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Die Wirtschaft Wird die Wirtschaft kreativer?
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14:57 27.11.2018
Ideenreich, offen und vernetzt: Heute kann jeder, der nicht aufsteigt oder dessen Ideen kein Gehör finden, selbst sein Unternehmen gründen. Quelle: ALPHASPIRIT/FOTOLIA

An Ideen mangelt es nicht, nur werden sie in größeren Unternehmen selten umgesetzt - Start-ups sind da viel agiler.

Bis vor einem Jahr waren sie noch für einen regional bekannten Windkraftanlagen-Hersteller tätig. Heute arbeiten Gunter Fischer und Thomas Kopetsch für ihr eigenes Unternehmen. Die zündende Idee für ihr Produkt, mittels künstlicher Intelligenz sämtliche Prozesse energieeffizienter und kostensparender zu gestalten, ist den beiden Programmierern an ihrem früheren Arbeitsplatz gekommen. Als ihr Vorgesetzter keine Veranlassung mehr sah, der Produktidee weiter zu folgen, haben sie sich gemeinsam entschieden, ihre festen Jobs an den Nagel zu hängen - und stattdessen ein Start-up zu gründen.

Ein Fall, der symptomatisch für einen flächendeckenden Trend steht, der von den großen Playern in der Wirtschaft kaum mehr aufzuhalten ist. Er geht einher mit der zunehmenden Digitalisierung, die es Kleinstunternehmern und Freiberuflern leicht macht, sich jederzeit und überall zu vernetzen, im Handumdrehen an Waren, Rohstoffe und Dienstleistungen aus aller Welt zu kommen. Er geht einher mit jenem Wertewandel, der sich als Nebenprodukt der wirtschaftlichen Globalisierung entfaltet, hin zu mehr Neugier, Offenheit und Teilhabe - sowohl über gesellschaftliche als auch geografische Grenzen hinweg. Und er geht einher mit den wachsenden Ansprüchen an die Arbeitswelt, von der künftige Generationen schon weit mehr erwarten als flexible Arbeitszeiten, die Chance auf ein Sabbatical oder nachhaltige Unternehmensziele.

„In der Weltordnung der Unternehmen, wie wir sie als Kinder kennenlernten, werden in den kommenden beiden Jahrzehnten viele alte Supermächte untergehen und neue entstehen“, heißt es im Vorwort des Buchs „New Business Order“ der beiden Hamburger Wirtschaftsberater Christoph Giesa und Lena Schiller-Clausen. „Kleine Spieler erkennen Glaubenssätze in Märkten, kehren diese um und rollen mit disruptiven Produkten und Geschäftsmodellen ganze Branchen auf.“ Erfolg und eine wachsende Anzahl mittelgroßer Unternehmen, die flexibel auf sich rasch ändernde Kundenbedürfnisse reagieren, würden ihrer Ansicht nach die neue Weltwirtschaftsordnung stärker denn je kennzeichnen.

Interessant ist vor diesem Hintergrund, auf welche Art und Weise die Start-ups wie im oben erwähnten Fall zustande kommen: Ein oder mehrere Mitarbeiter in einem Betrieb stoßen auf eine neue Idee, die sie umsetzen wollen. Das Unternehmen ist nicht in der Lage, diesen Wunsch zu befriedigen, man sieht keine finanziellen, personellen oder sonstigen Ressourcen. Doch anstatt sich damit zufrieden zu geben, überlegen sich die Angestellten selbst, wie sie ihre Idee unternehmerisch umsetzen können.

„Die Zeiten, in denen der Chef es immer besser wusste, sind endgültig vorbei“, konstatieren Giesa und Schiller-Clausen. Die Angestellten scheinen selbstbewusster, eigenständiger geworden zu sein, willig, ihre Vorstellungen und Ideen durchzusetzen, im Zweifel auch ohne die Zustimmung des Arbeitgebers. Dabei lässt sich das proaktive Agieren dieser neuen Generation der Gründer, die sich aus einem Angestelltenverhältnis heraus in die Selbständigkeit verabschieden, genauso mit dem Begriff des Unternehmers beschreiben wie ihre Vorgesetzten.

