Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Die Wirtschaft Erheblicher Nachholbedarf
Anzeigen und Märkte Die Wirtschaft Erheblicher Nachholbedarf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:05 26.11.2018
Frauen und Männer in der Wirtschaft: Das Ungleichgewicht schrumpft – aber nicht gerade rasend schnell. Quelle: GRAFIK, COLLAGE:JOZEFMICIC, TIMOSHENKOANNA/STOCK.ADOBE.COM, KIM CAROLIN STRUVE

Frauen sind in der Wirtschaft weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Besonders, wenn es um gut bezahlte Posten und um Führungspositionen geht. Nur ein wirklicher Kulturwandel könnte das ändern.

Der Anteil der Frauen an Deutschlands Führungskräften lag 2017 bei 29,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Er war damit deutlich geringer als der Anteil der Frauen an allen Erwerbstätigen (46,5 Prozent). Überdurchschnittlich vertreten waren weibliche Führungskräfte nach Angaben der Behörde im Bereich Erziehung und Unterricht (64,6 Prozent) sowie im Gesundheits- und Sozialwesen (61,3 Prozent). In diesen Branchen ist auch der Frauenanteil an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen höher.

Besonders wenige weibliche Führungskräfte gab es 2017 im Baugewerbe (11 Prozent) und in der Industrie (16,9 Prozent).

Der „Gender Gap“ ist nicht fair - aber es ist aus ökonomischer Perspektive auch alles andere als sinnvoll: „Außer dem offensichtlichen Gerechtigkeitsdefizit können wir es uns als Gesellschaft und Wirtschaft schlicht nicht mehr leisten, auf die enorm vielen exzellent ausgebildeten Frauen als Fachkräfte zu verzichten“, sagt Friederike C. Kühn, Präses der IHK zu Lübeck.

Logisch ist das Missverhältnis überdies nicht: Heute sind Frauen besser qualifiziert als je zuvor, sie sind selbstbewusst und leben selbstbestimmt. Sie verfügen über die Fähigkeiten, die der Arbeitsmarkt von morgen fordert. Und während früher die Erwerbstätigkeit von Frauen keine Selbstverständlichkeit war, entscheiden sich heute viele Frauen bewusst für die Berufstätigkeit, um ökonomisch eigenständig zu sein und um die Bestätigung ihrer Leistungsfähigkeit durch das Berufsleben zu erfahren - unabhängig davon, ob sie verheiratet sind oder Kinder haben.

Doch wenn Frauen „traditionelle Frauenberufe“ wählen, werden sie häufig weder gut bezahlt, noch haben sie eine Aufstiegschance. Ergreifen sie Berufe mit Karrierechancen, müssen sie oft immer noch besser sein als ihre männlichen Kollegen - um das Gleiche zu erreichen.

Allerdings gibt es viele Beispiele für ein äußerst erfolgreiches weibliches Engagement in der Region.

Annette Kaufhold ist seit 2017 Vorstand bei der Raiffeisenbank Leezen. Jeanette Rouvel ist geschäftsführende Gesellschafterin der SPI GmbH und verantwortet gemeinsam mit Dirk Vollmer die Geschäftsleitung. Das IT-Systemhaus wurde von ihrem Vater vor mehr als 35 Jahren mit begründet. Als Digitalisierer für den Norden bietet das Unternehmen mit 40 Mitarbeitern und Sitz in Ahrensburg Beratung und Softwareentwicklung und ist zudem als Anbieter von CAD-Lösungen (computer-aided design) Spezialist in der Entwicklung von IT-Lösungen für die Blechindustrie.

Carola Keller ist gemeinsam mit ihrem Bruder Nils Krüger geschäftsführende Gesellschafterin der Arthur Krüger Gruppe in Barsbüttel, die vor 80 Jahren gegründet wurde. Dort bearbeitet das Familien-Unternehmen mit etwa 150 Mitarbeitern sogenannte Halbzeuge: Platten, Rohre und Stäbe aus Kunststoff. Außerdem entstehen dort Innenverkleidungen für Flugzeuge und zum Beispiel technische Teile für Transport-Mehrwegverpackungen.

Zu den Gründerinnen von kleineren, dynamischen Unternehmen zählt Katja Seever von der Superseven GmbH in Wentorf bei Hamburg, die kompostierbare Verpackungslösungen entwickelt. Andrea Gensel hat in Lübeck eine Unternehmensberatung aufgebaut.

Dass diese Frauen immer noch eher seltene Fälle sind, hat auch den Grund, dass die Rollenbilder der Berufe sich nur sehr langsam verändern. Die Versuche, insbesondere viele soziale Berufsbilder für Männer zu öffnen, und insbesondere technische und naturwissenschaftliche für Frauen, sind bisher nicht sehr erfolgreich gewesen. Ein Umdenken ist dringend gefordert, ein Kulturwandel muss her. In dieser Hinsicht ist die Politik gefragt.

Die Wirtschaft kann davon nur profitieren. 

Oliver Schulz