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Auf dem Weg zur Gesundheitsversorgung 4.0

MEDIZINTECHNIK Auf dem Weg zur Gesundheitsversorgung 4.0

Die Digitalisierung hat besonders die medizinische Versorgung umgekrempelt. In Krankenhäusern, bei Hausärzten und bei Krankenkassen werden immer mehr Daten digital erhoben, gespeichert und analysiert.

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Dräger-Zukunftsfabrik: Die Forschung in der Medizintechnik schreitet rasant voran. Die Digitalisierung ist für viele Krankenhäuser eine Herausforderung.

Quelle: Lutz Roeßler

Sie gehören zu den modernsten OP-Sälen in Deutschland: In der Asklepios-Klinik in Hamburg- Wandsbek wurden im vergangenen September neun neue OP-Säle eröffnet. Zwei davon sind mit der sogenannten 4K-Bildgebung ausgestattet. Ein einzelner 4K-Monitor kann mehrere Bilder von chirurgischen Kameras, Vitalparametern und anderen Quellen aneinanderfügen und so Chirurgen und OP-Personal während einer Operation einen optimalen Überblick bieten. „Unsere Operateure können jetzt unter Bedingungen arbeiten, die es in dieser Form in keiner anderen Klinik in Deutschland gibt. Die Bilder aus den Kameras sind gestochen scharf und auch beim Zoomen viermal besser aufgelöst als bei einem Full-HD-Fernseher“, sagt Thomas Wolfram, erfahrener Chirurg und Vorsitzender der Asklepios-Geschäftsführung. „Bei dieser Detailtreue sind selbst Nervenfasern und Lymphknoten gut erkennbar, auch Tumorgewebe ist dank der plastischen und farblich besseren Darstellung viel besser erkennbar – und man kann präziser und damit sicherer operieren“ Außerdem können die Operateure und das OP-Team alle Geräte über einen zentralen Touchscreen selbst steuern, also auch die Lage des Patienten auf dem OP-Tisch oder die Stärke der Beleuchtung, was die Arbeitsabläufe unterstützt und verbessert. „Kommunikationsfehler und Arbeitsunterbrechungen werden praktisch ausgeschlossen. Das ist ein wesentlicher Faktor für die Patientensicherheit“, so Wolfram.

„Besonders in Krankenhäusern werden digitale Prozesse zunehmend wichtiger, um die Versorgung der Patienten so effizient wie möglich zu gestalten.“

Hinrich Habeck

Geschäftsführer des Netzwerkes Life Science Nord

Die neuen Technologien können besonders im Bereich der Bildgebung sowie Bildanalyse, der Diagnostik, in der Versorgung als auch bei der Interoperabilität von Geräten von großem Nutzen sein. Im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) beispielsweise ist die Digitalisierung allgegenwärtig. Hier gibt es keine Patientenakten aus Papier mehr, sie sind elektronisch. Roboterfahrzeuge transportieren in einem unterirdischen System Arzneimittel, gesteuert über W-Lan. „Besonders in Krankenhäusern werden digitale Prozesse zunehmend wichtiger, um die Versorgung der Patienten so effizient wie möglich zu gestalten“, sagt Hinrich Habeck, Geschäftsführer des Netzwerkes Life Science Nord, das die Aktivitäten der Medizintechnik-Branche in Hamburg und Schleswig-Holstein bündelt, im Life-Science-Nord Branchenjournal von Anfang 2017. „Ein Datenaustausch über verschiedene Klinikstandorte hinweg sowie zwischen ambulantem und stationärem Sektor ist jedoch eine große Herausforderung für die IT-Experten, nicht zuletzt aufgrund anspruchsvoller Datenschutzrichtlinien.“ Gefragt seien neue Medizininformatik-Konzepte, die über offene Schnittstellen das E-Health-Potenzial im Gesundheitswesen für alle Beteiligten ausschöpfen können.

