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18:32 22.06.2017
Außen eine prägnante moderne Interpretation hanseatischer Architektur – innen setzt das Europäische Hansemuseum in Lübeck mit Medienstationen und großen Monitoren auf die neuen Medien. Quelle: Foto: Sergio Di Fusco
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Industrie 4.0, computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung wie „Augmented Reality“, ständige Bereitschaft am Handy: Die Digitalisierung hat die Gesellschaft jetzt schon stark verändert. Auch vor Kulturbetrieben macht sie keinen Halt. Hier sieht man den Vorteil unter anderem in der Bewahrung der Kunstwerke im Fall einer Zerstörung. Doch auch die Informationsvermittlung und Darstellung in Museen hat sich durch die digitalen Möglichkeiten verändert.

Es war ein schwarzer Tag für Historiker und Kulturschaffende, als am 3. März 2009 das Kölner Stadtarchiv einstürzte und zwei Menschen in den Tod riss. An dem Tag wurden rund 90 Prozent des Archivguts verschüttet und dabei beschädigt oder zerstört. Genauso bitter war auch der 2. September 2004, als bei einem Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar zahlreiche kulturgeschichtlich einmalige Buchbestände zerstört wurden. Diese Schätze sind für immer verloren.

Immer mehr Museen gehen nun dazu über, ihre Sammlungen zu digitalisieren. So bewahrt man sie einerseits für die Nachwelt und hat andererseits die Möglichkeit, Kunstinteressierten und Forschern einen weltweiten und leichteren Zugang zu großen Meisterwerken zu ermöglichen. Auch in der Hansestadt beschäftigt man sich mit dem Thema. Für Hans Wißkirchen, Chef der Lübecker Museen, ist die Digitalisierung etwas, was man nicht mehr aufhalten kann und soll. Ganz im Gegenteil: Er sieht es als neue Chance und Möglichkeit für die Museumswelt, denn so habe man unter anderem die Gelegenheit, die ganze Bandbreite an Ausstellungsstücken zu präsentieren. „In den Museen werden nur ein bis zwei Prozent aller Exponate gezeigt. Alles andere liegt in Depots. Sind die Sachen erst einmal digitalisiert, könnte man diese Schätze im Internet zeigen“, sagt Wißkirchen. Das ergänze das Erlebnis Museum einerseits, mache aber auch Neugier auf mehr. Rund 120 000 Exponate umfassen die Sammlungen aller Lübecker Museen. „Knapp ein Viertel haben wir schon digitalisiert. Wir sind da noch nicht so weit, aber auf einem guten Weg“, findet Wißkirchen.

Denn einfach nur Bilder aufhängen und fertig lockt heutzutage kaum noch Besucher in die Museen. Die Relevanz eines Museums zeige sich heute auch daran, ob es Bestände im Netz hat oder nicht, meint der Museumschef. Auch der Internet-Auftritt eines Hauses oder eine regelmäßig bespielte Facebook-Seite ist heutzutage unerlässlich, um Besucher anzuziehen. „Das Grass-Haus und das Buddenbrook-Haus sind da schon ziemlich weit“, sagt Wißkirchen.

Dass die Digitalisierung für Museen ein brandheißes Thema ist, zeigt auch die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes, die Anfang Mai in Berlin stattfand. Bei der unter dem Motto „Digital.

Ökonomisch. Relevant. Museen verändern sich“ stattfindenden Veranstaltung tauschten sich rund 400 Museumsexperten über ihre Erfahrungen aus. In Lübeck hat man einen ersten Schritt gemacht und ist bereits 2014 mit der Digitalisierung der Völkerkundesammlung gestartet. 26 000 Objekte aus allen Kontinenten - von Masken aus Afrika bis zu alten Keramiken aus Peru - wurden mit finanzieller Unterstützung durch die Possehl-Stiftung digitalisiert. Nun sollen Kunstinteressierte, aber auch Forscher und Historiker diese Exponate bald im Netz sehen können. „Die Planung ist, dieses Jahr einen ersten digitalen Auftritt präsentieren zu können. Wir hoffen, dass wir Ende des Jahres damit rauskommen können“, sagt der Museumschef. Die Digitalisierung weiterer Sammlungen, wie Dokumente, Fotos und Gemälde aus dem Günter-Grass-Haus und dem Buddenbrook-Haus, sollen bald folgen.

