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Die Schattenseiten des Wandels

WIRTSCHAFT IM UMBRUCH Die Schattenseiten des Wandels

Verfall von Daten, Sicherheitslücken, Bedrohung ganzer Branchen, unklare Folgen für die Gesundheit – was sind die Schattenseiten des digitalen Wandels?

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Hackerattacken dürften noch zunehmen, warnen Experten

Quelle: Fotos: Garrifrotto, Glebstock/fotolia

Der moderne Geschäftsmann hat seinen Schreibtisch auf die notwendigsten Arbeitsutensilien optimiert: Smartphone, Tablet, Netbook. Briefpapier und Terminbücher gehören genauso der Vergangenheit an wie Kugelschreiber und Bleistiftanspitzer. Tonnenschwere Aktenschränke sind der internetbasierten Cloud gewichen. Die vielen Veränderungen im Zuge der digitalen Transformation beruhen alle auf einer grundlegend ökonomischen Überzeugung: mittels digitaler Geschäftsprozesse die Rendite zu erhöhen.

Damit der digitale Wandel gelingt, kommt es laut einer Studie von Europas größtem Softwarehersteller SAP vor allem auf den Stil der Geschäftsführung an. Wie lebt sie ihren Angestellten den digitalen Wandel vor? Aus der Studie, für die mehr als 4 100 Führungskräfte und Mitarbeiter verschiedener Branchen in 21 Ländern befragt wurden, geht außerdem hervor, dass sich im weltweiten Durchschnitt nur 16 Prozent der Unternehmen mit der digitalen Transformation beschäftigen. Dabei liegt Deutschland mit 41 Prozent weit über dem Mittel.

Bei aller Euphorie, die hierzulande also herrscht, kann es der positiven Entwicklung nur zuträglich sein, auch einmal die Schattenseiten des digitalen Wandels zu beleuchten

Daten- und Systemverfall

Wie steht es eigentlich um die Haltbarkeit digitaler Geschäftsberichte? Der amerikanische Informatiker und Wegbereiter des Internets Vinton Gray Cerf empfiehlt: „Drucken Sie Ihre Dokumente auf gutem Papier aus!“ Cerf leitet als Chief Evangelist die Innovations- und Strategieabteilung des Suchmaschinenunternehmens Google. Seine größte Sorge ist, dass die digitalen Dateien von heute schon morgen nicht mehr auslesbar sein könnten. „Schon jetzt ist es unmöglich, meine alten Powerpoint-Dateien zu öffnen: Das System erkennt sie einfach nicht mehr“, gibt der 72-jährige in einem Gespräch mit der Welt am Sonntag zu. Solange es noch keine Lösung dafür gibt, wie die Dateien von heute auch in Zukunft auslesbar bleiben, solle man sicherheitshalber auf Papier zurückgreifen.

„Von Papier wissen wir, dass es 150 Jahre hält. Für digitale Formate ist bisher meist nach 20 Jahren Schluss“, so Cerf.

Unterdessen dürfte überraschen, wie IT-Experten die Haltbarkeit der Speichermedien, auf denen digitale Dateien archiviert werden, aktuell einschätzen: Je nach Lagerung und Gebrauchsspuren sollen herkömmliche CDs und DVDs eine Lebensdauer von bis zu 30 Jahren haben, Blu-rays sogar bis zu 100 Jahren. Externe und interne Festplatten könnten dagegen schon nach 10 Jahren defekt sein. USB-Sticks sollen es auf 30 Jahre bringen, wobei deren Lebensdauer aufgrund begrenzter Schreibzyklen auch deutlich kürzer ausfallen kann. Allein dem Cloud-Speicher wird eine theoretisch unbegrenzte Lebensdauer prognostiziert. Nur wenn der Cloud-Anbieter seine Leistungen einstellt oder sich Hacker ins System schleichen, könnten die Dateien verloren gehen.

