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Der Branche droht der Kollaps

FACHKRÄFTEMANGEL Der Branche droht der Kollaps

Der Gesundheitssektor ist ein Schwergewicht in Schleswig-Holsteins Wertschöpfungskette. Aber die Branche hat ein gravierendes Problem: Ihr fehlen die Fachkräfte.

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Notruf-Knopf, überforderter Arzt: Über die Hälfte der Unternehmen in der Gesundheitsbranche hat bereits jetzt Probleme bei der Nachbesetzung offener Stellen.

Quelle: Fotos: Sir_oliver, Ezume Images/ Fotolia

Der demografische Wandel, die gestiegene Lebenserwartung, der Trend zu einer gesunden Lebensweise und die modernen Möglichkeiten durch den medizinisch-technischen Fortschritt haben Folgen: eine steigende Bereitschaft der Menschen, in die eigene Gesundheit zu investieren. „Die Bedeutung der Gesundheitswirtschaft als Leit- und Zukunftbrache in Schleswig-Holstein ist enorm“, sagt Dr. Volker Kotte vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Kiel. In keinem Bundesland – insbesondere in den östlichen Landesteilen - ist der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten so hoch. In Schleswig-Holstein ist nach Angaben des Statistikamts Nord jeder sechste Beschäftigte in der Gesundheitswirtschaft tätig. Darunter sind Ärzte, Pfleger, Sprechstundenhelfer, Krankenversicherungsmitarbeiter, Augenoptiker, Laboranten, Apotheker, Biotechnologen, Medizintechniker, Klinikverwalter, Krankenschwestern und viele Berufsgruppen mehr. Doch so reich das Gesundheitswesen an Berufsbildern ist, so arm ist es an qualifizierten Fachkräften. Diesbezüglich handelt es sich um eine krasse Mangelwirtschaft.

In den nächsten zehn Jahren wird in Schleswig-Holsteins Gesundheitssektor eine Lücke von rund 70 000 Erwerbspersonen klaffen, schätzt man im Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung in Kiel. Allein für den Bezirk der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck erwartet das Institut analytix bis 2030 eine Fachkräftelücke von annähernd 6300 Personen im Gesundheits- und Sozialwesen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2015. Sie geht davon aus, dass sich im Bezirk der IHK zu Lübeck in den kommenden 15 Jahren aufgrund des gesellschaftlichen Alterungsprozesses eine spürbare Versorgungslücke von ungefähr 8000 Stellen im Pflegebereich auftun wird.

„Es ist bereits jetzt absehbar, dass künftig der Bedarf an Fachkräften in der Gesundheitswirtschaft nicht mehr gedeckt werden kann“, so ein Ministeriumssprecher. Deutlich macht er dies am Beispiel der langen Liste freiwerdender Hausarztsitze im Bundesland: Unter der Voraussetzung, dass man die hausärztliche Versorgung im gleichen Maß aufrecht erhalten will, besteht ein Bedarf von gut 900 Ärzten, die abgegebene Praxen übernehmen. Doch Nachwuchs in dieser Größenordnung ist nicht in Sicht: Derzeit befinden sich zwischen Nord- und Ostsee gerade einmal 99 Ärzte in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin.

Ein anderes Beispiel sind Altenpflegefachkräfte. Momentan sind in Schleswig-Holstein 1120 offene Stellen gemeldet. Margit Haupt- Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, kalkuliert, dass sich diese Zahl in den nächsten vier Jahren nahezu vervierfachen wird. „Angesichts der demographischen Entwicklung wird der Bedarf an Fachkräften weiter steigen – von der Altenpflege bis zur Medizintechnik“, prognostiziert sie. Besonders stark betroffen vom Fachkräftedefizit seien auch Kliniken, die keine eigene Krankenpflegeschule betreiben.

Der Fachkräftemangel wird seitens der Wirtschaft als eine der größten Herausforderungen und Risiken wahrgenommen. Man befürchtet, dass er zunehmend reglementierend auf die weitere Entwicklung der Branche wirken könnte. Über die Hälfte der Unternehmen in der Gesundheitsbranche hat bereits jetzt Probleme bei der Nachbesetzung offener Stellen, ergab eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) unter seinen Mitgliedern. Der Wettbewerb um gute Schulabgänger verschärft sich zwischen den Bundesländern, Regionen und Branchen. „Ländliche Räume abseits großer Wirtschaftszentren haben es nicht nur in Schleswig-Holstein zunehmend schwerer, sich im Wettbewerb um Fachkräfte zu behaupten“, so Haupt-Koopmann. Eine Lösung des Problems sieht sie darin, „die vorhandenen Potenziale stärker zu nutzen, um den aktuellen und zukünftigen Fachkräftebedarf zu decken“. Außerdem will sie die „ungehobenen Potenziale“ des Arbeitsmarktes, unter anderem Alleinerziehende und Berufsrückkehrerinnen, gezielt ansprechen und für das Berufsfeld Gesundheit gewinnen. Nach wie vor ist die Gesundheitswirtschaft eine Frauendomäne: Drei Viertel der Beschäftigten sind weiblich. Auch die IHK zu Lübeck meint, dass der „konsequenten Nutzung bestehender Fachkräftepotenziale wie beispielsweise Frauen, Älteren, ausländischen Fachkräften und Arbeitssuchenden zukünftig eine Schlüsselrolle“ zukommt.

