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Die Wirtschaft Zwei Wege an die Spitze
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15:14 26.11.2018
Nichts klappert, alles sitzt: Das Unternehmen von Carola Keller (Mitte) überholt unter anderem Klapptische, Armlehnen und Sitztaschen von Flugzeugen. Quelle: KRÜGER AVIATION

Frauen haben im Schnitt höhere Bildungsabschlüsse und bessere Führungskompetenzen als Männer. Dennoch sind sie in Chefetagen stark unterrepräsentiert. Was also hält sie vom Aufstieg ab?

Der Anteil weiblicher Führungskräfte im Mittelstand wächst zwar, jedoch nur langsam. Das Gros der Mittelständler wird immer noch von Männern geführt. Was bedeutet es, als Managerin im deutschen Mittelstand tätig zu sein?

Jeanette Rouvel (44) ist geschäftsführende Gesellschafterin der SPI GmbH und verantwortet gemeinsam mit Dirk Vollmer die Geschäftsleitung. Das IT-Systemhaus wurde von ihrem Vater vor mehr als 35 Jahren mit begründet. Als Digitalisierer für den Norden bietet das Unternehmen mit 40 Mitarbeitern und Sitz in Ahrensburg Beratung und Softwareentwicklung und ist zudem als Anbieter von CAD-Lösungen (computer-aided design) Spezialist in der Entwicklung von IT-Lösungen für die Blechindustrie.

Carola Keller (53) ist seit 2012 gemeinsam mit ihrem Bruder Nils Krüger geschäftsführende Gesellschafterin der Arthur Krüger Gruppe in Barsbüttel, die vor genau 80 Jahren gegründet wurde. Dort bearbeitet das Familien-Unternehmen mit ca. 150 Mitarbeitern sogenannte Halbzeuge: Platten, Rohre und Stäbe aus Kunststoff. Außerdem entstehen dort Innenverkleidungen für Flugzeuge und z.B. technische Teile für Transport-Mehrwegverpackungen.

„Humor ist effektiver als die Rolle der Geschäftsführerin“

Für beide Unternehmerinnen, die sich übrigens seit langem schätzen und regelmäßig austauschen, kommt es bei einer Führungskraft vor allem auf gute Kommunikationsfähigkeiten und Neugierde an. Jeanette Rouvel: „Authentizität und Humor funktionieren für mich viel besser als die Rolle ,Frau Geschäftsführerin’. Auch wenn man von mir häufig erwartet, alles zu können und alles zu wissen: Meine Mitarbeiter sind die Profis in unserem Geschäft.“ Außerdem sei Reflexionsvermögen eine sehr hilfreiche Eigenschaft. „Der Grundstein dafür wurde in meiner Erziehung gelegt, es folgte mein Studium der Erwachsenenbildung und Psychologie, der berufsbegleitende MBA und später meine Ausbildung zum Systemischen Management Coach.“

Ähnlich sieht es Carola Keller: „In Gesprächsrunden mit Männern bin ich Beobachterin und Zuhörerin. Ich nehme Inhalte und Kontexte auf und versetzte mich emphatisch in die Lage. Intuitiv habe ich die Eigenschaft entwickelt, zum richtigen Zeitpunkt Dinge gezielt zu hinterfragen und Entscheidungen einzufordern. Dabei geht es mir stets darum, das Beste für das Unternehmen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu vertreten und zu erlangen.“ Die 53-Jährige plädiert dafür, dass sich die Haltung zur Aufgabe des Führens ändern müsse. „Führung muss gemeinsam und zueinander gewandt gestaltet werden, möglichst unabhängig von Hierarchien.“ Da gehe es nicht um einseitige Betrachtungsweisen, sondern Vielfalt zur gemeinsamen Kreation von Innovation, Teamgeist und damit verbundenen Aufgaben, für die alle individuell und im Verbund ihre Verantwortung tragen. „Ich finde es wichtig, dass wir zwischen managen und führen Unterschiede erkennen und respektieren. Was wäre mit einer Haltung mit dem Motto ,Be a leader, serve the people?’, unabhängig von Genderfragen.“

