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Die Wirtschaft Erfolgreich in „Männerbranchen“
Anzeigen und Märkte Die Wirtschaft Erfolgreich in „Männerbranchen“
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14:08 27.11.2018
Frauen preschen voran – und erobern immer mehr klassische Männerdomänen in der Wirtschaft. Quelle: FOTOLEDHAR/STOCK.ADOBE.COM

Clarissa Semprich ist Auktionatorin, Lina Kleinfeldt übernimmt bald die Sicherheitsfirma ihres Vaters und Annette Kaufhold ist im Vorstand einer Bank. Was die drei Unternehmerinnen eint? Sie sind erfolgreich in Männerbranchen.

Der weibliche Bankvorstand

Die Finanzbranche ist immer noch eine Männerwelt. Wer sich auf den Fluren von Deutschlands Banken umschaut, sieht viele Anzugträger und kaum Frauen. Annette Kaufhold ist eine Ausnahme. Sie ist kein Typ fürs Kostüm, eher für den Hosenanzug. Dass sie sich durchsetzen kann, hat sie ihre gesamten Laufbahn über bewiesen. In Bad Segeberg macht sie 1992 zunächst ihren Abschluss in Agrarwissenschaften, ehe sie ein Jahr später eine Ausbildung zur Bankkauffrau dranhängt und diese Mitte der 90er-Jahre erfolgreich abschließt. Seitdem zeigte ihr Karriereweg immer nur in eine Richtung, nach oben. Bester Beleg: Seit 2017 ist sie Vorstand bei der Raiffeisenbank Leezen.

Annette Kaufhold ist im Süden Schleswig-Holsteins aufgewachsen, wollte als junges Mädchen Tierärztin werden. Welches Frauenbild hat ihre Mutter ihr vorgelebt?
„Ich bin auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen“, erinnert sich Kaufhold. „Dieser wurde von meinem Vater mit Hilfe meiner Mutter geführt. Meine Mutter hat keine eigene berufliche Karriere angestrebt, sondern diese der Tätigkeit auf dem landwirtschaftlichen Familienbetrieb und der Erziehung der Kinder untergeordnet. Ihr war es daher sehr wichtig, mir eine gute Schulbildung und ein Hochschulstudium zu ermöglichen.“

Der ,Plan’ der Mutter geht auf: Bereits nach wenigen Jahren als Agrarkundenbetreuerin bei der Raiffeisenbank Leezen übernimmt Annette Kaufhold 2003 die dortige Leitung der Firmenkundenbetreuung. „Ich hatte plötzlich einen Job mit Führungsverantwortung übertragen bekommen. Denn gerade das Firmenkundengeschäft trägt bei einer regional ausgerichteten Primärbank wie der Raiffeisenbank Leezen wesentlich zum wirtschaftlichen Gesamterfolg bei“, sagt die 51-Jährige. „Zudem habe ich diese Aufgabe übernommen, als die Raiffeisenbank Leezen selbst in einer wirtschaftlich schwierigen Situation war, insofern lag mit Übernahme der Position eine hohe Verantwortung auf meinen Schultern.“ Quasi parallel und als berufsbegleitende Fortbildung macht Annette Kaufhold im Jahr 2004 auch noch ihren Abschluss als Genossenschaftliche Bankbetriebswirtin. Die Erteilung der Prokura bei der Raiffeisenbank Leezen zwei Jahre später war somit nur eine Frage der Zeit.

Hat sie die Männerbranche nie eingeschüchtert? „Für mich war das nie ein Thema“, sagt Kaufhold. „Ich habe die starke Männerpräsenz nie als einschüchternd empfunden. Die Tätigkeit in einer Bank ist für mich vom Grundsatz keine klassische Männerdomäne. Häufig seien Frauen in Banken allerdings im Kundenservice oder ohne Führungsverantwortung tätig. Die Raiffeisenbank Leezen habe zwar sieben Geschäftsstellen, wovon drei mit Frauen besetzt seien. Allerdings, so Annette Kaufhold: „Als Frau im Vorstand einer Bank ist man allerdings auch heute noch ein Exot. Nach meinem Kenntnisstand gibt es in Schleswig-Holstein aktuell lediglich fünf Frauen im Vorstand von Genossenschaftsbanken.“

Stellt sich die Frage, ob man Frauen mehr fördern muss, damit sie ihre Kompetenzen einsetzen können? „Ich glaube, man muss Frauen einfach stärker ermutigen, Führungspositionen anzunehmen“, stellt Annette Kaufhold fest. „In meiner Wahrnehmung haben Frauen häufig einen hohen - manchmal zu hohen - eigenen Anspruch an ihre Leistung. Männer scheinen mir da häufig weniger selbstkritisch. Frauen hingegen neigen dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen.“

Es gibt ein paar Dinge, die Annette Kaufhold dabei geholfen haben, sich in der männerdominierten Finanzbranche durchzusetzen: „Fleiß, ein überdurchschnittlich hohes Maß an Einsatzbereitschaft, berufliche Erfolge und der Zuspruch meiner Familie, meiner Freunde und von Vorgesetzten, die mich gut kennen und mich auf meinem beruflichen Weg ermutigt haben, neue Aufgaben, die mir angetragen wurden, zu übernehmen."

