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Eine Frage der Moral

VIEHHALTUNG Eine Frage der Moral

Auf schwankende Fleischpreise haben sich Viehhalter in Schleswig-Holstein eingestellt. Probleme macht ihnen die gesellschaftliche Diskussion um Tierschutz und Tierwohl.

So einen modernen Schweinestall gibt es gewiss nicht häufig in Schleswig-Holstein. Schon seit über 100 Jahren werden auf Lödings Bauernhof in Buchholz direkt am Ratzeburger See Schweine gehalten. Und so ein schönes Zuhause wie jetzt hatten sie wohl noch nie. „Die Südseite des Stalls ist komplett offen, sodass unsere Schweine in einem natürlichen Klima an der frischen Luft leben“, sagt Andreas Löding, der Betreiber des Hofes. Außerdem haben die Tiere weit mehr Platz als die gesetzlich vorgeschriebenen 0,75 Quadratmeter pro Tier – auf Lödings Bauernhof hat jedes Schwein mindestens doppelt so viel Platz und sie leben auf Stroh.

Dieser Komfort für Schweine macht den Stall etwa doppelt so teuer, als wenn sich Löding lediglich an die gesetzlichen Mindestvorgaben für das Schweinewohl gehalten hätte. Löding bezeichnet seinen neuen Stall als „Naturklima-Strohstall, der ein Zuhause für seine Seeluft-Schweine“ ist. „Dazu kommt ein Wellnessbereich für die Tiere. Auf einer etwa 40 Quadratmeter großen Fläche, die mit 20 Zentimeter Sand aufgeschüttet wurde, können die Schweine spielen, sich suhlen und im Sand wühlen. Ich vermute, dass der Wellnessbereich in Deutschland einmalig ist“, so Löding. Die ersten Ferkel sind Anfang Juni in den Neubau gekommen.

Für den Bau des Stalls hat Löding Förderungen für tiergerechten Bau vom Land und der EU erhalten. Der Stall bietet 225 Mastplätze, die aber nicht immer komplett belegt sind. „Seit einigen Jahren vermarkten wir unser Fleisch direkt und haben nur so viele Schweine, wie wir auch verkaufen können“, sagt Löding. Die Produkte verkauft Löding in seinem Hofladen, seiner Hofgastronomie und an Verkaufsständen im Gebiet rund um Lübeck. „Wir möchten unsere Schweine so halten, dass sich die Tiere in der Zeit bei uns möglichst wohl fühlen können und unsere Gäste mit gutem Gewissen Schweinefleisch essen mögen, weil sie sehen, dass in dieser Haltungsform den Nutztieren entsprechende Achtung entgegengebracht wird“, sagt Löding.

Seit 1949 ist in Schleswig-Holstein eine anhaltende Spezialisierung in der Viehhaltung erkennbar. In der Rindviehhaltung stieg die durchschnittliche Bestandsgröße von 16 auf 144 Tiere, bei den Schweinen von sechs auf 1630 Tiere, und bei den Zuchtsauen von 2 auf 280. Im Jahr 2016 wurden in Schleswig-Holstein nach Angaben des Landesministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung 1,47 Millionen Schweine und 89000 Zuchtsauen gezählt. Im selben Jahr lag der Rinderbestand bei 1,11 Millionen Tieren in Schleswig-Holstein. Im Vergleich zum Vorjahr zeigte sich ein Rückgang von 0,9 Prozent. Die tierische Produktion belief sich in 2014 auf einen Wert von 1,9 Milliarden Euro. Der Produktionswert von Rindern, Kälbern und Milch betrug 2014 knapp 1,5 Milliarden Euro, das sind knapp 9 Prozent des Wertes für ganz Deutschland. Laut Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein (LKSH) ist die Rinderhaltung das wirtschaftlich entscheidende Standbein der Schleswig-Holsteinischen Landwirtschaft.

Nach der Einschätzung des Bauernverbandes Schleswig-Holsteins befinden sich die Viehhalter in einer wirtschaftlichen nicht so schlechten Situation. „Betrachten wir allein die aktuelle Erlössituation der Viehhaltungsbetriebe, so muss man diese aktuell als sehr positiv bewerten. Die Marktlage stellt sich im Vergleich zu den Vorjahren sowohl im Bereich Fleischwirtschaft als sehr gut dar. Bei den Preisen für Schlachtvieh befinden wir uns auf einem sehr hohen Preisniveau“, sagt Nicolai Wree, Referent für Vieh und Fleisch beim Bauernverband Schleswig-Holstein. „Zugleich stellen wir fest, dass Viehhalter in den letzten beiden Jahren aufgrund der schlechten Erlössituation ihre Tierhaltung aufgegeben haben. Wie stark die verbliebenen Betriebe durch die Wirtschaftsjahre 2015/2016 und 2016/2017 belastet sind, ist schwer abzuschätzen. Wir werden daher verbandsseitig weiterhin dafür eintreten, dass die Politik den landwirtschaftlichen Betreiben Instrumente zur Verfügung stellt, um die starken Marktschwankungen besser ,abpuffern’ zu können“, so Wree weiter.

