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Direkt aus dem Automaten in die Flasche

MILCHTANKSTELLE Direkt aus dem Automaten in die Flasche

Frischmilch aus dem Automaten, Solidarische Landwirtschaft, Einkaufen auf dem Bauernhof: Mit diesen Erfolgskonzepten innovativ vermarkten Landwirte aus unserer Region heute ihre Produkte.

Hans Christian Rienhoff und Eileen Sophie Körting (v. li.) zeigen Kundin Anne Gerke, wie die Milchtankstelle funktioniert.

20 Liter Milch gibt eine Kuh pro Tag, rund drei Millionen Tonnen Milch liefern laut Bauernverband Schleswig-Holstein die Weidemilchviehbetriebe aus dem Norden pro Jahr. Neun Prozent der deutschen Milchproduktion kommt aus dem Land zwischen den Meeren. Der überwiegende Teil davon geht an Molkereien. Bei rund 34 Cent liegt der Milchpreis derzeit. Was mit ihrer Milch passiert, darauf haben die Milchbauern keinen Einfluss.

Einige Milchviehbetriebe gehen mittlerweile neue Wege und bedienen damit nicht nur den Wunsch der Verbraucher nach mehr Transparenz und Qualität. So wie der Weidemilchviehbetrieb der Familie Körting.

Hier steht eine der wenigen Milchtankstellen in Stormarn. Mitten in Ahrensfelde, direkt an der Bundesstraße 208, liegt der Hof. 80 Hektar Land bewirtschaftet Landwirt Eckhard Körting gemeinsam mit Tochter Eileen Sophie (24), dort bauen sie Weizen, Raps und Mais an. Der Rest ist Grünland für die 60 Kühe, die das Vater-Tochter-Gespann täglich versorgen.

Die Milch der Körting-Kühe ging bisher ausschließlich an die Molkerei Arla. Doch damit ist nun Schluss. Seit Mitte April 2017 ist der Hof der Familie Körting nicht nur Ziel von Milchlastern der Molkerei. Immer öfter halten auch Autofahrer oder Radfahrer in der Auffahrt des Hofes. Denn dort steht in einer lustigen weißen Hütte mit schwarzen Kuhflecken eine Milchtankstelle. Ein Euro kostet der Liter frische Rohmilch. 24 Stunden, Tag und Nacht. Wer kein eigenes Gefäß mitbringt, kann für 1,50 Euro eine Glasflasche aus dem Flaschenautomaten neben der Tankstelle kaufen.

Die Idee, eine Milchtankstelle aufzustellen, kommt von Jung-Landwirtin Eileen-Sophie Körting. Die 24-jährige staatlich geprüfte Agrarbetriebswirtin und gelernte Landwirtin ist mit Leidenschaft Bäuerin. Durch Zufall stieß sie auf das Thema Milchtankstellen. „Im Studium mussten wir ein Marketingprojekt ausarbeiten. Dafür habe ich mir als Thema Milchtankstellen ausgesucht und das Projekt genau auf unseren Betrieb gemünzt“, sagt Körting.

Der Schritt von der Theorie in die Praxis war anfangs schwierig, erst einmal galt es Vater Eckhard zu gewinnen. „Das war nicht einfach“, sagt Eileen Sophie. Wie hoch die Investitionskosten für die gebraucht gekaufte Milchtankstelle und den neuen Flaschenautomaten waren, will sie nicht sagen. Dafür hätte man einen kleinen Neuwagen kaufen können, meint sie nur. „Es dauert zwar noch, bis sich die Anschaffungen rentiert haben, aber wir sind glücklich über die gute Resonanz“, sagt Körting. Zu praktisch jeder Tages- und Nachtzeit haben Kunden schon Milch gezapft.

Rund 150 Liter passen in die Tankstelle. Jeden Tag verbringt Körting eine Stunde mit Reinigen, Desinfizieren und Auffüllen der Automaten. Dazu kommen noch die Gespräche mit den Kunden, die die frische Rohmilch kaufen, sich dabei über die Viehhaltung informieren und den Hof angucken. „So Gespräche können schon mal zwei Stunden dauern“, sagt Eileen Sophie Körting. Doch die Kommunikation mit den Kunden macht die Milchtankstelle für sie aus. „Ich möchte mehr Öffentlichkeitsarbeit machen und zeigen, wie Landwirtschaft heute funktioniert.“

Unterstützung bekommt sie dabei auch von Hans Christian Rienhoff. Der 26-jährige Landwirt bewirtschaftet mit seinen Eltern einen 40 Hektar großen Hof mit Ackerbau und Schweinezucht im Nachbarort Barnitz. Und auch Rienhoff setzt auf Automaten. Doch statt Milch gibt es bei ihm verschiedene Fleisch- und Wurstwaren, hergestellt aus Fleisch von den Schweinen aus eigener Aufzucht. Sechs Euro kostet hier ein Paket Wiener Würstchen, fünf Euro die Nackensteaks oder 3,50 Euro die Leberwurst.

