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Der Kampf um Glaubwürdigkeit

FINANZWIRTSCHAFT Der Kampf um Glaubwürdigkeit

Der Kurs der Europäischen Zentralbank und der Federal Reserve der USA gerät weiter in die Kritik. Wird es einen Richtungswechsel geben?

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Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main: Hier arbeitet der oberste Währungshüter der EU am Ziel einer Inflationsrate von zwei Prozent.

Quelle: Fotolia / Jfl Photography

 

Bald könnte eintreffen, worauf private und institutionelle Anleger seit Wochen und Monaten gespannt warten: ein Richtungswechsel und damit ein Ende der laxen Geldpolitik von europäischer Zentralbank (EZB) und der Federal Reserve (Fed). Nötig – denn es droht Ungemach. Sogar innerhalb der eigenen Reihen werden die Stimmen gegen den Kurs beider Notenbanken immer lauter. Entsprechend hatten die amerikanischen Zins-Entscheider bei ihrer letzten Sitzung des Offenmarktausschusses im September auch nur noch „knapp“ gegen eine sofortige Leitzinserhöhung entschieden. Zwar haben sich laut Protokoll jener Sitzung einige Mitglieder für eine sofortige Erhöhung ausgesprochen, die Zweifler hielten allerdings gerade noch das Patt. Im Dezember werde es aber soweit sein, hieß es weiter, dann würden auch die letzten Kritiker verstummt sein.

Und dem wird wohl auch tatsächlich so sein, schließlich geht es bei der kommenden Sitzung und der ausstehenden Entscheidung um mehr als nur schnöde Geldmarktpolitik. Etwas noch viel Wertvolleres steht auf dem Spiel: die Glaubwürdigkeit der Fed, der Währungshüter rund um Janet Yellen. Nicht auszudenken, würde diese verlorengehen. Zu oft und zu offen hatte man über eine baldige Zinserhöhung gesprochen, zu laut wurde eine schnelle Rückkehr zu einem normalen Zinsniveau angekündigt. Es jetzt nicht zu tun wäre fatal.

Um den Verlust der Glaubwürdigkeit müssen sich auch die Direktoren der EZB rund um Mario Draghi derzeit sorgen. Draghi arbeite aktuell aktiv an der Dekonstruktion dieser Glaubwürdigkeit, heißt es zynisch in Branchenkreisen.

Schließlich wirke es nicht besonders überzeugend, wenn eine Maßnahme der Zentralbänker nach der anderen im Sande verläuft.

Das sieht auch Ulrike Kastens, Stellvertretende Leiterin Volkswirtschaft im deutschen Bankhaus Sal. Oppenheim so. Sie warnt indes: „Wenn Mario Draghi betont, dass der Instrumentenkasten der EZB gut gefüllt sei, gilt dies nur theoretisch.“ Auch die unendliche Feuerkraft der EZB sei nur theoretischer Natur. Argumente, die darauf hindeuten, dass die EZB mit dem Latein am Ende zu sein scheint, lieferte Draghi kürzlich etwas hilflos klingend selbst, als er vor dem Europaausschuss seine Zinspolitik mit den Worten „die niedrigen Zinsen, die wir gegenwärtig haben, sind nötig, um künftig zu höheren Zinsen zurückzukehren“ erklärte.

Abgesehen davon, dass offenbar alles, was Universitäten in Betriebs- und Volkswirtschaftslehre in Bezug auf Geldwertstabilität lehren, in der Realität nicht so zu funktionieren scheint. Oder, wie Adair Turner, britischer Wirtschaftsmanager und Hochschullehrer Anfang Oktober in Zürich formulierte: „Wirtschaftslehrbücher gehören neben Harry Potter“. Draghi ist überzeugt von dem, was er tut. Jetzt sieht er die Politik in der Pflicht, mit Strukturreformen die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Volkswirtschaften zu erhöhen. Mehr kann der Mann hinter dem Steuer wohl nicht mehr machen. Er kann das Geld nur drucken, verteilen müssen es andere.

