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„Ernährung ist unser industrieller Kern“

DAS INTERVIEW ZUM SCHWERPUNKTTHEMA „Ernährung ist unser industrieller Kern“

Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft sind in der Region Lübeck traditionell sehr stark. Und das wird in Zukunft so bleiben, ist Prof. Dr. Björn P. Jacobsen, Vorstandsmitglied des Branchennetzwerks foodRegio, überzeugt.

Herr Jacobsen, welche Perspektiven sehen Sie für die Entwicklung der Lebensmittelwirtschaft? Was sind die Herausforderungen der Zukunft?

 

WZ-Bild

Prof. Dr. Björn P. Jacobsen, hier in einem Labor der Firma Brüggen, leitet das Branchennetzwerk der Ernährungswirtschaft foodRegio.

Quelle: Olaf Malzahn

Die Perspektiven der Ernährungswirtschaft insgesamt, speziell aber bei uns im Land und der Region sind überaus positiv. Alle Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung deuten darauf hin, dass die Ernährungswirtschaft langfristig kontinuierlich wächst — bei Beschäftigung, Absatz und vor allem auch auf wichtigen Exportmärkten. Das wirklich herausragende Merkmal ist das kontinuierliche Wachstum:

die Branche macht keine sprunghaften Entwicklungen — weder im positiven noch im negativen Sinne —, sondern wächst stetig und ist damit relativ konjunkturunabhängig.

Insbesondere die Region Lübeck ist ja bekannt für ihre starke Ernährungswirtschaft. Welche Chancen sehen Sie?

Die Besonderheit in der Region Lübeck liegt darin, dass die Mehrzahl der hier ansässigen Unternehmen mittelständisch geprägt und inhabergeführt ist. In diesen Unternehmen haben die Inhaberinnen und Inhaber selbst das Ohr am Puls des Marktes, reagieren extrem schnell und flexibel auf Marktveränderungen. Das verschafft Wettbewerbsvorteile, die in Marktanteile umgemünzt werden. Denken Sie dabei an Unternehmen wie Brüggen, Junge oder Niederegger hier in Lübeck oder Hela in Ahrensburg. Alles Unternehmen, die wachsen, investieren und qualifizierte Arbeitsplätze sichern und ausbauen.

Und welche Effekte auf den Arbeitsmarkt sehen Sie auf diesem Gebiet in Lübeck und im ganzen Schleswig-Holstein? Kann sich die Region dadurch auch bundesweit profilieren?

In Schleswig-Holstein sind allein in Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über 22000 Beschäftigte in der Ernährungswirtschaft tätig. Das macht diese Branche neben dem Maschinenbau zu dem größten Zweig des produzierenden Gewerbes bei uns im Land. Zählt man auch die Beschäftigten in den kleineren Betrieben dazu, ist es die größte Branche.

Das Interessante: Der Schwerpunkt der Ernährungswirtschaft im Land liegt hier bei uns in der Region Lübeck. Einige Unternehmen habe ich ja bereits genannt, aber es gibt das wesentlich mehr, vor allem wenn man bedenkt, wer oder was alles von der Ernährungswirtschaft unmittelbar abhängig ist: Denken Sie an den Spezialmaschinenbau oder die Verpackungsindustrie. Wir können mit Fug und Recht behaupten, dass die Ernährungswirtschaft der industrielle Kern unserer Region ist. Wir haben das nur lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen, weil die Ernährungswirtschaft ja „irgendwie immer da war“.

Zwischenzeitlich nimmt Sie aber den Platz ein, der ihrer wirtschaftlichen Bedeutung auch gebührt.

Was muss auf diesem Feld noch besser werden? Was kann der Verbund foodRegio dabei bewirken?

