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Die Wirtschaft Eine absurde Kombination?
Anzeigen und Märkte Die Wirtschaft Eine absurde Kombination?
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18:12 22.06.2017
Fahren ohne die Hand am Steuer zu haben: Die Automobilität wird rasant digitalisiert. Bis hin zur umfassenden Autonomie des Fahrzeugs. Quelle: Fotos: Fotolia, Rio Patuca Images
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Autos und die Freude am Fahren: Diese feste Symbiose und emotionaler Höhepunkt des Alltags vieler Menschen, bis heute von Herstellern als Ausdruck einer Markenpersönlichkeit beworben und vom Kunden als solcher gelebt, scheint in Gefahr. Vorbei die Freude daran, in der Morgensonne über kurvige Landstraßen ins Büro zu brausen, am Wochenendnachmittag einen Ausflug mit dem Cabrio ins Grüne zu unternehmen, tagtäglich die Entscheidung treffen zu dürfen, ob man es heute auf der Straße eher ruppig oder doch rücksichtsvoll angehen lässt – alles Symptome eines selbstbestimmten, selbst gefahrenen Autofahrerlebens. Zugunsten des Fortschritts und der Sicherheit wird diese Selbstbestimmung nun zum Relikt vergangener Tage. Was bleiben wird, ist eine verblasste Erinnerung. Wie an so vieles Gefährliches, Zeitkostendes, Spaßmachendes.

So zumindest festigt sich der Eindruck, besucht man heute Auto- Shows und Messen, auf denen früher Chrom angebetet und mittlerweile digitale Errungenschaften unter anderem im Dienste der Sicherheit gefeiert werden – von neuen überflüssigen Gimmicks bis hin zum technischen Overkill.

Während sich potenzielle Autokäufer früher die Frage über eine mögliche Sinnhaftigkeit oder Bezahlbarkeit eines größeren Motors in der neuen Karosse stellten, grübelt man heute über die Größe der vielen Displays im Cockpit nach, ob die Massagefunktion im Beifahrersitz ihren Preis wert sein könnte. Oder ob man dieses oder jenes Extra aus eine schier endlosen Masse an Assistenzsystemen früher oder später brauchen könnte. Zumal die Strategieneuausrichtung mancher Hersteller, gepaart mit Downsizing und beinhart umgesetztem Baukastenprinzip ohnehin nur noch einen kleinen Vierzylindermotor vorsieht – mit Glück etwas unterstützt durch einen oder mehrere emotionsarme und emissionsfreie Elektromotoren. Also muss die Frage heute zwangsläufig lauten: Gönne ich meinem Beifahrer nun diese Massagefunktion?

Doch von diesen – entweder obsoleten oder aber wenigstens zweitrangigen Luxus-Fragen einmal abgesehen – das Autofahrerleben verändert sich. Nicht heute und nicht morgen. Aber es werden Neuerungen auf den Markt kommen, zuerst belächelt oder gar verteufelt, später dann akzeptiert – und noch später nicht mehr wegzudenken. So war es schon bei der Erfindung des Internets oder des Smartphones.

Autonomes und damit völlig stressfreies Fahren auf der Autobahn zum Beispiel. Das Ziel bei diesem Konzept ist klar: Es gilt, den selbsthandelnden Fahrer als Fehlerquelle Nummer eins auszuschalten. So zumindest häufig dargestellt, führt der Weg dorthin allerdings über schier unlösbare Dilemmata und damit verbunden hin zu extrem komplexen Algorithmen für die Steuersysteme, als Antwort auf die Frage, wie das Auto sich in Stress-, beziehungsweise unmittelbaren Unfallsituationen verhalten soll. Wer soll überleben – Fahrer, oder vielmehr Insasse des Roboter- Autos, oder gar der Verkehrsteilnehmer an der Ampel, der droht, gleich überfahren zu werden? So oder so, das Ergebnis derzeitiger Entwicklungen dürfte ein Autofahrer sein, der sich mit dieser Frage nicht befasst, stattdessen während der Fahrt Zeitung liest, ohne den Blick zu heben.

Dabei bleibt die moralische Frage bis heute unbeantwortet. Patrick Lin, Philosophieprofessor aus San Luis Obispo, Kalifornien, und maßgeblich beteiligt an der Konzeptionierung und Entwicklung des autonomen Fahrens, sieht den Umgang mit ethischen Folgen aus der Koexistenz zwischen Mensch und Maschine skeptisch: „Einerseits könnte der Computer in solchen Gefahrenlagen Unfälle vermeiden. Andererseits bedroht das Roboter-Auto aber die menschliche Würde: Wenn wir die Entscheidung über Leben oder Tod dem Computer überlassen, schließen wir uns selbst von jeglichem weiteren Nachdenken darüber in Zukunft aus.“ Ein Glück für deutsche Autobauer, die sich mit dieser undankbaren Frage nicht rumschlagen müssen. Denn die Leben-Tod- Frage eine Maschine beantworten zu lassen, widerspricht in jeder Hinsicht dem deutschen Grundgesetz und fällt damit aus der Kompetenz eines deutschen Unternehmens.

