nach Therapiestunde klingt, ist in Wirklichkeit ein Erfahrungstausch. Denn Forte ist einer der Speaker bei der 3. Lübecker „FckupN8“. Ausgeschrieben heißt das Format „Fuckup Nacht“. Hinter dem trendigen Anglizismus versteckt sich ganz profan das Scheitern. Doch das ist eigentlich nicht schlimm, man muss nur wieder aufstehen.

Das Publikum, die meisten zwischen 20 und 40 Jahre alt, hört mit Interesse zu. Schadenfreude am Misserfolg anderer ist dabei nicht zu spüren. Sie alle wollen aus erster Hand erfahren, warum der Traum von der Selbstständigkeit auch mal in einem Alptraum enden kann und wie man trotzdem noch mal die Kurve bekommt und alles wieder in richtige Bahnen lenken kann. Aufstehen, Krone richten, weitermachen ist angesagt. Der Charakter der Veranstaltung ist dabei eher entspannt, denn zusätzlich zu den Unternehmern beleuchten auch noch Slam-Poeten die Themen aus ihrem Blickwinkel. Wer hier als Speaker auftritt, sollte aber nicht schüchtern sein, denn das Publikum darf Fragen stellen. Und das tun sie auch. Das es sich bei der Fuckup-Nacht auch hervorragend netzwerken lässt, ist ein zusätzliches Plus.

Robert Semkow, Gründungsberater bei der IHK zu Lübeck, führt als Moderator durch die Fuckup Nacht und hat das Format gemeinsam mit seinen Kollegen der IHK Kiel in den Norden geholt. „Wir haben es nicht erfunden“, erklärt er. Schon seit rund sieben Jahren gibt es Fuckup-Nächte – weltweit. „Eigentlich stammen sie aus Mexiko, wir haben das Thema aufgegriffen und hier im Norden etabliert“, sagt Semkow.

Seit März 2017 finden die Veranstaltungen halbjährlich statt, in allen drei Kammerbezirken der IHK im Norden. Der Gedanke dahinter ist unter anderem, das Thema Existenzgründung zu stärken und die Angst vor dem Gründen zu nehmen, meint Semkow. Speaker für die Abende zu finden ist allerdings nicht einfach. „Das ist die größte Herausforderung", meint Semkow. Er ist seit drei Jahren als Referent für Existenzgründung bei der IHK Lübeck beschäftigt. „Ich spreche auf allen möglichen Veranstaltungen und Gelegenheiten Leute an. Nicht alle sind aber bereit, vor Fremden über ihr Scheitern zu sprechen“, meint Semkow.

Dennis Forte hatte damit kein Problem. Der Lübecker war 24 Jahre alt, als er 2014 gemeinsam mit seinem damals besten Freund eine Werbeagentur in Lübeck eröffnete. Der gelernte Mediengestalter im Non-Printbereich Forte und der Designer ergänzten sich prima, die Firma lief gut an. Bis Forte irgendwann merkte, dass sein Partner falsch spielte, Dennis Forte fiel in ein tiefes Loch. In der Zeit liefen die Kosten immer weiter, Kunden sprangen ab, private Probleme häuften sich. „Das war die größte Hürde in meinem Leben. Ich war am Ende. Ich hab mich zuhause eingesperrt und die Zeit verplempert“, erzählt er dem Publikum der Fuckup-Nacht. Irgendwann berappelte er sich, kaufte seinem Ex-Partner die Firmenanteile ab und machte weiter. „Ich habe unter Null wieder angefangen.“

Seitdem geht es stetig aufwärts für den jungen Unternehmer.

