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DAS INTERVIEW ZUM SCHWERPUNKTTHEMA „Wir raten zu Gelassenheit“

DAS INTERVIEW ZUM SCHWERPUNKTTHEMA „Wir raten zu Gelassenheit“

Der Machtwechsel in den USA hat zunächst keine Folgen für deutsche Unternehmen, sagt der Außenhandelsexperte der IHK Schleswig-Holstein. Die Entwicklung im Iran sei hochspannend, die Menschen dort liebten Deutschland und das Label „Made in Germany“. Jetzt müssten Fragen der Finanzierung schnell geklärt werden.

Herr Koopmann, was bedeutet der Wahlsieg von Donald Trump für den deutschen Handel mit den USA?

 

LN-Bild

Der Iran biete beste Perspektiven, Großbritannien werde trotz Brexit im Rennen bleiben, sagt Werner Koopmann von der IHK.

Quelle: Olaf Malzahn

Unmittelbar bedeutet das noch nichts. Mittelbar berühren uns natürlich Trumps Anti-Freihandels- Aussagen. Allerdings gilt auch, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde.

Trump hat Protektionismus in seinem Wahlkampf angekündigt. Wird es auch für Unternehmen in Schleswig-Holstein schwieriger, ihre Produkte in den USA zu vertreiben oder dort Filialen aufzubauen?

Nein, das waren Ankündigungen aus dem Wahlkampf. Es ist nicht ausgemacht, dass wir den Politiker Trump schon kennengelernt haben. Er wird sich sicher daran erinnern, dass Google auch Kunden in Europa hat oder US-Firmen hier High-Tech-Schmieden übernehmen, wie zuletzt Tesla eine Batteriefabrik im Schwarzwald. Es gibt keinen Anlass, jetzt unruhig zu werden.

Wie werden Unternehmen sonst von der Entwicklung in den USA betroffen sein?

Es kann sein, dass es bei den Wechselkursen von Dollar und Euro etwas erratischer zugehen wird. Was mich mehr umtreibt, ist aber die Tatsache, dass die Amerikaner es nicht vermocht haben, den Sack beim transpazifischen Handelsabkommen TPP zuzumachen. Das hatten sie tun wollen, um ihre ökonomische Präsenz im pazifischen Raum weiter zu stärken. Das ist sehr ärgerlich deswegen, weil andere größere Wirtschaftsnationen Konkurrenzbündnisse für das regionale Zusammenwachsen in Asien entwickeln, die sie nun in dieses Vakuum schieben – ohne die Amerikaner.

Donald Trump hat keine Ambitionen, weiterhin über TTIP zu verhandeln – sehen Sie darin einen Verlust?

Ja, die Verhandlungen liegen im Moment auf Eis. Das ist ein Verlust. Man hat sich die Karten gelegt, aber in echte Verhandlungen ist man noch gar nicht eingetreten. Man hat Marathonläufer zum Aufwärmen geschickt und ohne Startschuss wieder in die Umkleidekabinen zurückgeholt. Sportsgeist geht anders.

Das CETA Abkommen mit Kanada – was kann es bringen?

Erstens finde ich es prima, dass wir doch noch Handelsabkommen abschließen können. Zweitens werden dadurch die Unternehmen für die jeweiligen Möglichkeiten auf der anderen Seite des Atlantiks sensibilisiert und drittens erwarten wir mit Blick auf die Zollerleichterungen und den Abbau technischer Hemmnisse eine optimierte Arbeitsteilung zwischen den betroffenen Volkswirtschaften, oder anders ausgedrückt: einen größeren Handelsaustausch. Nun ist ein Abkommen mit Kanada nicht so bedeutend wie eines mit den USA, aber den kleinen Bruder haben wir auf die Welt gebracht. Insofern ist es doppelt ärgerlich, dass wir bei TTIP einfach nicht weiterreden.

Welchen Stellenwert hat der Handel mit den USA für unsere mittelständisch geprägte Wirtschaft?

