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35 Sommer an der frischen Seeluft

OSTSEE-BEGEISTERTE I 35 Sommer an der frischen Seeluft

Wie ein Ehepaar aus dem „Ruhrpott“ sich in die Ostseeküste verliebte – und in Großenbrode neue Wurzeln schlug.

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Das Ehepaar Kokott an der Ostseeküste: „Wenn ich traurig bin oder nachdenklich, schaue ich aufs Meer, warte ein wenig und dann ist es weg“, sagt Reiner Kokott.

Quelle: Privat

Kellenhusen war noch ein richtig kleines, idyllisches Fischerdorf, Barbara Kokott war gerade einmal fünf Jahre alt, als sie zum ersten Mal dort war. „Ich habe damals in der Ostsee Schwimmen gelernt“, erinnert sich die 61-Jährige aus Bochum. „Ich hatte so einen Ring um den Bauch, an dem eine Schnur befestigt war. Daran hat mich der Lehrer festgehalten, der auf dem Steg stand. Fast so, als wäre ich ein Fisch an der Angel“, sagt sie und lacht.

Es waren ihre ersten Erlebnisse an der Ostsee. Mit ihrer Familie ist sie damals häufig in Schleswig- Holstein gewesen. „Wir waren auch in Grömitz oder Travemünde. Das war ein bisschen luxuriöser. Ich mochte Kellenhusen immer am liebsten“, sagt sie. Ihr Mann Reiner hat als Kind mit seiner Familie meist Urlaub an der holländischen Nordseeküste gemacht. „Wir hatten damals nicht so viel Geld. In Holland war es billiger. Aber mit dem Wasser waren wir beide schon immer verbunden“, sagt Reiner Kokott.

Als das Ehepaar 1981 Urlaubspläne gemacht hat, war für Barbara Kokott eines klar: „Ich wollte irgendwo Urlaub machen, wo man deutsch spricht. Das war mir wichtig.“ Damit fiel die holländische Nordseeküste raus. Und für Reiner Kokott stand fest, dass er nicht in die Berge will. „Ich habe in meinem Leben dreißig Jahre unter Tage als Schlosser gearbeitet“, sagt er und macht dabei ein angestrengtes Gesicht. „Ich brauche Weite. In den Bergen habe ich immer das Gefühl, erdrückt zu werden.“ Sie haben sich auf Kellenhusen geeinigt. „Die sprechen hier zwar plattdeutsch, aber trotzdem“, sagt sie.

Seitdem kamen sie oft wieder, jedes Jahr drei bis vier Mal. Was sie bis heute an der Ostsee lieben, ist die Ruhe. Und, dass nicht so viele Menschen auf einem Haufen sind. „Wir kommen aus dem Pott.

Man kann es sich ja nicht aussuchen“, sagt Barbara Kokott und lacht. „Da ist es so voll, dass wir ein bisschen menschenscheu geworden sind.“ Hier an der Ostseeküste lebe ein „ganz besonderer Menschenschlag“. „Die können schon ein bisschen stoffelig sein“, sagt sie. „Hier kommt keiner auf dich zu. Aber wenn du den ersten Schritt machst und sie ansprichst, dann sind sie sehr herzlich.“

So herzlich, dass die beiden ihr gesamtes Hab und Gut in Bochum verkauft haben und sich eine Bleibe an der Ostsee gesucht haben. „Schon als junges Ehepaar haben wir gesagt, dass wir hierherziehen werden, wenn uns in Bochum mal keiner mehr braucht“, sagt Reiner Kokott. Vor sechs Jahren war es dann soweit. In Kellenhusen haben sie keine Wohnung gefunden, dafür in Großenbrode, direkt am Meer.

„Wir waren hier am Strand und es war kein anderer Mensch da. Da wussten wir, dass wir hierbleiben“, sagt Barbara Kokott. „Dass wir mal ein Apartment mit Blick auf die Ostsee haben werden, hätten wir nie gedacht.“ Natürlich wissen die beiden auch, dass sich Großenbrode in den vergangenen Jahren stark verändert hat und sich wahrscheinlich in den kommenden Jahren auch noch weiter touristisch entwickeln wird. „Das finden wir auch gut, man kann hier an einigen Stellen gewiss noch etwas verschönern. Aber hoffentlich kommen nicht so große Hotels in unser Dorf.“

Reiner Kokott geht jeden Morgen in die Ostsee und schwimmt rund zwei Kilometer. Wenn er zurück nach Hause kommt, bringt er Brötchen mit. Er hat auch den Vorsitz im örtlichen Shanty-Chor übernommen.

Seitdem das Ehepaar hier ein Apartment hat, waren sie noch nicht einmal wieder im Ruhrgebiet. Sie fahren gerne nach Travemünde, um dort spazieren zu gehen. Auch nach Dahme und Fehmarn fahren sie manchmal für eine Tagestour. „Wir gehen da die Promenade rauf und runter, schauen uns die Menschen an und gehen vielleicht noch etwas essen“, sagt Reiner Kokott. „In Dahme gibt es ein Restaurant, da sind wir richtig gerne. Da wird der Fisch frisch zubereitet und man kann dem Koch sogar dabei zusehen. Das ist echt lecker.“

Die vielen Wellnessangebote der neuen Hotels an der Ostseeküste nutzen sie nicht. „Da sind wir nicht die Typen für", sagt Reiner Kokott. „In der Sauna sitzen und schwitzen, da wird mir langweilig. Die Ostsee ist für mich Wellness genug.“ Ab und zu sind sie in Lübeck oder Kiel, wenn sie mal unter Leute kommen oder ein bisschen shoppen wollen. „Wir fahren auch mal eine Woche nach Berlin, aber da wird Reiner dann schon immer etwas unruhig, weil er das Meer nicht sehen kann“, sagt Barbara Kokott. „Immer wenn wir wieder zurückkommen, schauen wir, ob das Wasser noch da ist“, sagt ihr Ehemann. „Und sind dann zufrieden, wenn wir es sehen.“

Doch das Meer bedeutet für Reiner Kokott mehr als bloß ein großes Schwimmbecken. „Wenn ich traurig bin oder nachdenklich, schaue ich aufs Meer, warte ein wenig und dann ist es weg“, erzählt Reiner Kokott. „Es ist, als ob alles gar nicht so wichtig wäre, als wenn die Augen auf einmal nicht mehr eingesperrt sind.“ Auch für Barbara Kokott ist das Meer etwas Besonderes und Großenbrode mehr als ein Ort. „Früher wollte ich auch durch Europa reisen, Italien und Griechenland sehen. Mein Herz hatte Fernweh. Jetzt ist Ruhe“, sagt Barbara Kokott. „Mein Herz ist angekommen, meine Seele ist angekommen, der ganze Mensch ist angekommen. Hier kriegt uns keiner mehr weg.“ 

 Hannes Lintschnig

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