Auch auf die Frage, ob sich die allgemeine Vorstellung von einer Führungskraft ändern muss, sind sich die beiden Managerinnen einig: Sie muss sich ändern! Als gutes Beispiel dafür, dass es auch anders geht, sieht SPI-Geschäftsführerin Jeanette Rouvel die Möglichkeiten für Frauen in familiengeführten Unternehmen, Familie und Beruf oder Karriere zu vereinen: „Nirgendwo kann man Beruf, Karriere und Familie besser unter einen Hut bekommen als in einem Familienbetrieb! Solche Mutmacher-Berichte müssen hinaus in die Welt.“ Natürlich gebe es bei dem heutigen „war for talents“ auch viele interessante Jobs im Angestelltenverhältnis mit Vereinbarkeitsversprechen. Aber, so Rouvel: „Dagegen könnten wir setzen: Bei uns gibt’s noch unternehmerischen Gestaltungsraum obendrauf! Wer sein unternehmerisches Flämmchen entdeckt hat, sollte nicht zögern und ein Feuer daraus machen.“

„Der Wille zur Führung liegt in der Natur der Frauen“

Aus Sicht von Carola Keller braucht es beim Thema weibliche Führungskräfte einen anderen Ansatz: „Ich gehe davon aus, und das sage ich aus eigener Erfahrung, dass Frauen gewillt sind, zu führen, ganz in ihrem in der Natur des Weiblichen liegenden Verhalten. Ich sehe eine derzeitige Sehnsucht von Frauen und Männern gleichermaßen, die eine feminine Seite genauso in sich tragen, wie die Frauen die maskulinen Eigenschaften zeigen, hier in eine Verbindung zu kommen, die weibliche Elemente oder Faktoren wie Intuition, Zuhören sowie Reflektieren in uns allen erlauben und andere Entwicklungen möglich machen.“ Die Chance auf ein motivierendes Umfeld für Frauen im Führungsnachwuchs liege demnach darin, Raum zu geben und zu erfahren, was Frauen anders machen und brauchen, um gut führen zu können. Carola Keller: „Frauen wollen es nicht um jeden Preis und am liebsten mit Freude und von Herzen, und zwar im Bestreben nach einem gemeinsamen Erfolg.“

„Zum Glück nie Diskriminierung erlebt"

Stellt sich die Frage, ob Frauen mehr gefördert werden sollten? Hier sind sich die beiden Unternehmerinnen uneins. „Ich habe glücklicherweise nie Diskriminierung erlebt, insofern habe ich mich noch nicht wirklich mit spezifischer Frauenförderung auseinander gesetzt“, sagt Jeanette Rouvel. „Generell ist mir schleierhaft, warum man Mitarbeiter einstellen, sie dann aber im Einsatz ihrer Kompetenzen hindern sollte. Ich habe festgestellt, dass dies aber auch durch überholte Glaubenssätze wie ;Das macht man hier so’ passiert. Da müssen wir auch bei uns immer wieder hingucken und ausmisten.“

Aus einer etwas anderen Perspektive versucht sich Carola Keller an einer Antwort: „Es hilft die gezielte Förderung besonders gut, wenn Frauen sagen, was sie brauchen. Dass die Angebote zunehmen und speziell für Gründerinnen gestaltet werden, finde ich gut. Ich bin allerdings der Meinung, dass es für die eigene Entwicklung weiblicher Qualitäten im Berufsleben und privat regen Austausch mit anderen Frauen in einen geschützten Raum braucht. Stehen wir zu unserer daraus kreierten Position, können wir das männliche lösungs- und aktionsorientierte Verhalten leichter annehmen und gemeinsam umsetzen.“

„Fließender Einstieg ins Familienunternehmen

Bei Carola Keller war es „ein fließender Prozess“, an dessen Ende feststand, dass sie einmal in den Betrieb ihrer Familie einsteigen würde. „Im Grunde habe ich das Unternehmertum schon am Mittagstisch aufgenommen, wenn mein Vater dort von seinen Aufgaben und Herausforderungen sprach. Ich habe dann meinen Ausbildungsweg so gestaltet, dass es eine Karriere im Unternehmen begünstigte.“

Eine Lehre zur Groß- und Außenhandelskauffrau in einem anderen inhabergeführten Familienunternehmen hat in ihr schließlich die Neugierde geweckt und bestärkt, ins eigene Familienunternehmen einzusteigen - „ohne dass mein Vater dies verlangte“, betont Keller. „Das anschließende Studium „International Business“ hat mir dann die weitere Basis gelegt für die Mitwirkung und Gestaltung im eigenen Familienunternehmen.“ Vorerst startete sie ihre Tätigkeit im Marketing im Alter von 29 Jahren.