„Bauern haben normalerweise keinen Einfluss darauf, was mit den Schweinen passiert, die sie verkaufen. Ich wollte einfach ausprobieren, wie die Qualität unseres Fleisches ist und habe daraus Wurst gemacht“, sagt Rienhoff. Die fand dann so guten Anklang, dass er sich im August 2016 den ersten Automaten anschaffte, der vor dem Hof steht. Den Kunden einen direkten Bezug zum Betrieb zu geben und gleichzeitig den Wunsch der Verbraucher nach regional erzeugten Lebensmitteln zu befriedigen, reizte Rienhoff sehr. Nun steht der zweite Automat direkt neben der Milchtankstelle der Körtings. „Wir wollen den Verbrauchern zeigen, dass wir gute Lebensmittel erzeugen“, sagt Rienhoff. Auch er musste erst einmal Überzeugungsarbeit bei seinen Eltern leisten. Der große Erfolg seiner Produkte freut ihn aber sehr. „Man weiß ja vorher nie, wie es angenommen wird“, sagt Rienhoff.

Die beiden Jung-Landwirte sehen sich nicht nur als Bauern, sondern auch als Unternehmer. „Ich glaube, früher lag nicht so ein Wettbewerbsdruck auf den Landwirten. Doch durch die Direktvermarktung können wir das Risiko besser verteilen“, sagt Eileen Sophie Körting.

DIREKTVERTRIEB

Frisches vom Hof – Wenn der Kunde zum Produzenten kommt

Erntefrisches Gemüse, Milch frisch aus dem Euter oder Eier, die gerade erst gelegt wurden. Wer heute Lebensmittel frisch vom Hof kaufen möchte, hat dazu viele Möglichkeiten.

Der Wunsch der Verbraucher nach gesunden Lebensmitteln aus regionalem Anbau bietet auch für Landwirte einen guten Weg, sich breiter aufzustellen. Denn neben der konventionellen Landwirtschaft setzen viele Bauern seit einigen Jahren auf Hofläden oder kleine Cafés. Sie betreiben solidarische Landwirtschaft oder stellen sich eine Milchtankstelle auf ihren Hof.

Geschätzte 800 bis 1000 direktvermarktende Betriebe gibt es im Land, so schätzt die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein.

Auch immer mehr Händler legen auf die Regionalität der Produkte großen Wert. „Der Handel fragt das immer stärker nach. Dazu kommt noch der Anspruch der Verbraucher, die Wert legen auf hohe handwerkliche Qualität, das Besondere zählt“, sagt Sandra van Hoorn von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein.

Van Hoorn berät unter anderem rund 30 sehr unterschiedliche landwirtschaftliche Betriebe im Norden, die seit 2013 unter dem Namen „Nordbauern Schleswig-Holstein“ gemeinsam die Qualität und den Absatz ihrer Produkte verbessern wollen. Sie fördern so unter anderem die Vernetzung zwischen Erzeugern, Handel und Verbraucher. Bliebe man bei den alten Strukturen, wird es schwer, meint van Hoorn.

So besteht in der Direktvermarktung die Chance, durch Veredelung der eigenen Produkte mehr Wert zu bekommen. „Mit Milch ist man austauschbar. Mit sechs Monate alten Rohmilchkäse nicht“, sagt van Hoorn.

Doch die Direktvermarktung ist nicht für jeden Landwirt etwas. „Das muss schon passen. Man muss mehr Zeit aufwenden für Weiterverarbeitung, Vertrieb, Marketing. Allerdings bekommt man so auch eine weitere Einkommensquelle.“

Manche Ideen sind quasi bereits althergebracht, manche sind ganz neu, andere habe eine eher philosophischen Ansatz. Welche unterschiedlichen Wege Landwirte in der Direktvermarktung gehen können, zeigen drei Beispiele aus der Region.

Majka Gerke

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