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Die Wirtschaft Interview mit Andrea Gensel über Frauenquoten
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15:02 26.11.2018
Andrea Gensel vor ihren Büros im Lübecker Hochschulstadtteil: Vor 15 Jahren hat sie sich selbstständig gemacht. Heute hat sie vier Firmen und mehr als 50 Mitarbeiter, die Kunden in ganz Deutschland beraten. Quelle: LUTZ ROESSLER

Haben es Frauen in ihrer Karriere immer noch schwerer als Männer – und was bewirken eigentlich Frauenquoten in Politik und Wirtschaft? Andrea Gensel (55) hat vor 15 Jahren in Lübeck ihre erste Firma gegründet. Im Interview spricht sie über ihre persönlichen Erfahrungen mit der Selbstständigkeit.

Es gibt ein mittlerweile berühmtes Foto aus dem Innenministerium von Horst Seehofer - es zeigt die Führungsriege, die nur aus Männern besteht. Was denken Sie, wenn Sie solch ein Bild sehen?

Mein allererster Gedanke war „Jungs, was habt ihr schlechtsitzende Anzüge“ und mein zweiter Gedanke: „Da steht ihr und werdet von einer Frau regiert. Geht doch.“

Bundesfamilienministerin Giffey sagt, der geringe Frauenanteil in den Leitungsebenen der Ministerien sei beschämend. Stimmen Sie zu?

Schade, dass sie nicht konkret sagt, „wer“ sich dafür schämen sollte. Implizit könnte es wirken wie ein Vorwurf an Männer. Meint sie, dass Männer sich schämen sollten, weil sie Frauen nicht auf ihre Ebene heben wollen? Und eine Frauenquote würde die Männer sozusagen dann dazu nötigen? Oder sollen sich Frauen schämen, weil sie sich nicht in viel höherer Anzahl auch andere Berufsbilder wählen, sich hierfür qualifizieren oder bewerben? Oder die Politik, weil sie es noch nicht geschafft hat ein Kultur zu schaffen, in welcher Gleichberechtigung von jeder Frau auch gefühlt wird. Dann wären diese Diskussionen nämlich überflüssig.

Was halten Sie von Frauenquoten in der Politik? Sind sie nötig oder nicht?

Nein. Eine Frauenquote ist ein Pflaster auf einem gebrochenen Bein und eine hilflose Reaktion der Politik. Die gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote bezieht sich übrigens „ausschließlich“ auf börsennotierte oder Mitbestimmungspflichtige Aufsichtsräten. Wir sprechen hier also von lediglich 108 Unternehmen in Deutschland. Jede Frau kann sich seit Jahrzehnten in Deutschland von ihren Kollegen in den Aufsichtsrat wählen lassen und die Arbeitnehmervertretung einnehmen. Doch tun sie es so gut wie nicht. In Norwegen müssen 40 Prozent aller Aufsichtsräte mit Frauen besetzt werden. Um diese 40 Prozent überhaupt erfüllen zu können, besetzen 70 Frauen nun 300 Aufsichtsratsmandate. Das ist doch Unsinn. Also eine Frau sitzt in mehreren Aufsichtsräten gleichzeitig, um die gesetzliche Quote zu erfüllen. Die Goldenen Röcke, so nennt man diese herumreisenden Quotenfrauen. Das Ziel, durch eine Quote mehr Frauen in Aufsichtsräte zu holen, gelang nicht.

Und was sehen Sie positiv?

Die Diskussion um die Frauenquote stößt Diskussionen und Denkprozesse an. Zumindest das ist positiv. Auch in der Politik.

Was halten Sie von Frauenquoten in der Wirtschaft, etwa bei der Besetzung von Vorstandsposten bei Dax-Unternehmen?

Aufgrund meiner Tätigkeit habe ich mit 80 Vorständen in Deutschland zu tun und kann Ihnen sagen, dass Aufsichtsräte nicht beschließen keine Frau in den Vorstand zu holen. Im Gegenteil. Suchen wir im Auftrag eine/n Kaufm. Geschäftsführer/in, erhalten wir 100 Bewerbungen, mit viel Glück sind zwei von einer Frau. Suchen wir eine/n Techn. Geschäftsführer/in ist unter 100 Bewerbungen nicht eine einzige Bewerbung von einer Frau.

Sie haben sich vor mittlerweile gut 15 Jahren selbstständig gemacht. Ist Ihnen in Ihrer Karriere irgendwann etwas schwerer gefallen, weil Sie eine Frau sind? Oder ist die Benachteiligung von Frauen für Sie nur ein weit verbreitetes Vorurteil?

Nachteile hatte ich nie. Das sagen auch viele Frauen aus meinem Freundeskreis, die Führungskräfte sind. Mich hat doch tatsächlich eine Journalistin mal verwundert gefragt: „Frau Gensel, Sie beraten täglich Geschäftsführer bei wichtigen Entscheidungen. Wieso nehmen diese Sie als Frau so ernst?“ Ich war so perplex, hielt inne und sagte: „Weil mir vermutlich niemals eine solche Frage oder gar ein solcher Gedanke in den Sinn gekommen wäre“. Die Frage sagt viel über die Haltung der Journalistin aus. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, Männer könnten mich nicht ernstnehmen. Und genau diese innere Selbstverständlichkeit des sich vollkommen Gleichberechtigtfühlens ist ein Ansatzpunkt.

Wen sehen Sie als Vorbilder?