Die Auktionatorin

Wer das Wort „Auktion“ hört, assoziiert damit meist Anzug tragende Herren, die Hammer schwingend Kunst und Antiquitäten versteigern. Für Clarissa Semprich ist das ein überholtes Klischee. Sie muss es wissen, schließlich ist sie erfolgreiche Auktionatorin.

„Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr Auktionatorin. Und seit 15 Jahren bin ich öffentlich bestellt und vereidigte Auktionatorin“, sagt Clarissa Semprich. Ob sie nie das Gefühl hatte, in eine Männerdomäne vorgedrungen zu sein? „Nein“, sagt sie, „ich habe diesen Beruf sozusagen mit der Muttermilch aufgenommen, denn schon meine Mutter war Auktionatorin und bei ihr kann man wirklich sagen, das sie damals eine Vorreiterin ihrer Zeit war, als es eigentlich noch üblich war, dass die Frau zu Hause bleibt. Als junges Mädchen habe ich auf ihren Auktionen manchmal geholfen und Gegenstände während einer Auktion hoch gehalten.“

Clarissa Semprich, Jahrgang 1968, sieht sich nicht als Exotin in einer männerdominierten Branche. „Sicherlich war ich zu meiner Zeit die jüngste öffentlich bestellt und vereidigte Auktionatorin, aber inzwischen gibt es doch einige mehr Mitstreiterinnen, auch öffentlich bestellte, als es zur Zeit meiner Mutter gab. „Für den Beruf des Auktionators oder der Auktionatorin gibt es bis heute keine anerkannte Ausbildung. Clarissa Semprich: „Ich bin über die reine Berufspraxis in diesen Beruf gekommen. Allerdings müsse man unterscheiden zwischen der Auktionatorin und der öffentlich bestellten und vereidigten Auktionatorin. Hierfür bedarf es mehrjährige Berufserfahrung und einer Prüfung bei der Industrie und Handelskammer.“

Auch bei Clarissa Semprich haben die Eltern eine entscheidende Rolle bei der Berufswahl ihrer Tochter gespielt, vor allem ihre Mutter, die selbst Auktionatorin war. „Meine Mutter hat sehr stark dazu beigetragen, dass ich Auktionatorin werde. Ganz anders mein Vater, der immer strikt dagegen war und es nicht für einen ordentlichen Beruf gehalten hat.“ Mit Vorurteilen bezüglich ihres Frau seins in ihrem Beruf, hatte Clarissa Semprich nie zu kämpfen. „Ich kann gar nicht sagen, ob es heute noch Frauen wirklich abschreckt, in Männerberufe zu gehen.“

„Die Zeiten sind sehr offen geworden für Frauen“, sagt Clarissa Semprich und erinnert sich zurück an eine Anekdote in ihrer Jugend. „Damals gab es das Berufsinformationszentrum. Und als ich mich für die Ausbildung der Bundeswehrpiloten interessierte, wurde ich zur Seite geschoben mit der Aussage, das wäre nichts für Mädchen.“

Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert, weshalb die Unternehmerin nicht glaubt, dass ein Männerberuf an sich Frauen abschrecke, „sondern die eigenen Gedanken und Interpretationen sowie die veralteten Erziehungsmodelle und gesellschaftliche Meinungen darüber.“

Egal ob Frau oder Mann, welche Nationalität oder Glaube, „es geht immer um Höflichkeit, Respekt, Achtung dem anderen gegenüber und die Anerkennung der Andersseins.“ Deshalb könne Clarissa Semprich auch zu der Frage nichts sagen, ob es ein Vor- oder Nachteil ist, eine Auktionatorin zu sein. „Respekt muss man sich immer erarbeiten“, sagt sie dann doch noch, „egal ob Mann oder Frau. Ich denke da haben es beide Geschlechter gleich schwer oder leicht. Vielleicht sollte man aufhören über Männerberuf oder auch Frauenberufe zu reden. Da fängt die Teilung und Wertung schon an. Es gibt Berufe - Punkt.“

Die Mittelständlerin in spe

Die Töchternachfolge bei mittelständischen Familienunternehmen ist in Deutschland noch immer die Ausnahme, meist sind sie Plan B. Ganz anders beim „Lübecker Wachunternehmen“, wo schon bald Lina Kleinfeldt das Familienunternehmen übernehmen wird. Als modernster und größter regionaler Anbieter für Wach- und Sicherheitsdienstleistungen beschäftigt das Lübecker Wachunternehmen rund 300 Mitarbeiter und betreut rund 5000 Kunden.

