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Deutsche Urlaubsgemütlichkeit

FERIENKULTUR Deutsche Urlaubsgemütlichkeit

Der Strandkorb prägt die deutschen Küsten von der Nord- bis an die Ostsee. Er ist ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor und seine Hersteller bringen immer wieder neue Ideen auf den Markt. Behauptet haben sich bis heute die Klassiker.

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Ein Klassiker an Nord- und Ostsee – der Strandkorb.

Quelle: www.rundumusedom.de/fotolia

An einem Tag im Frühling 1892 trat Wilhelm Bartelmann an, die deutsche Urlaubskultur zu revolutionieren. In der Werkstatt des Korbmachers in der Rostocker Langen Straße erschien eine Dame, die einen ganz besonderen Wunsch hatte. Elfriede von Maltzahn – so hieß die Kundin – litt unter Rheuma, weshalb sie auf die gesundheitsfördernde Wirkung der Meeresluft setzte. Um diese bei jeder Wetterlage genießen zu können, suchte sie „eine Sitzgelegenheit für den Strand als Schutz vor allzu viel Sonne und Wind.“

Bartelmann, 37 Jahre alt und Spross einer Lübecker Korbmacherfamilie, war ein findiger Mensch. Kurzerhand fertigte er einen Strandstuhl aus Weiden und Rohr, einen Einsitzer zwar, aber dennoch ein Modell, das bei den anderen Strandgästen umgehend für Aufsehen sorgte. Er musste weitere „Strand-Stühle“ für das eher ungesellige aber wettergeschützte Verweilen am Meer liefern, bevor er im Folgejahr den Prototyp zum Doppelsitzer ausbaute – schon näher an den Modellen, die bis heute verwendet werden. Bereits im Sommer desselben Jahres eröffnete die Familie in Warnemünde in der Nähe des Leuchtturms die erste Strandkorbvermietung, es folgten weitere Filialen in Mecklenburg-Vorpommern. Noch heute führt die Familie in dritter Generation ein Geschäft in Kühlungsborn.

So zumindest die Überlieferung der Strandkorb-Historie. In Wahrheit gab es wohl eine Vielzahl von Vorläufern für den legendären Prototyp, den Bartelmann entwickelte. Die Herstellung von geflochtenen Weidensesseln mit hochgezogenem Rückenteil und halbrund nach vorne gebogenen Seiten ist im europäischen Korbmacher- Handwerk seit Ende des 16. Jahrhunderts bekannt. Und bereits der Eintrag in einem 1871 veröffentlichten Musterbuch des Korbmachers Ernst Karl Nikolaus Freese gilt als das früheste schriftliche Dokument über einen Strandkorb. Dort ist neben einer Beispielzeichnung ein „Strandstuhl mit Überdachung aus Weiden und Peddigrohr, mit Ölfarbe lackiert“beschrieben. Als sicher kann deshalb nur gelten, dass die Entwicklung der Strandkörbe mit der Entstehung der ersten Seebäder und einer Badekultur an der Nord- Ostsee gegen des Ende des 18. Jahrhunderst verbunden ist.

Innovativ – aber erfolglos

Sicher ist aber auch, dass die neue Entwicklung von Bartelmann, der sowohl die industrielle Fertigung seiner einzigartigen Erfindung als auch die Anmeldung eines Patents ablehnte, bald zahlreiche Nachahmer fand. Nicht zuletzt seine Gesellen und ehemaligen Lehrlinge entwickelten die Modelle weiter. Es entstanden Strandkörbe mit Fußstützen, Armlehnen, Seitentischchen und im Jahr 1897 erstmals ein Modell mit verstellbarer Rückenlehne. Anfang des 20. Jahrhunderts gründeten Franz Schaft und Johann Falck, die bei Bartelmann gelernt hatten, Fabriken, die den gesamten Ostseeraum mit Strandkörben belieferten. 1910 entstand der zweiteilige Liegekorb mit Bock und absenkbarer Haube, nach dessen Grundprinzip das Outdoor-Möbel bis heute geflochten wird.

In den 1920er Jahren eroberte der Strandkorb in großer Zahl die Strände von Nord- und Ostsee. Besonders an der Ostseeküste schossen Strandmöbel-Werkstätten und -Manufakturen wie Pilze aus dem Boden. Zahlreiche Patente wurden angemeldet.

Auch für viele eher skurrile Modelle, die bald entwickelt wurden. Ungewöhnlich war etwa der Sitzkorb, den Adolf Moritz bereits 1905 in Lübeck präsentierte: ein Exemplar, das d

urch das Anbringen von Türen auch als Koffer genutzt werden konnte. Theodor Krech und Samuel Zwalina aus dem thüringischen Meinininge offerierten im Folgejahr eine zusammenlegbare Variante – samt detaillierter Beschreibung über die Verwendung einer Vielzahl von Zapfen, Gelenken, Hebeln, Scharnieren und einknickbaren Stangen. Besonders innovativ kam die Entwicklung des Lübeckers Wilhelm Schulze daher: 1911 ließ er seinen multifunktionalen Boot-Strandkorb patentieren: „In aufrechter Stellung dient der Gegenstand wie üblich als Strandkorb. Will man den Korb als Boot benutzen, so genügt es, ihn einfach umzulegen und zu Wasser zu bringen.“

Freilich konnte sich keine dieser sehr speziellen Ideen dauerhaft am Markt durchsetzen. Was blieb, waren die Klassiker – verbessert um einige Details wie verzinkte Griffe und Arretierungs- und Verstellmechanismen.

