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Auf Dorschfang vor Fehmarn

ANGELTOURISMUS Auf Dorschfang vor Fehmarn

Die Gäste kommen aus der ganzen Republik – und aus dem nahen Ausland. Ein Trip mit der MS Einigkeit von Heiligenhafen.

Hochseeangel-Boote vor dem Fehmarnsund. Jeden Morgen stechen sie gegen sieben Uhr von Heiligenhafen aus in See. Etwa zwei Stunden dauert die Fahrt, bevor das eigentliche Vergnügen für die Gäste beginnt.

Quelle: Fotos: O. Schulz

Es ist 7.15 Uhr morgens in Heiligenhafen. 24 Angel-Enthusiasten haben sich im Aufenthaltsraum an Bord der MS Einigkeit an Holztischen versammeln. Sie holen sich Kaffee und Brötchen aus dem Kiosk. Manche trinken ein kleines Bier. Das Wetter ist ruhig, die Sonne steht schräg über dem Hafenbecken. Die Ruten sind längst aufgestellt: rings um das Boot, befestigt mit speziellen Halterungen.

Die besten Plätze sind die am Heck und am Bug. „Manche kommen deshalb schon am Abend und stellen die Angeln auf“, sagt Florian Lange, Mitarbeiter auf der MS Einigkeit. Der schlanke, kräftige Mann fasst sich an seinen Vollbart.

Hochseeangeln ist beliebt. Und die Region Fehmarn / Heiligenhafen ist ihr Zentrum in Schleswig- Holstein. Laut einer Studie des Thünen-Instituts für Hochseefischerei von 2015 gibt es im nördlichsten Bundesland insgesamt 190000 Bootstage, Tage, die ein einzelner Angler mit einem eigenen oder gecharterten Boot auf der Ostsee angelt sowie 70 000 Kuttertage. Dies bedeutet 70 000 verkaufte Tagestouren auf einem Angelkutter. Das Kutterangeln findet der Studie zufolge zu 90 Prozent in der Region Fehmarn/Heiligenhafen statt. Insgesamt 15 Betriebe sind hier angesiedelt. Allein aus Heiligenhafen starten jährlich circa 45000 Fahrgäste zu Hochseeangelfahrten, auf Fehmarn sind es weitere 20 000. Doch jetzt beabsichtigt das Bundesministerium in Berlin, ein Angelverbot im Fehmarnbelt. Umgehend formierte sich Widerstand.

„Das Verbot der Freizeitfischerei im Belt bedroht die Betriebe existenziell“, sagte Jens Meyer von der Entwicklungsgesellschaft Ostholstein (Egoh). Manfred Wohnrade, Tourismusleiter in Heiligenhafen, mahnte: „Das Szenario eines Freizeitfischerverbotes im Belt wäre für Heiligenhafen und die Region eine wirtschaftliche Katastrophe. Die Minderung der Wertschöpfung wäre in Heiligenhafen mit 1,3 Million Euro im Jahr beträchtlich.“

An diesem Morgen in Heiligenhafen ist die MS Einigkeit das letzte von vier Schiffen, dass mit Hobbyanglern an Bord in See sticht. Die Fehmarnsundbrücke kommt in Sicht. Die Ferienhäuser und Hotels, die die Festlandküste säumen, schrumpfen am Horizont. Vor dem Sund nimmt die MS Einigkeit Kurs scharf backbord. Richtung Nordwesten. Hinaus aufs offene Meer.

Die meisten Angler warten im Aufenthaltsraum ab. Männer jeden Alters und aus vielen Gegenden Deutschlands. Zwei Herren ganz in Anglergrün aus Hessen. Vater und Sohn aus Berlin. Eine Gruppe Mitzwanziger in Kapuzenpullis aus Hannover. Zwei Gymnasiasten aus Köln. Nur eine Frau ist dabei, eine Schweizerin mit ihrem Freund. Die meisten machen hier ein paar Tage Urlaub, sind in Heiligenhafen untergekommen und fahren jeden Tag zum Angeln raus. „Das tue ich jedes Jahr“, sagt ein Mann aus Bad Hersfeld in blauem Anorak. „Nichts ist besser, um Abstand vom Alltag zu bekommen.“

Und wie viel fängt man so an einem Tag? „Dutzende meist.“ Er grinst. „Oder so. Trau keinem Politiker. Oder Angler.“ Zwei Holländer sind aus Rotterdam gekommen. „Früher sind wir immer nach Dänemark gefahren. Aber hier ist es noch viel netter.“ Das Meer vor ihrer Heimatstadt sei schon lange keine Option mehr. „Die Nordsee ist doch leergefischt.“

Nach zwei Stunden erreicht die MS Einigkeit ihr Ziel. Weit draußen vor der Kieler Bucht ist schon lange kein Land mehr zu sehen. Der Kapitän lässt dreimal das Horn dröhnen. Und dann sind alle ganz schnell auf ihren Plätzen an der Reling.

