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Eine starke wissenschaftliche Struktur

FORSCHUNG Eine starke wissenschaftliche Struktur

Erfindungsreich und gut vernetzt: Die medizintechnische Forschungsinfrastruktur ist in der Region besonders gut ausgebaut.

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In einer Praxisübung führt Prof. Torsten Buzug (Mitte) Schüler an die Instrumentierung der medizinischen Bildgebung heran.

Quelle: Uni Lübeck/thomas Berg

Mit diesem neuen Verfahren sollen Ärzte Herzerkrankungen oder Tumore im menschlichen Körper schneller, präziser und für den Patienten schonender feststellen können. Das Institut für Medizintechnik der Universität zu Lübeck hält eine Spitzenposition bei der Erforschung des sogenannten Magnetic Particle Imaging (MPI). „MPI ist ein neues, bildgebendes Verfahren, was dreidimensionale Bilder in Echtzeit von schnellen, dynamischen Prozessen im Körper strahlenfrei und schnell liefern kann“, sagt Professor Torsten Buzug, Direktor des Instituts. Bei dieser Methode werden dem Patienten Eisenoxid-Partikel, besser bekannt als Rost, in den Körper injiziert. Diese Rostpartikel reagieren sehr empfindlich auf das magnetische Feld des MPI-Scanners indem sie ihre eigene Magnetisierung wie eine Kompassnadel drehen können. Diese Drehungen wiederum werden gemessen und durch ein mathematisches Verfahren in Bilder umgewandelt. „Der menschliche Körper baut die Rostpartikel komplett ab. Wir arbeiten daran, ein schlagendes Herz eines Patienten live und dreidimensional abbilden zu können. Diese Bilder sind viel präziser als bei anderen bildgebenden Verfahren und ermöglichen so viel genauere Diagnosen. Und für den Patienten könnte durch den MPI-Scanner eine belastende Röntgen-Herzkatheter-Untersuchung vermieden werden.“

Die medizinische Bildgebung ist einer der Schwerpunktbereiche, die von medizintechnischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Norddeutschland erforscht werden – aber lange nicht der einzige. Nach Angaben des Branchennetzwerkes Life Science Nord (LSN) gibt es in Hamburg und Schleswig- Holstein etwa 200 medizintechnische Unternehmen mit eigenem Forschungs- und Entwicklungsbereich. Gerade an dem Forschungsprojekt von Torsten Buzug könne man laut Hinrich Habeck, dem Geschäftsführer von LSN, das außerordentliche Potential der medizinischen Forschung in Norddeutschland erkennen. „Magnetic Particle Imaging, das in Schleswig-Holstein und Hamburg als gemeinsames Projekt zwischen Forschung, Klinik und Unternehmen weiterentwickelt wird, macht deutlich, dass die Strukturen in der Region für innovative Medizintechnik sehr gut ausgebaut sind. Effektive Forschungsprojekte wie dieses sind auch dem starken Netzwerk zu verdanken, in dem die Akteure sich rege austauschen und Know-how bündeln.“

Aber auch andere Bereiche der Medizintechnik spielen eine große Rolle. „Im Zusammenhang mit der minimalinvasiven Chirurgie, die ebenfalls hier im Norden schwerpunktmäßig erforscht wird, ist eine präzise und gute Bildgebung erforderlich. Neben MPI werden hier ebenfalls andere Bildgebungsverfahren entwickelt“, sagt Simone Hauck, Sprecherin von LSN. „Auch die Bereiche der Notfall- und Intensivmedizin sowie bei medizinischen Implantaten wie Gelenken, Nägeln und Platten sind Schwerpunkte der Forschung in Norddeutschland.“

Für Medizintechnik-Unternehmen ist der Standort Schleswig- Holstein sehr attraktiv. „Einen großen Anteil am Erfolg der Medizintechnik in Schleswig-Holstein hat die gut ausgebaute Forschungs- und Wissenslandschaft“, sagt Harald Haase, Sprecher des Wirtschaftsministeriums. An den Universitäten in Kiel, Lübeck und Flensburg ist das Angebot von medizinischen Studiengängen groß. In Lübeck besonders: Von Medizinischen Ingenieurswissenschaften, Molecular Life Science und Medizinischer Informatik reicht es bis zu Humanmedizin, Hörakustik und Mathematik im Bereich Medizin und Lebenswissenschaften. An der Fachhochschule Lübeck werden zusätzlich die Studiengänge Medizintechnik, Medical Technnology und Betriebswirtschaftslehre in der Gesundheitswirtschaft angeboten.