Erst einmal: Die Ernährungswirtschaft steht gut da. Eine große Herausforderung für die Zukunft ist die Entwicklung der Fachkräftezahlen. Die positive Entwicklung der Beschäftigten ist ja nur die „Zahlenseite“. Was wir aber gesehen haben, ist, dass die Tätigkeiten in der Ernährungswirtschaft in den vergangenen Jahren immer komplexer und anspruchsvoller geworden sind. Das veraltete Bild, das vielfach noch vorherrscht und damit einen unattraktiven Arbeitsplatz suggeriert, stimmt schon lange nicht mehr und da kann die Branche gemeinsam etwas tun und tut es auch. Mit unserer Azubi- Kampagne Foodstarter versuchen wir gezielt, Schulabsolventen auf die Karrierewege aufmerksam zu machen. So etwas funktioniert nur im Verbund. Es gibt Themen, die wir besser und effizienter gemeinsam anpacken.

Das hat die Ernährungswirtschaft bei uns frühzeitig verstanden und foodRegio ist damit auch bundesweit zu einem Vorzeigenetzwerk geworden.

Wird das Cluster Ernährungswirtschaft weitere Firmen in die Region ziehen?

Natürlich ist es wünschenswert, wenn wir diesen Schwung dazu nutzen, auch weitere Unternehmen für die Region zu begeistern. Aber bundesweit werden weit über 80 Prozent aller neuen Arbeitsplätze durch bereits ansässige Betriebe geschaffen. Oberstes Ziel ist es also, die bereits in der foodRegio ansässigen Betriebe so gut zu betreuen, dass sie bei uns weiter wachsen können. Und da hat die foodRegio einen bescheidenen Beitrag leisten können. Wenn man neue Unternehmen für die foodRegio begeistern möchte, bedeutet dies erhebliche Investitionen. Es gibt so einen alten Hausiererspruch:

„Man muss zehn mal mehr Aufwand betreiben, um einen neuen Kunden zu gewinnen, als einen alten Kunden zu behalten.“ Das trifft auch auf den Bereich Wirtschaftsentwicklung zu.

Beim Thema Ernährung gibt es immer neue Trends. Was bedeutet das für die Branche?

Die Ernährungswirtschaft war immer von Trends geprägt und wird es immer sein. foodRegio beschäftigt sich gemeinsam mit internationalen Partnernetzwerken damit, welche Entwicklungen wir zu erwarten haben. Wir haben dazu bereits vor vier Jahren eine Studie erstellt, aus der unter anderem das Thema „Nachhaltigkeit“ als großes Thema herausgekommen ist. Vegetarische oder vegane Ernährung, Produkte aus Bioproduktion, Regionalität, das sind alles Entwicklungen, die aus diesem einen Megatrend abgleitet werden können. Ein weiterer Megatrend ist die Digitalisierung. Der smarte Kühlschrank kann dank intelligenter Verpackung mitteilen, welche Lebensmittel ablaufen, Vorschläge für Rezepte machen oder die Bestellung bei einem Onlineportal aufgeben und nach Hause liefern lassen. foodRegio versucht diese Themen auf dem jährlichen Trendtag anzugehen und sich gemeinsam auf diese Entwicklungen vorzubereiten. Ich glaube, unsere Trefferquote war dabei immer ganz gut.

Wie wird sich generell das Ernährungsverhalten entwickeln? Wird sich die Nachfrage nach ökologischen Lebensmitteln noch verstärken?

Eines ist ganz klar: Dank der Entwicklung in der Informationstechnik stehen dem Verbraucher heute wesentlich mehr Daten zur Verfügung als früher. Vor 10 Jahren war es undenkbar, dass mir mein Bäcker die komplette Zutatenliste des Brötchens mit auf den Weg gegeben hat, inklusive Allergieinformationen, Herkunft der Rohstoffe et cetera. Das führt zunächst einmal zu wesentlich mehr Transparenz, und das ist auch gut so. Aber: Von den Daten zur Information ist es ein weiter Weg. Wir haben heute so viele Daten zur Verfügung, nur können wir diese als Verbraucher auch wirklich für uns deuten?