Das sagt zumindest der Zuständige für ethische Fragen bei den Bayerischen Motorenwerken, Dirk Wisselmann. Man arbeite zwar viel an solchen Szenarien, wie Philosoph Lin sie entwirft, so Wisselmann – er versichert aber, dass eine Antwort auf solche Fragen grundsätzlich immer nur lauten könne: „Sachschaden vor Personenschaden. Das Auto erkennt, dass vor ihm ein Objekt ist, wird daraufhin sofort bremsen und versuchen, noch nach links oder rechts auszuweichen.“ Folgen in der Kausalitätskette unbekannt. So oder so: Der Autofahrer hat mit dem Verhalten seines Autos dann nichts mehr zu tun, und wird weiter seine Zeitung lesen. Zukunftsmusik.

Zeitlich deutlich näher ist da schon das Cloud-Car, quasi als Interpretation des Schwarmverhaltens – und Novum auf dem Automarkt. Der Begriff Schwarmverhalten bezeichnet das Verhalten von Fischen, Vögeln, Insekten oder anderen Tieren, sich zu Aggregationen zusammenzuschließen, so die Definition. Um sich vor Fressfeinden zu schützen. Oder vor unnötigem Spritverbrauch, etwa durch rote Ampeln, wie im Falle einer Autofahrer-Aggregation, die sich im Kollektiv in dieselbe Richtung bewegt, und demnächst vor einer roten Ampel stoppen muss. Ein Vorteil wäre es, wenn alle Teile dieser Aggregation frühzeitig Bescheid wüssten, dass sich schon hinter der nächsten Kurve jene rote Ampel befindet. Führe man nämlich in der Mitte dieses Schwarms – man wüsste sofort, dass sich ein Gasgeben nicht mehr lohnt, dass man, wäre man am Ende dieser Ansammlung, jetzt nur noch gemächlich ausrollen könnte. Eine sicherlich sinnvolle Episode der Entwicklung. Und von Utopie weit entfernt.

Denn von 2018 an bekommen alle Neuwagen in Europa eine fest eingebaute Sim-Karte für den elektronischen Notruf eCall. Spätestens dann ist diese Gruppenbildung keine Zukunftsmusik mehr. Das „Crowd-Sourcing“, also das kollektive Datensammeln, beginnt. Sensoren, von denen bereits heute in einem Golf weit mehr als 100 Stück verbaut sind, könnten Daten sammeln, die Nachzügler vor einer glatten Fahrbahn warnen, Wetterdaten weitergeben, Gefahrenstellen melden, Staus, vor Straßensperrungen warnen.

Für ältere Modelle wird es Möglichkeiten geben, sich in das moderne Autokollektiv einzuklinken, über das allgegenwärtige Smartphone. Denn zu wertvoll ist das Geschäftsfeld der Datensammelei, als es nur neuesten Modellen zur Verfügung zu stellen und älteren gar vorzuenthalten. Und steht die Infrastruktur einmal, ist das Verlinken nur noch das kleinste Problem. Neben einem viel größeren, unberechenbaren: dem Kunden. Denn bei all den Neuerungen und Innovationen, ob jetzt sicherheitsrelevant oder überflüssiger Schnickschnack, es scheint ausgerechnet der Kunde zu sein, der den Vortrieb der Innovation stoppen könnte.

So ergab eine Studie des US-Marktforschungsunternehmens J.D. Power Reports, bei der 4200 Autobesitzer drei Monate nach dem Autokauf über die digitalen Gimmicks ihrer Autos befragt wurde, dass viele Autofahrer die Tools ihrer Autos gar nicht nutzen, sie stattdessen einfach überflüssig finden. Andere Studien haben ergeben, dass viele Autofahrer schon allein mit der Tätigkeit des Fahrens überfordert sind, und Hilfsysteme wie Comand Online, Head-up-Display, Multifunktions-Telefonie, TV-Tuner, Remote Park-Pilot, Wlan-Router, Attention Assist, 360-Grad-Kamera, Pre-Safe-System, Drive Pilot, Distronic oder Multibeam LED etwa aus der neuen E-Klasse, aufgrund von genereller Überforderung überhaupt nicht verwenden – geschweige denn, dass einige überhaupt von ihrer Existenz wüssten. Die Studie von J.D. Power Reports kam auch zu dem Ergebnis, dass gut 20 Prozent der Neubesitzer einen Großteil ihrer Features nicht einmal ausprobiert hatten. Sogar die automatische Einparkhilfe, also ein System, das aktiv in das Fahrverhalten eingreift, der kleine Bruder vom autonomen Fahren quasi, halten 35 Prozent für eine überflüssige Spielerei.

Aber was bedeuten diese Erkenntnisse für die Zukunft der Automobilität: Alles raus, und ablenkungsfrei selber fahren, oder alles rein, Zeitung lesen und vom Roboterauto gefahren werden?

Sicher sind die Weichen für die Entwicklung lange gestellt.   •

Fabian Joeres

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