Sicherheit

Apropos Hacker: Wie Google jüngst mitteilte, wurden im Jahr 2016 rund 32 Prozent mehr Webseiten gehackt als im Jahr zuvor. Es sei nicht zu erwarten, dass sich dieser Trend verlangsamen werde, im Gegenteil: „Da Cyberkriminelle immer aggressiver werden, hören Hacker nicht auf, mehr und mehr Seiten zu infizieren“, heißt es aus Kreisen des Suchmaschinendienstes. Besonders veraltete Webseiten machen es den Kriminellen leicht, mit einfachen Methoden ihre Ziele zu erreichen. Diese Botschaft sollte vor allem Betreibern von Online-Shops zu denken geben. Denn wenn sich die Hacker erst einmal in deren Systeme eingeschleust haben, besteht die Gefahr, dass sie die gesamte angeschlossene IT-Infrastruktur eines Online-Händlers manipulieren oder gar zerstören. Ein Szenario, das nicht nur finanzielle Schäden, sondern auch einen enormen Imageverlust bedeuten kann – insbesondere, wenn personenbezogene oder geheime Daten gestohlen oder veröffentlicht werden. Experten empfehlen daher, dieses Risiko mit der modernen Nutzung von Cloud-Lösungen abzuschwächen.

Nach einem White Paper des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungskonzerns PricewaterhouseCoopers ist es letztlich jedoch unzureichend, die Sicherheitsumgebung „auf einzelne Bedrohungen wie beispielsweise Angriffe über das Internet“ auszurichten. Um dem Anspruch einer sicheren IT-Umgebung zu genügen, sollten die Unternehmen „ihre in den IT-Systemen liegenden Unternehmenswerte identifizieren und klassifizieren sowie Prozesse und Maßnahmen zu deren Schutz bestimmen und umsetzen.“ Die Unternehmensberater aus Frankfurt am Main sehen für den Mittelstand vor allem im Umgang mit mobilen Endgeräten, mobilen Apps und auch dem Cloud Computing ein Risiko, weil diese Techniken mittlerweile wie selbstverständlich sowohl von Kunden als auch Mitarbeitern genutzt werden. Deren Expertise als Anwender übersteige häufig das Know-how der verantwortlichen Entscheider.

Hinzu kommt, so konstatieren die Berater von PricewaterhouseCoopers, dass „die Unternehmen über kein oder nur eingeschränktes Know-how im Bereich der IT-Sicherheitsdienstleistungen verfügen“. Ob es sinnvoll ist, einen externen IT-Dienstleister einzukaufen, hänge dabei auch vom Umfang der bereits in Eigenleistung erbrachten IT-Systeme ab. Grundsätzlich sei es immer möglich, „bestimmte Aspekte des Sicherheitsmanagements von außen zu beziehen, beispielsweise die Überwachung der Unternehmensnetzwerke oder die Überprüfung des Informationssicherheitsprozesses oder die Analyse des Sicherheitsniveaus durch Audits oder Penetrationstests.“ Allerdings verbleibe die Verantwortung für die Sicherheit der IT immer beim Unternehmen selbst.

Und wie die Unternehmen mit dieser Verantwortung umgehen, kann sich auch auf die Beziehungen zu den Kunden auswirken, die seit jeher von verschiedenen Stellen zum Schutz ihrer Privatsphäre sensibilisiert werden. Immerhin sind es nach einer Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom in erster Linie die Stamm- und Transaktionsdaten der Kunden, die regelmäßig von den Unternehmen erhoben und analysiert werden. Demnach erscheinen die Kundendaten aus Social Media, E-Mails und kostenfreien Apps bislang übrigens noch wenig relevant für die strategischen Entscheidungsprozesse der Unternehmen.

„Zwar versprechen Unternehmen den sicheren Umgang mit unseren Daten, sicher können wir jedoch nicht sein“, moniert Dr. Nils Gruschka, Professor und Dozent für Netzwerke und Sicherheit am Fachbereich Informatik und Elektrotechnik der Fachhochschule Kiel. Ein gesundes Misstrauen müsse aber nicht in Technologiefeindlichkeit ausarten: „Jeder Mensch kann genau überlegen, was er von sich preisgeben möchte und sich dem System notfalls entziehen. Wer nicht möchte, dass bei WhatsApp mitgelesen wird, braucht eine Messenger-App mit Ende-zu-Ende- Verschlüsselung wie zum Beispiel Surespot oder Threema. Auch zu Google gibt es sicherere Gegenbeispiele wie MetaGer.de, DuckDuckGo.com oder Startpage.com“, so Gruschka. An technischen Alternativen mangele es nicht, sie seien nur oftmals weniger nutzerfreundlich oder gar teurer.

Christoph Krelle

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