Die USA zählen zu den wichtigsten Handelspartnern Schleswig-Holsteins. Für Deutschland insgesamt sind die USA zurzeit das wichtigste Exportland. Die USA stehen sowohl im Bund als auch in Schleswig-Holstein für die größten Exportzuwächse der letzten Jahre. 2015 erzielten die Unternehmen im Norden ein Umsatzvolumen von etwa 1,35 Milliarden Euro. Aber die Frage nach dem Stellenwert ist nicht nur mit dem Platz auf einer Rangliste zu beantworten. Die USA sind ein sehr großes Land, das industriell ausentwickelt ist. Ein Land, das viele jener hochentwickelten Produkte und Leistungen gebraucht, die wir in Deutschland produzieren. Das ist schon eine echte Hausnummer, daher ist es misslich, dass wir das Momentum nicht genutzt haben, um bei TTIP weiterzukommen. Das ärgert uns schon.

Haben sie einen Wunsch, wann über TTIP weiterverhandelt werden soll?

Man kann ja einsehen, dass Trump nun viel damit zu tun hat, Posten zu besetzen. Aber spätestens wenn er ins Amt kommt, sollte er das Signal geben: Wir verhandeln weiter. Das würden wir begrüßen.

Was sagen Ihre Kontaktpersonen in den USA zu diesem Thema?

Trump ist auch vielen Unternehmern verbunden und wir haben es in den USA nicht mit lauter Freihandelsgegnern zu tun. Unsere Kontaktpersonen in der Außenhandelskammer beobachten die Szenerie sehr genau. In den nächsten Monaten dürfte es Andeutungen von Trump geben, die vermuten lassen, wohin die Reise geht.

Was werden Sie den Unternehmern raten?

Wir raten Unternehmen, sich nicht kirre machen zu lassen. Die Geschäfte laufen weiter. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es schwieriger werden wird. Wir haben in diesem Jahr unsere Veranstaltungsangebote verdoppelt im Vergleich zum Vorjahr. Und alle waren stark nachgefragt. Unsere nächste Veranstaltung ist am 29. November. Mit einer amerikanischen Expertin besuchen wir insgesamt 12 Unternehmen in der Region Lübeck. Das kommt gut an. Andersherum erkennen uns die USA übrigens auch als sehr großen und wichtigen Markt. Die USA und Deutschland arbeiten schon eng beim Thema Digitalisierung der Industrie zusammen.

Wo sitzen die wichtigsten Handelspartner für unsere Unternehmen? Und wo sehen Sie die größten Entwicklungschancen?

Die wichtigsten Handelspartner für den Export sind Dänemark, die Niederlande, Großbritannien, Frankreich und die USA. Die ersten fünf sind relativ stabil und wechseln ab und zu die Positionen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Vereinigte Königreich ein sehr wichtiger Partner bleiben wird, Brexit hin oder her.

Rückt China nun stärker in den Blickpunkt, trotz seiner Wachstumsdelle?

Die Umschlagmenge mit China ist kleiner geworden, das hat in Schleswig-Holstein aber nicht zu dramatischen Einbrüchen geführt. Wir sind auch nicht enttäuscht darüber. Wir erleben ein anhaltendes Interesse der Unternehmen an China, zwischen den Gipfeln liegen halt auch Täler. Insgesamt bin ich bei China-Relationen zuversichtlich.

Wie wird sich der Handel mit Russland entwickeln?

Forderungen aus der Wirtschaft nach Aufhebung der Sanktionen gegen Russland sind verstummt seit dem Eingreifen der Russen in Syrien. Was wir aber erleben ist, dass der Handel mit Russland wieder etwas anzieht. Das erkläre ich damit, dass Unternehmen mittlerweile deutlich größere Handlungssicherheit haben darüber, was sie im Rahmen des Sanktionsregimes dürfen und was nicht.

Die Sanktionen wirken ja nur zu einem geringeren Teil direkt. Die Hürden sind indirekt: Bin ich betroffen von Dual-Use-Regelungen? Überschreite ich Grenzen für Meldepflichten? Benötige ich Exportgenehmigungen? Steht ein Aufsichtsratsmitglied des Geschäftspartners auf der Sanktionsliste? Und so weiter. Das sind Unsicherheitsfaktoren, die gerade bei kleineren Unternehmen dazu führen, dass sie die Finger vom Russlandgeschäft lassen. Jetzt gibt es bei den Unternehmen wie bei den Rechtsexperten eine gewisse Erfahrung und Sicherheit im korrekten Umgang mit den Regularien.

