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Die Wirtschaft Hat die Branche den Trend verschlafen?
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18:34 22.06.2017
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„Die Banken haben die Digitalisierung verschlafen“, formuliert Prof. Dr. Jan Helmke, Studiengangsleiter Wirtschaftsinformatik an der Wismarer Hochschule, spitz, was Fachleute seit Jahren predigen. „Deutsche Banken hinken hinterher“ titelte die FAZ im Juni 2015 zum Thema Digitalisierung. Haben die Banken den digitalen Anschluss verpasst?

Dösendes Sparschwein: Die Digitalisierung erfasst die einzelnen Segmente der Branche ungleich schnell. Quelle: Sg-Design/ Fotolia

Dr. Michael Brandt, Vorstandsmitglied der Volksbank Lübeck: „Darüber könnte man streiten. Die Branche ist hinterher, das stimmt, aber nicht hoffnungslos hinterher.“ Er spricht von einem „Time Lag“

– einer Verzögerung – von einem Jahr, gerade bei den großen Banken, Volksbanken und Sparkassen. „Das sind riesige, vereinsartig und nicht zentral organisierte Apparate, da gehen solche Weiterentwicklungen nicht so schnell.“

Hochschulprofessor Helmke erläutert seine Einschätzung der Lage so: „Das, was in vielen anderen Branchen bereits vor 20, 30 Jahren passiert ist, hat die Bankenbranche sehr spät betroffen, viele haben immer noch vergleichsweise alte Technik mit Zentralrechnern, die sich nicht mit den moderneren Smartphones verknüpfen lassen. In anderen Branchen habe die Digitalisierung viel früher zugeschlagen:

„Auf einmal kamen die Onlinebanken auf und die Banken vor Ort haben diese Entwicklung verpasst“, erklärt Helmke den Verlust vor allem junger Kunden.

Das Problem: Digitale Entwicklung kostet Geld. Viel Geld. Für Technik im Sinne der Hardware, für Innovation und Entwicklung von Software, für Marketing und so weiter. Schlanke Banken – Direktbanken beispielsweise – hatten die Möglichkeiten, während bei den Filialbanken viel Geld in eben diesem Filialnetz und der Mitarbeiterstruktur gebunden ist. Sehr viel Geld gerade in Niedrigzinszeiten.

Helmke: „Diese modernen, innovativen Onlinebanken haben mehr Möglichkeiten als die traditionellen Banken, in diesen Bereich zu investieren und haben sich so wieder einen Vorsprung geschaffen. Sie können dem Kunden alle möglichen technischen Lösungen anbieten, die er bei seiner Hausbank vor Ort lange vermisst hat und vielleicht immer noch sucht.“

Die Banken haben sich die Butter vom Brot und manch einen Kunden nehmen lassen. So genannte „FinTechs“ füllten die Lücke in der Branche aus: junge, kreative und innovative Unternehmen aus dem Nichtbankenbereich, die dank moderner Technik Finanzdienstleistungen bereit stellten. Die Betonung liegt auf „Nichtbankenbereich“ – vielen Traditionshäusern fehlte es offensichtlich an Innovationspotential. Die FinTechs schossen wie Pilze aus dem Boden, nährten die erste digitale Revolution in der Branche und bedrohten, so waren sich die Finanzexperten einig, die klassische Bankenlandschaft, setzten sie unter Zugzwang.

Dr. Brandt von der VR-Bank: „Den Banken geht es wie anderen Unternehmen auch: Die Ansprüche der Kunden wachsen. Es soll und muss alles schneller gehen, weil man das alles als digitaler Kunde gewöhnt ist. Das müssen und das werden wir befriedigen als Bank.“

In Zeiten von Smartphone und Apps sollten Überweisungsfreigaben per Fingerabdruck oder das Abfotografieren und so automatisierte Veranlassen von Rechnungen kein Thema mehr sein für den Bankkunden, der, mit Pech, immer noch die ellenlangen Zahlenreihen aus dem Pin-/ Tanverfahren in seinen Computer eintippt. Der immer noch Kleingeld im Portemonnaie haben muss, um sein Parkticket zu löhnen oder eine simple Briefmarke beim Postautomaten zu ziehen. Alles mit „Mobile Payment“ – der Zahlung über das Smartphone – viel einfacher umzusetzen. Theoretisch.