In diese Lücke der Verunsicherung springen dann vielfach Organisationen, die die Deutungshoheit für sich beanspruchen und uns als Verbraucher erzählen, was gut ist, was schlecht ist, wie wir uns ernähren sollen. Ich denke, der Verbraucher sollte wieder den Wert von Lebensmitteln erkennen, sich damit selbst und aktiv auseinandersetzen. Dazu gehört übrigens auch, dass bereits in der Schule Ernährung wieder viel stärker thematisiert wird. In Frankreich gehen einmal im Jahr alle Sterneköche in die Schulen und kochen mit den Schülern. Wenn es gelingt, ein neues Bewusstsein für Lebensmittel zu schaffen — es sind Mittel zum Leben und keine Nebensache, die man sich mal schnell reintut — wird sich auch das Ernährungsverhalten ausdifferenzieren. Und dann mag jeder selbst entscheiden, ob er heimische Kartoffeln aus konventionellem Anbau oder Kartoffeln mit Biosiegel aus Ägypten auf dem Teller haben möchte.

Welche logistischen Herausforderungen wird es in Zukunft in der Branche geben? Was wird sich verändern?

Nach allgemeiner Auffassung wird sich der Lebensmitteleinzelhandel auch in Deutschland verändern. England und Frankreich machen es vor, dort wird bereits ein erheblicher Anteil der Lebensmittel über Onlineplattformen abgewickelt. Und das stellt natürlich logistische Herausforderungen dar. Die sind aber lösbar. Sie können morgens Ihre Lebensmittel bestellen und Sie abends auf dem Weg nach Hause an einer — nennen wir es mal — Paketstation abholen. Da gibt es Kühlfächer für frische Ware, alles für Sie vorbereitet, kein Problem. Und natürlich lächeln wir heute darüber, dass eine US-Onlineplattform die Belieferung mittels Drohnen testet. Wir haben vor zehn Jahren auch darüber gelächelt, dass man Büchern online bestellt. Bereits heute können Sie so Lebensmittel bestellen.

Laut Statistiken geben Deutsche prozentual deutlich weniger Geld für Lebensmittel aus als etwa Franzosen. Werden Bundesbürger mehr Wert auf Qualität legen und dafür auch mehr bezahlen wollen?

Grundsätzlich denke ich: nein. Das niedrige Preisniveau in Deutschland ist wesentlich auf die starke Konzentration des Einzelhandels bei uns zurückzuführen. Den Verbraucher freut es, die Hersteller sind da naturgemäß anderer Auffassung. Aber man muss dabei auch einen Nebeneffekt berücksichtigen: Der enorme Preisdruck auf deutsche Hersteller hat dazu geführt, dass nirgendwo anders auf der Welt so sichere, qualitativ hochwertige und dabei erschwingliche Lebensmittel hergestellt werden. Das niedrige Preisniveau führt natürlich auch dazu, dass dem Lebensmittel vielfach gar nicht mehr der Wert beigemessen wird, der ihm gebührt. Denken Sie an die Milch. Aufwendig produziert, qualitativ hochwertig — und preiswerter als Quellwasser. Der Verbraucher wird dazu verführt, leichtfertiger mit Lebensmitteln umzugehen.

Was sind die Folgen der Globalisierung?

Die Globalisierung hat für die Ernährungswirtschaft schon lange weitreichende Folgen. Wer hätte vor 10 oder 15 Jahren gedacht, dass wir in Lübeck Cornflakes herstellen und diese in das Mutterland der Cornflakes, die USA, verschiffen oder Händler diese über Onlineplattformen anbieten und nach China verkaufen. Die Globalisierung ist längst Alltag geworden und ein wahrer Innovationstreiber, der Arbeitsplätze bei uns in der Region sichert und ausbaut. Christian Risch

LN

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