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Der verordnete Wandel

Frauenquote in Führungspositionen Der verordnete Wandel

Per Gesetz sollen Frauen mehr Macht in Unternehmen bekommen – Lässt sich der Umschwung diktieren?

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Noch sitzen wenige Frauen in Chefsesseln. Doch nicht erst durch die „Quote“ wächst die Zahl der Frauen, die Unternehmen führen, beständig. Foto: fotolia

Die Frauenquote hat eine bundesweite Debatte angestoßen. Dass Frauen stärker in den Unternehmen präsent sein sollten, ist Konsens. Ob es eine gesetzliche Regelung geben sollte, bleibt dagegen umstritten.
Gegen den Willen vieler Verbände wurde Anfang des Jahres die Frauenquote beschlossen. Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig (SPD) sprach von einem „historischen Schritt“ zur Durchsetzung der Gleichberechtigung. Betroffen sind vor allem große Unternehmen. Aber auch für kleinere Firmen gibt es neue Regelungen. In den Aufsichtsräten börsennotierter, voll mitbestimmter Großunternehmen mit mehr als 2000 Mitarbeitern müssen künftig mindestens 30 Prozent Frauen sitzen. Diese gesetzliche Quote gilt von 2016 an für alle Neubesetzungen. Für Vorstände und Managementebene sollen die Unternehmenseigene Zielvorgaben für die Frauenförderung aufstellen. Unter diese Regelung fallen 108 deutsche und sechs internationale Unternehmen, die nach europäischem Recht organisiert sind. Für unsere Region von größerer Bedeutung sind die mittelgroßen Unternehmen mit 500 bis 2000 Mitarbeitern. Sie können selbst festlegen, welchen Frauenanteil sie in ihrer
Führungsebene anpeilen – für Aufsichtsräte, Vorstände und Managementebene jeweils separat. Sie müssen ihre Zielvorgaben veröffentlichen und öffentlich über den Stand der Umsetzung informieren. Bis zum 30. September mussten sich diese Firmen ein eigenes Ziel für die Erhöhung des Frauenanteils in Aufsichtsrat und Vorstand setzen. Spätestens bis zum 30. Juni 2017 soll dieses Ziel dann erreicht sein.
Dass Handlungsbedarf besteht, lässt sich indes kaum bestreiten: Auch wenn der Frauenanteil an den Erwerbstätigen in Deutschland insgesamt deutlich zugenommen hat, beschränkt sich ihre Berufswahl immer noch häufig auf ein begrenztes Spektrum an Tätigkeiten. Die Frauenanteile in den einzelnen Berufsgruppen haben sich seit Anfang der neunziger Jahre insgesamt nur wenig verändert. Mit der geschlechtstypischen Berufswahl sind häufig Unterschiede im Verdienst und in den Karriereverläufen verknüpft. Vor allem aber sind bis heute nur wenige Führungskräfte Frauen. Die Ergebnisse entsprechender Erhebungen rangieren zwischen rund 20 und knapp 30 Prozent. Und auch dieser Anteil verändert sich nur langsam – seit 2005 bis 2011 stieg er nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 2 Prozentpunkte an.
Deutlich geringer sind allerdings die Unterschiede in akademischen Berufen wie etwa bei Ärzten, Juristen, Lehrern oder Sozialwissenschaftlern. Hier lag der Frauenanteil 2014 demnach immerhin bei 44 Prozent.
In unserer – vor allem von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägten – Region sind zwar nur einige Unternehmen von der Quotenregelung betroffen. Aber die „Verordnung“ einer Quote hat eine Diskussion über Frauen in der Wirtschaft – und in den Chefetagen – angestoßen. Und die setzt sich bis die kleinen Betriebe fort. Dabei sind weibliche Chefs natürlich in Lübeck und ganz Schleswig- Holstein schon lange alles andere als eine Seltenheit. Derzeit liegt der Anteil der Frauen in Führungspositionen nach Angaben der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck in ihrem Bereich bei etwa 20 bis 22 Prozent. Ähnlich dürfte er im gesamten Bundesland zwischenden Meerensein. Vordiesem Hintergrund konstatiert Friederike C. Kühn, Präses der IHK zu Lübeck, es sei ein ganz logischer Prozess, dass Frauen in die Wirtschaft drängen. Die demografische Entwicklung zwinge die Unternehmen, neue Potenziale für ihren Fachkräftebedarf zu erschließen. „Positiv ausgedrückt: Fachkräftemangel bringt vermehrt Frauen in die Wirtschaftundin Führungspositionen.“