Doch die preislichen Schwankungen gehören nicht zu den wichtigsten Herausforderungen für Landwirte in Schleswig-Holstein. „Dass der Markt Schwankungen ausgesetzt ist, ist den Landwirten bekannt.

Vielmehr werden hier die gesetzlichen und gesellschaftlichen Veränderung“ als Herausforderung wahrgenommen“, sagt Wree. Aus diesem Grund hat der Bauernverband Schleswig-Holstein das Papier „Veränderungen gestalten in der schleswig-holsteinischen Landwirtschaft“ erarbeitet und veröffentlicht. Es soll als Richtschnur für die nachhaltige Weiterentwicklung der schleswig-holsteinischen Landwirtschaft dienen und den Landwirten bei der Bewältigung der gesetzlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen helfen.In dem Papier geht es besonders um Veränderungen in der Tierhaltung und hierbei insbesondere um Tierschutz und Tierwohl.

Das Landwirtschaftsministerium hat schon 2013 den Runden Tisch „Tierschutz in der Nutztierhaltung“ ins Leben gerufen. „Wir müssen dringend mehr Tierschutz und Tierwohl in den Ställen ermöglichen, das ist eine ethische Pflicht“, sagt Minister Robert Habeck. Es gehe darum, in Zukunft nicht mehr die Rinder, Schweine und das Geflügel den bestehenden Haltungssystemen anzupassen, sondern dafür zu sorgen, dass die Haltungssysteme wieder den Tieren angepasst werden. Die gemeinsame Vereinbarung zum Verzicht auf das „routinemäßige“ Schwanzkupieren beim Schwein und der Landeskodex Schleswig-Holstein zum Verzicht auf das Schlachten hochtragender Rinder seien nur zwei Beispiele für diesen Ansatz.

Mit dem erklärten Ziel, mehr Tierwohl zu erreichen, haben sich seit 2015 erstmalig bundesweit Unternehmen und Verbände aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel zusammengeschlossen und die „Initiative Tierwohl“ (ITW) ins Leben gerufen. Dabei zahlen Supermarktketten in einen Fonds ein, der Landwirten, die freiwillig an der Initiative teilnehmen können und in Tierwohl investieren, zugutekommt. „Wer Schweine- oder Geflügelfleisch in einem der beteiligten Märkte kauft, kann sich sicher sein, dass aktuell für jedes Kilo 4 Cent an den Tierwohlfonds abgeführt werden, um Landwirte bei der Umsetzung von Tierwohlmaßnahmen zu unterstützen“, heißt es auf der Homepage der Initiative.

Für Nicolai Wree vom Bauernverband ist die „Initiative Tierwohl“ der erste Tierschutz mit Breitenwirkung. „Bis heute haben 15 Millionen Schweine und 235 Millionen Hähnchen und Puten davon profitiert.

Der Erfolg der ITW beruht auf der Erkenntnis, dass sich Tierwohl am Markt nur in kleinen Schritten verbessern lässt“, sagt Wree.

Dr. Walter Reulecke dagegen hält von der Initiative Tierwohl nicht viel. „Es geht mir nicht weit genug. Die Maßnahmen sind alle freiwillig, keiner muss sich verpflichten“, sagt der Geschäftsführer des Fleischrinderzuchtverbands Schleswig-Holstein. Als zugelassene Zuchtorganisation für Schleswig-Holstein und Hamburg betreut der Verband gut 200 Betriebe in der Herdbuchführung und berät seine Mitglieder bei Zucht und Haltung von Fleischrindern. „Wir haben mit konventioneller Bullenmast nichts zu tun. Die Rinder unserer Verbandsmitglieder stehen auf Wiesen und sind die meiste Zeit des Tages draußen“, sagt Reulecke. Er kenne natürlich auch andere Haltungsformen, beispielsweise bei einer Rindermastbereisung, bei der Politiker und Experten gemeinsam Ställe im Land besuchen.

„Fünf Bullen stehen in einem Stall von 18 Quadratmetern – und das für zwei Jahre. Das ist nicht meine Vorstellung von Rinderhaltung“, sagt Reulecke.

Das Fleisch verkaufen die Verbandsmitglieder auf Höfen in Schleswig-Holstein. Schwankende Fleischpreise oder Exporteinbrüche durch Russland-Sanktionen treffen die Mitglieder des Fleischrinderzuchtverbands deswegen nicht unbedingt. „Wir verlangen mehr Geld für unser Fleisch und verkaufen es direkt ab Hof. Wir sind ganz gut aufgestellt“, sagt Reulecke. Obwohl es auch Probleme gibt. „Wir haben mit Krankheiten bei Rindern zu kämpfen, die durch den Klimawandel verursacht worden sind. Der Blauzungenvirus ist ein Beispiel dafür. Der wird von Stechmücken übertragen, die hier früher gar nicht verbreitet waren“, sagt der Verhaltensbiologe. Die Impfung gegen die Blauzungenkrankheit seien sehr aufwändig und für das Tier schmerzhaft. Wie man Tierwohl, Nachhaltigkeit und Fleischkonsum vereinen kann? Dr. Walter Reulecke hat dazu eine klare Meinung. „Wir müssen weniger Fleisch essen und mehr dafür bezahlen. Anders geht es nicht.“

Hannes Lintschnig

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