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12:45 01.10.2018
Unternehmerin Wei Qian.

Vernetzen, das ist Wei Qians Mission. Sie ist freundlich, aber unnachgiebig, wenn es darum geht, Menschen aus Deutschland und China zusammenzubringen. Ihre Plattform ist unter anderem der von ihr mitbegründete BSIC, was für „Baltic Sea International Campus“ steht. Für Wei Qian ist der BSIC viel mehr als „eine internationale akademische Weiterbildungsstätte“. Es sei ein Ökosystem, das gehegt und gepflegt werden müsse.

„Entscheidend ist, ein klares Ziel zu haben – und sich davon auch nicht abbringen zu lassen.“ Wei Qian, Unternehmerin

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Dank Wei Qians intensiver Hege und Pflege hat der BSI-Campus in den zwölf Jahren seiner Existenz ein funktionierendes Netzwerk an wirtschaftlichen und kulturellen Kontakten zwischen Deutschland und China aufgebaut.

„Wir wollen lebenslanges, interkulturelles Lernen mit weltweitem Handel und sozialem Engagement verknüpfen“, erklärt Wei Qian. „Doch zu allererst kommen junge Menschen zu uns, um die deutsche Sprache zu lernen und so die Befähigung für ein Studium an einer deutschen Hochschule zu erhalten.“

Wei Qian, Jahrgang 1958, ist in Shanghai aufgewachsen. Heute lebt die zierliche Frau mit dem offenen Lächeln in Altenholz bei Kiel. Seit sie mit 32 Jahren 1991 nach Deutschland gekommen ist, um ihr erstes Unternehmen zu gründen, hat sie unzählige gut vernetzte Menschen kennengelernt. Und sie liest viel: Zeitung, Zeitschriften, Newsletter. Wirtschaft, Zeitgeschehen, Kultur, dafür hat sie sich schon immer interessiert. Überhaupt hat das Thema Kultur für Wei Qian eine ganz besondere Bedeutung.

Spricht man die Unternehmerin auf den von ihr mitbegründeten BSI-Campus an, findet sie, das Wort gebe nur zum Teil wieder, wofür die Einrichtung in der ehemaligen königlich-preußischen Baugewerkschule von Eckernförde stehe. Klar, sagt sie, Bildung halte die Welt zusammen – doch der Campus tue weit mehr, als nur junge Menschen auszubilden, damit sie studieren können.

Wirtschaftlicher Trendsetter und Vordenker sei der Campus, technologischer Ideengeber und unternehmerischer Vermittler zwischen den Kulturen. „Zusammen mit Hochschulen in Shanghai forschen wir etwa im Bereich nachhaltiger Energieversorgung“, sagt sie fast nebenbei. „Außerdem vermarkten wir die Technologien und Forschungsergebnisse.“ Insgesamt haben Wei Qian und ihr Geschäftspartner Prof.

Dr. Peter Jochimsen, seinerseits Präsident des BSIC, ein Dutzend Unternehmen gegründet.

Über 120 000 Chinesen leben aktuell in Deutschland. Die meisten davon studieren. Die zweitgrößte Gruppe besteht aus Unternehmern wie Wei Qian. Sie vernetzen sich – für mehr geschäftlichen Erfolg, aber auch für eine bessere Integration. „Es geht darum, gemeinsam zu wachsen, zu lernen, den eigenen Horizont zu erweitern, sich zu inspirieren und miteinander auszutauschen“, sagt sie.

Neudeutsch könnte man sie als erfahrene Gründerin mit Migrationshintergrund bezeichnen. Doch das würde zu kurz greifen, denn die Mutter eines erwachsenen Sohnes taugt durchaus zum Rollenmodell für moderne Karrierefrauen. Allerdings: Private Repräsentation und unternehmerische Unnahbarkeit ist Wei Qians Sache nicht. Dazu ist sie zu weltoffen und zu souverän.

Dennoch stellt sich die Frage, warum einige Frauen so erfolgreich sind. Gibt es ein Geheimrezept, dass Frauen wie sie zu Vorreiterinnen und erfolgreichen Unternehmerinnen macht? „Nein“, sagt Wei Qian, die auch Präsidentin der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft ist. „Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg und wird mit jeder Entscheidung anders geprägt.“ Als sie 15 Jahre alt ist, wird sie dank ihrer linguistischen Begabung für ein Fremdsprachenprogramm empfohlen, in dem Jugendliche für die Auslandsvertretungen Chinas als Diplomaten ausgebildet werden. Auf welches Land es herauslaufen würde, erfährt sie zu diesem Zeitpunkt nicht. Doch als ihr Germanistik zugeteilt wurde, ist sie glücklich: „Meine Tante hat während der 1950er Jahre Deutsch studiert, das hat mich wohl nachhaltig beeindruckt“, erzählt sie lachend.

Nach dem Studium der Germanistik an der Universität für Fremdsprachen Shanghai arbeitet Wei Qian ab 1978 als Deutschlehrerin an der Technischen Universität und an der Tongji Universität Shanghai. 1980 reist sie mit einer Gruppe chinesischer Ingenieure ins Ruhrgebiet. 1984 wird sie von der chinesischen Regierung für ein Aufbaustudium in Deutschland ausgewählt, als Teil eines deutschen Regierungsprojektes zum Aufbau eines Trainingszentrums für Topmanager in Shanghai.

