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Das Zeitalter der flachen Hierarchien

MANAGEMENT Das Zeitalter der flachen Hierarchien

Jedes Zeitalter erfordert nicht nur seine eigenen technischen Lösungen, sondern auch einen eigenen Managertyp.

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Dr. Willms Buhse beim Leader in the Digital Age Award (LIDA). Der Autor und Moderator hat Wirtschaftswissenschaften und Maschinenbau studiert.

Quelle: Fotos: doubleYUU, af

Unsere Welt dreht sich immer schneller. Auch dank des Internets, das uns flexibler und schneller denn je agieren und reagieren lässt. Das uns im immer rasanteren Tempo neue Möglichkeiten eröffnet und die Welt zusammenwachsen lässt. Viele Abläufe des Alltags haben sich vereinfacht, die Dinge sind transparenter geworden. Musste man früher tagelang auf ein paar Schuhe in der richtigen Größe warten, die das Kaufhaus für einen bestellte, reicht heute ein Klick im Online-Shop. Und wo es genau diese Schuhe am günstigsten gibt, darüber informiert der nächste Mausklick. Wie zufrieden andere Käufer waren, ist auch mit einem Blick ersichtlich.

Schrieb man früher Beschwerdebriefe, weil der Telefonanschluss nicht funktionierte wie er sollte, und wartete geduldig eine Woche auf eine Antwort, füllt man heute Online-Formulare aus und erwartet noch am selben Tag eine Rückmeldung. Und wenn die nicht kommt, ist man heute schnell dabei, noch am selben Tag am Computer in einem Bewertungsportal seine schlechten Erfahrungen mit anderen zu teilen.

Dementsprechend gibt es heute auch einen eigenen, dem Zeitalter entsprechenden Managertyp.

Anfang des 20. Jahrhunderts entschied der Patriarch alleine über die Geschicke seiner Firma. In einigen Unternehmen, gerade in alten Familienunternehmen, findet man auch heute noch so einen Patriarchen, der über allem wacht. Doch in den meisten Fällen wurde er von einem anderen Managertyp abgelöst. Immer noch hierarchisch, aber auf mehreren Ebenen, wurde die Geschäftsleitung unterteilt.

Mal mit mehr, mal mit weniger Ebenen, mal als Staborganisastion, mal als Matrixorganisation oder auch als Einliniensystem.

Doch egal ob Laissez-Faire, Autokratie, Demokratie — die Hierarchien wurden mehr oder weniger streng eingehalten. Je nach Unternehmensform und Unternehmensphilosophie hat jedes Organigramm seine Vor- und Nachteile.

Doch starre Hierarchien machen behäbig. Denn wenn bei jeder Beschwerde erst der Vorgesetzte entscheiden muss, wie damit umgegangen wird, kann der einzelne Sachbearbeiter nicht schnell reagieren. Wenn jede technische Lösung sich erst den Weg durch die Hierarchien bahnen muss, um umgesetzt zu werden, fehlt die Flexibilität, die die schnellen Marktgeschehnisse heutzutage fordern.

Und so brauchen wir heutzutage flachere Hierarchien, einen neuen Managertyp, sagt Willms Buhse. In seinem Buch „Management by Internet“ beschreibt er eben jene neue Managementkultur, die Einzug halten muss in deutschen Unternehmen, um Schritt zu halten mit den neuen Entwicklungen auf dem Markt, den neuen Erwartungen der Kunden. Der Experte für Digital Leadership spricht dabei von vier Erfolgsmustern: Vernetzung, Offenheit, Partizipation und Agilität — VOPA kürzt er es einprägsam ab. Von diesen vier Erfolgsmustern seien das Internet und die sozialen Netzwerke geprägt. „Wer diese Muster erkennt und für sich nutzbar macht, hat in einer vernetzten Welt mehr Erfolg als andere“, schreibt er in dem Buch.

Der digitalisierten Welt gegenüber stellt er die „industrialisierte Welt“, die auf Werte wie Qualität, Sicherheit, persönliche Kontakte und eben Hierarchien setzt. Mit dem „VOPA“-Erfolgsmustern tue sich ein klassisch organisiertes Unternehmen schwer, hat Buhse beobachtet. Zentral gelenkte, hierarchische Organisationen seien kaum in der Lage, angemessen auf Veränderungen zu reagieren.

