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Die Wirtschaft Grundschule weiblich, Hochschule männlich?
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14:23 27.11.2018
Erzieherin: 20 Prozent mehr Männer an Kitas wären erstrebenswert. Quelle: PHOTOGRAPHEE.EU/FOTOLIA

Nur etwas über acht Prozent der Menschen in Schleswig-Holstein, die im Bereich frühkindliche Erziehung arbeiten, sind männlich.Das ist wenig, im Bundesdurchschnitt aber viel.

Schleswig-Holstein liegt über dem Bundesdurchschnitt“, relativiert Susann Wilke aus dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 5,8 Prozent. Heißt: nur jeder 20. im Bereich frühkindlicher Pädagogik Angestellte ist männlich.

Insgesamt waren 2018 gemäß der Kinder- und Jugendhilfestatistik des Statistikamtes Nord 20421 Personen als pädagogisches Personal in Schleswig-Holsteins Krippen, Kindergärten oder Horten tätig, hiervon waren 8,6 Prozent (1746 Personen) männlich und 91,4 Prozent (18675 Personen) weiblich). Männer, die in der Krippe oder als Tagesvater arbeiten, sind die schützenswerte Ausnahme, selten zu beobachten, und wenn, dann im Blitzlichtgewitter.

Aber: der Männeranteil steigt mit dem Alter der Kinder beziehungsweise Schüler. Und mit steigender Bezahlung des Jobs. Schlecht bezahlt und meist weiblich besetzt sind besonders die Jobs mit den kleinen Schützlingen.

„Wir geben den Menschen, die unser Geld verwahren, mehr Geld als denen, die unsere Kinder verwahren!“, sagt Astrid Henke, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Schleswig-Holstein. Das Arbeiten mit (kleinen) Kindern sei immer noch ein Beruf, der eher als klassischer Frauenberuf gelte. Und so wie die gesellschaftliche Anerkennung fehle, fehlt auch die monetäre.

Im Schnitt 2600 Euro brutto verdient eine Erzieherin in Schleswig-Holstein. Vorausgesetzt, sie arbeitet in Vollzeit. Was selten ist. Susann Wilke aus dem Ministerium: „68,66 Prozent des pädagogischen Personals in Schleswig-Holstein arbeiten in Teilzeit, das sind 14021 Menschen.“ In der frühkindlichen Erziehung ist der Wert höher.

Astrid Henke: „In Krippe und Kita werden oft nur Teilzeitstellen angeboten. Für die betroffenen Frauen ist das dramatisch, das wirkt sich bis zum Lebensende mit der Rente aus.“ Auch hier spiele die Doppelbelastung mit der eigenen Familienarbeit sowie die Arbeitsbelastung durch den schlechten Personalschlüssel eine Rolle bei der Entscheidung, freiwillig nur in Teilzeit zu arbeiten. Astrid Henke:

„Die Frauen verdienen deutlich weniger, und wenn sie dann noch alleinerziehend sind, wird es schwierig!“

Die Europäische Union empfahl bereits 1996, den Männeranteil in Kitas auf 20 Prozent zu erhöhen. „Aus pädagogischer Sicht ist es wichtig, dass in der frühkindlichen Erziehung Frauen und Männer gemeinsam arbeiten, und zwar für Jungen ebenso wie Mädchen, denn im frühkindlichen Bereich fehlen moderne männliche Rollenvorbilder und Bezugspersonen für Mädchen und Jungen. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen führen häufig zu abwesenden familiären Vorbildern, und die vorhandenen familiären Vorbilder müssen nicht unbedingt den Erwartungen an moderne männliche Rollenbilder entsprechen“, gibt Susann Wilke zu bedenken.

Von der Kita in die Grundschule: ein Grundschullehrer - egal ob männlich oder weiblich - verdient in Schleswig-Holstein derzeit eine Besoldungsstufe weniger als ein Lehrer einer weiterführenden Schule - das sind im Monat gut 450 Euro. Betroffen sind in erster Linie Frauen - in der Grundschule unterrichten fast nur Frauen (92 Prozent). Mit dem Grundgesetz sei das nicht vereinbar, sagt Henke.

