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Die Wirtschaft Selten in Führungspositionen
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14:41 27.11.2018
Das Bild zeigt die Realität in vielen Einrichtungen – aber auch ein unüberwundenes Klischee. Bis heute dominieren Frauen in den Pflegeberufen. Quelle: HALFPOINT/FOTOLIA

In der Alten- und Krankenpflege sind Frauen traditionell stark vertreten. Doch sie sind oft schlecht bezahlt, arbeiten häufig in Teilzeit - und immer noch zu selten in Führungspositionen.

Die gute Nachricht: seit letztem Jahr war erstmals mehr als die Hälfte der Ärzteschaft in den Krankenhäusern Schleswig-Holsteins weiblich. Aber: um so höher die Hierarchieebene, um so seltener sind Frauen vertreten. Nicht mal jede dritte Oberarztstelle ist mit einer Ärztin besetzt, der Anteil der Chefärztinnen liegt nur noch bei 14 Prozent. 

Und: die Hauptarbeit in der Pflege machen weiterhin die Frauen. Vieles davon in Teilzeit, vieles schlecht bezahlt und noch mehr ehrenamtlich mit der Pflege der eigenen Familie.

„Es gab historisch gesehen mal Phasen, in denen tatsächlich mehr Männer in dem Bereich gearbeitet haben“, erklärt Patricia Drube von den „Krankenwärtern“. Mit der Schleswig-Holsteinerin steht erstmals eine Frau an der Spitze einer Landespflegeberufekammer - und das ist gut so, schließlich sind über 80 Prozent der Pflegefachpersonen in Schleswig-Holstein weiblich. In der Altenpflege arbeiten 84 Prozent Frauen, in der Krankenpflege 81 Prozent.

Traditionell sind beides typische „Frauenberufe“, ausgehend von den Ordensschwestern, die Siechende und Sterbende pflegten. „Es ist auch ein Assistenberuf. Die weiblichen Schwestern assistierten den männlichen Ärzten“, erläutert Drube.

Doch während in der Ärzteschaft eine Durchmischung stattgefunden - hat sich an der Geschlechterverteilung beim Pflegepersonal, einem immerhin auch körperlich anstrengenden Beruf, wenig geändert? Warum ist das so?

„Männer gehen nicht in Frauenberufe“, meint Patricia Drube. Bei einer Studienreise in skandinavische Länder habe diese Frage auf der Agenda gestanden. Dort funktioniere es zwar umgekehrt beispielhaft - Frauen erobern die Männerberufe. Aber männliche Krankenpfleger? Männliche Altenpfleger?

„Frauen arbeiten in diesen Gesundheitsberufen, Männer arbeiten auf der Werft“, fasst Steffen Kühhirt die alten, traditionellen Rollenmuster zusammen. Kühhirt ist Landesfachbereichsleiter für „Gesundheit und Soziales“ im Landesbezirk Nord der Gewerkschaft Verdi. „Die Versuche, diese Berufsbilder in der Pflege für Männer zu öffnen, sind bisher nicht in dem Umfang geglückt, dass man von einem Kulturwandel sprechen kann.“

In den USA hoffte man mit der Kampagne „Are you man enough to be a nurse?“ (Bist du manns genug, eine Krankenschwester zu sein?) auf mehr Männer. Ohne Erfolg. Patricia Drube: „Hier in Schleswig-Holstein signalisieren mir die Ausbildungsstellen zwar, dass der Männeranteil bei den Auszubildenden steigt. Eine Trendwende sehe ich noch nicht."

Immerhin macht sie Mut: „Die Pflege ist kein Beruf, den ,man’ nicht kann. Es wäre auch im Interesse der männlichen Patienten, wenn mehr Männer den Beruf ausüben würden.“ Im Pflegeversicherungsgesetz ist verankert, dass Patienten auf Wunsch von Pflegerinnen oder Pflegern des jeweils eigenen Geschlechts versorgt werden können müssen. „Das ist nicht realisierbar, aber nachvollziehbar“, so Drube.

Das Potential der Männer müsse gerade in den Zeiten des Fachkräftemangels erschlossen werden. „Das gelingt uns in den Berufen nicht. Und das ist ein Dilemma“, so Steffen Kühhirt. Früher half der Zivildienst, junge Männer am Beginn ihrer beruflichen Bildung von der Möglichkeit der Arbeit im Bereich Alten- oder Krankenpflege zu überzeugen. „Es waren nicht wenige Männer, die so bei uns gelandet sind“, betont Patricia Drube. Und die fehlen nun.

