Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Auf der Suche nach der Steinzeit

FEHMARNBELTQUERUNG Auf der Suche nach der Steinzeit

Spurensicherung, damit die Zukunft kommen kann: Während der Fehmarnbelttunnel auf deutscher Seite noch nicht einmal beschlossene Sache ist, fördern Grabungen entlang der geplanten Bahntrasse Steinzeitliches zutage.

Voriger Artikel
Hamburger Sparkasse

Grabungsassistent Manuel Veit glättet den Boden mit einer Kelle, um die Konturen des Befundes besser sichtbar zu machen.

Quelle: Fotos: Hannes Lintschnig

 

Um acht Uhr morgens ist es ganz ruhig auf dem abgeernteten Maisfeld. Es regnet. Hin und wieder fährt ein Auto auf der Autobahn 1, die direkt daneben verläuft. Für Grabungstechniker Sigmar Burkhardt und sein Team beginnt der Arbeitstag. Auf dem Feld zwischen Oldenburg in Holstein und der kleinen Ortschaft Sebent suchen sie mit Bagger, Spaten und Kellen nach Überbleibseln aus lange vergangenen Zeiten. „Wenn es weiter so schüttet, dann müssen wir heute abbrechen“, sagt Burkhardt.

Das wäre nicht gut, denn der Ausgrabungstrupp vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein hat noch viel zu tun. Die Experten führen momentan auf der gesamten Strecke entlang der geplanten Bahntrasse für die Schienenanbindung der Festen Fehmarnbeltquerung Grabungen durch, um Spuren aus der Jungsteinzeit, Bronze- und Eisenzeit zu sichern – das sind etwa 80 Kilometer in ganz Ostholstein.

„Im Moment sind es noch Voruntersuchungen. An 110 Stellen entlang der geplanten Trasse haben wir Hinweise auf Spuren alter Siedlungen“, so Annette Guldin, Diplom-Prähistorikerin im Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein. „Diesen Hinweisen gehen wir nach und schauen dann in welchen Bereichen es sich lohnt, gründlicher zu suchen.“

Beauftragt wurden Annette Guldin und ihr Team von der Deutschen Bahn. Obwohl das Planfeststellungsverfahren auf deutscher Seite noch nicht abgeschlossen ist, haben die Ausgrabungen bereits begonnen.

„Es ist Standard in Planungsprozessen von Infrastrukturprojekten, dass unter anderem neben Umwelt- und Baugrunduntersuchungen auch archäologische Voruntersuchungen stattfinden. Daher ist es ein selbstverständlicher Planungsschritt. Die Ergebnisse der Untersuchungen sind zwingender Bestandteil der Planfeststellungsunterlangen“, sagt Maja Weihgold, Sprecherin der Deutschen Bahn. „Ziel der archäologischen Voruntersuchungen ist es, frühzeitig festzustellen, welche denkmalschutzrechtlichen Maßnahmen bei den weiteren Planungen zu berücksichtigen und gegebenenfalls vor Baubeginn durchzuführen sind.“

Der Regen hat aufgehört. Burkhardts Team ist auf dem Feld. Die große Schaufel des Baggers dringt in die weiche Erde ein und hebt einen etwa zwei Meter breiten und 50 Zentimeter tiefen Graben aus.

Direkt vor dem Bagger in einem Erdloch steht Marcus Kai. Der Grabungsassistent hat einen Spaten in der Hand und untersucht den Boden bei jedem Schaufelabzug nach ersten Funden. „Ich habe schon einen Flintmeißel aus der mittleren Steinzeit gefunden. Wahrscheinlich hatte er mal einen Holzschaft und wurde zur Holzbearbeitung genutzt“, erklärt der 45-Jährige. Kai liebt seinen Job. „Ich habe jahrelang privat gesammelt und gesucht. Dann habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Es ist für mich etwas ganz Besonderes, wenn ich etwas finde, was vor etwa 5000 Jahren von Menschen genutzt wurde.“

Zwar sei die Arbeit auf dem Feld bei Wind und Wetter nicht immer gemütlich. „Aber die Belohnung dafür ist, etwas zu finden. Und einen Flintmeißel findet man wirklich selten.“

Wenn der Bagger den Oberboden weggenommen hat, kann man mit geschultem Auge schon fast erkennen, ob sich in der Erde steinzeitliche Hinterlassenschaften befinden. „Wir achten auf Verfärbungen und Veränderungen des Bodens“, sagt Burkhardt und zeigt auf ein etwa zehn Quadratmeter großes Areal, auf dem einige schwarze Flecken zu sehen sind. „Das sind Brandstellen. An diesen Stellen müssen die Menschen früher Feuer gemacht haben. Das wird etwa in der Jungsteinzeit gewesen sein“, vermutet Burkhardt, der bereits seit 23 Jahren als Grabungstechniker arbeitet. „Im Prinzip erkennt man jeden Bodeneingriff, den Menschen einst gemacht haben, wieder. Selbst wenn man nur einen Hering beim Zelten in den Boden haut, hinterlässt das Spuren, weil der Oberboden in den anstehenden Boden darunter gelangt.“