Und was sich bald entwickelte, waren die zwei wesentlichen Varianten des neuartigen Möbels: die Ostsee- und die Nordseeform. Erstere, aufgrund der Entwicklungsgeschichte als ursprünglicher betrachtet, besticht mit verspielterer Optik: mit abgerundeten, geschwungenen Seitenteilen und einer gebogenen Haube. Die Nordseeform ist dagegen puristisch – sie zeichnet sich durch gerade Seiten und ein kantig wirkendes Oberteil aus. Beide Grundtypen werden in der Regel als so genannte Halblieger hergestellt: Die Rückenlehnen können bis zu 55 Grad nach hinten verstellt werden. Manche Nordseestandkörbe gibt es aber auch als bis zu 90 Grad absenkbare Liegermodelle. Eine dritte Variante mit gewissen Kultstatus ist der Typ „Platte“ aus DDR-Zeiten, der nicht geflochten, sondern sondern mir Hauben aus Kunstharz produziert wurde.

Ein großer Markt

Der Markt für die seit 1910 wenig veränderten Modelle boomte während Kaiserreich und Weimarer Republik – wenn auch mit gewissen Einbrüchen durch Inflation und Massenarbeitslosigkeit. Er blieb eine Wachstumsbranche bis in die Herrschaftzeit der Nazis, die etwa durch das „Kraft durch Freude“ -Programm den Urlaub an der See propagierten. Aber der Zweite Weltkrieg brachte, nicht zuletzt, weil die Korbmacher zu „kriegswichtigen“ Arbeiten befohlen wurden, den Zusammenbruch.

Doch nach Ende des Krieges stand die Branche gleich wieder in den Startlöchern. Im deutschen Wirtschaftswunder im Westen genossen viele die gemütlichen Seiten der Badekultur. Jenseits der innerdeutschen Grenze schob – wenn auch in geringerem Ausmaß – etwa der Feriendienst der Freien Deutschen Gewerkschaftjugend den Bedarf an dem maritimen Sitzmöbel an.

An der ökonomischen Bedeutung des Strandkorbes hat sich bis in die gesamtdeutsche Gegenwart nichts geändert. Seine Herstellung ist auch im 21. Jahrhundert ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Land. 100 000 Strandkörbe stehen heute an Schleswig-Holsteins Küsten. 2500 sind es allein in Timmendorfer Strand und Niendorf. Mehrere Tausend Stück werden jährlich verkauft.

Aber schon lange nicht mehr nur zur Vermietung an den Küsten: Der Strandkorb hat sich bereits seit den 1920er-Jahren auch als bequemes Sitzmöbel in Gärten und auf Balkonen des Binnenlandes durchgesetzt.

Suche nach neuen Trends

Und jetzt werden neue Trends gesucht. Es scheint zumindest denkbar, dass sich eine Phase der innovativen Konstruktionen, wie sie bereits Ende des 19. Jahrhunderts der nicht patentierten „Erfindung“

des Strandkorbes durch Wilhelm Bartelmann folgte, in der näheren Zukunft wiederholt.

So stellte die Tourismusagentur im Frühjahr Schleswig-Holstein auf der Reisemesse ITB in Berlin den „Schlafstrandkorb“ vor. Zur neuen Saison – so wurde angekündigt – sollten die ersten Modelle in Burgtiefe aufgestellt werden. Der 1,40 Meter breite Strandkorb ist für zwei Personen ausgelegt – und natürlich besonders für die wärmeren Tage und Nächte an Nord- und Ostsee geeignet.

Die Timmendorfer Strand Niendorf Tourismus (TSNT) GmbH hat unterdessen den Design- Wettbewerb „Strandmobiliar Timmendorfer Strand“ ausgelobt. „Es ist an der Zeit, das Thema Strandmobiliar neu zu überdenken“, sagt der Kieler Designer Torsten Meyer-Bogya. Er ist von der TSNT GmbH mit der Konzeption und Durchführung des Wettbewerbs beauftragt worden. „So ist etwa ein beheiztes Strandmöbel denkbar oder eins mit Akku-Aufladestation fürs Handy“. Denn: „Neue Zielgruppen bringen neue Wünsche mit.“

Die Gewinner des Wettbewerbes erhalten 3000 Euro für den ersten, 2000 Euro für den zweiten und 1000 Euro für den dritten Preis. Bewerbungen sind bis 7. Juli bei der Timmendorfer Strand Niendorf Tourismus GmbH, Timmendorfer Platz 10, 23669 Timmendorfer Strand einzureichen. Unterlagen gibt es unter timmendorfer-strand.de (Erleben -> Kunst und Kultur -> Designwettbewerb)   •

 Oliver Schulz

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