Ihren ersten Job in der Firma mit Führungsverantwortung fand Carola Keller im Marketing der Arthur-Krüger-Gruppe, da war sie 29 Jahre alt. „Ich baute den Bereich in Zusammenarbeit mit meinem Vater und dem Vertrieb auf. Führungsverantwortung bekam ich nach externen beruflichen Erfahrungen sowie meiner Familiengründungs-Phase zeitgleich mit meinem Bruder und Mitgesellschafter Nils Krüger im Jahr 2012 als geschäftsführende Gesellschafterin und Personalleiterin der Arthur Krüger Familienholding GmbH & Co. KG. Da war ich 47 Jahre alt. Was ihr auf ihrem Karriereweg besonders geholfen hat? „Rückblickend hat mir immer meine Neugierde an dem Potential, was in Menschen steckt, auf den richtigen Weg geholfen, außerdem der Wunsch nach Gestaltung und Wandel im unternehmerischen Kontext.

Besonders geprägt hat mich sicherlich mein Vater Jürgen Krüger, der als Unternehmer meinen Respekt vor der Aufgabe hatte und Vorbild war in seinem Handeln, insbesondere im Umgang mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und der Freiheit und Zeit, die er mir ließ, mich mit meiner Aufgabe vertraut zu machen.“

„Mit 31 Jahren Chefin für Marketing und Personal“

Ganz ähnlich verlief die Karriere von Jeanette Rouvel. „Ich begann meinen Berufsweg im Konzern. Mein Vater riet mir, in der Sicherheit des Großunternehmens zu bleiben, doch als er merkte, dass es mir ernst war, durfte ich mich ,bewerben’. Mein Vater wollte die Entscheidung auch seinem damaligen Mitgesellschafter und seinem Prokuristen überlassen.“ Als sie 31 Jahre alt ist, übernimmt sie schließlich die Bereiche Marketing und Personal. Danach geht es für sie in den Vertrieb und im Anschluss an die Übernahme der Verantwortung des Teilbereiches „CAD Solutions“, "bis ich im Jahr 2008 meinen Vater offiziell in der Geschäftsführung abgelöst habe.“ Im Rückblick auf die Dinge, die ihr auf ihrem Karriereweg besonders geholfen haben, kommt die Antwort der Unternehmerin prompt: „Meine Eltern haben mir vertraut und mir bei der Studien- und Berufswahl völlige Freiheit gelassen. Meine Führungskräfte gaben mir viel Raum zur Verwirklichung meiner Ideen und standen hinter mir, auch als ich mich in Richtung des väterlichen Unternehmens verändern wollte. Dort konnte ich an praktischen Aufgaben anstelle eines strikten Einarbeitungsplanes lernen.“ Und jetzt? Mit ihrem Einstieg bei SPI hat sich ihr damaliger Prokurist Dirk Vollmer dazu entschieden, ebenfalls den Weg in die Geschäftsführung anzutreten. Jeanette Rouvel: „Wir ergänzen uns hervorragend und sind in den letzten zehn Jahren durch dick und dünn gegangen.“

Wie bringen (nicht familiengeführte) Unternehmen also mehr Frauen in Karrieren? Indem sie umdenken. Hin zu mehr Vielfalt, hin zu einer Unternehmenskultur, die Diversität fordert und fördert. Und indem Unternehmen die Frauen nicht nur mitnehmen, sondern motivieren, für ihre Karriere auch die notwendige Flexibilität zu zeigen und die eigene Führungskompetenz souverän zu optimieren. Unternehmen und die Frauen selbst sind gemeinsam in der Pflicht, den Weg für mehr weibliche Karrieren aktiv zu gestalten.