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Die Wirtschaft Die Stärken der Region herausarbeiten
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14:14 28.09.2018
Chancengründer, digitale und innovative Gründer legen „gegen den Trend“ zu, betont Robert Semkow von der IHK zu Lübeck. Quelle: Andre Leisner

Vermeintlich schlimme Botschaften aus den jährlichen Statistiken zum bundesweiten Gründungstrend: Die Gründerzahlen sinken stetig, wir lesen vom „Beschäftigungsrekord mit Nebeneffekt“. Gemeint ist die signifikante Korrelation zwischen Arbeitsmarkt und Existenzgründungen – wenige Arbeitslose bedeuten wenige Gründer.

Ist dies eine schlechte Nachricht? Nicht unbedingt, solange wir die Gründungskultur nicht nur nach der Quantität der Gründungen beurteilen. Die Zahl der Gründungen zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit sinkt. Die Zahl der Gründer aber, die trotz Alternativen aus unternehmerischer Berufung, zur Selbstverwirklichung, also aus intrinsischer Motivation heraus in die Selbstständigkeit durchstarten, bleibt annähernd gleich – so die großen jährlichen Erhebungen zum Thema in der Bundesrepublik. Ganz so schlimm, wie es die insgesamt sinkenden Gründungszahlen suggerieren, ist es um die Gründungskultur demnach nicht bestellt. Es wird einfach nur weniger „aus der Not heraus“ gegründet.

Mir als Gründungsberater in Lübeck bestätigt sich dieses Bild im Alltag. Täglich flattern Mails von Interessierten in den Postkorb, Gründer melden sich per Telefon oder kommen vorbei. Auch in den monatlichen Seminaren für Einsteiger ist die Teilnehmerzahl in den vergangenen Jahren gestiegen. In Lübeck begrüßen wir regelmäßig rund 50 Personen. Die Nachfrage ist da, nach wie vor sehen viele Menschen die Unternehmertätigkeit als interessante und chancenreiche Option.

Was können Gründer tun, um erfolgreich zu sein? Erstens: rausgehen, netzwerken, Freunde finden. Auch wer von zuhause aus arbeitet und nicht direkt im Kundenkontakt steht – ohne Partner und Multiplikatoren kommen meist auch keine Kunden. Zweitens: Teamgründer schaffen es häufiger als Einzelkämpfer. Gerade komplexere Geschäftsmodelle und Dienstleistungen sollten Gründer arbeitsteilig betreuen. Weniger inspirierend, aber unvermeidlich als Tipp vom Gründungsberater: Bitte nicht die unlustigen oder unspektakulären Seiten des Unternehmertums ausblenden! Schnell ist die verkehrte Rechtsform gewählt oder die Steuer ignoriert – das sind leider häufige Gründe für das Scheitern.

In der Zielgruppendefinition fühlen sich viele wohler. Wichtig hier: Maximal präzise definieren, für wen mein Angebot gemacht ist. Kennen wir den Kunden, dann wissen wir auch, wo und wie wir ihn am besten erreichen und ihm klarmachen, dass er sich nach unserem Angebot sehnt.

Chancengründer, digitale und innovative Gründer legen „gegen den Trend“ zu, heißt es in den Erhebungen. Genau diese Gründer sollten wir als Trendsetter betrachten, da sie eine volkswirtschaftlich herausragende Bedeutung besitzen. Diese aufregenden Erscheinungen im Gründungsbereich sind die Start-ups. Es gibt keine allgemein anerkannte Definition für den Begriff, typische Attribute der Start-ups sind: wachstumsorientiert, innovativ, digital.

Klassische Geschäftsmodelle zum Beispiel in der Gastronomie, im Einzelhandel oder in der Personenbeförderung gehören nicht in diese Kategorie. Start-ups sind frischer, zukunftsorientiert, risikofreudiger und chancenreicher. Die genannten Merkmale wecken in vielen automatisch Gedanken an Metropolen wie München, Hamburg oder allen voran die hippe Gründungshauptstadt Berlin. Dort ist die erforderliche Infrastruktur vorhanden, Businessnetzwerke sind omnipräsent und vielfältig, potenzielle Geschäftspartner und Investoren lauern an jeder Ecke. Doch auch im Echten Norden gibt es innovative Gründungen. Lübeck ist dabei einer der Hotspots. Schlaglichter wurden in diesem Sommer bei den großen Preisverleihungen geworfen. Sowohl beim LN- als auch beim Sparkassen-Gründerpreis lagen innovative Start-ups ganz vorn.

Aber weder Lübeck noch Schleswig-Holstein sollten sich als Wettbewerber Hamburgs, Berlins oder des Silicon Valley betrachten. Sinnvoller ist es, die Stärken einer Region herauszuarbeiten, die Exzellenz in den zugehörigen Branchen zu fördern und zu Start-up-Ansiedlungen und –gründungen in genau diesen Clustern anzuregen. Beim BioMedTec-Wissenschaftscampus ist der Name Programm, auch im Hinblick auf die Ausgründungen. Herausragendes Beispiel hierfür ist der Sieger des diesjährigen LN-Existenzgründerpreises, das Ernährungs-Start-up Perfood mit seinem Programm Millionfriends.

Außer den LifeSciences sind die Themen Food, Maritime Wirtschaft, Tourismus, Logistik Markenzeichen des HanseBelt. Nicht nur die bestehenden Cluster und Netzwerke, auch das Großprojekt am Fehmarnbelt bieten ein großes Potenzial für viele Branchen. Die transnationale Kooperation mit schwedischen und dänischen Unternehmen ist bereits stark ausgeprägt und wird mit der Beltquerung weiter anwachsen.

Fachkräfte zieht es in unsere „Happy Region“ aufgrund der hohen Lebensqualität. Diese Stärken und Potenziale machen unsere Region aus, und sie bieten einzigartige Möglichkeiten für Start-ups.

Es passiert auch etwas in Lübeck, um diese zu unterstützen: Der GründerCube als Hotspot für Gründungsvorhaben an der Fachhochschule und der Universität hat sich in den vergangenen Jahren einen starken Ruf als Anlaufpunkt für die gründungsinteressierten Studenten und Wissenschaftler erarbeitet. Bereits zum zweiten Mal war Lübeck 2018 im Fokus der internationalen Start-up-Welt – die deutschlandweit einzigartige Verhandlungstagung „Negotiation Excellence“ brachte Koryphäen der Start-up-Szene auf die Bühne der Media Docks.

Mit dem TZL verfügt Lübeck über eines der größten deutschen Technik- und Gründerzentren, inklusive FabLab. Eine stetig wachsende Zahl von Coworking Spaces bietet den Jungunternehmen nicht nur ein Zuhause, sondern auch Kooperations- und Netzwerkangebote. Ende September bringt das Land die zweite Auflage des Start-up Summercamps nach Lübeck – große Player wie Dräger und PWC sind als zugkräftige und potente Partner mit im Boot. Und Formate wie die fckup N8, 12min.me oder die IT for Business Kongressmesse belegen, dass die Lübecker Jungunternehmer- und Start-up-Szene sich nicht verstecken muss.

Wir im HanseBelt müssen uns nichts abgucken, sondern unser individuelles Profil zeigen. Lübeck wird in den kommenden Jahrzehnten sicherlich nicht zum neuen Berlin. Aber wir haben eine charmante Region, starke Cluster und viele Chancen im Angebot – besonders für die Unternehmen von morgen. •

Robert Semkow