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Eine Frage des Glaubens

ALLERGIEN Eine Frage des Glaubens

Glutenfrei. Laktosefrei. Kaum ein Produkt, auf dem nicht in großen Lettern draufsteht, was nicht drin ist. Eine steigende Anzahl an Verbrauchern hält Produkte mit derartigen Kennzeichnungen für gesünder — zur Freude einer Produktkategorie, die den wachsenden sogenannten Free from-Markt ausgemacht hat.

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„Einkaufen und Werbung machen“

Bei einer Lebensmittelunverträglichkeit ist der Körper nicht in der Lage, bestimmte Lebensmittel zu verdauen. Die Folge können Bauchschmerzen, Blähungen, Übelkeit, Migräne oder sogar Durchfall sein. So müssen sich die Betroffenen strikt frei von den Auslösern ernähren. Ein Segen für sie sind die sogenannten „Free from“-Lebensmittel ohne Gluten, Laktose oder Fruktose. Doch immer mehr Menschen haben das diffuse Gefühl, dieses oder jenes Lebensmittel nicht zu vertragen und greifen auch ohne ärztliche Diagnose zu diesen Produkten.

Was einmal als Nischenmarkt begann, ist heute Trend und erzielt allein im Bereich der glutenfreien Lebensmittel einen Umsatz in Höhe von 117 Millionen Euro, hat das Marktforschungsunternehmen Nielsen errechnet. Das Meinungsforschungsinstitut Mintel geht davon aus, dass sich der „Free from“-Markt bis 2019 sogar um 50 Prozent vergrößern wird. Und das, obwohl nur rund zwei Prozent der Deutschen überhaupt an einer Lebensmittelallergie leiden, so die Einschätzung des European Food Information Council (Eufic) in Brüssel. Auch der Milchindustrieverband geht davon aus, dass 80 Prozent der Verbraucher, die zu laktose- oder glutenfreien Ersatz-Lebensmitteln greifen, kaum einen Nutzen davon haben. Die Zahlen bei den Einschätzungen schwanken gewaltig — doch in jedem Fall stellt sich die Frage, warum auch gesunde Menschen gluten-, laktose- oder fruktosefreie Produkte dem normalen Angebot vorziehen. Kaufen sie in Wahrheit nicht das Produkt, sondern den Mehrwert eines gesunden, vielleicht sogar ökologischen Lebensstils? „Viele Verbraucher sind unzufrieden mit der Vielzahl an E-Nummern auf Industrieprodukten. Sie haben vielleicht ein besseres Gefühl, wenn sie Produkte mit möglichst wenig Inhaltstoffen kaufen“, vermutet Klaus Lorenzen, geschäftsführender Vorstand der Lübecker Biomarkt-Kette Landwege.

Kommt daher auch die Bereitschaft, einen hohen Aufpreis zu zahlen? Die Hamburger Verbraucherzentrale hat in einer Studie festgestellt, dass die Produkte rund 2,4 Mal so teuer sind wie die konventionelle Variante. Preislicher Spitzenreiter in dieser Studie war ein als gluten- und laktosefrei deklariertes Schwarzbrot, das 383 Prozent teurer war als das handelsübliche Pendant. Und das, obwohl Brot in der Regel gar keine Laktose enthält. Auch Butter wird in einer laktosefreien Variante um 217 Prozent teurer verkauft. „Der Verbraucher erwartet, etwas Besonderes zu kaufen, obwohl Butter schon von Natur aus laktosearm ist und man diese ohnehin nur in geringen Mengen verzehrt. So etwas geht schon in Richtung Verbrauchertäuschung“, kritisiert Klaus Lorenzen. Der „Free from“-Markt sei erst am Anfang, ist auch er überzeugt. „Doch wenn ein Markt wächst, dann wächst natürlich auch das Interesse, das auszunutzen.“

Wie geschnitten Brot laufen auch Ratgeber wie „Genuss ohne Gluten“ oder „Köstlich essen — Fruktose, Laktose & Sorbit meiden“, wie ein Blick in den stationären Buchhandel oder auf die Seiten des Online-Buchhandels verrät. Klatsch-Gazetten wie „Woman“ berichten, dass Stars wie Schauspielerin Jessica Alba oder Sängerin Lady Gaga auf glutenfreie Ernährung umgestellt haben, „um den Anforderungen ihres zermürbenden Trainings gerecht werden zu können“. Ob die Promis sich der glutenfreien Diät aufgrund einer Nahrungsmittelintoleranz oder einfach aus Überzeugung unterziehen, bleibt dabei offen.