„Mit ungefähr 18 Jahren stand für mich fest, dass ich in die Firma meiner Familie einsteigen werde“, sagt Lina Kleinfeldt. Die 28-Jährige ist die Enkelin des Firmengründers Dr. Kurt Kleinfeldt. Ihr Ziel ist es, die Firma zu übernehmen. Ganz früher, aber noch vor dem Teenageralter, wollte Lina Kleinfeldt ganz klassisch Tierärztin werden. „Danach folgte dann die Kriminalpolizistin und gleich danach bereits der Wunsch, in das Familienunternehmen einzusteigen“, erinnert sich die Jungunternehmerin.

Aktuell ist sie als Prokuristin im Unternehmen tätig und somit Teil der Geschäftsleitung. „Der Schwerpunkt liegt auf Marketing und Personal, sowie die Bearbeitung und Durchführung aller nötigen Zertifizierungen.“ Auf die Frage, ob Lina Kleinfeldt ihre Freundinnen beneidet, die mit deutlich weniger Verantwortung gerade studieren oder den ersten Job ergattert haben, kommt die Antwort prompt: „Nein, Neid spielt da gar keine Rolle. Weder beneide ich meine Freundinnen, die aktuell vielleicht noch studieren, noch war das je bei mir im Freundeskreis ein Thema: Ganz im Gegenteil, meine Freunde freuen sich für mich.“

Trotzdem stellt sich die Frage, wie die junge Unternehmerin mit so viel Verantwortung umgeht? Lina Kleinfeldt: „Zu Anfang war das schon eine ganz schöne Umstellung. Ich bin in einer völlig neuen Position in das Unternehmen eingestiegen, vorher war ich lediglich Ordner bei Fußballspielen oder habe das ein oder andere Mal in der Verwaltung mitgeholfen. Aber tatsächlich gewöhnt man sich daran, der Ansprechpartner für die Mitarbeiter in allen Belangen zu sein - und das funktioniert auch gut. Ich bilde mich regelmäßig in Führungskompetenzen weiter und bin in regem Austausch mit anderen jungen Unternehmerinnen und Unternehmern.“

Viele Mitarbeiter kennen Lina Kleinfeldt schon, seit ihr Vater Lutz Kleinfeldt sie als Baby mit in die Firma nahm. Lutz Kleinfeldt war damals ebenfalls 28 Jahre alt und hatte bereits zwei Jahre zuvor die Firma übernommen. Ist es von Vor- oder Nachteil, die Tochter des Chefs zu sein? „Beides“, sagt 28-Jährige lachend. „Ein Vorteil ist, dass ich in diesen wirtschaftlich nicht einfachen Zeiten einen gesicherten Arbeitsplatz habe. Zudem kenne ich das Unternehmen und die Mitarbeiter seit vielen Jahren und bin somit nicht ahnungslos gestartet und kann vieles gut einschätzen.
Entsprechend wird von mir als Tochter des Chefs natürlich auch viel erwartet werden. Immerhin hat mein Vater sehr viel bewegt und das Unternehmen enorm nach vorne gebracht. Es liegt also an mir und meinem Bruder, in diese große Fußstapfen zu treten.“

Dass Lina Kleinfeldt als Frau und als Tochter des Chefs mehr leisten muss als ihre männlichen Kollegen, kann die Chefin in spe nicht bestätigen. „Mein Vater hat damals gesagt, ich soll als Frau Sicherheitsmanagement studieren, da es sich ja um eine eher männerdominierte Branche handelt und spitze Fachkompetenzen helfen. Das habe ich dann auch getan, und ich muss sagen, dass ich bisher nicht weniger Respekt erfahren habe als ein Mann. Ich finde, es gilt, egal ob Mann oder Frau, durch Know-how und Professionalität zu überzeugen.“

Wann Lina Kleinfeldt die Firma ihres Vater übernehmen wird, steht noch nicht fest. „Es gibt noch kein genaues Datum, etwas Zeit werde ich wohl noch haben“, sagt sie.

Carsten Schmidt