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18:29 22.06.2017
Schöne Erinnerung: Seemann Andy Philipp A. Sabuga am Münzprägeautomat.
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Es ist die Rückseite des Hamburger Hafens, wo sich das Duckdalben versteckt. Jenseits der riesigen Verladekräne des Burchardtkais, die jeder Elbstrandbesucher von Norden betrachtet kennt. Die Südseite der Elbe, gegenüber der Elbchaussee, der Strandperle und dem Fischmarkt. Dort, wo die Verkehrsströme aus neuem Elbtunnel und Köhlbrandbrücke in der achtspurigen Autobahn 7 Richtung Süden zusammenfließen: Hinter zwanzigspurigen Gleisanlagen, hinter Autohof, Containerdepots und dem Zollamt Waltershof – in einer überdimensionalen Industrielandschaft, in der der Mensch sich verschwindend klein und verletzbar vorkommt, liegt ein zweigeschossiger Hauskomplex mit Spitzdach in hanseatisch schlichtem Backstein.

Das Duckdalben ist eine Oase für Seefahrer aus aller Welt. Mit Bussen holen die Mitarbeiter die Besucher von den nahen Kais ab, damit sie hier mit ihren Familien kommunizieren, Kollegen treffen und einkaufen, Geld nach Hause überweisen können. Was ein Seemann eben so schafft in der kurzen Zeit, die sein Schiff im Hafen liegt.

Einer wie Andy Philipp A. Sabuga. Der 26-Jährige sitzt im Billardraum der Seemansmission in einem Sessel vor dem aufgeklappten Laptop und chattet mit seiner Frau. Drei Billardtische stehen hinter ihm, an einem spielen zwei Seeleuten Pool. An der Wand reihen sich Flaggen aus der ganzen Welt. Unter der Decke hängen signierte orangefarbene Rettungsringe. Sabuga kommt von den Philippinen, wie so viele Besucher: „Ich treffe hier viele Landsleute, manche kenne ich von der Arbeit auf anderen Schiffen, von der Ausbildung in der Heimat.“ Das Duckdalben sei einzigartig. „Hier ist es wirklich schön. Ich fühle mich wohl.“ Er kenne einige Seemannsmissionen, sagt er. Und zählt europäische Häfen auf. „Aber diese ist die beste.“

Ein bisschen ist die Institution – benannt nach den Baumstämmen, die in Hafenbecken gerammt werden, um Schiffe festzumachen, heute schon Legende. Gegründet 1986 von der Seemannsmission Harburg an der Zellmanstraße im Freihafen, und seither geleitet von Jan Oltmanns, war sie zwar von Anfang an ein beliebter Anlaufpunkt für Seeleute im Hamburger Hafen. Doch hatte man zunächst mit nicht mehr als 25 Gästen pro Tag gerechnet, so waren es nach kurzer Zeit bereits durchschnittlich 60. Heute, da täglich 30 Seeschiffe den Hamburger Hafen anlaufen – finden sich durchschnittlich 100 Seeleute im Duckdalben ein.

Die steigenden Besucherzahlen spiegeln das rasante Wachstum des Hafen wider – wurden 1986 gerade einmal rund 1,2 Millionen Standardbehältnisse (TEU) und insgesamt 55 Millionen Tonnen Waren umgeschlagen, so waren es bereits 7,9 Millionen (TEU) und 121 Millionen Tonnen Waren Gesamtumschlag im Jahr 2010. Und stand im Gründungsjahr des Duckdalben die Containerisierung gerade am Anfang – so hat sie längst die ganze Branche umgekrempelt. Immer größer werden die Schiffe, die unterwegs sind. Immer kleiner werden die Besatzungen.

Doch gleichzeitig bleibt den Seeleuten immer weniger Zeit. Neun Monate am Stück kann eine Reise dauern. In einem Hafen bleibt ein Schiff aber nur zwei bis vier Stunden. „Die Liegezeiten werden knapper“, sagt Jan Oltmanns, in den Rahmen einer Bürotür gelehnt. Oltmanns, 60 Jahre alt und Verdienstkreuzträger, ist ein schlanker norddeutscher Hüne. Er trägt schwarzes Cordhemd, die Sonnenbrille hat er in die langen Blonden Haare geschoben. „Und dass die Jungs endlos Muße hätten, um auf die Reeperbahn zu gehen, ist ja ohnehin nur ein Klischee.“

Tief in den zentralen Raum des Duckdalbens hinein hängen Flaggen aus aller Herrn Länder, versehen mit Begrüßungsformeln in verschiedenen Schriften. Eine Reihe Holzfiguren, afrikanische und asiatische Tiere, filigran geschnitzte Kriegerfiguren und Miniaturboote, sammeln sich auf einem breiten Regal. Ein Wendeltreppe führt hinauf in den ersten Stock. Neben Oltmanns steht – mehrere Köpfe kleiner – Seemannsdiakonin Anke Wibel, ein freundliches Lächeln im Gesicht, die Haare leicht zersaust. „Die Schifffahrtskrise macht sich bemerkbar“, sagt sie. „Erst die Hanjin-Pleite, jetzt der Verkauf von Hamburg Süd an Maersk....“ Die Seeleute seien einfach kaputt: „Die haben Angst um den Arbeitsplatz, Angst, dass ihnen an Bord etwas passiert.“ Bei einer vom Duckdalben regelmäßig angebotenen Augenuntersuchung durch einen Mediziner seien die Ergebnisse jüngst erschreckend gewesen, sagt Wibel. „Und dann stellte sich raus: Die haben einfach Schäden, weil sie an Bord zu wenig schlafen.“ Entsprechend zügig würden sie im Duckdalben ihre Erledigungen machen. „Die nehmen jede Chance wahr, hier viel zu erreichen.“

