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15:25 28.09.2018
Julia Derndinger ist Gründerin, Unternehmerin und Investorin. Seit mehr als zehn Jahren ist die gebürtige Hamburgerin bundesweit als „die Gründertrainerin“ fest in der deutschen Start-up-Szene etabliert. Quelle: Derndinger

Die Gründe, warum sich Menschen selbstständig machen, sind unterschiedlich. Aber vor allem muss man zunächst unterscheiden zwischen Selbständigkeit und Unternehmertum. Selbstständigkeit bedeutet, einer eigenständigen Tätigkeit nachzugehen, ein Gewerbe zu haben oder als Freiberufler tätig zu sein. Unternehmer hingegen bauen ein Unternehmen auf, bei dem in der Regel die Leistungserbringung – also die Dienstleistung oder das Produkt – nicht nur von mir, sondern vom gesamten Unternehmen erbracht wird. Im zweiten Fall ist es die Idealsituation, wenn das Unternehmen auch (über-)lebensfähig ist, wenn ich als Unternehmer mal nicht da bin – vorausgesetzt, ich habe es richtig aufgebaut“, sagt Julia Derndinger aus Hamburg, die Unternehmen und Start-ups berät. „Im ersten Fall habe ich in der Regel kein Einkommen, wenn ich selber nicht arbeite.“

Bei der Motivation, um sich selbstständig zu machen, gehe es vor allem um zwei unterschiedliche Aspekte: „Zum einen gibt es Menschen, die sich selbstständig machen oder Unternehmer werden, um reich zu werden. Das ist sicher ein großer Motivator, aber es ist eben auch nur ein Aspekt, der motivieren kann und das vielleicht nicht dauerhaft. Ich bevorzuge hingegen die zweite Kategorie von Menschen, die Unternehmen gründen, weil sie die Welt verändern wollen – entweder indem sie ein Problem erkannt haben, von dem sie der Meinung sind, dass es gelöst werden muss, oder weil sie eine Erfindung gemacht haben, von der sie glauben, dass die Welt sie braucht.“ Das seien häufig Menschen, so Gründertrainerin Derndinger, die für ihr Thema große Leidenschaft haben. „Zudem beweisen sie ein sehr großes Durchhaltevermögen und wissen zu kämpfen, bis ihre Idee erfolgreich umgesetzt wurde.“

Hat ein Jungunternehmer seine Idee gefunden und einen sogenannten Product Market Fit hat – das heißt eine Idee, die auch Kunden und Nutzer findet – dann habe er schon eine große Herausforderung gemeistert, so Derndinger. In der nächsten Phase gehe es dann um Themen wie: Wie mache ich richtig Vertrieb und Marketing? Wie mache ich mehr Umsatz? „Es geht in der Regel mittelfristig darum, zu wachsen und mit einer gewissen Anzahl von Kunden mehr Umsatz zu machen oder mehr Kunden zu gewinnen.“

Dazu sei es es irgendwann notwendig, Leute an Bord zu holen, die etwas besser können als man selbst als Gründer. Häufig sei es schwierig, diese Mitarbeiter zu finden, die dann auch zum Gründer passen müssen, die richtige Ausbildung und die richtige Motivation haben sollen, sagt Derndinger: „Wie beurteile ich das, wenn ich selber nicht Experte in dem Bereich bin und zudem so schnell wie möglich die Stelle besetzen will?“ Im nächsten Schritt müsse der Gründer den Wunschkandidaten dann auch noch für sein Unternehmen gewinnen. „Insofern ist die ganze Thematik Mensch, also die richtigen Leute für mein Team zu gewinnen, und der Teamaufbau eines der größten Themen, mit dem sich Gründer und Unternehmer immer wieder beschäftigen müssen. Neben Unternehmer sind sie dann auch Führungskraft. Wenn ich nämlich die richtigen Leute an Bord habe, dann bringen die alleine die richtigen Themen voran.“

Einer der „Klassiker“ beim Scheitern von Unternehmen sei, ein Produkt zu entwickeln , was ein Bedürfnis befriedigt, das allein der Gründer hat – aber sonst niemand: „Das heißt ich habe ein Produkt oder eine Dienstleistung am Markt vorbei entwickelt – und der Product Market Fit fehlt. Das ist eigentlich schon der Anfang vom Ende“ Deshalb empfiehlt die Beraterin, frühzeitig zu testen und Marktforschung zu betreiben: „Das geht, indem ich Leute frage, ob sie das Produkt kaufen würden, was sie dafür bereit wären zu zahlen, welche Sachen sie sich noch an dem Produkt wünschen und welche Probleme sie haben, die gelöst werden sollen. Häufig kann man das auch schon testen, bevor man das eigentliche Produkt entwickelt, indem man einen Prototyp baut und die Zahlungsbereitschaft abfragt oder schaut, wie Kunden darauf reagieren.“ Mit dem Internet sei es einfacher geworden Ideen und ihr Marktpotential zu testen.“