Wichtig sei es, das Berufsbild in den Köpfen gerade zu rücken. „In den Fernsehserien sieht man die weibliche Krankenschwester, die als Dekoration den Vanillepudding auf den Nachttisch des Patienten stellt“, erzählt Patricia Drube. Und da liegt das Problem: das Berufsbild stimme nicht, weder vom augenscheinlich „naturgegebenen“ Gesetz der Weiblichkeit noch vom Arbeitsinhalt in einem Beruf, der weit mehr leistet als Vanillepudding hinstellen und Bettpfannen leeren. „Wir sind Übersetzer, Lotsen und Koordinatoren für die Patienten in diesem Gesundheitssystem. Ohne unsere Zuarbeit und unsere Arbeit würde nichts funktionieren.“

Patricia Drube erzählt von den Vorurteilen, von den Menschen, die sagen, das könnten sie nicht, das mit den Exkrementen und so: „Aber gut, dass du das machst.“ Deshalb sei sie stolz darauf, „dass ich an der Gesichtsfarbe eines Menschen erkennen kann, welche gesundheitlichen Probleme er haben könnte. Dass ich bei einem dementen Menschen, der sich nicht mehr äußern kann, erkenne, ob er Schmerzen hat. Das ist doch das, wo ich sage, das ist ein interessanter Beruf. Aber genau das verbinden die Menschen nicht mit dem Beruf.“ Und das wäre vielleicht genau das, was Männer reizen könnte, in dem Metier zu arbeiten. Dazu müsse aber auch - definitiv - eine bessere Bezahlung kommen.

Denn was Männer vom Pflegeberuf abhält, ist maßgeblich auch der Lohn, gerade angesichts der Vorstellung, als Mann müsse man der Familienernährer sein.

„Junge Leute gucken, was sie in welcher Branche verdienen“, kommentiert Drube. Und die Pflegeberufe gehören, trotz Schichtarbeit, intensiver Ausbildung und großer Verantwortung, nicht zu den gut bezahlten Jobs. Schlecht bezahlte Teilzeitarbeit als Zuverdienst für den (männlichen) Hauptverdiener - das ist nicht nur das Bild der Pflege, sondern oft genug beziehungsweise viel zu oft Realität.

„Die offizielle Quote für Teilzeitarbeit in Schleswig-Holstein in der Pflege liegt bei 40 bis 45 Prozent. Aber die Dunkelziffer ist deutlich höher“, sagt Steffen Kühhirt. Arbeitgeber vergeben „Vollzeitverträge“ mit nur 20, 30 Wochenstunden, die nicht als Teilzeitarbeit gelten. Unter Beachtung dieser Verträge steige, so Kühhirt, die Teilzeitquote auf bis zu 60 Prozent. Darunter auch „freiwillige Teilzeit“ durch die familiäre Doppelbelastung, permanente Arbeitsüberlastung, gerne gepaart mit Überstunden bis hin zur Vollzeitbeschäftigung.

Vergleichsweise schlecht sind etwa die Arbeitsbedingungen bei mobilen Pflegediensten. Dort arbeiten Frauen (und - weniger - Männer), die von Patient zu Patient fahren und all das in der Häuslichkeit erledigen, was den Älteren schwer fällt. Bezahlt wird selten, ganz selten, nach Tarif. Die Fachkräfte bekommen einen Pflegemindestlohn von 10,55 Euro die Stunde, brutto. „Wer dann Vollzeit arbeitet, bekommt 1700 Euro brutto“, rechnet Steffen Kühhirt vor, „und bei Teilzeit vielleicht 1400 Euro.“ Das betrifft 98 Prozent der Beschäftigten im Bereich mobile Pflege. „Je nach Anbieter sind die Arbeitsbedingungen sehr oft überdurchschnittlich schlecht“, so Kühhirt. Das Benzin für die Fahrten zwischen den Patienten muss mitunter selbst gezahlt werden von einem Lohn, der nicht zum Leben reicht, geschweige denn dazu, eine Familie zu ernähren. „Die Altersarmut ist vorprogrammiert“, weiß Steffen Kühhirt. Ein Risiko, dass fast ausschließlich Frauen betrifft.

Bessere Bezahlung gäbe es nur für Chefinnen. Verglichen mit anderen Branchen sind Frauen in Führungspositionen im Gesundheitswesen zwar besonders häufig anzutreffen, 36,5 Prozent. „Es müssten aber entsprechend dem Gesamtanteil 80 Prozent sein“, sagt Patricia Drube. „Meine eigene Wahrnehmung bestätigt die Untersuchungen, im Bereich der Stationsleitung gibt es noch viele Frauen, aber in der Pflegedirektion, dem höchsten Pflegejob, sind 90 Prozent Männer. Das ist doch beachtlich. Männer suchen sich in den Pflegeberufen die männlichen Nischen, sie gehen schneller in Leistungspositionen oder in die Funktionsdienste wie Forensik oder Intensivpflege“, sagt Drube.

Die Chancen, aus der Pflege in eine Leitungsposition zu kommen, sind extrem gering. „Die ambulanten Pflegedienste werden von Männern geführt. Dass eine Frau als Pflegekraft sich diese Führungsposition erarbeitet, ist nahezu ausgeschlossen“, sagt Steffen Kühhirt. Weiterbildung ist kaum möglich, wird nicht angeboten und durch Freistellung möglich gemacht. Kühhirt: „Die Arbeit ist so getaktet, dass kaum Zeit und Kraft für die Weiterbildung übrig bleibt!“ Politische Rahmenbedingungen mit einer Weiterbildungspflicht wären eine Option.

Nicole Hollatz