Eben das hält man im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe in Berlin für Wunschdenken. Denn in der „auf Dauer unerträglich hohen Arbeitsbelastung“ liegt nach Auffassung der Referentin Johanna Knüppel der Grund für eine Unvereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch wegen der Arbeitszeiten oder der bescheidenen Vergütung werde eine Tätigkeit als Fachkraft in der Pflege als unattraktiv bewertet. „Die Zahl der Arbeitsplätze in stationären Einrichtungen hat sich seit Jahren massiv erhöht, es wird viel Personal benötigt. Gleichzeitig wird aber durch die meist privaten Träger gern an Quantität und Qualifikation des Personals gespart. Viele zahlen keine Tarifgehälter und unterschreiten bewusst die Fachkraftquote“, sagt Knüppel. Diese gesetzliche Vorgabe regelt die Mindeststandards der personellen Ausstattung in der stationären Pflege. So ist eine Fachkraftquote von mindestens 50 Prozent vorgeschrieben: Jeder zweite Beschäftige muss eine qualifizierte Fachkraft sein, wozu man etwa Altenpflegehelfer oder Krankenpflegehelfer nicht zählt. Auch bei Nachtwachen muss mindestens eine Fachkraft anwesend sein. Abweichungen von den gesetzlichen Anforderungen sind ausschließlich mit Zustimmung der Heimaufsichtsbehörde zulässig.

Die Gehälter in der Gesundheitswirtschaft bewegen sich trotz hoher Qualifikationen teilweise in äußerst bescheidenen Gefilden: „Eine Umfrage unter Zahnmedizinischen Fachangestellten, die wir kürzlich online durchgeführt haben, hat gezeigt, dass in Schleswig- Holstein jeder fünfte maximal den Mindestlohn erhält“, so Carmen Gandila, Vorsitzende des Verbands medizinischer Fachberufe.

Das durchschnittliche Bruttoeinkommen einer in Vollzeit beschäftigten Zahnmedizinischen Fachangestellten liegt bei nicht einmal 1800 Euro im Monat.

Doch den Beschäftigten im Gesundheitwesen gehe es nicht allein um das Finanzielle. „Dass man in dem Beruf nicht reich wird, wissen alle, die ihn wählen und lernen ihn dennoch“, sagt Gandila. Solange die Arbeitgeber im Gesundheitssektor jedoch nichts ändern würden an beruflichen Realitäten wie der oft geforderten Arbeit in der Freizeit und im Urlaub sowie an der mangelnden Anerkennung und Wertschätzung für die geleistete Arbeit, brauche man keinen Zuschlag in die Lohntüte zu geben, das sei kein relevanter Anreiz. „Wer sich als guter und mitarbeiterorientierter Arbeitgeber positionieren will, bietet heutzutage einen Betriebskindergarten, den kostenfreien Mitarbeiterparkplatz, Umzugsbeihilfe, Unterstützung bei der Wohnungssuche, Hilfe beim Organisieren der Pflege von Angehörigen, Arbeitszeitkonten und ähnliches“, so Knüppel.

Dem stimmt auch die IHK zu Lübeck zu. Dort rät man Arbeitgebern, gerade beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie – was auch die Pflege von Angehörigen betrifft – neue Wege zu gehen, zum Beispiel bei den Arbeitszeiten oder der Möglichkeit, vom Homeoffice aus zu arbeiten. „Da reichen die Möglichkeiten je nach Betriebsgröße vom eigenen beziehungsweise im Verbund betriebenen Betriebskindergarten über Zuschüsse zur Kinderbetreuung bis zur Mitgliedschaft etwa in der Stiftung Beruf und Familie Stormarn, die kurzfristige Betreuung sicherstellt“, schlägt IHK-Pressesprech

er Dr. Can Özren vor.

Für die Sana Kliniken Lübeck liegt der Schlüssel zu weniger Vakanzen im hochqualifizierten Team in der Mitarbeitermotivation. Unter dem Begriff „SanaFit" wurde ein umfangreiches Angebot für die Gesunderhaltung des Kollegiums eingeführt. „Ernährung, Entspannung, Prävention und Bewegung sind die Säulen, auf die das Konzept aufbaut“, erläutert Sibylle Schulze, Leiterin der Unternehmenskommunikation. So hofft man dort, einerseits Mitarbeiter zu halten und andererseits neue gewinnen zu können.

Einen ganz anderen Weg geht man seit einem Jahr in Schweden, genauer gesagt in Göteborg. Im Svartedalens-Pflegeheim und auf der Orthopädie-Station des Sahlgrenska-Krankenhauses experimentiert man mit Sechs-Stunden- Schichten, um langfristig mehr Fachkräfte für sich gewinnen zu können. Die Mitarbeiter vom Arzt bis zur Krankenschwester stehen dem Unternehmen nur noch 30 statt 40 Stunden pro Wochen zur Verfügung. Um den Rund-um- die-Uhr-Betrieb des Krankenhauses dennoch aufrecht erhalten zu können, wurden 15 neue Fachkräfte eingestellt. Nach einem Jahr zeigt sich, dass Krankenstände bei den Mitarbeitern sanken, weniger über Erschöpfung geklagt wurde und im Resultat mehr Operationen durchgeführt werden konnten. Insgesamt ein gutes Geschäft.

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Jessica Ponnath

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