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„Einkaufen und Werbung machen“

AUSSENHANDEL „Einkaufen und Werbung machen“

Deutschland war lange einer der wichtigsten Handelspartner des Iran. Wiederholt sich die Geschichte nach der wirtschaftlichen Öffnung? Was sind die Potenziale des Geschäftes mit dem asiatischen Land? Was sind die Gefahren?

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Können deutsche Unternehmen im Iran nach fast zehn Jahren wieder Fuß fassen wie zuvor?

Quelle: Fotos: Luzitanija/ Fotolia

Von Fabian Joeres

Im Iran darf wieder investiert werden. Aber die Perspektiven sind unübersichtlicher als vor den Sanktionen.

Fast zehn Jahre nach Beginn der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran haben die UN, die USA und die EU die Boykottschrauben gegen das 78 Millionen-Einwohner- Land gelockert. Nachdem die Regierung in Teheran wichtige Auflagen des Atomabkommens umgesetzt hat, wurden die Strafmaßnahmen aufgehoben. Jetzt stehen ausländische Firmen Schlange, um alte Beziehungen wieder aufleben zu lassen — und das heruntergewirtschaftete Land zu sanieren.

„Viele deutsche Unternehmen hoffen, an die guten Zeiten von vor 2006 anknüpfen zu können. Insbesondere Firmen aus dem Bereich Maschinen- und Anlagenbau. Das Land hat einen hohen Nachholbedarf, auch im Bereich der Hafenwirtschaft und der Schiffslogistik“, sagt Michael Tockuss, Geschäftsführer der Deutsch-Iranischen Handelskammer zu Hamburg (DIHKEV). Und tatsächlich: Kaum sind die Sanktionen ausgesetzt, beginnt das Land aufzuräumen und zu bauen. Präsident Hassan Ruhani startete das Jahr mit einer internationalen Tournee, um das ramponierte Image seines Staates aufzupolieren. Schwer fiel es ihm mit Sicherheit nicht, denn wo auch immer er hinkam, er wurde hofiert. Seine Mission: einkaufen und Werbung machen. Firmen sollen sich im Iran Filialen aufbauen und dem Land mit Investitionen aus der Misere helfen. Aber was noch wichtiger ist: Ruhani bringt eine Einkaufsliste mit aus einem Land, das wirtschaftlich am Boden liegt. Bei einem Land mit mit fast soviel Einwohnern wie Deutschland und einer wirtschaftlichen Stagnation über Jahrzehnte mit einer entsprechend lange Liste.

Einige Punkte konnte Ruhani bereits streichen; bei seinem Besuch in Italien tütete er bereits erste Geschäfte ein. Doch die Einkaufsliste bleibt lang.

„Besonders hoch ist die Nachfrage an Anlagen für erneuerbare Energien, speziell Windkraftanlagen,“ sagt Michael Tockuss von der Handelskammer. „Das liegt zum einen daran, dass das Land einen enormen Energiehunger hat. Außerdem zählt bei den Iranern momentan jedes Barrel Öl. Denn jedes Barrel, das sie nicht selbst verbrauchen, können sie, wenn momentan auch zum Spottpreis, verkaufen.“ Um Erneuerbare Energien zu fördern, tut die Politik in Teheran tatsächlich viel. So zählt der Iran heute zu den Top 3 Ländern mit der höchsten Einspeisevergütung.

Von der wirtschaftlichen Öffnung des Iran könnte auch unsere Region profitieren. So könnte „die Hafenstadt Hamburg wieder an ihre traditionelle Rolle als wichtigste Drehscheibe für den deutschen Iranhandel anknüpfen“, sagt Corinna Nienstedten, Geschäftsführerin des Bereichs International der Handelskammer Hamburg. Nienstedten erwartet besonders auf dem Gebiet der Gesundheits- und Medizintechnik ein Nachfrageplus.

Bei Medizintechnikhersteller Dräger in Lübeck zeigt man sich bislang jedoch nur vorsichtig optimistisch, was eine Intensivierung der Beziehungen betrifft: „Nach der Aufhebung des Iran-Embargos wird Dräger voraussichtlich für viele Produkte der Medizintechnik keine Ausfuhrgenehmigungen mehr benötigen. Das bietet Chancen für unser Geschäft, die wir ausschöpfen werden“, sagt Melanie Kamann, Sprecherin des Unternehmens. Sie betont auch, dass es „für den Iran jedoch eine Reihe von Ausfuhrbestimmungen bestehen bleiben werden, sodass wir Aufträge weiterhin sorgfältig betrachten werden.“

Dräger beliefert iranische Krankenhäuser beispielsweise mit Beatmungsgeräten, Anästhesiegeräten, Wärmebettchen und Beatmungstechnik für Frühgeborene. Der Anteil iranischer Kunden am Gesamtumsatz von Dräger liegt Kamann zufolge aber bislang noch deutlich unter einem Prozent.