Alice Schwarzer und auch die damalige Kieler Frauenministerin Gisela Böhrk haben so Großartiges erreicht und auf den Weg gebracht - alle Möglichkeiten sind da, doch nehmen müssen es sich die Frauen selbst. Manchmal ist es auch bequem, in dieser Rolle zu verharren. Eine Ablehnung eines Jobangebotes zu erhalten ist leichter zu ertragen, wenn der Grund auf das vermeintlich „falsche“ Geschlecht geschoben werden kann. Das können Männer nicht. Es ist nicht in Ordnung, Männer hinzustellen, als hinderten sie die Frauen. Damit machen sich die Frauen selbst klein und zum Opfer, und Männer werden dadurch zu Tätern gemacht.

Sind Ihnen in der Wirtschaft spezielle weibliche und männliche Verhaltensmuster aufgefallen? Wenn ja, welche?

Frauen erlebe ich in Gehaltsverhandlungen nicht selten bittend und ein Nein wird als Nein schnell akzeptiert. Bei Männern scheint bei einem Nein das Verhandlungsspiel erst so richtig zu beginnen.

Bei Männern gibt es oft „Seilschaften“ - gibt es etwas Ähnliches bei Frauen?

Dass sich Frauen gegenseitig begünstigen um voran zu kommen? In Frauennetzwerken denke ich schon. Das ist ja das Ziel.

Sie haben zwei erwachsene Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Wie gehen die mit dem Thema um?

Beide haben seit Jahren ganz liebenswerte Partner bzw. Partnerin. Mein Sohn ist so emanzipiert, dass er eine starke, taffe Frau, die selbstständig und erfolgreich ist, an seiner Seite hat, und meine Tochter fühlt sich genauso emanzipiert wie ich. Kfz-Mechatronikerin und Landesschulsprecherin in Bayern, dann Studium und Baby parallel. Ihr Mann und sie teilen sich die Babybetreuung und schließen gerade beide ihr Studium ab. Meine Tochter betont oft, dass sie wenige Frauen kennt, für die diese ganzen Diskussionen genauso wenig Thema sind wie für sie und für mich.

Viele Frauen arbeiten in Teilzeit. Werden sie adäquat eingesetzt oder stellt die Teilzeit dann doch einen verdeckten Nachteil dar?

Personal in Teilzeit ist oft produktiver. Ich mache mit Frauen - und übrigens auch mit Männern - in Teilzeit bei mir im Unternehmen allerbeste Erfahrungen.

Ist die Brückenteilzeit ein Fortschritt für Frauen?

Ein zeitlich unbegrenzter gesetzlicher Anspruch auf Teilzeit besteht ja ohnehin. Jetzt zu wissen, dass man jedoch wieder auf Vollzeit aufstocken kann, kann helfen, die Erziehungsjahre zu teilen.

Führungskräfte in Teilzeit - geht das? Was sehen Sie als Voraussetzung dafür?

In vielen Jobs geht es. Es ist oft eine Frage, wie man sich organisiert und ob man delegieren kann. Um delegieren zu können, benötigt man Vertrauen in seine Mitarbeiter. Das ist wichtig, sonst bleibt man operativ tätig und hat keine Zeit zu führen und strategisch zu leiten.

Wie erkennen Frauen ein frauenfreundliches Unternehmen?

Flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmöglichkeiten, Jobsharing. Doch auch das ist kein Garant. Bei der Jobwahl entscheidet man sich für ein Unternehmen, verlässt jedoch die Führungskraft. Mit ihr steht und fällt es. Unabhängig vom Geschlecht.

Sollte es in den „klassischen“ Frauendomänen Erziehung, Unterricht, Gesundheitswesen eine Männerquote geben?

Nein, ein Umdenken durch die Politik sollte dringend geschaffen werden. Ein kultureller Wandel. Es sollten technische und naturwissenschaftliche Berufe für Frauen und soziale Berufe für Männer attraktiver gestaltet werden. So wie in Lettland. Dann lägen beidseitig ausreichend Bewerbung beider Geschlechter vor und dann entscheidet Fähigkeit und Leistung und nicht die Quote, die mangels Bewerbungen eh nicht erfüllt werden kann oder gar Organisationen gefährdet.

Gibt es Länder mit besseren Modellen? Was können wir von anderen Ländern lernen?

In Deutschland sind 31 Prozent aller Führungspositionen mit Frauen besetzt, das belegt eine ILO-Studie von 2015. Selbst die hochgelobten Länder wie Schweden (35 Prozent) und Dänemark (28 Prozent) sind schwach besetzt und liegen mit uns gemeinsam im unteren Drittel der insgesamt untersuchten 106 Länder. Nehmen wir zum Vergleich Lettland als das europäische Land mit dem höchsten Frauenanteil in der Führung. Dort ist die Gleichberechtigung tief in der Mentalität und Kultur verwurzelt. 53 Prozent der Führungspositionen sind mit Frauen besetzt und das, obwohl es keine Frauenquote gibt!

Was ist in Lettland spezifisch anders als bei uns?

Sehr viele Frauen haben dort handwerkliche, technische und naturwissenschaftliche Berufe erlernt. Busfahrerinnen und Installateure sowie Führungskräfte auch im technischen Bereich sind dort die Regel. Genauso wie Männer im sozialen Bereich. Wenn wir in Deutschland dann jedoch eine Bundesfamilienministerin Giffey haben die mit ihrer eigenen, augenscheinlich nicht emanzipierten, dafür vorwurfsvollen Haltung ganz sicher kein Vorbild ist, kann sich die Kultur der gefühlten, selbstverständlichen Gleichberechtigung insbesondere in Frauen schwer entwickeln.

Interview: Christian Risch