Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
Angst vor Neuem

PSYCHOLOGIE Angst vor Neuem

Wir lieben Herausforderungen — und gleichzeitig haben wir Angst vor ihnen. Warum ist das so? Und wie geht man damit um?

Voriger Artikel
Umstrittene Kost
Nächster Artikel
„Einkaufen und Werbung machen“

Ins kalte Wasser zu springen, erfordert Mut. Zumal es im menschlichen Gehirn angelegt ist, bei der bewährten Routine zu bleiben.

Quelle: Fotos: Alex Koch, Masp / Fotolia

Ob Jobwechsel, ein neues Projekt im Unternehmen, der Renteneintritt oder die Entscheidung, ein Sabbatjahr einzulegen und auf Weltreise zu gehen: Wenn eine tiefgreifende Veränderung ansteht, überwiegen erst einmal die Zweifel. Ist es wirklich richtig, den Job zu wechseln? Hier kennt man doch alles, die Kollegen, die Aufgaben, die Herausforderungen. Bringt es das Unternehmen wirklich voran, die Strukturen umzustellen? Hat es nicht bisher auch so funktioniert? Wird die Zeit in der Rente nicht langweilig werden, so ganz ohne den täglichen Stress? Und die Weltreise: Weit weg von zu Hause, was erwartet einen dort?

DAS EFQM-MODELL

Die Stärken und Potenziale ausloten

„Neues macht Mühe und Veränderungsprozesse machen Arbeit.“

Norbert Kohlscheen

Unternehmens- und

systemischer

Organisationsberater für Change Management

Typische Fragen, wie sie die meisten Menschen wohl kennen, die vor neuen Herausforderungen stehen, vor Neuanfängen und Lebensabschnitten. Egal, ob selbstgewählt oder von außen aufgezwungen. Der innere Kritiker meldet sich meist schon bei Projektbeginn zu Wort — und manchmal ist seine Stimme so laut, dass wir die Veränderungen gleich von vorneherein aufschieben, von uns weisen, gar nicht angehen.

Etwas Neues zu beginnen, bedeute schließlich auch immer, die Komfortzone zu verlassen, sagt Heike Knebel. Die Lübeckerin ist Life Coach und unterstützt Menschen in Veränderungsprozessen. Sie beobachtet immer wieder ein Vermeidungsverhalten zu Beginn der ersten Schritte. Geschirrspüler ausräumen statt die Weltreise planen. Den Zeitmangel vorzuschieben, um keine Bewerbungen für einen neuen Job zu schreiben, ist auch so ein typisches Beispiel: „Wir verbinden Veränderungen viel zu häufig mit Bedrohungen und der Schere im Kopf.“

Die Gründe für die Angst vor Neuem liegen tatsächlich in unserer menschlichen Natur. Sie hängen mit dem angeborenen Bedürfnis nach Bindung und Sicherheit zusammen. Ein Bedürfnis, das Babys beim Überleben hilft. Dazu kommt unser Gehirn, das viel Energie benötigt, wenn es Neues zu verarbeiten gibt. Um Energie zu sparen, werden Dinge so schnell wie möglich in Routinehandlungen umgewandelt.

Wenn wir dieses angelernte Routinehandeln ausführen, schüttet unser Denkorgan körpereigene Glücksstoffe aus. Quasi Drogen zur Belohnung. Unser Gehirn ist also Schuld daran, dass Altbewährtes, Wohlbekanntes uns so lieb ist.

Diesen Wunsch nach Routine haben rund 80 Prozent der Menschen in ihren Genen. Etwa 20 Prozent sind so genannte Sensation Seekers: Menschen, die immer wieder einen neuen Kick suchen. Sie finden ihn oft in Glückspielen oder Risikosportarten. Es gibt übrigens auch eine weniger stark ausgeprägte Form dieses Genes, nicht jeder der Bungee Jumping liebt, ist also gleich ein Sensation Seeker.

Hat man aber erst einmal die ersten Zweifel überwunden und sich aus seiner Komfortzone herausgewagt, stellten viele Menschen mit Erstaunen fest, was sie eigentlich können — und wie viel Positivem sie bei dem neuen Weg begegnet seien, berichtet Life Coach Heike Knebel von ihren Erfahrungen in den Coachings.

Veränderungen im Privaten durchlaufen ähnliche Phasen wie Veränderungen in Unternehmen. Wenn sie in Unternehmen anstehen, sprich man neudeutsch auch von Change Management. Wer schon einmal versucht hat, in einer Firma einen Veränderungsprozess anzuschieben, etwa neue Strukturen zu etablieren, neue Abläufe oder Aufgaben, der kennt die erste, fast schon reflexartige Skepsis, auf die man stößt.

„Das geht auf keinen Fall! Aber wir haben es doch schon immer so gemacht! Das ist viel zu aufwändig! Das kostet doch bloß wieder Arbeitsplätze“ — das sind Gedanken, die die Runde machen, bevor man auch nur erklärt hat, worum es eigentlich genau geht.