„Es geht darum, Unternehmen agiler zu machen, ihnen Freiraum für selbst organisiertes Arbeiten zu schaffen“, so Buhse weiter. Die „kollektive Intelligenz“ des Unternehmens zu nutzen — um Probleme zu lösen, um neue Produkte zu entwickeln, um Fehler aufzudecken. In der vernetzten Welt von heute erwarten Kunden schließlich viel schneller Rückmeldungen, genauso wie neue oder um Features ergänzte Produkte. „Das Internet hat dafür gesorgt, dass der Kunde sehr viel mächtiger geworden ist“, erklärt Buhse und nennt Bewertungsplattformen als Beispiel. Wenn der Markt sich vernetze, dann könne man nur als vernetztes Unternehmen richtig reagieren.

Der moderne Manager müsse die Technologien, die Vernetzung ermöglichen, kennen und beherrschen. Genauso müsse er aber auch loslassen lernen. Die Mitarbeiter einmal machen lassen, Problemlösungen finden lassen. Und ihnen Raum geben, sich zu vernetzen, auszutauschen. Womit nicht nur regelmäßige Gespräche in der Teeküche gemeint sind. Vielmehr gehe es darum, Vernetzung über soziale Netzwerke oder virtuelle Communities voranzutreiben. Bei Problemlösungen nicht nur die Mitarbeiter einbeziehen, sondern auch Kunden oder Lieferanten könne einen erheblichen Mehrwert schaffen.

„Schwarmintelligenz — also die Weisheit vieler“ funktioniere, solange sie ein klares Ziel hat, betont Buhse. Top-Down-gesteuerte Unternehmen können immer schwieriger erkennen, was Kunden wollen .

Den meisten deutschen Unternehmen einen Schritt voraus seien viele US-amerikanische Firmen, die viel flexibler agierten als ihre Kollegen hierzulande, weiß Buhse, der selbst mehrere Jahre im Silicon Valley in den USA arbeitete.  Dafür sei auch die amerikanische „Can- Do“-Mentalität verantwortlich: Geht etwas schief, steht man wieder auf und macht weiter. Willms Buhse spricht von zwei „Betriebssystemen“, und der Begriff aus der digitalen Welt ist mit Absicht gewählt. Es gehe nicht darum, Hierarchien komplett abzuschaffen, stellt er klar. Vielmehr müssten die Manager von heute beide „Betriebssysteme“ beherrschen. Dazu gehören klassische Managementtugenden genauso wie eben jene Vernetzung, Offenheit, Partizipation und Agilität. Nur so könnten Manager auch Nachwuchskräfte für sich begeistern und an sich binden.

„Der Manager von heute muss lernen, seinen Mitarbeitern zu vertrauen und loslassen können“, sagt Buhse. Jedoch nur in einem vom Manager gesetzten Rahmen. Entscheidungen müssten dann wiederum im Management gefällt werden. Wie groß der Rahmen sein darf — das sei etwas, wofür viele Manager erst einmal ein Gefühl bekommen müssten. Mit dem „besten aus beiden Systemen“ seien Unternehmen heute am besten für die aktuellen Herausforderungen und die der Zukunft gerüstet.   •

Willms Buhse: „Management by Internet — neue Führungsmodelle für Unternehmen im Zeitalter der digitalen Transformation“, Verlag Börsenmedien, 240 Seiten, ISBN 978-3864701726, 24,99 Euro oder auch als E-Book für 19,99 Euro.
Der Autor und Moderator Willms Buhse studierte Wirtschaftswissenschaften und Maschinenbau. Er promovierte über Musik im digitalen Zeitalter. 1994 leitete er an der Universität Hannover das erste internationale Internetprojekt. Er arbeitete mehrere Jahre in den USA, unter anderem in New York und dem Silicon Valley und lernte dort die amerikanische Unternehmenskultur kennen. Der Moderator und Bestseller-Autor war unter anderem in der Unternehmensberatung Roland Berger, bei Reemtsma, Bertelsmann und der Core Media AG tätig, in letzterer in der Geschäftsleitung.
Vor fünf Jahren gründete er doubleYUU, ein Beratungsunternehmen, das sich auf die Einführung der Web 2.0-Prinzipien in Unternehmen spezialisiert hat und in Hamburg sitzt.
BUCHTIPP
Neue Modelle für die Chefs von morgen
„Es geht darum, Unternehmen agiler zu machen, ihnen Freiraum für selbst organisiertes Arbeiten zu schaffen.“



Dr. Willms Buhse

Nathalie Klüver

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