Sie erscheinen als Innovatoren, die neue Ideen aufgreifen und durchsetzen wollen, und dazu materielle wie immaterielle Kräfte kreativ kombinieren. Sie verdrängen die bestehenden Strukturen, zerstören sie und erschaffen neue. Das einzig Gefährliche dabei ist, dass von ihnen ein solches Handeln und Verhalten schöpferischer Zerstörung gar nicht erwartet wird. Zumindest aus Sicht des Arbeitgebers befinden sie sich zunächst noch in der Rolle des Arbeitnehmers.

Mit anderen Worten: Heute kann theoretisch jeder, der nicht aufsteigt oder dessen Ideen kein Gehör finden, stattdessen selbst sein Unternehmen gründen. Vor ein paar Jahren mag das noch illusorisch geklungen haben, doch inzwischen scheint es das ganz und gar nicht mehr zu sein.

Diese Entwicklung befördert einerseits die industrielle Dynamik und schafft Wirtschaftswachstum. Andererseits wird es für die Arbeitgeber umso wichtiger, sämtliche Abläufe in ihrem Betrieb insgesamt attraktiver zu gestalten, damit sich ihre Mitarbeiter noch möglichst lange wohl und zufrieden bei ihnen fühlen. Dazu gehört auch, die Angestellten einzubeziehen, ihre Ideen und Vorschläge ernst zu nehmen. Und ihnen beispielsweise den Zugang zu Workshops oder Arbeitsgruppen zu eröffnen, damit sie sich und ihre Kreativität ausleben können - besser innerhalb als außerhalb des Unternehmens.

Die neuen Paradigmen lauten: Flexible Selbstorganisation statt fester Vorgaben. Aktive Moderation statt blinder Führung. Co-Working-Spaces und Teilhabe statt abgeschlossene Abteilungen und Silodenken.

Wie werden die Unternehmen damit umgehen? Wird Wirtschaft kreativer? Weil unzufriedene Mitarbeiter die reale Chance haben, gemeinsam ihr eigenes Start-up zu gründen? Weil die großen Unternehmen versuchen werden, auf die schnellen Entwicklungen der Start-ups zu reagieren? Weil die agilen Start-ups mit Ideen auf den Markt gehen, die ihre starren Konkurrenten selbst in fünf oder zehn Jahren nicht umsetzen könnten? Weil die kleinen Start-ups von heute auch bald mittelgroße Unternehmen sind, die sich von ihrem tradierten Wettbewerb durch intrinsisch motivierte Teams unterscheiden, weshalb sie ihre Kunden besser erreichen?

Fakt ist, Kreativität braucht Freiheit. Und die ist bei Start-ups noch am größten. Sie sind schnell und meist schlank aufgestellt. Sie produzieren relativ wenig Kosten, haben aber einen hohen Output an Ideen und Innovationen. Sie haben einen Vorsprung im Wissen, den direkten Zugang zu neuen Technologien und entwickeln digitale Geschäftsmodelle. Sie kreieren in ihren Branchen rasch halbfertige Prototypen, prüfen, verwerfen und konzipieren wieder neu. Dieses unbeschwerte, fördernde Trial-and- Error-Denken fehlt bereits den meisten größeren Unternehmen. In ihren kleinen Teams finden Start-ups schnell einen Konsens, treffen schnell Entscheidungen und setzen Neues unumwunden um.

Und auch aus personalpolitischer Perspektive lehren sie der großen Konkurrenz das Fürchten. Denn sie besitzen das Potenzial, ihnen junge Fachkräfte abzuwerben. In Start-ups sind die Wege nach oben kurz, die Hierarchien flach. Vor allem für Web-Entwickler, System-Administratoren, Produkt-Manager und Marketing-Spezialisten ist das attraktiv, weil sie meist ganzheitlich arbeiten und gestalten wollen. Bei den Start-ups herrscht ein Arbeitsumfeld, in dem man sich einbringen kann und Freiraum für persönliche Entwicklung vorfindet. Das können die größeren Unternehmen eher selten bieten.

Wiederum könnte genau das den Großen in die Karten spielen - denn wenn die jungen Berufstätigen in Start-ups erst einmal die Fähigkeit entwickelt haben, als Mitarbeiter auch unternehmerisch denken und handeln zu können, stellt das eine Qualifikation dar, die auch in großen Unternehmen gern gesehen wird. Die Frage ist nur, wie sie sie dann noch für sich zurückgewinnen.

Christoph Krelle