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Die Wirtschaft „Gute Ideen schnell mit Kunden erproben“
Anzeigen und Märkte Die Wirtschaft „Gute Ideen schnell mit Kunden erproben“
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15:41 28.09.2018
Dr. Frank Schröder-Oeynhausen ist seit November 2017 Geschäftsführer des Technikzentrums Lübeck (TZL). Der promovierte Physiker blickt auf lange Erfahrung und Erfolge im Bereich Technologietransfer zurück und hat sich zum Ziel gesetzt, die Erfolgsgeschichte des 1986 gegründeten TZL fortzuschreiben. Quelle: Lutz Rößler

Herr Dr. Schröder-Oeynhausen, Sie waren gerade mit einer Delegation aus Schleswig-Holstein im Silicon Valley. Was hat Sie dort am meisten beeindruckt?

Beeindruckend ist immer wieder die Geschwindigkeit und Dynamik, mit der im Silicon Valley Trends erkannt und neue Geschäftsmodelle identifiziert und umgesetzt werden.

Was können wir hier von der Unternehmenskultur lernen?

In fast allen Unternehmen haben agile Arbeitsmethoden Einzug gehalten. Kurze Entwicklungszyklen, kleine Teams und ein schnelles Kundenfeedback führen zu neuen Produktinnovationen.

Airbnb und Facebook sind auch mal kleine Garagen- Start-ups gewesen. Was ist in den USA anders?

In den USA wird eine Kultur des Ausprobierens intensiv gefördert. Selten stehen bei einer neuen Idee die Bedenken und Risiken im Vordergrund, sondern meist werden die Chancen gesehen. Bei den Schritten hin zu einem Produkt oder einem Geschäftsmodell kann man auf eine Vielzahl von Unterstützern, Förderern und Geldgebern zurückgreifen, die Startups in allen Entwicklungsphasen unterstützen.

Dazu zählen beispielsweise auch Inkubatoren und Acceleratoren wie Y-Combinator oder Plug and Play, die mittlerweile Teil eines weltweiten Netzwerks von Firmen, Investoren und erfolgreich gegründeten Start-ups sind.

Glauben Sie, auch ein deutsches Unternehmen könnte so schnell durchstarten wie es diese US-Konzerne getan haben?

Die Geschwindigkeit der Umsetzung im Silicon Valley ist enorm, insbesondere in den Bereichen digitaler Geschäftsmodelle. Plattformen wie Amazon, Airbnb oder Facebook konnten ihr Erfolgsmodell vom Silicon Valley aus schnell über den gesamten amerikanischen Markt und von dort in die ganze Welt tragen. Das gelingt mittlerweile auch chinesischen Firmen. Alibaba oder Tencent sind dafür Beispiele. Die Stärken deutscher Unternehmen sind eher in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Produktion zu finden. Ob es sich um weltbeste Lasersysteme, Beschichtungsverfahren, Werkzeugmaschinen, Robotik, Chemie oder Autos handelt, in vielen Bereichen sind deutsche Firmen führend. Wenn dieses einzigartige Knowhow mit den Chancen der Digitalisierung verknüpft wird, beispielsweise durch den Einsatz künstlicher Intelligenz oder der Nutzung von Deep Learning Algorithmen, dann könnten auch deutsche Firmen beziehungsweise ihre Start-ups mehr Fahrt aufnehmen.

Was macht ein klassisches Start-up für Sie aus?

Ein gutes Team aus klugen Köpfen fokussiert auf eine gute Idee.

An welches Start-up-Unternehmen erinnern Sie sich spontan, wenn sie nach Musterbeispielen suchen? Was machte da den Erfolg aus?

Die Firma Gestigon in Lübeck ist ein solches Musterbeispiel. Im Jahr 2011 gegründet von einem kleinen Team aus der Universität zu Lübeck, hat sich das Unternehmen in den letzten Jahren hervorragend entwickelt. Maßgeblich verantwortlich dafür ist eine einzigartige Teamkultur und eine marktfähige Geschäftsidee. Spezielle Software für Gestensteuerung im Automobilbau hat einen der größten Automobilzulieferer auf den Plan gerufen, der im vergangenen Jahr die Firma mit Zusagen zur Standortsicherung übernommen hat.

Was sind die Grundvoraussetzungen, damit ein Start-up auch wirklich zündet?

Wenn zu dem klugen Team mit guter Idee ausreichend Finanzmittel zur Umsetzung zur Verfügung stehen, dann braucht es natürlich noch den Kunden, der das Produkt oder die Dienstleistung nachfragt.

Neue agile Arbeitsmethoden zeigen auf, dass schnelles Kundenfeedback zum zündenden Funken werden kann, das Geschäftsmodell in die richtige Richtung zu optimieren und am Markt erfolgreich zu sein.

Was würden Sie jungen Studenten mit einer guten Gründeridee heute raten?

Ich würde dazu raten, die Idee schnell am Kunden auszuprobieren, schnell ein Feedback einzuholen, mit erfahrenen Gründern zu sprechen, um die Idee zu erproben und ggfs. anzupassen. Und natürlich würde ich dazu raten, mit einem unserer Gründungsberater in Lübeck Kontakt aufzunehmen.

Neben einer guten Idee müssen ja viele weitere Voraussetzungen stimmen. Was halten Sie für die wichtigsten Werkzeuge?