Denn bisher werden zwar viele Daten erhoben und gespeichert, sie können aber nur schwerlich genutzt und weitergegeben werden. „Wir haben einen ungeheuren Datenschatz, aber können ihn längst nicht so nutzen, wie wir wollen – vor allem mit Blick auf die Forschung“, sagt Marco Siebener, Chef des Geschäftsbereiches Informationstechnologie des UKE. „Wir haben ein Problem, wenn wir unsere Daten für die Forschung nutzen wollen und noch ein größeres Problem, wenn wir unsere Daten mit anderen Häusern zusammenlegen und gemeinsam auswerten wollen.“ Schließlich gebe es derzeit noch keine einheitlichen Schnittstellen für die digitale Kommunikation zwischen verschiedenen Krankenhäusern. Dabei wäre es technisch kein Problem mehr. „Der Knackpunkt ist der Datenschutz“, sagt Michael Krawczak vom Institut für Medizinische Informatik und Statistik am Campus Kiel des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. In jedem Bundesland sind die Datenschutzrichtlinien anders geregelt, was eine Zusammenarbeit zwischen dem UKE und dem UKSH zu einer große Herausforderung macht. „Wir in Deutschland halten es sehr streng“, sagt Krawczak.

Im Zuge der Digitalisierung wird auch innerhalb der Medizintechnik die Idee des „Internet der Dinge“ als vielversprechendes Zukunftsszenario angesehen. In einem komplett vernetzten Operationssaal, dem OP-Saal 4.0, sollen die Chirurgie- und Anästhesiegeräte aus den digitalisierten Live-Daten des Patienten dem Chirurgen oder Anästhesisten sogar vorausschauende Therapievorschläge unterbreiten und Behandlungsprotokolle automatisch abspeichern. Alle Informationen sollen aus den vernetzten Geräten zusammengeführt werden und dem medizinischen Fachpersonal entsprechend ihrer derzeitigen Aufgabe zur Verfügung gestellt werden: ein zentral steuerbarer und vernetzter Operationssaal, in den man zudem alle bereits vorhandenen Patientendaten elektronisch einspielen kann.

Noch ist es Zukunftsmusik, doch bundesweit sind die Forschungen in vollem Gange – auch an der Universität zu Lübeck. Mit 1,4 Millionen wurden die Institute für Medizinische Informatik, für Softwaretechnik und Programmiersprachen und für Telematik vom Bundesforschungsministerium für das Großprojekt „OR.NET – Sichere und dynamische Vernetzung in Operationssaal und Klinik“ gefördert. Das vierjährige Projekt endete im vergangenen Jahr, insgesamt waren bundesweit mehr als 80 Partner daran beteiligt. Ziel der Forschung war es, Geräte verschiedener Hersteller miteinander zu vernetzen, eine gemeinsame ;Sprache’der verschiedenen Geräte zu entwickeln. Nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das insgesamt 15 Millionen Euro für die Forschung investiert hat, gibt es weltweit keine vergleichbare Initiative wie „OR.NET“. „Die Ergebnisse aus ‚OR.NET' sorgen durch neue, kombinierte Gerätefunktionen für eine Entlastung des behandelnden Personals und tragen somit zu verbesserter Patientensicherheit und einem Anstieg der Behandlungsqualität bei“, heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums.

Bundesweit sind die Anstrengungen der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen in Sachen Digitalisierung sehr unterschiedlich. Laut einer Studie der Beratungsfirma Rochus Mummert Healthcare Consulting mit dem Titel „Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft“, bei der im vergangenen Jahr 380 Führungskräfte deutscher Kliniken und Pflegeeinrichtungen befragt wurden, kommen die Krankenhäuser auf ihrem Weg zur Digitalisierung sehr langsam voran. Erst jedes vierte Krankenhaus verfügt über eine Digitalstrategie. Allerdings ist die Zahl der digitalen Einzelprojekte der Kliniken gestiegen. „Es wird einige Jahre dauern, bis wir in Deutschland von einer flächendeckenden Digitalisierung der Kliniken sprechen können. Dieser Prozess schreitet nur allmählich voran“, sagt Dr. Peter Windeck, Studienleiter und Geschäftsführer von Rochus Mummert Healthcare Consulting. „Die Zunahme digitaler Einzelprojekte zeigt uns aber, dass sich die Gesundheitswirtschaft in die richtige Richtung bewegt“

Außerdem offenbart die Studie, dass die Kliniken und Pflegeeinrichtungen nur bedingt auf die neuen Jobprofile vorbereitet sind. Nur elf Prozent der medizinischen Führungskräfte schätzen sich selbst in Sachen Digitalisierung als „sehr fit“ ein, bei den kaufmännischen Leitern sind es 19 Prozent. Jede zweite Führungskraft beschreibt ihr Digitalisierungswissen mit den Noten drei bis sechs.