„Dazu kommen sechs außeruniversitäre Forschungseinrichtungen im Bereich Biologie, Meeres- und Lebenswissenschaften, die es Unternehmen ermöglichen, direkt vor Ort hochqualifizierte Fachkräfte zu rekrutieren“, sagt Haase.

Es gibt geografische Schwerpunkte der medizinischen Forschung in Schleswig-Holstein. Zum einen haben sich viele medizintechnische Firmen in der Metropolregion Hamburg niedergelassen – etwa der Medizintechnikhersteller Waldemar Link in Norderstedt, die Firma Söring in Quickborn, Möller- Wedel in Wedel oder Basler in Ahrensburg. „Auch Kiel ist mit seiner technischen und medizinischen Fakultät sowie Unternehmen wie Stryker oder Aquandas ein Schwerpunkt der Forschung im medizintechnischen Bereich“, sagt Simone Hauck.

Das beachtliche Potential der medizinischen Forschung in Schleswig-Holstein macht sich auch dadurch bemerkbar, dass Forschergruppen im Land an drei der insgesamt sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung beteiligt sind: am Deutschen Zentrum für Herzkreislaufforschung in Kiel und Lübeck, am Deutschen Zentrum für Lungenforschung in Kiel, Lübeck, am Forschungszentrum Borstel und Großhansdorf sowie am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung in Lübeck und Borstel.

In und um die Hansestadt Lübeck ist die medizinische Forschungsinfrastruktur besonders gut ausgebaut. „Nicht nur die forschenden medizintechnischen Unternehmen in und in der unmittelbaren Nähe der Hansestadt sind für dieses hohe Forschungspotential verantwortlich“, sagt Simone Hauck. „Der BioMedTech-Wissenschaftscampus in Lübeck bietet darüber hinaus hervorragende Bedingungen für die Forschung und die Lehre in dem Bereich."

Der BioMedTech-Campus wurde 2012 gegründet und ist eine Kooperation zwischen der Universität zu Lübeck, der Fachhochschule Lübeck, dem Fraunhofer-Institut für bildgestützte Medizin und für Marine Biotechnologie, dem Leibniz-Forschungszentrum Borstel, dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein sowie einigen Unternehmen in der Region in und um Lübeck. Torsten Buzug findet die Forschungsbedingungen auf dem BioMedTec-Campus außerordentlich: „Wir haben ein großes Glück, dass das Universitätsklinikum auf unserem Gelände liegt, das bietet hervorragende Forschungsbedingungen. Außerdem fokussieren wir uns hier in den Studiengängen der MINT- Sektion auf Anwendungen in der Medizin, sodass die Biomedizintechnik ein natürlicher Forschungsschwerpunkt ist, die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist hierfür sehr wichtig.“ Schon 2012 haben die verschiedenen Akteure der Gesundheitsforschung in Lübeck eng miteinander kooperiert. So wurde 2009 das Kompetenzzentrum TANDEM (Technology and Engineering in Medicine) gegründet. Mehr als 20 Institute, Labore und Kliniken kooperieren in TANDEM und bearbeiten eine große Bandbreite an medizintechnischen Fragestellungen von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung. Das erklärte Ziel von TANDEM ist, die aus Forschung, Entwicklung und klinischen Studien resultierende Erkenntnisse für Firmen zugänglich zu machen.

Das ist sicher einer der Gründe dafür, warum die Medizintechnik zu den innovativsten Branchen in Schleswig-Holstein zählt. Etwa 110 Erfindungsmeldungen aus dem Bereich Medizintechnik sind zwischen 2011 und 2015 bei der Patent- und Verwertungsagentur für die wissenschaftlichen Einrichtungen in Schleswig-Holstein eingegangen – das ist etwa ein Viertel von allen bearbeiteten Erfindungsmeldungen in diesem Zeitraum.

Hannes Lintschnig

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