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Die Wirtschaft Die Wiederentdeckung der Langsamkeit
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15:57 30.06.2015
Foto: Fotolia, Montage Anne Fidelak

Ein Kaffee, den PC hochfahren – und dann geht es los. Das sich immer schneller drehende Karussell namens Arbeitsalltag setzt sich in Gang. Ein Blick auf die To-do-Liste, die mal wieder nicht auf eine DIN-A4 Seite passt, doch bevor man sich an den Punkt Priorität Eins setzen kann, klingelt auch schon das Telefon: „Können Sie nicht mal eben schnell…?“ Also erst einmal schnell dem Kollegen einen Gefallen tun. Doch bevor man die Präsentation, an der man gerade saß, überhaupt öffnen konnte, klopft es an der Tür und der nächste will mal eben nur schnell eine kleine, wirklich klitzekleine Frage stellen. Ach ja und war da nicht noch etwas? Die E-Mails müssen auch noch gelesen werden. Und wenn man schon mal dabei ist, kann man doch auch noch mal schnell einen Blick auf die Timeline bei Facebook werfen, oder? Nebenher den Telefonhörer unters Ohr klemmen, denn da wartete ja noch jemand auf einen Rückruf.

Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Wir wollen immer mehr und am besten alles gleichzeitig und natürlich stets „asap“ – „as soon as possible“–, oder wie pfiffige Chefs sagen: „Am besten vorgestern.“ Wir müssen immer effizienter sein: im Beruf, im Privatleben. Darauf begründet unsere Leistungsgesellschaft. „Alles dreht sich schneller und schneller – in allen Lebensbereichen“, fasst es Janka Hegemeister, Coach für Selbst- und Zeitmanagement, zusammen. Der Mensch bleibe auf der Strecke, der komme bei dem immer rasanter werdenden Tempo irgendwann nicht mehr mit. Wir sind halt keine Maschinen.

Viele sind schon nicht mehr mitgekommen. 57 Prozent der Deutschen sagen laut einer Studie der Techniker Krankenkasse, sie seien häufig oder manchmal im Stress. 70 Prozent der Erwerbstätigen geben an, unter Stress zu stehen. Mehr als ein Drittel der Berufstätigen gibt in dieser „Studie zur Stresslage der Nation“ an, selbst am Feierabend und am Wochenende nicht abschalten zu können – einem Viertel der Berufstätigen gelingt es noch nicht einmal im Urlaub! Jeder Dritte gibt an, sich völlig ausgebrannt zu fühlen. Das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können, alles nicht mehr zu schaffen, egal, wie gut man sich organisiert, sei bereits ein Warnzeichen, so Janka Hegemeister. Man klammert sich an To-do-Listen wie ein Ertrinkender, formuliert sie täglich um und irgendwie kommen doch immer mehr Punkte dazu als wir weggearbeitet bekommen. Der Druck steigt, die Erwartungshaltung auch, von uns und von unseren Chefs oder Kollegen. Wir versuchen uns im Multitasking und scheitern kläglich.

Doch es gibt einen Trend, der sich dem Hamsterrad „höher, schneller, weiter“ entgegenstemmt. Galten Überstunden bis zum Umkippen und ständige Erreichbarkeit bis vor Kurzem quasi als Statussymbol, gehen ausgebrannte Manager nun ins Kloster oder quetschen sich auf den eh schon überfüllten Jakobsweg. Entschleunigung ist zu einem neuen Modewort geworden – doch was bedeutet das eigentlich? Eine Woche handylos in einer Almhütte mag kurzfristig die Akkus aufladen, aber um sein Leben langfristig zu entschleunigen, Tempo rauszunehmen, bedarf es mehr. Was nützt uns die internetfreie Urlaubswoche, wenn wir am ersten Arbeitstag vor einer Liste von 478 E-Mails stehen und auf dem Anrufbeantworter kein Platz mehr ist? Wenn es nach einer Woche Entspannen einfach wieder von vorne losgeht?

