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Die Wirtschaft Sprache ist ein wichtiger Anhaltspunkt
Anzeigen und Märkte Die Wirtschaft Sprache ist ein wichtiger Anhaltspunkt
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14:52 27.11.2018
Haben Frauen den Vortritt? Oder werden sie wenigstens gleichberechtigt behandelt? Frauen, die sich bewerben, sollten sich auch darüber im Klaren werden, was sie unter Frauenfreundlichkeit verstehen. Quelle: PICT RIDER/STOCK.ADOBE.COM

„Wie machen Sie es denn eigentlich mit der Kinderbetreuung?“ Diesen Satz hat bestimmt schon die ein oder andere Frau bei einem Bewerbungsgespräch gestellt bekommen. Klingt eigentlich recht harmlos, aber die Formulierung kann schon ein Hinweis darauf sein, dass das Unternehmen bezüglich Frauenfreundlichkeit nicht besonders fortschrittlich aufgestellt ist.

„Im Bewerbungsgespräch können Frauen schon viel über die Frauenfreundlichkeit des Unternehmens herausfinden“, sagt Stefanie Kohlmorgen vom Frauennetzwerk zur Arbeitssituation. Der gemeinnützige Verein wurde 1985 von engagierten Frauen gegründet, das Ziel des Vereins ist die Unterstützung und Förderung von Frauen im Erwerbsleben sowie die quantitative und qualitative Verbesserung der Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. „Im Bewerbungsgespräch sollte die Frage nach der Kinderbetreuung zumindest reflektiert gestellt werden, etwa: Wie haben Sie mit ihrem Partner oder Partnerin gemeinsam die Kinderbetreuung organisiert? Und benutzt der oder die mögliche Arbeitgeber oder Arbeitgeberin eine gendergerechte Sprache?“, sagt Kohlmorgen.

Es gibt aber auch schon vor dem Bewerbungsgespräch viele Möglichkeiten und Anhaltspunkte, die Frauenfreundlichkeit eines Unternehmens zu prüfen. Marion Joppien, stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), hat einige Tipps für Frauen, die sich schon vor der Einstellung mit den Bedingungen an ihrem neuen Arbeitsplatz auseinandersetzen wollen. „Es fängt schon mit der Stellenausschreibung an: Werden überhaupt beispielsweise Ärztinnen angesprochen oder ist nur von Ärzten die Rede? Wie geschlechtergerecht ist die Sprache des Unternehmens? Das ist schon ein wichtiger Anhaltspunkt“, sagt Joppien. Sie rät Frauen, auf den Homepages der Unternehmen zu recherchieren, wie viele Frauen überhaupt im Unternehmen auf welchen Positionen arbeiten und ob Frauenförderung ein erklärtes Ziel des Unternehmens ist. Für den oberärztlichen Bereich im UKSH ist die Quote von Frauen aktuell nur bei 30 zu 70, wie bei anderen Universitätskliniken auch. In den vergangenen Jahren hat sie sich verbessert, auch weil Frauen bei gleicher Eignung vorrangig eingestellt werden.

Der Blick auf die Homepage gibt erste Informationen

Auch Elke Sasse, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Lübeck, rät Frauen, sich vor einer Bewerbung genau auf der Homepage des Unternehmens zu informieren. „Werden hier Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf wie etwa Teilzeit-, Gleitzeit- oder Telearbeit genannt? Gibt es einen Frauenförderplan? Wie hoch ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen im Unternehmen?

Gibt es dafür besondere Fördermaßnahmen?“, fragt Elke Sasse. Außerdem könnten sich Frauen auch bei der Personalabteilung oder dem Betriebsrat des Unternehmens erkundigen, ob es besondere Förderungsmaßnahmen für Frauen gebe, ob es eine Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte oder sogar eine eigene Betriebs-Kita gebe.

Darüber hinaus weist Sasse auf Zertifikate hin, die auf die Familienfreundlichkeit von Unternehmen hinweisen. Das „audit berufundfamilie“ beispielsweise zeichnet seit mehr als 20 Jahren Unternehmen aus, die sich im Bereich der familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik engagieren. Dabei werden im Prozess der Auditierung des Unternehmens Instrumente zur Unterstützung von Privatleben und Beruf evaluiert und Maßnahmen vereinbart.

Marion Joppien vom UKSH stellt allerdings auch klar, dass Gleichstellung nicht nur von Unternehmen, sondern auch vom Arbeitnehmer oder der Arbeitnehmerin selbst gefördert werden muss.