Doch als erstes hat Wißkirchen die Gemälde und Plastiken, die im Museum Behnhaus Drägerhaus in der Königstraße gezeigt werden, auf der Agenda. Begleitend zur Ausstellung „100 Meisterwerke“, die ab 24. September in dem Museum in der Königstraße zu sehen sein wird, will Museumschef Wißkirchen neue Wege gehen. Wißkirchen möchte den Besuchern eine Informationsquelle an die Hand geben, die die meisten sowieso immer bei sich haben – das Smartphone. „Es soll einen Guide geben, der den Besuchern über ihr Handy Informationen und Details über die Exponate gibt“ , sagt er.

Will man Informationen über das Smartphone vermitteln, muss dafür allerdings die Infrastruktur stehen. Die mangelnde Wlan-Abdeckung in den öffentlichen Häusern der Stadt ist ein echter Knackpunkt. „Gerade in historischen Gebäuden wie dem St. Annen-Museum ist die Installation von WLan ein großes Problem.“ Doch die Digitale Agenda aus Kiel soll dem abhelfen. Denn die Landesregierung sieht darin vor, alle öffentlichen Gebäude mit WLan auszurüsten.

Im kommenden Jahr planen die Lübecker Museen, das Stadtarchiv, die Stadtbibliothek und der Bereich Archäologie der Stadt eine große Ausstellung zum 875 Geburtstag der Hansestadt. Dabei sollen Stücke aus den vergangenen knapp neun Jahrhunderten über die Geschichte der Stadt erzählen. Auch hier möchte Wißkirchen gerne Inhalte mit digitalen Medien vermitteln. „Sie sollen helfen, die Exponate zum Sprechen zu bringen“, sagt er. Die Spannbreite an Wissensvermittlung ist groß. Andere Museen gehen diesen Weg schon länger, bieten Apps für Smartphones oder Tablets an. Manche haben Digitorials für ihre Ausstellungen im Netz oder bieten digitale Zugänge in ihre Datenbanken. Das Frankfurter Städel hat zum Beispiel eine App für die Virtual-Reality-Brille Gear VR entwickelt, mit der die Besucher eine Zeitreise ins Städel des 19 Jahrhundert machen können. „Das Internet bietet wunderbare Chancen, alles zu zeigen“, sagt Hans Wißkirchen.

Angst, dass die Besucher wegbleiben und nur noch virtuell die Museen erforschen, hat er nicht. Er sieht die Digitalisierung auch als Marketingstrategie. Wer einmal virtuell durch die Gänge des Museums gelaufen ist, will das Erlebnis irgendwann auch in die Realität umsetzen. Denn den Gang durch eine Ausstellung, um ein Meisterwerk von Angesicht zu Angesicht zu betrachten, die Farbschichten eines Bildes zu erkennen oder die feinen Bearbeitungsspuren an einer Plastik zu sehen, kann kein Computerbildschirm ersetzen.

Auch Dr. Felicia Sternfeld beobachtet das Thema Digitalisierung sehr genau. „Es ist ein Riesenthema in der Szene“, sagt die Direktorin des Europäischen Hansemuseums in Lübeck. Allerdings sieht sie die digitale Erfassung der Kunstwerke, die in dem erst 2015 fertig gestellten Museum gezeigt werden, nicht als oberste Priorität. „Für Museen mit einer Sammlung ist das Thema sicher wichtig. Unser Schwerpunkt ist ja ein anderer“, sagt Sternfeld.

Das Europäische Hansemuseum setzt jetzt schon auf den Einsatz von moderner Museumstechnik an anderer Stelle. So kann man sich schon beim Kauf eines Museumstickets für eine Hansestadt und Sprache entscheiden und an verschiedenen Medienstationen, die über die gesamte Ausstellung verteilt sind, vertiefende Informationen auf großen Monitoren über „seine“ Stadt erhalten. Große Monitore, auf denen viele Details über die Zeit der Hanse vermittelt werden, wechseln sich ab mit Räumen, in denen Ausstellungsstücke die Besucher in die Zeit vor 500 Jahren versetzen. An der Darstellung wird immer noch weiter gefeilt. „In unserem Konzept gibt es immer noch Änderungen. Das ist quasi Work in Progress“, sagt Sternfeld. Sie kann sich auch den Einsatz von Virtual Reality-Brillen für das Hansemuseum vorstellen. „Das sind einfach Entwicklungen, die nicht aufzuhalten sind.“   •

Majka Gerke

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