Die Begründung für ihre schlechtere Bezahlung im Vergleich zu den Kolleginnen und Kollegen an den weiterführenden Schulen? „Der Beruf sei mehr pädagogisch, weniger wissenschaftlich orientiert“, kommentiert Astrid Henke. Grundschullehrerinnen studieren genauso fünf Jahre wie andere Lehrer, teilweise sitzen sie gemeinsam in den Hörsälen. Henke: „Die unterrichtenden Professoren verdienen gleich viel, egal ob sie die Grundschullehrer oder die Gymnasiallehrer unterrichten.“

Passend zum Equal-Pay-Day - dem Tag zur Lohngerechtigkeit von Mann und Frau - forderte die GEW in Schleswig-Holstein die Besoldungsstufe A13 auch für Grundschullehrerinnen (und die wenigen Lehrer dort). Die Landesregierung ging mit der Forderung mit, bis zum Jahr 2026 - das sind noch acht Jahre - sollen Grundschullehrkräfte in Schleswig-Holstein schrittweise mehr und mehr nach A13 bezahlt werden. Die GEW will sich für eine frühere Umsetzung stark machen, Sachsen, Berlin und Brandenburg machen es vor.

Beispiel Führungspositionen in der Bildung: Die GEW hatte für das Land Schleswig-Holstein berechnet, wie die Funktionsstellen an den Schulen im Land besetzt sind. Nur 38 Prozent der Schulleiterposten einer Grund- oder Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein (Besoldungsstufe A15 sind weiblich besetzt - bei einer fast komplett weiblichen Lehrerschaft. Heißt das, böse gefragt, der eine Quotenmann kommt wenn dann nur als Schulleiter in die Grundschule?

Ein ähnliches Bild an den Gymnasien und Berufsschulen des Landes. Fast 62 Prozent des Teams sind weiblich (Besoldungsstufe A13), die Schuldirektorin ist die Ausnahme und weit seltener als in der Grundschule (26 Prozent weibliche Besetzung in der Besoldungsstufe A15).

Die Gründe für die wenigen Frauen in Führungspositionen seien, so Astrid Henke, besonders in der Doppelbelastung mit der Erziehungsarbeit zu Hause zu erklären. „Viele Frauen in der Branche sagen, sie hätten gerne eine andere Art von Führung, als Team. Und Frauen sind auch gehemmter, solche Posten zu übernehmen.“ In Schleswig-Holstein sollte es zur Stärkung der Frauen in Führungspositionen im Bildungswesen seit Jahren einen „Frauenförderplan“ geben. „Der wird nicht weiter geschrieben, er liegt ad acta.“

Dabei braucht das Land mehr Männer in der Bildung, gerade in Krippe, Kindergarten, Hort und Grundschule und gerade angesichts des Fachkräftemangels. Das Potential der Männer dort müsse erschlossen werden.

„Die Bemühungen um einen höheren Männeranteil in Form von Modellprojekten oder Maßnahmen sind erfolgreich“, sagt Susann Wilke. Der „Männeranteil“ in dieser frühkindlichen Bildung werde derzeit im Bundesland höher, je jünger die Arbeitnehmer sind. Susann Wilke: „Schleswig-Holstein hat im Vergleich zum Bund kein spezifisches Programm aufgelegt, um Männer verstärkt für Kitas zu gewinnen.“

Der Hebel, um mehr Männer in diese Berufe zu bekommen, sei immer auch die Bezahlung. Astrid Henke: „Das Rollenbild der Berufe muss sich verändern, das ist eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft!

Die Kinder müssen Männer in den Berufen als Vorbilder erleben können.“ Um dann vielleicht selbst den Berufswunsch Erzieher oder Grundschullehrer zu haben.

Studien zeigen, je höher der Frauenanteil in einem Beruf, desto niedriger sind die Einkommen. Arbeitsplätze in der Industrie werden besser bezahlt. Was zu erst da war - Huhn oder Ei - beziehungsweise, was was bedingt, sei dahingestellt.

Astrid Henke von der GEW sagt: „Ich glaube, dass Frauen eine andere Orientierung haben bei der Berufswahl, sie schauen mehr auf die Bedeutung und den Inhalt des Berufs, während Männer sich stark am finanziellen orientieren. Die Frauen werden dadurch natürlich abgehängt.“

Übrigens: Beim Anteil der Frauen an der Professorenschaft an Hochschulen gehört Schleswig-Holstein zu den Schlusslichtern. Weniger als 22 Prozent Frauenanteil. Klischees werden dabei natürlich bedient - Fächer wie Geisteswissenschaften, Kunst und Kulturwissenschaften treiben die Professorinnenstatistik nach oben.                     

Nicole Hollatz