„Gleichstellung fängt zuhause an“, sagt Marion Joppien. „Wenn sich Frauen kindkrank melden und die Männer selten, dann geht es auch nicht. Es kommt aber in der Realität häufig vor, dass Paare wieder in alte Muster zurückfallen, wenn das Kind erst einmal da ist. Das kommt auch daher, weil in vielen Unternehmen nicht genügend Angebote für flexible Arbeitszeiten angeboten werden und die Frauen deswegen auch keine Möglichkeit haben.“ Zum Glück gebe es heutzutage viele Männer, die in der Erziehung einen verantwortungsvollen Part einnehmen und daran teilhaben wollen. „Sie wollen gern aktiv an der Erziehung mitgestalten. Es geht für Unternehmen darum, Maßnahmen umzusetzen, um eine Geschlechtergerechtigkeit in Unternehmen zu verbessern. Davon profitieren auch Männer. Und Frauenförderung ist ein Teil davon.“

Das UKSH wurde im vergangenen Jahr erneut für seine Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit dem „audit berufundfamilie“ zertifiziert. „Das UKSH hat in den vergangenen Jahren die Angebote für Mütter und Väter sowie derer, die beispiels weise die Betreuung oder Pflege von Angehörigen übernehmen oder kurz vor der Rente stehen, ausgebaut und passt sich dem demographischen Wandel an. Die Interessen des UKSH und die seiner Beschäftigten in Balance zu bringen, ist ein fortwährender Prozess, dem wir uns auch künftig gerne stellen wollen“, sagt Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des UKSH, nach der erneuten Zertifizierung. „Dabei geht es darum, die verschiedenen Lebensphasen im Hinblick auf die Berufstätigkeit zu berücksichtigen. Die Personalpolitik am UKSH bezieht auch unvor hergesehene Lebensereignisse ein und bietet Möglichkeiten zur Entwicklung und Umsetzung passgenauer Instrumente.“ Die Kitas des UKSH haben beispielsweise von 5.45 Uhr bis 21 Uhr geöffnet. Mit der „Perspektive Wiedereinstieg“ bietet das UKSH allen Beschäftigten nach Mutterschutz, Elternzeit oder Sonderurlaub Workshops, um den Einstieg ins Berufsle ben zu erleichtern.

„Die Benachteiligung von Frauen geschieht auch heute noch oft ‚unbeabsichtigt‘“, sagt Elke Sasse. Dies führe zum Teil zu einer Benachteiligung des Unternehmens. „Wenn eine Führungsposition beispielsweise ausschließlich in Vollzeit- und ohne einen Hinweis auf die Möglichkeit auf Teilzeit-, Gleitzeit- oder Telearbeit ausgeschrieben wird, bewerben sich gut ausgebildete und qualifizierte Frauen und auch Männer nicht, die aufgrund von Sorgearbeit (Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen) nur ‚vollzeitnah‘, also zum Beispiel 35 Stunden pro Woche, arbeiten können.“ Unternehmen könnten sich durch solche Maßnahmen übrigens schon heute auf die Wünsche der „Generation Y“ vorbereiten, die von Unternehmen mehr Freiräume für private Zeit erwarten.

Wird Rücksicht auf Lebensphasen genommen?

Bevor Frauen in einem Unternehmen anfangen zu arbeiten, sollten sie sich vergegenwärtigen, was Frauen- beziehungsweise Familienfreundlichkeit überhaupt bedeuten kann - und dann das Unternehmen nach diesen Aspekten prüfen. „Ein frauenfreundliches Unternehmen zeichnet sich dadurch aus, dass es Rücksicht auf die verschiedenen Lebensphasen der Beschäftigten nimmt und um die noch immer vorhandene klassische Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen weiß“, sagt Elke Sasse. Das Unternehmen müsse spezielle Weiterentwicklungs- und Karrieremöglichkeiten anbieten, eine gleiche Bezahlung beider Geschlechter für eine gleichwertige Tätigkeit sei natürlich selbstverständlich. „Parallel gehören dazu Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie - übrigens nicht nur für Frauen. Sprich: flexible Arbeitszeiten, die Möglichkeit Stunden zu reduzieren und später auch wieder aufzustocken oder einen Teil der Arbeit von zu Hause aus zu erledigen, aber auch aktive oder finanzielle Unterstützung bei der Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen.“

Hannes Lintschnig