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Die Sanktionen schaden dem Norden

RUSSLAND Die Sanktionen schaden dem Norden

Seit Einführung der Handelssanktionen gegen Russland verzeichnen deutsche Akteure starke Einbrüche. Trotzdem wird viel investiert.

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Blick auf Russlands Hauptstadt Moskau: Das Handelspotenzial ist gewaltig, aber die Stimmung hat sich verfinstert.

Quelle: Zakharov Evgeniy / Fotolia

Pelze und Wachs haben Kaufleute aus der Hansestadt Lübeck im Mittelalter in Russland gekauft und dafür Kleidung, Lebensmittel und Werkzeuge in das damalige Handelszentrum Nowgorod gebracht. Die historischen Verflechtungen von Norddeutschland und Russland gingen allerdings weit über den üblichen Handel hinaus. Durch die strategisch angelegte Heiratspolitik der holsteinischen Fürsten führen beispielsweise die Wurzeln von Zar Peter III. oder Katharina der Großen direkt nach Norddeutschland.

Heute sind die Handelsbeziehungen zwischen Norddeutschland und dem größten Land der Welt stark beeinträchtigt. Wegen des Ukraine-Konflikts im Jahr 2014 und den daraus folgenden Handelssanktionen der EU sowie den Gegensanktionen Russlands hat der Handel zwischen den beiden Ländern hat stark abgenommen.

„Seit März 2014 sind die Exporte nach Russland bundesweit um 37 Prozent gesunken“, schreibt die Industrie- und Handelskammer Nord (IHK) in einer Mitteilung im September dieses Jahres. „Der wertmäßige Export ist von rund 500 Millionen Euro im Monat auf die Hälfte geschrumpft und hat sich ab April 2015 bei knapp über 200 Millionen Euro eingependelt“, sagt Fritz Horst Melsheimer, amtierender Vorsitzender der IHK Nord und Präses der Handelskammer Hamburg. Dies entspreche ungefähr dem Niveau der Finanzkrise im Jahr 2009.

Die norddeutsche Wirtschaft ist sogar noch stärker betroffen als der Rest des Landes. Die Exporte aus Norddeutschland gingen seit März 2014 um knapp 50 Prozent zurück. In absoluten Zahlen ist der Export aus Norddeutschland nach Russland zwischen dem ersten Quartal 2014 und dem zweiten Quartal 2016 um 523,5 Millionen Euro zurückgegangen, die Ausfuhren aus Deutschland nach Russland insgesamt um rund 2,8 Milliarden Euro, geht aus den Daten der IHK Nord hervor. Betroffen sind vor allem hochtechnisierte Exportprodukte wie Kraftwagen, Kraftwagenteile, Maschinen sowie Elektronik.

Die Gegensanktionen von Russland, die die Einfuhr von Milchprodukten, Fleisch, Obst und Gemüse aus dem Westen für russische Unternehmer verbieten, zeigen besonders im Norden Wirkung, da die Ernährungswirtschaft in Norddeutschland überdurchschnittlich stark ist. Auch in der norddeutschen Tourismusbranche sind Russlandkrise und EU-Sanktionen spürbar: Die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus Russland in Schleswig-Holstein und Bremen ging um etwa ein Drittel zurück, in den übrigen Bundesländern durchschnittlich um 25 Prozent. Deswegen fordert Fritz Horst Melsheimer von Seiten der Politik einen vertieften Dialog mit Russland, um die Krise zu entschärfen.

„Norddeutschland ist vor allem wegen seiner Häfen für die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen wichtig“, sagt Alexej Knelz, Sprecher der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer „Insbesondere die Schiffsverbindungen von norddeutschen Häfen – etwa Lübeck, Hamburg, Kiel – nach St. Petersburg spielen logistisch eine wichtige Rolle“. Doch auch im Seeverkehr zeigen sich die Auswirkungen der Handelssanktionen. So ging beispielsweise in Hamburg der seeseitige Containerverkehr im vergangenen Jahr um ein Drittel zurück.