Was die Seeleute vor allem im Duckdalben wollen ist, auf verschiedenste Arten mit ihren Verwandten in der Heimat zu kommunizieren. Wibel zeigt auf die bunten Telefonzellen im Eingangsbereich, 16 Stück insgesamt. Einige sind in historischem Postgelb lackiert. „Wir sind stolz, dass wir Gespräche für einen Euro die halbe Stunde in die ganze Welt ermöglichen,“ sagt Wibel.

WiFi können die Seeleute umsonst sonst nutzen. „Der digitale Wandel hat in den vergangenen Jahren bei uns sehr viel bewegt“, sagt Oltmanns. „Und er hat auch wirklich viele Vorteile“, wirft Wibel ein.

Wenigstens auf eine gewisse Weise seien die Menschen sich dadurch näher – trotz der physischen Ferne. Ganz wichtig für die Seeleute ist auch die Möglichkeit, im Duckdalben Geld zu überweisen. „Wenn bei den Privatschulen auf den Philippinen das nächste Schuljahr bevorsteht, bilden sich bei uns im Büro Schlangen“, sagt Wibel. Denn die Semannsmission hat eine eigene Western-Union-Stelle. „Die wird auch deshalb so stark genutzt, weil Heuer und Overtimes oft zu spät ausgezahlt werden.“

Manche Seeleute, die von der Arbeit an Bord ins Duckdalben kommen, suchen auch die Zwiesprache mit Gott. Im Raum der Stille sind alle großen Religionen der Welt vereint: Neben einem Porträt des Sikh-Gurus Nanak finden sich Bilder der Hindu-Götter Shiva und Krishna. Buddhas der verschiedenen Traditionen lächeln sanftmütig aus einer Nische, ein Teppich ist nach Mekka ausgerollt. Für orthodoxe, protestantische, katholische Christen gibt es eigene Bereiche. Auch ein Dao-Schrein findet sich in dem Raum. „This is my first time in Duckdalben. This so cool. The place is so cozy and I love it“, hat ein Besucher ins Gästebuch geschrieben.

Wie sich die Herkunft der Besucher verändert hat, lässt sich vor dem Eingang zum Raum der Stille ablesen: In mehrere Weltkarten sind Nadeln gesteckt, die Seeleute haben ihre Heimat markiert. Auf den älteren Karten stecken noch viele Nadeln in Europa und Nordamerika. Auf den neuesten Karten sind Indien und China dicht bedeckt. Aber vor allem ein Land: „Heute sind die meisten unserer Besucher Philippinos“, sagt Anke Wibel.

Egal, was ihr Heimathafen ist, im Clubraum mit dem gut sortierten „Tante-Emma-Laden“ können die Seeleute bei ihrem Aufenthalt in bequemen Sesseln besonders entspannt ein Bier genießen. Oder ein wenig einkaufen. Unter der Decke hängen – wieder – Rettungsringe.

Am Tresen steht Anna Beckendorf, die im Duckdalben ein Jahr Bundesfreiwilligendienst macht. „Wir verkaufen hier viel Schokolade,“ sagt sie. „Und Nudeln. Besonders gut gehe der philippinische Snack Sio Pao. Aber auch eine Gitarre steht zum Verkauf. „Jaja“, sagt sie, „die werden gekauft. Manchmal verschenken wir die Instrumente aber auch. Eine Gitarre ist ja Kommunikation, das Beste, was man Seeleuten mit auf die Reise geben kann.“

Vor der Tür fährt ein neuer Bus ein. Ein freiwilliger Mitarbeiter öffnet den Seeleuten von der „Cape Veni“, die unter zyprischer Fahne fährt, die Tür, die gerade angekommen sind. Die Männer kennen den Club, sie schlendern Richtung Billardtische.

Im Clubraum öffnen derweil zwei Seeleute bei Chips an ihren mobilen Endgeräten das zweite Weißbier. Auch sie sind Philippinos. Sie lachen und plaudern vergnügt. Patrick John A. Dajay hat die rote Schirmmütze nach hinten gezogen. Sie haben Süßigkeiten gekauft für die Lieben daheim. Natürlich sagen sie, sei es gut hier zu sein. WiFi gebe es auch auf den Schiffen – aber man müsse dafür bezahlen und es sei langsam.

Doch als sie nach ihrer Arbeit gefragt werden, werden sie still. Ihre Gesichter ernst. Darüber wollen sie nicht sprechen.

Die Branche ist rau geworden und verschwiegen. Die Arbeit im Duckdalben wird nicht weniger.   •

Oliver Schulz

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