Janka Hegemeister rät dazu, mit dem ständigen Erreichbarsein einfach mal Schluss zu machen. Ein Wochenende ohne Handy, um zu sehen, dass die Welt auch noch steht, wenn man das Handy am Montagmorgen wieder anschaltet. Gerade als Selbstständiger fällt das schwer, weiß sie aus eigener Erfahrung. Ein weiterer Tipp von ihr: Sich immer wieder die Frage stellen „Ist das jetzt wichtig oder dringend?“

Entschleunigung beginne im Kopf, mahnt sie. Um wirklich langfristig Tempo aus dem Leben zu nehmen, sollte man regelmäßig die eigenen Ziele überprüfen: Was will ich erreichen? Dabei sei es wichtig, sich realisierbare Ziele zu setzen: 100 neue Kunden in einer Woche akquirieren? Sind drei nicht erst einmal realistischer? Hat man so ein kleines Etappenziel erreicht, motiviert das und spornt weiter an.

Auch das Multitasking ist so ein Mythos, den man schnell mal vergessen sollte. Konzentriert Punkt für Punkt abarbeiten ist effektiver, fehlerarmer und besser für die Nerven als ein ständiges Hin- und Herswitchen zwischen den Aufgaben. Mehrere Studien – unter anderem an der Stanford und Harvard Universität – haben ergeben, dass das menschliche Gehirn nicht dazu in der Lage ist, mehrere komplexe Tätigkeiten gleichzeitig zu meistern. Viel mehr wechselt das Gehirn nur schnell zwischen mehreren Tätigkeiten hin und her – mit der Folge, dass wir nur die Hälfte mitbekommen.

Nicht zu unterschätzen sind außerdem Pausen: Schneller zum Ziel kommen, weil man nebenher am Computer das Brötchen herunterschlingt und den Blick aus dem Fenster auf das Minimum reduziert? Keine gute Idee. Auch wenn es im Büro immer wieder gerne kommentiert wird, wenn jemand eine Pause macht. Forscher der Uni Edinburgh haben herausgefunden, dass regelmäßige Pausen die Denkleistung erhöhen und Fehler minimieren. Viele kleine Pausen seien dabei wichtiger und effektiver als eine große Pause. Fünf Minuten Pause je Stunde Arbeit ist dabei so eine Faustregel, um die Akkus gar nicht erst entladen zu lassen. Die Pause dann dafür zu nutzen, auf dem Smartphone die News in den sozialen Netzwerken zu überprüfen ist übrigens keine gute Idee. Besser ist, so sagen übereinstimmend Ärzte und Arbeitspsychologen: Aufstehen, sich recken und strecken, den Blick aus dem Fenster ins Grüne richten, am besten sogar einen Spaziergang an der frischen Luft machen. Falls das nicht geht: Fenster öffnen, tiefe Atemzüge nehmen.

Aber was bringt es, als Einzelner vom Gaspedal zu gehen, wenn die Gesellschaft unverändert im hohen Tempo weiterdrängt? Wir sind keine Einsiedler, sondern soziale Wesen, haben unseren Platz in der Gesellschaft. Und die setzt nun mal auf Leistung, auf Gewinnmaximierung, auf stetige Produktivitätssteigerung. Längst ist Entschleunigung ein politisches und wirtschaftliches Thema geworden, sagt der Professor für politische Theorie Fritz Reheis. Der Autor (unter anderem „Entschleunigung – Abschied vom Turbokapitalismus“ und „Die Kreativität der Langsamkeit – neuer Wohlstand durch Entschleunigung“) beschäftigt sich seit den 90er Jahren mit dem Thema. „Die Logik ,Zeit ist Geld’ muss gebrochen werden“, sagt er und plädiert dafür „den Dingen ihre Eigenzeit zurückzugeben“. Die jetzige Wirtschaftsform tue uns nicht gut, sagt er mit Blick auf die Stress- und Burnout-Statistiken. Es könne eben nicht immer höher, schneller, weiter gehen, noch mehr Umsätze, noch mehr Rendite, noch ein neues Telefon oder Auto und den noch schnelleren Computer. Politik und Wirtschaft seien gefragt: „Wir müssen Modelle entwickeln, wie sich die Postwachstumsgesellschaft gestalten soll.“

Wir müssen mit dem Fuß vom Gaspedal. Und zwar alle. Beruflich und privat. Reheis‘ Meinung nach führt kein Weg daran vorbei: Wir müssen weg von dem derzeitigen Tempo, dem „Turbokapitalismus“, wie er es nennt. Höher, schneller, weiter führt nicht zum Ziel. Die Menschheit muss umdenken. Jeder Einzelne. Und die gesamten Gesellschaften: „Es ist unsere einzige Chance.“

LN

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