Dementsprechend ist die Stimmung bei deutschen Unternehmern. Die Zahl der in Russland vertretenen Unternehmen mit deutschem Kapitalanteil hat sich 2015 unter dem Eindruck der Krise von 6000 auf 5600 reduziert. In der jährlichen Geschäftsklima-Umfrage des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und der AHK Russland vom Anfang dieses Jahres, bei der 152 Unternehmen befragt wurden, die im Russland-Deutschland-Geschäft tätig sind, waren die Erwartungen der Unternehmer nicht positiv. Das aktuelle Geschäftsklima bezeichneten 94 Prozent der befragten Unternehmen als negativ oder leicht negativ. 82 Prozent der Befragten gingen von einer negativen oder leicht negativen Entwicklung der russischen Wirtschaft aus und 57 Prozent erwarteten weitere Beeinträchtigungen bei den Ausfuhren nach Russland. Bezüglich der Wirtschaftssanktionen gab es ebenfalls eine deutliche Einstellung der Unternehmen. 60 Prozent plädieren für die sofortige Aufhebung, 28 Prozent fordern einen schrittweisen Abbau der Sanktionen. Nur zwölf Prozent sehen einen Anlass zur Beibehaltung der Sanktionen. Vor einem Jahr hatte dieser Wert noch bei 24 Prozent gelegen.

Gleichzeitig wird in der Umfrage allerdings auch deutlich, dass die Unternehmen nicht mit einer verstärkten Zuwendung Russlands nach China rechnen. Etwa die Hälfte geht davon aus, dass die EU und China für Russland wichtige Handelspartner bleiben, ein Fünftel sieht die EU sogar als bevorzugter Handelspartner Russlands. „Russland orientiert sich wieder mehr nach Europa. Der Wille zur Erneuerung der Partnerschaft nimmt zu“, sagt der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Büchele. „Wir hoffen, dass kluge Politik diese Signale aufnimmt und noch stärker auf gemeinsame Lösungen hinarbeitet, die wir für wirtschaftliches Wachstum und die Entschärfung einer Vielzahl von Konflikten dringend brauchen.“

Eine wirtschaftliche Annäherung der beiden Länder spiegeln die deutschen Investitionen in Russland wider. Nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Spiegel Online“ unter Berufung auf Zahlen der Deutschen Bundesbank haben deutsche Unternehmen im ersten Halbjahr 2016 etwa 1,73 Milliarden Euro investiert – das ist etwa so viel wie im gesamten Vorjahreszeitraum. Lutz Jürgensen weiß, warum deutsche Firmen gerade jetzt in Russland investieren. Jürgensen ist seit 1989 als Unternehmensberater in Russland tätig. Seitdem hat der 71-Jährige rund 500 Firmen aus Deutschland, Österreich und Italien bei einem Markteintritt in Russland beraten. Etwa 150 dieser Unternehmen sind dauerhaft geblieben, darunter große Unternehmen wie der „Otto Versand“ und die „Tchibo“. „Unternehmen, die jetzt nach Russland kommen, treffen auf große Unterstützung aller öffentlichen Stellen“, sagt Jürgensen. „Deutschland ist immer noch Wunschpartner Nummer eins der Russen. Alle hoffen auf ein schnelles Ende der Sanktionsblockade.“ Laut Jürgensen stehen viele Unternehmen momentan in den Startlöchern und bereiten sich auf das Ende der Sanktionen vor.

Nach seiner langjährigen Erfahrung auf dem russischen Markt gibt Jürgensen allen deutschen Unternehmern, die in Russland Geschäfte treiben möchten, einen Rat: „In Russland geht man besser in sehr kleinen und transparenten Schritten vor. Man sollte nicht gleich ein eigenes Unternehmen gründen, sondern erst einmal Vertriebsaktivitäten starten und nur so viel investieren, wie es sich mit dem tatsächlichen Wachstum vereinbaren lässt“, sagt Jürgensen. Außerdem sollte man die russischen Unternehmer nicht unterschätzen und immer auf Augenhöhe verhandeln. „Nachhilfeunterricht von Exportmanagern aus Deutschland, die denken, sie müssten die Marktwirtschaft erklären, sind schon oft genug in Comics zu sehen.“   •

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Hannes Lintschnig

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