Doch das Potential ist da, sagt Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel, der in der gesamten Wirtschaft des Irans für die mittelständisch geprägte Wirtschaft Schleswig-Holsteins einen großen Markt sieht. Vor allem in der Industrie. „Das ist ein wichtiger Wirtschaftszweig, dessen Maschinenpark in den vergangenen Jahren stark gealtert ist. Die Iraner haben einen großen Investitionsbedarf.“

Auch der Kreditversicherer Euler Hermes preist die Perspektiven in diesem Bereich: In seiner Studie „Iran — back in the game“, hat er das Potential Deutscher Unternehmen im Iran beleuchtet. Mit dem Ergebnis: vor allem der Automobilindustrie, Maschinenbauer, Chemie- und Pharmaunternehmen, Bau- und Baumaterialfirmen sowie Hersteller von Konsumgütern und Lebensmitteln räumt die Studie in den kommenden Jahren gute Möglichkeiten ein. Zumal Produkte „Made in Germany“ im Iran noch immer ein extrem hohes Ansehen haben.

Als erstes Unternehmen im Norden profitierte Airbus mit seinem Werk in Hamburg vom Aufweichen der Handelsbestimmungen. Der Iran hatte Anfang des Jahres den Kauf von 114 Airbus-Flugzeugen für die landeseigene Linie Iran Air angekündigt.

Doch die Rechnungen wollen auch bezahlt werden — trotz niedrigen Ölpreises.

Dazu sind zwei wichtige Voraussetzungen noch zu erfüllen. Die erste ist, dass das Land jetzt schnell wieder an eingefrorene Gelder in Höhe von knapp 100 Milliarden Euro kommt.

Die zweite Voraussetzung wäre, dass internationale Finanztransaktionen wieder möglich werden, denn die Geldinstitute des Landes sind bislang noch vom internationalen Zahlungsverkehrssystem Swift abgekoppelt, ohne das jedoch im internationalen Handel nichts läuft, heißt, international nichts oder nur schwer etwas bezahlt werden kann. „Wir rechnen aber fast täglich damit, dass die iranischen Banken an das Swift-System angekoppelt werden. Wobei ich dazu sagen muss, dass der Geldfluss auch in Zeiten der Sanktionen möglich war — und auch noch immer ist,“ sagt Tockuss von der DIHKEV. „Zahlungen kamen aus Drittländern und Akkreditive per Post.“

Darüber hinaus gibt es weiter Probleme. Nicht zuletzt mangelndes Vertrauen in den Bestand der rechtlichen Lockerungen. So werden die meisten deutschen Institute eigenen Angaben zufolge Iran- Geschäfte erst wieder aufnehmen, wenn es Klarheit darüber gibt, welche Geschäfte genau überhaupt wieder erlaubt seien. Schließlich sind die US-Sanktionen lediglich ausgesetzt, aber nicht aufgehoben worden, und die gelockerten könnten bei Verstößen gegen das Abkommen schnell wieder angezogen werden.

Was dem Iran-Experten Michael Tockuss darüber zudem fehlt, sind Absicherungsmöglichkeiten durch den Kreditversicherer Euler Hermes: „Euler Hermes versichert im Auftrag der Bundesregierung mögliche Zahlungsausfälle für deutsche Exporteure. Obwohl die Sanktionen weitgehend aufgehoben wurden, und obwohl die Bundesregierung intensiv an den Internationalen Verhandlungen teilgenommen hat, gibt es nun keine Hermes-Deckung für deutsche Unternehmen.“

Und auch er weist auf die problematischen Aussichten der wirtschaftlichen Öffnung hin: „Was uns fehlt, ist die Perspektive, dass die Erfahrungen, die der Iran durch die Sanktionen in den vergangenen Jahren gemacht hat, wirklich nachhaltig sein werden. Wirtschaftssanktionen haben jetzt zwar recht kurzfristig zum Erfolg geführt, doch für wie lange? Wir hoffen, dass in ein paar Jahren dort nicht Leute das Sagen haben, die alles, was wir heute konstruktiv erschaffen, wieder zunichte machen.“

Ebenso beunruhigt die Kammer das gesamte politische Umfeld in der Region: „Die ganze Region ist ein Brandfass. Noch ist der Iran wenigstens sehr stabil und nicht betroffen, und wir können nur hoffen, dass es auch so bleibt,“ sagt Michael Tockuss. •

Von Die Wirtschaft

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