Das Format der Fuckup-Nacht kannte Dennis Forte vorher nicht. Robert Semkow sprach den jungen Lübecker auf einer anderen IHK-Veranstaltung an, ob er bereit wäre, auf der Fuckup-Nacht über seine Erfahrungen zu sprechen. Ohne zu zögern sagte Forte zu. „Ich wollte all denen, die darüber nachdenken, sich selbstständig machen, meine Geschichte erzählen. Nicht für mich, sondern für die, denen es ähnlich gegangen ist. Andere können schließlich auch auf die Schnauze fallen“, sagt Forte. Dass das Publikum ohne Scheu nachfragte, warum er zum Beispiel nicht eher die Reißleine gezogen hat, damit kann Forte gut umgehen. „Es hat mich nicht gewundert, dass so viele Fragen kamen“, sagt er. Doch so ganz spurlos ist die Geschichte an dem jungen Unternehmer nicht vorbeigegangen. Er überlegt nun genauer, wem er vertraut. Seinen Unternehmermut lässt er sich aber nicht nehmen. „Ich glaube an Karma. Und ich verarbeite negative Gedanken, indem ich mit anderen kommuniziere. Und ich will meine Sicht erzählen.“

Auch Axel Meyer, einer der Geschäftsführer der Geesthachter Firma Riftec GmbH, hat sich dem Publikum der Fuckup-Nacht gestellt. Das Unternehmen, Pionier des industriellen Rührreibschweißens und wichtigster Anbieter für das Lohnschweißen in diesem Bereich in Deutschland, war Vorreiter in der Branche. „Es lief alles toll, bis wir 2012 drei große Automobilaufträge bekamen, die gleichzeitig bearbeitet werden sollten“, sagt der studierte Schiffsbauingenieur. Dafür investierte das Unternehmen in neue Maschinen und neue Mitarbeiter. Als die Aufträge plötzlich platzten und sie weder die Gehälter der Mitarbeiter noch Rechnungen bezahlen konnten, hatten Meyer und seine Mitstreiter schlaflose Nächte. Erst mit Hilfe eines Insolvenzanwalts, der sie durch die Krise steuerte, bekamen sie den Karren wieder aus dem Dreck.

Über diese Zeit erzählt Meyer dem Fuckup-Nacht-Publikum ganz freimütig. „Die Zeit bis zu dieser Entscheidung war am schlimmsten. Es war, als würde eine Wand auf einen zurasen.“ Nach Insolvenzeröffnung wurde geprüft, wie es weitergeht, welche Einschnitte bevorstehen und welche Umbrüche dem jungen Unternehmen bevorstehen. Besonders schmerzhaft für das Team: Einige der langjährigen Mitarbeiter mussten die Firma entlassen. „Es war eine extrem schwere Zeit für uns alle“, sagt Meyer. In dieser Zeit kam auch der Punkt, wo er komplett mit dem Unternehmen abschloss, erzählt Meyer.

Rückblickend ein befreiendes Gefühl für den Unternehmer.

Halt gab ihm in der schweren Zeit seine Familie, die immer hinter ihm stand. „Es gab nie irgendwelche Vorwürfe. Es war immer klar, man geht als Unternehmer auch ein Risiko ein“, sagt Meyer. Denn auch sein eigenes Kapitel, das er in die Firma gesteckt hatte, war weg. Meyer reiste in der Zeit viel herum, sprach mit Kunden und Wettbewerbern und suchte einen Käufer für das Unternehmen. Den fand er drei Monate nach Insolvenz in der österreichischen Hammerer Aluminium Industries Holding GmbH. Heute steht das Unternehmen, mit Axel Meyer und Alexander Freiherr von Strombeck als Geschäftsführer, wieder gut da.

Geholfen hat ihm in der Zeit auch seine Stehauf-Mentalität und dass er nicht den Kopf in den Sand gesteckt hat. Diese Erfahrungen gibt er auch auf der Fuckup-Nacht weiter. Die Möglichkeit, über das Scheitern zu sprechen, findet er gut. „Ich freue mich, wenn ich mit meinen Erfahrungen dazu beitragen kann, dass jemand anderes dies erspart bleibt.“ Denn, da sind sich alle einig: Scheitern ist nicht schlimm, man muss nur wieder aufstehen.

Majka Gehrke