Doch möglicherweise entsteht hier mitten in dem „Free-from“-Hype ein Me- too-Effekt: So wie die Stars verhält sich, ob bewusst oder unbewusst, auch mancher Verbraucher.

Schon längst hat sich der „Free from“-Markt aus seiner Nische der Bioläden und Reformhäuser herausbewegt. Er ist mittlerweile Grundlage für eine allgemeine, selbstverständlich gewordene Ernährungsform. „Free from“ ist ganz regulär im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) angekommen: Auch die Supermärkte und Discounter halten ein umfangreiches Sortiment in diesem Bereich vor. Aber jeder dieser Vertriebskanäle hat ganz unterschiedliche Strategien im Umgang mit dem Thema, meinen die Autoren der Studie „Bitte mit ohne. . . Free From — Perspektiven für den Handel“.

Die Studie wurde 2015 vom Frankfurter Marketing- und Innovationsforschungsinstitut creative analytic 3000 im Auftrag der Messe Biofach in Nürnberg erstellt. Der konventionelle LEH widme sich dem Thema „Free from“ sehr offensiv und habe das Thema mit der Einführung von entsprechenden Eigenmarken stark in den Vordergrund gerückt. Auch wenn das „Free from“-Segment keinen großen Umsatzträger in diesem Vertriebskanal darstelle, so profitiere der konventionelle LEH vom Image- und Kompetenztransfer. Anders die Intention der Reformhäuser und des Bio-Kanals: Hier sehe man sich mit dem Verkauf von „Free from“-Produkten in seiner Kernkompetenz bestätigt. Es gäbe eine große Offenheit für das Segment, die bisweilen sogar das Bio-Angebot aus den Regalen verdränge. Die Lebensmittelindustrie hat es geschafft, laktose-, gluten- oder fruktosefreies Essen zu einem modernen Lifestyleprodukt zu machen. Und wie die Ziele der Handelskanäle auch definiert sind: Die Autoren der Studie sehen für alle weitere Chancen, sich zu entwickeln.

Als nächstes Großereignis in dem Segment steht vom 15. bis 17. April die „Allergy & Free From Show“ an. Zu der dreitägigen Berliner Verbrauchermesse wollen die Initiatoren Erzeuger und Händler von gluten-, laktose-, nuss- und chemikalienfreien Produkten zusammenbringen. Auch Vertreter von Verbänden wie der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft werden erwartet.   •

GLOSSAR

ABC der Lebensmittel- Intoleranzen

Fruktose-Malabsorption

Betroffene können Fruchtzucker nur schlecht verdauen. Problematisch sind für sie Haushalts- und Rohrzucker, Obst, manches Gemüse und Fruchtsäfte, Süßigkeiten und Backwaren.

Gluten-Unverträglichkeit

Die Patienten mit einer sogenannten Zöliakie haben Beschwerden beim Verzehr des Getreideeiweißes Gluten. Brot, Hefeteige oder Nudeln sollten Betroffene besser nicht einkaufen.

Histamin-Intoleranz

Histamin-Intoleranz ist eine sogenannte Pseudoallergie. Beschwerden wie Herzrasen oder Bauchkrämpfe werden beispielsweise ausgelöst von Käse, Salami oder Tomaten.

Laktose-Intoleranz

Wer an einer Milchzucker-Unverträglichkeit leidet, der muss beispielsweise Milch, Sahne, Buttermilch und Joghurt meiden.

Von Jessica Ponnath

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