1991 ist es schließlich soweit: Dank des Aufbaus des ersten Volkswagen-Fabrik in Shanghai gibt es plötzlich eine große Nachfrage in der Automobilzulieferindustrie. Wei Qian ergreift die Gelegenheit, zieht als selbstständige Beraterin nach Norddeutschland, heiratet und gründet mit Partnern ihr erstes Unternehmen. Nebenbei bildet sie sich weiter und zieht ein Kind groß.

Jetzt, 26 Jahre später, wolle sie als erfolgreiche Unternehmerin chinesischen Jugendlichen, aber auch anderen Landsleuten den Start in Deutschland erleichtern. Deswegen engagiert sie sich in zahlreichen deutsch-chinesischen Interessenvertretungen. So ist Wei Qian Präsidentin der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft e.V. in Kiel, Vize-Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Deutscher China-Gesellschaften (ADCG) e.V., Vize-Präsidentin der Vereinigung der Chinesischen Kaufmannschaft e.V.

„Wenn man hier neu ist, tappt man im Dunkeln. Wo und wie lerne ich die Sprache? Welche Behörden sind für mich wichtig? Mit meinem Engagement helfe ich bei diesen elementaren Dingen“, sagt Wei Qian.

Austausch, Information und Präsenz, sowie ein gutes Network zur Vertrauensbasis sind die Grundlagen ihrer Arbeit. „Gute Kontakte können die halbe Miete für den geschäftlichen Erfolg ausmachen. Das gilt nicht nur für China.“ Deshalb ist sie auch im Verband deutscher Unternehmerinnen e.V. (VDU) sowie im Bundesverband für mittelständische Wirtschaft e.V. (BVMW) aktiv. Wei Qian lebt es vor: Wer als Gründerin und Unternehmerin erfolgreich sein will, braucht Netzwerke.

„Das Wichtigste als Gründer – egal ob mit Migrationshintergrund oder ohne – ist wirklich zu gründen“, rät Wei Qian. „Vor allem mehr Frauen sollten an sich glauben.“ Es gehe darum, ein klares Ziel zu haben und sich nicht von der Verfolgung dieses Zieles abbringen zu lassen, nie aufzugeben. Entsprechend rät sie Gründerinnen, sich Netzwerken anzuschließen, denn „das ist eine gute Gelegenheit, seine Geschäftsidee in die Öffentlichkeit zu tragen.“ Oft sei man als Gründer so von der eigenen Idee begeistert, dass es nicht immer leichtfalle, sein Geschäftsmodell kritisch zu hinterfragen. Ein objektiver Blick von außen könne da manchmal äußerst hilfreich sein. Wichtig sei es außerdem, diszipliniert und strukturiert zu arbeiten und die wirklich wichtigen Aufgaben im Blick zu behalten, so Wei Qian, und sie ergänzt: „Und man sollte sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinandersetzen, denn diese trägt einen großen Teil zum Erfolg des Unternehmens bei.“

Tipps für Gründer mit Migrationshintergrund

Deutsch lernen

Deutsche Sprachkenntnisse sind das wichtigste Betriebsmittel, über das ein Unternehmer hierzulande verfügen muss. Ohne die entsprechenden Sprachkenntnisse lässt sich das Gründungsvorhaben nur schwer umsetzen, denn diese setzt, unter anderem, eine Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden voraus, deren Amtssprache Deutsch ist.

Beratungsangebote nutzen

Viele Gründungsinteressierte informieren sich ausschließlich bei Freunden und Bekannten über das Thema Existenzgründung. Die Folge ist: Sie erhalten nur unzureichende Informationen. Besser ist, die umfangreich angebotenen Hilfemöglichkeiten nutzen, um sich Verbesserungsvorschläge und Unterstützungsvorschläge nicht entgehen zu lassen. Für einen ersten guten Überblick bietet das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie mehrsprachige Informationen für Gründer mit Migrationshintergrund.

Berechtigung prüfen

Grundsätzlich bedarf ein Gewerbe in Deutschland einer Anmeldung bei der örtlichen Gewerbeanmeldestelle. In einigen Ausnahmefällen wird keine Gewerbeanmeldung benötigt, jedoch gibt es Gewerbezweige, für die eine weitere behördliche Genehmigung notwendig ist. Innerhalb allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sowie den EWR-Staaten und der Schweiz gelten Freizügigkeit und Gewerbefreiheit. Für Bürgerinnen und Bürger aus Nicht-EU-Staaten gelten andere Regeln, das heißt, vor einer Gewerbeanmeldung sollte immer der erste Weg zur örtlichen Ausländerbehörde führen.

Qualifikation checken

Wer in seinem Herkunftsland eine Berufsausbildung, ein Studium oder Ähnliches absolvierte, hat nicht autmoatisch die notwendigen Qualifikationen für eine Selbstständigkeit. Nach dem Anerkennungsgesetz können im Ausland erworbene Berufsabschlüsse hierzulande gleichwertig anerkannt werden. Das gilt vor allem für die reglementierten Berufe wie etwa Ärzte oder Krankenpfleger. Infos dazu unter: https://www.anerkennung-in-deutschland.de/html/de/berufliche_anerkennung.php

Carsten Schmidt