„Grundsätzlich ist es positiv zu werten, dass etwa jede zweite Klinik-Spitzenkraft ihr Digitalisierungs-Wissen als gut bezeichnet. Mit Blick auf die Medizin der Zukunft ist die Zahl derjenigen, die sich für sehr fit halten, aber zu gering, und umgekehrt der Anteil der Manager mit mäßigen bis schlechten Kenntnissen zu hoch“, mahnt Peter Windeck, Studienleiter und Geschäftsführer von Rochus Mummert Healthcare Consulting. „Für Krankenhäuser kann dies auf Dauer schwierig werden - schließlich gilt fehlendes digitales Know-how der Führungskräfte unserer Studie nach als einer der drei größten Stolpersteine auf dem Weg zur Medizin 4.0“.

Digitales Know-how ist jedoch nur bei 15 Prozent der deutschen Krankenhäuser ein Einstellungskriterium für medizinisches Führungspersonal, obwohl laut der Studie bald jede zweite Einrichtung dieses Wissen verlangen wird. „Die Digitalisierung revolutioniert die Gesundheitswirtschaft – diese Botschaft sollte schnell bei den Verantwortlichen in den deutschen Kliniken ankommen. Die Krankenhäuser müssen aufpassen, dass ihnen neue Gesundheitsdienstleister nicht den Rang ablaufen. Wer jetzt nicht in Richtung Medizin 4.0 aufbricht, läuft Gefahr den Anschluss zu verlieren“, mahnt Prof. Heinz Lohmann, wissenschaftlicher Begleiter der Studie „Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft“ und Präsident des 12. Gesundheitswirtschaftskongresses in Hamburg.

Obwohl die meisten Kliniken noch keine digitale Strategie für die Zukunft haben, sprechen die Befragten den technologischen Möglichkeiten ein hohes Potenzial zu. Zwei Drittel der Führungskräfte geht etwa davon aus, dass Roboter früher oder später die besseren Operateure sind. 36 Prozent davon denken, dass es in den nächsten zehn Jahren schon so weit sein wird. Roboter sind schon heute häufig als digitale Assistenten in OP-Sälen vorhanden, bald könnten sie den Chirurgen bei Operationen komplett ersetzen. „Bei urologischen Operationen arbeiten Krankenhäuser seit Jahren mit Robotik. Ihr Vertrauen auf die Möglichkeiten der Technik ist ein positives Signal“, sagt Studienleiter Dr. Hartmut Mueller. „Diese Offenheit gegenüber ,Kollege Roboter’ wird helfen, die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft voranzutreiben.Besonders in immer mehr digitalisierten Krankenhäusern können die Folgen von Cyberattacken verheerende Folgen haben. „Die Gefahr von Cyberattacken steigt und wird die Branche beschäftigen“, sagt Simone Hauck. Deswegen wollen die Fachhochschule Lübeck, die Life Science Nord Management GmbH und die oncampus GmbH ein praxisnahes und zeitgemäßes Weiterbildungsangebot für Mitglieder des Life Science Nord- Clusters zum Thema IT-Sicherheit entwickeln. „QualiCS“ (Qualifizierungsinitiative für Cyber Security) ist ein zweijähriges Pilotprojekt, das das Weiterbildungsangebot von Beschäftigten durch Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen im Bereich Cyber Security sowie bei dem Umgang mit neuen technischen Entwicklungen unterstützt. Besonders kleine und mittlere Life-Science-Unternehmen aus Schleswig-Holstein, die IT-gesteuerte Produkte und Geräte entwickeln, die am Patienten eingesetzt werden und eine Schnittstelle nach außen bieten, nehmen an diesem Programm teil.

 Hannes Lintschnig

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