Die Munition ist verschossen, Negativzinsen machen sich breit, die Gesetze der Marktwirtschaft scheinen außer Kraft. Und noch immer liegen die angestrebten zwei Prozent Inflation bei den aktuell 0,4 Prozent Kerninflationsrate in weiter Ferne. Jetzt einfach von den zwei Prozent, beziehungsweise „unter, aber nahe zwei Prozent“ abrücken und behaupten, es wäre eine wohlüberlegte und angemessene Entscheidung – das wäre undenkbar. Und auch unmöglich, ohne erneut die eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. Respektive sie ganz zu verlieren.

Doch warum überhaupt zwei Prozent? Die Frage lässt sich mit einem kleinen Exkurs beantworten, der mit einem Namen und einer Geschichte im Jahr 1989 beginnt. Damals war Donald Thomas Brash Notenbankchef von Neuseeland – der „Vater“ der zwei Prozent. Brash hatte, gerade frisch im Amt, gesagt, er werde alles tun, dass die Preisteuerung in seinem Land unter zwei Prozent bleiben würde – und formulierte damit als erster Notenbankchef ein konkretes Inflationsziel. Ein absolutes Novum. Und heute State of Art.

Die EZB hat sich das Ziel, die Inflation „unter, aber nahe zwei Prozent“ zu fixieren 2003 gesetzt, als das Mandat der Zentralbank, das im EU-Vertrag geregelt ist, verantwortlich gemacht wurde für stabile Preise. Die Zwei, das vermeintliche Ideal, um jeden Preis zu halten, ist aus Angst vor dem Schreckgespenst Deflation entstanden. Denn die dabei auftretenden dauerhaft sinkenden Preise können dazu führen, dass Verbraucher ihre Einkäufe auf morgen vertagen, weil sie hoffen, das Produkt dann noch günstiger kaufen zu können. Weil die Löhne dabei aber unverändert bleiben, sinken bei niedrigeren Verkaufspreisen die Gewinne der Firmen. Und dann beginnt sich eine Spirale zu drehen – die in einer handfesten Wirtschaftskrise münden können – wie zuletzt in Japan. Das Ideal der Zwei birgt gewisse Gefahren.

Zumal inzwischen klar ist, dass Zinspolitik ihre Grenzen hat. Und zumal viele unbekannte und unkonventionelle Zutaten in den vergangenen Jahren in den Währungsrettung-Mix geworfen wurden. Und nichts die Inflation den zwei Prozent näher brachte.

Fakt ist vielmehr: Der Markt ist gesättigt, der Konsum auf hohem Niveau, Unternehmen stehen mit prall gefüllten Taschen da, brauchen, beziehungsweise wollen gar kein billiges Geld mehr. Sogar die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel (BIZ), die sich traditionell vorsichtig oder lieber gar nicht zu den Machenschaften ihrer Eigentümer – der Fed, der EZB und anderer Notenbanken – äußert, zeigt langsam Zeichen von Unrueh. „Man dachte immer, dass Geldpolitik wie ein Auto funktioniert", sagte Hyun Song Shin, BIZ-Forschungschef kürzlich. „Die Notenbank drückt bei den Zinsen aufs Gas und die Konjunktur nimmt Fahrt auf.“ Also wie aus dem Lehrbuch: Erst setzten die Banken die Leitzinsen global auf null, dann begannen die Quantitative-Easing- Programme, später kamen sogar negative Leitzinsen dazu. Ohne Erfolg. Außerdem wurde damit ein Weg eingeschlagen, dessen Ende niemand kennt oder vorherzusagen weiß, so die vorsichtige Kritik aus Basel.

Der Journalist und Geldmarktexperte Carlo Sporkmann bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Draghi tut derweil mit seinem Nichtstun mehr, als man meint. Er experimentiert nicht einfach auf Gutdünken wie 2011, als er mit einer abrupten Erhöhung des Zinssatzes kurzzeitig die Märkte aufschreckte.“ Oder aber wie dieser Tage mit dem dem Tapering, dem Zurückfahren des Ankaufprogramms der EZB.

Was immer auch geschehen mag, ob die Fed im Dezember die Zinsen anhebt oder nicht: Yellen und Draghi müssen auf lange Sicht Erfolg haben. Und bis zum Ende kämpfen. Gegen die Zahl Zwei zu verlieren ist keine Option. Ebenso wenig wie ein Abrücken davon.   •

Fabian Joeres

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