Die Köder schießen ins Wasser, wahlweise Pilker oder Gummifische. 80 Gramm hat das Gewicht, das viele verwenden. Schon nach drei, vier Minuten hängt der erste Dorsch an einer Angel. Mitarbeiter Lange holt ihn mit einem Haken an einer langen Bambusstange heraus. Und dann hängen die nächsten Fische an den Angeln, im Minutentakt werden sie an Bord gezogen. Eine Makrele ist dabei, sonst nur Dorsche. Die Angler überprüfen, ob die Tiere zu klein sind. 38 Zentimeter ist das Mindestmaß. Alle Viertelstunde hupt der Kapitän einmal. Dann sucht er eine neue Stelle. Dreimal Hupen – und die Köder schnellen wieder in das Wasser.

Gymnasiast Felix aus Köln hat heute weniger Glück. Immer wieder verheddert sich sein Haken beim Auswerfen in der Sehne. Florian Lange zeigt ihm eine andere Technik. „Wirf von unten aus. Das wirkt weniger spektakulär, aber du hast viel mehr Gefühl.“ Bald hat auch Felix den ersten Fisch an der Leine. Und auch dem Mädchen aus der Schweiz gibt der Mitarbeiter der MS Einigkeit immer wieder Tipps. Mit Erfolg: Bis elf Uhr fischt die im Hochseeangeln unerfahrene junge Frau zwei gewichtige Dorsche. „Und einen Seestern.“ Sie legt das Tier vorsichtig auf die Reling und lächelt.

Um 11.30 Uhr ist Halbzeit. Es gibt Erbsensuppe und Frikadellenbrötchen. Der Kapitän sitzt entspannt in seiner Kajüte. 320 Tage habe er im letzten Jahr die Angeltour gemacht, sagt Thomas Deutsch: „Wir haben das ganze Jahr Saison, nur im Dezember manchmal eine Ruhepause.“ Vor allem Individualangler buchten den Törn. Aber öfter charterten auch Gruppen und Unternehmen das Boot.

Deutsch hat vor zwanzig Jahren mit dem Geschäft angefangen. Und er hat eine klare Meinung zu dem drohenden Angelverbot. Dasss die Berufsschifffahrt von der neuen Regelung nicht eingeschränkt wird, stößt ganz besonders auf sein Unverständnis: „Die Argumentation ist, dass wir mit unseren kleinen Schiffen die Ruhe stören. Und das auf einem der stärksten befahrenen Seewege des Welt?“ Das drohende Verbot sei für seinen Betrieb „existenziell“, sagt Deutsch, Chef von vier Mitarbeitern: „Wenn es kommt, kommen die Gäste vielleicht noch ein halbes Jahr – obwohl sie nicht angeln können. Aber irgendwann ist Schluss.“ Zumal ein Ausweichen in dänisches Seegebiet, die Reise deutlich verlängern würde. Und das Angeln in den fischärmeren küstennäheren Gebieten ebenfalls bald verboten werden könnte, so seine Befürchtung: „Wir glauben, das ist erst der Anfang.“

Mit Blick über die Ostsee stellt Thomas Deutsch in seiner Kajüte den Motor aus. Hupt dreimal. Die Köder der Angeltouristen sausen ins Wasser. „Petri Heil“ rufen die Angler, wenn ein anderer Erfolg hatte. „Petri Dank“ ruft der zurück.

Um 13.30 Uhr hupt Thomas Deutsch wieder drei Mal. Zeit, umzukehren. Manche Angler haben jetzt mehr als ein Dutzend Tiere aus dem Wasser gezogen. Die Jungs aus Hannover bekommen ihre Kühlkiste kaum zu. „Es war ein guter Tag“, sagt er Bad Hersfelder mit dem blauen Anorak: „Ich habe zwar nur fünf Stück gefangen. Aber kommt es darauf an?“

Nein, natürlich einzig auf die Entspannung vom Alltag. Hochseeangeln ist ein touristisches Highlight, eine ideale Freizeitbeschäftigung, um mal abzuschalten. Ginge sie verloren, wäre das nicht nur ein wirtschaftlicher Verlust.

Und die Hochseefischer fürchten weiter um Verlust – auch nach den Versicherungen von Umwelt- Staatssekretär Jochen Flasbarth in Heiligenhafen (Ostholstein) Anfang Juni. „Wir sind kompromissbereit“, sagte Flasbarth bei einem Ortstermin. Das vorgesehene Verbot werde aufgeweicht.

Den Hochseefischern ist diese Zusage zu wenig. Sie lehnen weiter jede Verbotszone im Belt ab.

 Oliver Schulz

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