Woher die Abwehrhaltung kommt? „Neues macht Mühe und Veränderungsprozesse machen Arbeit“, erklärt Norbert Kohlscheen, Unternehmens- und systemischer Organisationsberater für Change Management aus Hamburg und Referent am Institut für Weiterbildung der Uni Hamburg, wo es die Möglichkeit zu einer Qualifizierung zum Change Management Coach nach dem EFQM-Excellencemodell gibt. Die sechs Module der Weiterbildung richten sich an Mitarbeiter, Führungskräfte oder Berater, die Veränderungsprozesse begleiten.

Der Erfolg eines Veränderungsprozesses hängt sehr von der Einstellung der Führungskräfte ab, die im Tagesgeschäft gefangen sind und meinen, keine Zeit für einen neuen Weg zu haben: „Für Veränderungen braucht man einen langen Atmen, und Führungskräfte brauchen sowohl die Fähigkeit, nach vorne zu schauen als auch die Bereitschaft, sich selbst als Teil der Veränderung zu sehen.“ Das hätten viele Führungskräfte nicht gelernt oder haben Angst davor. Um Mitarbeiter erfolgreich in Veränderungsprozesse mitzunehmen bedarf es seitens der Führungskräfte einer visionären Kraft, Inspiration und eine integre Haltung: „Die Führungskräfte müssen ihre Mitarbeiter von Beginn des Prozesses an einbeziehen und für die Ziele gewinnen.“

Auch die Angst um den eigenen Arbeitsplatz spiele unterbewusst bei vielen Abwehrhaltungen eine Rolle, so Kohlscheen. Denn das ist oft der erste Gedanke, der Mitarbeitern durch den Kopf geht, wenn es beispielsweise um Umstrukturierungen geht. „Da braucht man eine offene Kommunikation, um das Vertrauen der Mitarbeiter zu gewinnen und mehr die Chancen in den Vordergrund zu stellen als die Risiken.“

Ein weiterer entscheidender Faktor sei das Projektkonzept und dessen Vermittlung, so der Unternehmensberater: „Die Mitarbeiter müssen eingeladen werden, den Veränderungsprozess mitzugestalten. Das ist eine wichtige Grundlage, damit sie sich auch mit den umgesetzten Veränderungen identifizieren.“

Unbequeme Fragen von Mitarbeitern sollten nicht sofort abgetan werden, rät der Organisationsberater: „Ein Veränderungsprozess muss auch Kritik zulassen.“ Denn oft sei an dieser auch etwas dran.

Schließlich durchlaufe auch ein Veränderungsprozess im Unternehmen dieselben Phasen wie ein Individuum, das vor Neuem steht — zu denen die selbstkritische Phase zugehört.

Angst könne man durch Wissen vorbeugen, so Heike Knebel. Auch sollte man sich nicht zu viel auf einmal vornehmen, sondern lieber kleine Schritte gehen und sich über die kleinen Erfolge freuen. Und ist die Angst vor Neuem dann da, dann sollte man sie ernst nehmen — ohne ihr zu viel Macht einzuräumen. So wie bei den Kritikern im Unternehmen, sagt auch Norbert Kohlscheen: Die Energie, die in die Kritik gesteckt werde, sollte man ins Positive drehen.   •

Das EFQM Excellence Modell wurde 1988 von der European Foundation for Quality Management entwickelt. Es ist als ganzheitliches Steuerungsmodell ein guter, fundierter Leitfaden für einen Veränderungsprozess. Im Grundprinzip geht es darum, durch die Einbindung aller Mitabeiter in einem Verbesserungsprozess, bessere Ergebnisse zu erzielen.

Das EFQM Excellence Modell kann mittels einer strukturierten Selbstbewertung als Grundlage für eine umfassende Organisationsdiagnose genutzt werden, die jedem Change Prozess vorangestellt werden sollte.

Ergebnis der Standortbestimmung ist eine Klarheit über die Stärken und die Verbesserungspotenziale der Organisation.

Von Nathalie Klüver

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Die Wirtschaft
LN Jobs Stellenanzeigen aufgeben

Das Stellenportal der Lübecker Nachrichten bietet Ihnen den passenden Rahmen für Ihre Stellenangebote. Schalten Sie Ihre Anzeige schnell und effizient hier. mehr

Hier finden Sie die älteren Ausgaben von dem Magazin "DIE WIRTSCHAFT". mehr

Mediakompass: Werbekanäle bei den Lübecker Nachrichten

Werben mit Erfolg: Bei den Lübecker Nachrichten, als regional marktführendes Medienhaus, haben Sie die Chance Ihre Werbung über verschiedene Werbekanäle und Crossmedia-Optionen optimal zu präsentieren! mehr