Wenn es um Frauen auf den Führungsebenen geht, ist ihr zunehmenderAnteil besonders in den Bereichen Industrie, Handel und Dienstleistungen in unserer Region etwas ganz Selbstverständliches. Natürlich sei nicht das Geschlecht entscheidend – „die Leistung einer Bewerberin oder eines Bewerbers ist für uns für die Qualifikation für eine bestimmte Position ausschlaggebend“, sagt etwa Frank Schumacher, Vorsitzender des Vorstandes der Sparkasse zu Lübeck AG. Ganz ähnlich erklärt Andrea Gensel, Geschäftsführerin und Inhaberin von vier Unternehmen mit Sitz in Lübeck und Hamburg, sie habe in ihrer Karriere gegen keine entsprechenden Widerstände zu kämpfen gehabt. Denn entscheidend sei die innere Haltung – nicht das, was Männer von der Kollegin halten: „Ich habe mich niemals unterlegen gefühlt. Eher sehr geachtet“, sagt Gensel. Auch in Familienunternehmen in der Region ist es heute keineswegs mehr ungewöhnlich, wenn Frauen das Ruder in der Hand haben. Isabel Höftmann-Toebe, Geschäftsführerin von PAV im stormarnschen Lütjensee etwa ist die dritte Frauengeneration nach ihrer Mutter und ihrer Großmutter, die das Unternehmen leitet. Für die Mutter zweier Söhne war immer klar, dass sie nach ihrem Studium ins Familienunternehmen einsteigen wollte, wie sie sagt: „Meine Mutter, die sich bis heute mit mir die Geschäftsführung teilt, hat das nicht von mir verlangt. Aber für mich war der Einstieg bei PAV ganz normal.“ Heute nehmen Frauen die Sache vor allem selbst in die Hand. So setzen sie auch immer mehr auf Vernetzung. In Lübeck und Umgebung gibt es viele entsprechende berufliche Netzwerke mit verschiedenen Zielen, Idealen und Herangehensweisen. Das vermeintlich schwächere Geschlecht kann aber heute auch auf ein wachsendes Angebot für Workshops und Coachings zurückgreifen, um zu lernen, sich durchzuboxen. Doch während sich in vielen Bereichen der Wirtschaft ein Wandel abzeichnet, ist dieser etwa im Handwerk noch nicht weit fortgeschritten. So sind auf den Chefsesseln der Betriebe in der Region Frauen immer noch Exoten. Und nach wie vor stoßen Frauen auch – ganz unabhängig von welchem Segment in der Wirtschaft – vielfach auf spezielle Widerstände. So wird bis heute von vielen Beteiligten die „Gläserne Decke“ gefürchtet – ein Hindernis, an das Frauen auf der Karriereleiter unweigerlich stoßen. Und bis heute lassen sich auch Kind und Karriere ohne nachhaltige Abstriche kaum unter einen Hut bekommen.
Aber nicht zuletzt viele Frauen in der Wirtschaft selbst fordern keine gesetzlichen Vorschriften, sondern einen Bewusstseinswandel. So lehnt Friederike C. Kühn, Präses der IHK zu Lübeck – anders als etwa Frauenministerin Manuela Schwesig oder auch Schleswig- Holsteins Gleichstellungsministerin Kristin Alheit – Quoten klar ab. „Sie schränken die Freiheit der Unternehmensführung zur Entscheidung über die Einstellung der besten Kandidatin oder des besten Kandidaten für eine Position deutlich ein“, sagt Kühn. Ohnehin wollten die meisten Frauen nicht aufgrund einer Quote einen Karriereschritt machen, sondern mit Leistung und Qualität überzeugen. „Die Quote dient dazu, Normalität zu erzwingen, aber sie ersetzt sie nicht, so Kühn. Frauen sollten demnach selbst noch mehr Verantwortung übernehmen. „Wir leben in einer Gesellschaft,in der sich die Frauen reduzieren auf Modepüppchen reduzieren“, sagt Unternehmerin Andrea Gensel. „ Nicht dieMänner tun dieses. Frauen forcieren es. Ob Fernsehen oder Zeitschriften, es geht stets nur darum, gut aussehen zu müssen, um der Männerwelt zu gefallen. So lange sich Frauen – nicht Männer – hierfür hergeben, so lange wird sich nichts ändern. Nicht Männer müssen ihre Einstellung ändern! Frauen müssen es tun – sofern sie in Führung gehen wollen, aber auch sonst.“

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