Grabungsassistent Manuel Veit kniet in dem ausgehobenen Erdloch und glättet den Boden mühselig mit einer kleinen Kelle, so dass die dunklen Stellen besonders gut zu erkennen sind. Es nieselt wieder ein wenig. „Mit dem Wetter musst du halt leben, das gehört dazu. Ich habe mich daran gewöhnt“, sagt der 37-Jährige. „So, jetzt können wir ein Foto machen“, ruft Veit. Denn so ein Befund muss natürlich dokumentiert werden. Burkhardt holt die Kamera und legt als Maßstab einen rot-weiß gestreiften Holzstab vor eine der dunklen Stellen. Anschließend nummeriert er die Befunde, macht Fotos davon und trägt die exakte Stelle sowie die Art des Befundes in ein Büchlein ein. „Ob in diesem Gebiet eine Hauptuntersuchung erfolgen wird, hängt davon ab, wie viele Funde wir haben und ob vielleicht eine Struktur erkennbar ist, die auf mehr Befunde schließen lässt“, sagt Burkhardt. Als zuständiger Grabungsleiter stuft Burkhardt die Befunde und Funde als vielversprechend oder nicht vielversprechend ein. „Die Fläche hier hat Potenzial für eine Hauptuntersuchung. Aber noch sind wir nicht fertig.“

Mittlerweile hat der Bagger eine weitere, etwa 50 Meter lange Fläche freigeschaufelt. Burkhardt stapft über das Maisfeld entlang der Grube und überlegt. Mit jedem Schritt hört man es matschen.

Der Lehmboden haftet an seinen Schuhen. Dann steht sein Urteil fest. „Archäologisch uninteressant. Hier ist nichts“, sagt er und gibt dem Baggerfahrer ein Zeichen, dass er den Suchabschnitt wieder verfüllen kann. „Das ist ja auch eine Erkenntnis.“

Dass die archäologischen Funde und Befunde auf dem Gebiet der zukünftigen Bahntrasse das Mega- Projekt Feste Fehmarnbeltquerung beeinträchtigen könnten, glaubt Annette Guldin nicht. „Nein, wir sind nur hier, um die Spuren zu sichern. Vielleicht würde man bei einem Hügelgrab oder Gräberfeld darüber diskutieren, ob es irgendwie möglich wäre, die Schienen nicht direkt darüber verlaufen zu lassen.

Aber solche Anzeichen gibt es bisher noch nicht.“ Guldin freut sich darüber, dass nun so ein großes Gebiet archäologisch bearbeitet werden kann. „Aus archäologischer Sicht sind die Trassenplanungen der Bahn ein wirklicher Glücksfall. Durch die geplante Trasse der Deutschen Bahn bekommen wir die Möglichkeit, die ostholsteinische Besiedlungsgeschichte vom Auftauchen des ersten modernen Menschen bis in die Slawenzeit näher zu beleuchten. Natürlich kennen wir bereits viele Fundplätze, aber die meisten davon sind bislang nur durch Oberflächenfunde bekannt, wenn ein Sammler im überpflügten Acker ein Artefakt fand und dieses meldete.“ Durch die Voruntersuchung bestehe nun die Möglichkeit viele dieser Fundstellen im Gelände zu überprüfen und deren Erhalt und Wertigkeit zu bestimmen. „Ohne solche geplanten Baumaßnahmen bleiben dem Archäologischen Landesamt diese Fundplätze verschlossen, da wir nur noch dort denkmalschutzrechtliche Maßnahmen durchführen, wo eine geplante Baumaßnahme die Zerstörung eines Fundplatzes verursacht.“

Die Kosten übernimmt die Bahn. Bislang sind etwa 80 der 110 Verdachtsflächen untersucht worden. Annette Guldin rechnet damit, dass für rund 25 Fundplätze Hauptuntersuchungen erfolgen werden.

In einem anderen Suchabschnitt sieht es besser aus. Wieder sind diverse schwarze Stellen im Boden zu sehen, die direkt nebeneinander angeordnet sind. „Hier muss früher einmal ein Haus gestanden haben. Die dunklen Stellen im Boden sind höchstwahrscheinlich die Spuren von Holzpfosten, die damals zum Hausbau verwendet wurden“, sagt Burkhardt. Wieder wird der Befund wissenschaftlich dokumentiert. „Dieses Gebiet hier scheint ein Glücksfall zu sein. Es ist schon der zweite Befund, der Potenzial zu haben scheint. Eigentlich kommt das nicht so häufig vor.“

Annette Guldin ist mit der Arbeit von Burkhardt und seinem Team sehr zufrieden. „Aus der Position der Pfostenstandpuren zueinander lässt sich bislang mindestens ein Hausgrundriss rekonstruieren.

Zusammen mit den Siedlungsgruben und den aufgefundenen Feuersteinartefakten und Gefäßscherben ist eine vorläufige Datierung der Siedlung in die Jungsteinzeit möglich“, sagt Guldin. Eine genauere Datierung sei allerdings erst möglich, wenn man das Gebiet noch gründlicher prüfen würde. „In der Gesamtbetrachtung sind die Funde von hohem wissenschaftlichen Wert. Derzeit gehen wir davon aus, dass auf diesem Gebiet eine Hauptuntersuchung erfolgen wird.“

Hannes Lintschnig

Voriger Artikel
Mehr aus Die Wirtschaft
LN Jobs Stellenanzeigen aufgeben

Das Stellenportal der Lübecker Nachrichten bietet Ihnen den passenden Rahmen für Ihre Stellenangebote. Schalten Sie Ihre Anzeige schnell und effizient hier. mehr

Hier finden Sie die älteren Ausgaben von dem Magazin "DIE WIRTSCHAFT". mehr

Mediakompass: Werbekanäle bei den Lübecker Nachrichten

Werben mit Erfolg: Bei den Lübecker Nachrichten, als regional marktführendes Medienhaus, haben Sie die Chance Ihre Werbung über verschiedene Werbekanäle und Crossmedia-Optionen optimal zu präsentieren! mehr