Dass Scheitern als Gründer und eine Insolvenz in Deutschland immer noch als persönliches Scheitern gesehen werden – sich andererseits um das Scheitern als Chance mittlerweile viele Diskurse drehen, betrachtet Julia Derndinger differenziert: „Offen gestanden bin ich gar nicht so der Fan vom Begriff des Scheiterns. Ich glaube, ich bin bei vielen Dingen sicher nicht erfolgreich gewesen, aber bis zum Scheitern ist es immer gar nicht gekommen. Ich habe etwas angefangen, angepasst und wenn es dann nicht erfolgreich wurde, habe ich es geändert oder eingestellt. Das war für mich gar kein persönliches Scheitern, es war alles vielmehr ein Experiment, ein Ausprobieren, und das ist toll!“ Man könne etwas ausprobieren, und wenn man es einstellt, sei das noch immer kein Scheitern. „Eine Insolvenz ist da sicher anders. Natürlich ist eine Insolvenz dramatisch – insbesondere in Deutschland, weil einem danach Steine in den Weg gelegt werden, ein neues Unternehmen zu gründen. Das liegt daran, dass es in der Regel Gläubiger gibt, die draufgezahlt haben und dass sich auch nicht immer alle bewusst waren, dass sie in der Zusammenarbeit mit einem Start-up ein Risiko eingehen. Insofern ist man in Deutschland nach einer Insolvenz schon gebrandmarkt.“

Tatsächlich müsse in Deutschland mit der Stigmatisierung der Insolvenz aufgehört werden. Vielmehr sei ein Wertekodex nötig: „Wir dürfen nicht leichtfertig Firmen in die Insolvenz gehen lassen und wir müssen den unternehmerischen Mut der Menschen, die mutig genug sind etwas zu starten und Arbeitsplätze zu schaffen, ganz anders hervorheben! Wir brauchen Rollenbilder, wir brauchen mehr Mut und wir brauchen auch mehr unternehmerisches Denken in den Unternehmen.“

Wenn es um Trends geht, beobachtet Derndinger derzeit in Deutschland vor allem viele sogenannte Business-Modell-Gründungen: Dabei werden vorhandene Geschäftsfelder digitalisiert.

Es handelt sich aber nicht wirklich um ein neues Produkt, eine Erfindungen oder eine technische Revolution. „Mir fallen hier Geschäftsmodelle für die klassischen Branchen ein, Optiker, Versicherungen, Schuhhändler oder Banken verlagern ihr Kerngeschäft ins Internet, häufig kommt auch jemand, der zuvor gar nicht in der Branche war und macht das einfach.“ In den USA und auch in Deutschland gebe es aber auch im universitären Umfeld sehr viele Gründungen, die wirklich neue Technologien, Erfindungen und Patente zur Grundlage haben. „Diese Ideen erfahren aber in Deutschland nicht so viel Aufmerksamkeit oder Sichtbarkeit. Es ist schade, dass hier das Potential deutscher Hochschulen nicht mehr gewürdigt wird. Häufig liegt das aber auch daran, dass dem Erfinder-Team ein kaufmännischer Kopf fehlt, um zum durchschlagenden Erfolg zu kommen.“

Das größte Problem in Deutschland sei, dass es gesellschaftlich weder anerkannt noch erstrebenswert sei, Gründer und Unternehmer zu sein: „Es fehlt uns nach wie vor an Vorbildern und Wertschätzung für den Beruf des Unternehmers. Ein Gründer und Unternehmer geht ein großes persönliches Risiko ein, er trägt Verantwortung für sein Unternehmen, die Mitarbeiter und ein Totalverlust seines Vermögens ist möglich. Selbst dann, wenn er erfolgreich ist, erntet er dafür selten Respekt, Wertschätzung und gesellschaftliche Anerkennung. Solange das Berufsbild des Unternehmers einen so schlechten Ruf hat, werden wir nicht mehr Leute dazu bekommen, Unternehmer zu werden.“

Allen, die unzufrieden in einem Arbeitsverhältnis stecken und mit der Selbstständigkeit liebäugeln, empfiehlt Derndinger, ihre Geschätfsidee zunächst im Kleinen zu testen: „Plane ich ein Restaurant zu eröffnen, kann ich die Zahlungsbereitschaft zunächst auf dem Wochenmarkt, mit einem Cateringangebot oder in einem Pop-up Store testen. Neue Produkte kann ich über Kick-Starter-Kampagnen an den Mann bringen oder mit potentiellen Kunden vor Fertigstellung Rahmenverträge abschließen. Im Idealfall habe ich bereits Kunden hinter mir, die mir die Produktentwicklung gegen einen Preisnachlass mitfinanzieren. Ich würde versuchen den Druck, das eigene Gehalt mit der Selbständigkeit zu verdienen, so weit wie möglich nach hinten zu schieben.“

Carsten Schmidt