Sie waren gerade mit einer Delegation im Iran unterwegs und haben viele Kontakte geknüpft. Welche Chancen sehen Sie dort?

Das ist eine spannenden Geschichte. Die Iraner lieben Deutschland und Made in Germany und rollen uns den Teppich aus. Sie hoffen sehr auf eine Zusammenarbeit, auf Know-how-Transfer und kräftige Investitionen aus Deutschland. Sie sind auch darüber informiert, dass sich unsere Banken aus bekannten Gründen schwertun, Geschäfte mit dem Iran zu begleiten. Allen ist klar, hier muss schnell etwas geschehen, denn jetzt wird die Saat gesät für das, was in den kommenden Jahren hier passiert.

Was interessiert die Iraner konkret?

Es gibt Interesse an den Bereichen Pharmazie, Maschinenbau, der Entwicklung der Häfen und der Infrastruktur und an erneuerbaren Energien. VW will hier eine Partnerschaft schließen, Daimler sondiert ebenfalls die Lage. Die Iraner setzen sehr auf uns, auch im Bereich berufliche Ausbildung. Die deutsch-iranische Außenhandelskammer gehört zu den Pilotkammern, die Module des deutschen Berufsausbildungssystems vor Ort umsetzen wollen. Es gibt Überlegungen für eine deutsch-iranische Fachhochschule, das alles findet statt in Gesprächen mit größeren Unternehmen, die Investitionspläne im Iran haben. Es ist ein Land im Umbruch mit fast 80 Millionen Einwohnern, in der Nachbarschaft noch einmal 360 Millionen Menschen rund ums Kaspische Meer.

Also können wir ein starkes Wachstum erwarten?

Ich warne vor zu hohen Erwartungen. Wir haben einen deutlichen Aufschwung und der Trend geht weiter, aber vom Niveau, das es vor den Iran-Sanktionen gab, sind wir noch weit entfernt. Es wird etwas dauern. Wir brauchen einen Brustlöser, und das ist die Finanzierungsfrage. Da muss etwas passieren, damit es weiter aufwärts geht.

Viele erhoffen sich dort gute Geschäfte.. .

Der Iran ist eine Bank in der Region, und deshalb geben sich die deutschen Bundesländer dort gerade auch die Klinke in die Hand. Sehr positiv wurde verzeichnet, dass Hamburg und Schleswig-Holstein dort gemeinsam auftreten. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir da Einiges erreichen werden. Viele kleine Maschinenbauer liefern schon Ersatzteile in den Iran, das ist ein spannendes Geschäft. Die Kooperationsbörse im Rahmen der Delegationsreise haben die mitgereisten Unternehmer als sehr vielversprechend gewertet. Auch ich war in höchstem Maße angetan von der klaren Fokussierung der jungen iranischen Unternehmensvertreter, die das Gespräch mit der IHK gesucht haben.

Was müssen Unternehmer beachten, wenn sie im Ausland Fuß fassen wollen?

Unternehmen müssen sich gut und gründlich vorbereiten und sich fragen: Haben wir das passende Personal, wie gut sind die Sprachkenntnisse, das nötige Wissen? Das Thema Außenwirtschaft muss man als eine Art zweite Existenzgründung verstehen, die man in Ausschnitten vom Ende her denken muss. Wenn man sich am Anfang zu wenig Gedanken macht, bleiben zu viele Herausforderungen unbeantwortet. Und viele Fehler im Auslandsgeschäft haben eine hohe strafrechtliche Relevanz, mit existenziellen Auswirkungen auf das Gesamtunternehmen, zum Beispiel bei fehlenden Genehmigungen einschlägiger Behörden. Nicht nur Auslandsneulinge brauchen Rat, auch die alten Hasen auf fremden Märkten wissen, dass das Auslandsgeschäft komplexer geworden ist und allein häufig nicht mehr bewältigt werden kann. Wir, die IHK, freuen uns über jeden Ratsuchenden – und jeden, der sich darüber freut, uns aufgesucht zu haben.

Interview: Christian Risch

LN

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