Hilfreich ist beispielsweise die Anwendung der Methode des Business Modell Canvas. Die Methode ermöglicht eine schnelle und einfache Visualisierung des Geschäftsmodells und der Start-up-Idee und berücksichtigt alle Elemente eines herkömmlichen Businessplans. Der Gründer lernt schnell die Stärken und Schwächen seines Konzeptes kennen und kann dann seinen Geschäftsplan entsprechend anpassen.

Berlin gilt in den letzten Jahren immer als DIE Start-up- Hochburg in Deutschland mit den besten Bedingungen. Stimmt das?

Berlin ist immer noch DIE Startup-Hochburg in Deutschland. Unter den Top Ten der höchstfinanzierten Unternehmen sind sieben Berliner, zum Beispiel die Lieferdienste Delivery Hero und Hello Fresh. In Berlin kommen eine Reihe von Erfolgsfaktoren zusammen, viele davon sind Standortfaktoren. Berlin hat zahlreiche Universitäten und Hochschulen, Berlin zieht viele junge Leute an, Berlin ist einer der wichtigsten europäischen Messe- und Kongressstandorte – und Gründer bekommen eine breite Unterstützung ihrer Vorhaben.

Kann Lübeck da mithalten? Und wenn ja, wie gelingt das?

In Lübeck ist auf dem Campus ein einzigartiges Ökosystem entstanden, welches durch das enge Zusammenwirken der Akteure, der Universität zu Lübeck, der Technischen Hochschule, der Fraunhofer Institute, der Universitätsklinik, dem TZL und vielen Firmen geprägt ist und viele Erfolgsfaktoren für neue Start-ups vereint. Neben bestehenden Angeboten, beispielsweise von dem Gründercube, unterstützt auch das TZL intensiv den Technologietransfer. So wurde vor wenigen Jahren aus dem TZL heraus das Fablab Lübeck gegründet, einer Hightech-Werkstatt, in der Studierende und Freischaffende mit 3-D-Druckern, UV-Druckern, Lasercuttern et cetera eine geeignete Infrastruktur vorfinden, ihre Ideen voranzutreiben. Die 50 Mitglieder des Fablab Lübeck und das Team des TZL unterstützen dabei mit Rat und Tat. In einem angeschlossenen Co-Workingspace finden Workshops und Seminare statt. Aktuell ist ein Accelerator für digitale Geschäftskonzepte in Vorbereitung, der kluge Köpfe und gute Ideen nach Lübeck holen soll.

Wie bewerten Sie die Fördermöglichkeiten? Wo gibt es gute Chancen, wo Defizite?

Die Fördermöglichkeiten in Schleswig-Holstein sind sehr gut. Je nach Entwicklungsstand einer Gründung stehen Fördermittel über die WTSH, IB.SH, MBG, Business Angels, VCs oder Firmen für Seed-, Start-up- und Growth-Phasen zur Verfügung. Das Land unterstützt über das innovationsorientierte Netzwerk StartupSH direkt Gründungsprojekte an Hochschulen und hochschulnahen Einrichtungen in Schleswig-Holstein. Das TZL, ebenfalls Partner in dem Netzwerk, hat beispielsweise das Informations- und Innovationsportal www.gruenderviertel.de aufgebaut, über das sich Gründer umfassend informieren können und Ansprechpartner finden.

Was würden Sie Firmengründern mit Migrationshintergrund raten?

Wir möchten in Lübeck alle klugen Köpfe motivieren, sich mit guten Ideen zu beschäftigen und sich gerne an uns zu wenden. Die Herkunft spielt dabei keine Rolle. Es geht herkunfts- und themenübergreifend um Innovation.

Ist es heute tatsächlich leichter, ein Unternehmen zu gründen als noch vor zehn oder 20 Jahren?

Ich würde nicht sagen, dass es heute leichter ist. Es brauchte damals und braucht heute persönlichen Einsatz und Zähigkeit, eine Idee umzusetzen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich auf seine Idee zu fokussieren und andere Interessen zurückzustellen. Chancen ergeben sich dabei häufig aus technischen Neuentwicklungen. Das galt für die frühe Zeit des Internet um die Jahrtausendwende und gilt heute insbesondere für die Möglichkeiten der Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Durch die Nutzbarmachung großer Datenmengen, neue Algorithmen, künstliche Intelligenz, neue Sensortechnik und eine enge Vernetzung von Geräten ergeben sich vielfältige Chancen für neue Geschäftsmodelle. Tatsächlich wird Startups heute eine größere Aufmerksamkeit zuteil, da viele Innovationen von ihnen ausgehen und große Firmen alleine selten in der Lage sind, agile Entwicklungs- und Innovationsprozesse zu etablieren. Wir brauchen die jungen kreativen Köpfe, um die Herausforderungen einer digitalen Welt zu meistern.

Sehen Sie die wachsende Start-up-Kultur auch als Spiegel schwächer werdender sozialer Sicherungssysteme? Anders gefragt: Sind viele Unternehmensgründer womöglich Menschen, die effektiv deutlich unter dem Mindestlohn rackern?

Die Start-up-Kultur ist meist von jungen Unternehmensgründern und -gründerinnen geprägt, die primär ihre Idee im Vordergrund sehen und noch nicht an ihre Altersabsicherung denken. Sie folgt eher dem Trend, sich selbst zu verwirklichen und dabei die Vorteile der digitalen Welt unter Einsatz agiler Arbeitsmethoden zu nutzen. Hinzu kommen häufig Aspekte der Nachhaltigkeit und der Wunsch, die Welt etwas besser zu hinterlassen, als man sie vorgefunden hat.

Interview: Christian Risch

LN