Ähnlich der Anspruch an die digitale Buchführung von Geschäftskunden. Im Idealfall wären Kontenbewegungen und Buchführung, die Waren- und Geldströme mit Rechnungen und Lieferungen gekoppelt. Aber mit Pech tippt der Mensch im Büro heute noch die Buchungen vom Kontoauszug per Hand in die Finanzbuchhaltung, produziert mit noch mehr Pech Zahlendreher – , während die Überweisungen wieder digital an die Bank gesendet werden. Die Softwarelösungen für die Kommunikation zwischen digitalem Kontoauszug und den Büchern gibt es längst, allerdings selten von der Hausbank, sondern von dritten Anbietern.

Aber es gibt sie, die Innovationen für die Firmenkunden. Dr. Brandt: „Ratenkredite können Sie mit ein paar Eingaben im Internet bestellen. Für Firmenkunden wird es ab 2018 bei uns gewerbliche Finanzierungen durch ein paar Eingaben und das Halten des Ausweises gegen die Kamera im Bildschirm geben.“

Und was, wenn der „Roboter“ die optimale Finanzstrategie berechnet? „Obwohl Robo-Advice gerade erst aus den Kinderschuhen herauswächst, zeigt sich bereits heute: Digitale Angebote zur Vermögensanlage sind für Banken wie FinTechs ein Zukunftsthema. Das Wachstumspotenzial ist groß“, betonte Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, bei der Computermesse CeBit. Ein Großteil der Deutschen kenne zwar den Begriff „Robo-Advice“ nicht, sei aber schon mit einem Online-Anlagetool seiner Bank in Berührung gekommen oder habe mit entsprechenden Apps Geld angelegt – ohne zu wissen, dass es sich um „Robo-Advice“ handelt.

„Die Kommunikationswege haben sich verändert“, fasst Michael Brandt zusammen. Vor zehn Jahren seien noch neun von zehn Kunden in die Filiale gekommen, um ihre Bankgeschäfte zu erledigen.

„Heute müssen wir auf viel mehr Kanälen ansprechbar sein, die Kunden nutzen das Telefon, schreiben Mails oder WhatsApps.“

Reinhard Boll, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes für Schleswig-Holstein konstatiert: „Unsere am meisten besuchte Filiale ist die Internetfiliale.“ Fast 50 Prozent der Privatkunden greifen über das Internet mittels PC, Tablet oder Smartphone auf ihr Konto zu, bei den Firmenkunden sind es laut Boll sogar 73,5 Prozent. Karl-Michael Seum vom Bankenverband Schleswig-Holstein sagt: „Der persönliche Kontakt wird mehr in den Hintergrund treten, der Weg in die nächste Geschäftsstelle nur in Ausnahmefällen noch erforderlich sein.“

VR-Banker Brandt betont aber auch: „Bei Firmenkunden wird weiterhin viel mehr die stärkere Mensch-zu-Mensch-Beziehung im Vordergrund stehen.“

Aber da ist ja auch technisch Einiges möglich. „Videoberatung machen wir heute schon mit einigen Kunden, Skypen ist doch selbstverständlich, auch da kann man sich in die Augen gucken für das persönliche Gespräch zwischen Unternehmer und seinem Bankberater“, erklärt Brandt.

Der traditionelle Bankkunde hat, so Brandt, Geduld mit seiner Hausbank. „Der Schlüssel für das Überleben der Banken ist die Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit, der Zweitschlüssel ist das über die Jahre gewachsene Vertrauen“, so Brandt. „Was Neues ausprobieren? Ja! Viel dabei riskieren? Nein!   •

Nicole Hollatz

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