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„Fünf nach zwölf für die Milchviehhalter“

LANDWIRTSCHAFT „Fünf nach zwölf für die Milchviehhalter“

Sinkende Preise, ein schwieriger Exportmarkt und ein im wahrsten Wortsinne von Milch überfluteter Markt — die Landwirte in der Region schlagen Alarm.

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Die Melkkarussele im Land drehen sich weiter. Doch der Milchpreis fällt in den Keller.

Quelle: Fotos: Fotolyse, Jelle Van Der Wolf, Alenkadr Fotolia, Montage Af

Knapp 60 Cent für einen Liter frische Vollmilch im lokalen Supermarkt — was den Verbraucher freut, bereitet den Milchbauern schlaflose Nächte: „Für uns sind das derzeit 10 Cent zu wenig", mahnt Peter Lüschow, Vizepräsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein. 10 Cent pro Liter, pro Tag, pro Kuh, die zum wirtschaftlichen Überleben fehlen. „Macht 80000 Euro im Jahr für einen durchschnittlichen Betrieb in Schleswig-Holstein“, rechnet Lüschow vor. Er ist selbst Milchviehhalter, hat 120 Milchkühe.

Genauso viele wie Kirsten Wosnitza, Landesteamleiterin des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter BDM für Schleswig-Holstein und ebenfalls Milchbäuerin mit Sitz im Nordfriesischen Löwenstedt. „Pro Liter bekommen wir im Schnitt 23 bis 27 Cent netto in Schleswig-Holstein“, sagt sie. „Das ist zu wenig. Wir haben das so vorausgesagt, und es ist noch schlimmer gekommen.“

Kostendeckende und möglichst stabile 40 Cent fordert der BDM seit Jahren.

Es gab auch mal Zeiten, in denen die Milchbauern 43 Cent und mehr bekamen. Und die sind gar nicht so lange her: „2013 und 2014 hat der Schleswig-Holsteiner Milchbauer sehr stark profitiert von den hohen Preisen auf dem globalen Milchmarkt“, erklärt Professor Holger D. Thiele vom IFE Institut für Ernährungswirtschaft in Kiel. Nun spüren sie intensiver als sonst die Kehrseite der Medaille.

Thiele: „Das, was wir jetzt haben, ist stark Weltmarktgetrieben. Wir haben eine Weltmilchmarktkrise.“

Landwirtin Kirsten Wosnitza beschreibt die Folgen so: „Die Gewinne in den Betrieben sind total eingebrochen, die meisten leben von der Substanz.“ Die hiesigen 4339 Milchbauern (Stand November 2015) produzierten Verluste: „300 bis 400 Millionen Euro fehlen den Milcherzeugern pro Jahr in Schleswig-Holstein“, sagt sie. Viele überleben dank Zuverdiensten wie Biogas oder vermarkten ihre Milch direkt vor Ort. Die Lösung kann das nicht sein.

Aber Schleswig-Holstein ist ein Milchland. Jede zehnte der 4,3 Millionen deutschen Milchkühe ist hier zu Hause. Die Milcherzeugung ist das wichtigste Standbein für die schleswig-holsteinische Landwirtschaft. Zwei von drei Landwirten leben nach Angaben des Landwirtschaftsminsteriums von der Milch, jeder dritte Euro wird mit dem Produkt verdient. Es gibt Prognosen, die besagen, dass bis zu 15 Prozent der Milchviehhalter im Land diesen Preisverfall nicht überleben werden.

Dem Kieler Professor Thiele bereitet vor allem die Dauer der Weltmarktmilchkrise Sorge. Betriebe, die eigentlich wirtschaftlich gut aufgestellt sind, geraten so unverschuldet unter Druck.

Thiele: „Das ist das eigentliche Problem der Krise. Niedrige Preise haben wir häufiger mal, das kommt in allen Branchen vor. Aber wenn das dazu führt, dass wettbewerbsfähige Unternehmen auf einmal Liquiditätsprobleme bekommen und ihre Ausgaben nicht mehr bewältigen können, also aufgeben müssten oder müssen, dann ist das kein Problem einzelner Betriebe, dann ist das ein gesamtwirtschaftliches Problem.“

Der Wegfall der Milchquote ist ein Faktor von vielen, der die Situation für die heimischen Milchbauern nun so zugespitzt hat. 1983 eingeführt, sollte sie die „Milch- und Butterberge“ in Deutschland abbauen, die Landwirte produzierten damals viel mehr als der Markt brauchte, der Preis sank. Auch jetzt ist das so. Mit der Milchquote durfte jeder Bauer nur noch eine festgelegte Menge Milch produzieren. Wer darüber war, musste die sogenannte Superabgabe als Strafe zahlen. Seit April 2015 ist die Milchquote Geschichte. Die Bauern können nun mit ihren Kühen so viel Milch produzieren wie sie wollen oder müssen, um entsprechenden Umsatz zu generieren. Ungeachtet dessen, wie der Markt mit seinem Preis reagiert. Alleine aus Schleswig-Holstein spülen jedes Jahr drei Milliarden Kilogramm Milch — der Landwirt rechnet nicht in Litern — auf den Markt. Eine steigende Menge, bis 2015 wurden Milchquoten in den Norden verkauft, weil die Bedingungen für die Milchviehhaltung so gut sind. Die Betriebe haben weiter ausgebaut und investiert, haben für teuer Geld die Quote aus anderen — milchkuharmen — Regionen aufgekauft. Nun haben sie Kredite, die bedient werden wollen. Mit dem Ende der Quote wurde der Milchmarkt zum freien Wirtschaftsmarkt mit seinem Gesetz von Angebot und Nachfrage.

„Den Wegfall der Quote hätten wir verkraftet, wenn nicht der Markt zusammen gebrochen wäre“, meint Milchbauer Lüschow. Denn das haben so die wenigsten vorher gesehen. Thomas Thee vom Landwirtschaftsministerium erklärt: „Russland und China spielen eine Rolle, dazu Nordafrika.“ Gutes deutsches Milchpulver war in China heiß begehrt als Importware, genauso in Nordafrika — der niedrige Ölpreis und die politischen Konflikte senken dort die Kaufkraft, die Milchimporte aus Europa sind drastisch zurück gegangen. Milchimporteur Russland: Moskau will mit seinem Importembargo auf Landwirtschaftsprodukte wie Milch den Westen in der Ukraine-Krise treffen.

Die Folgen spüren die kleinen Milchbauern aus Schleswig-Holstein deutlich. „Wir produzieren 300 Prozent des eigenen Bedarfs“, erklärt Peter Lüschow. Das heißt: von drei hier im Bundesland gemolkenen Litern müssen zwei raus aus dem Land, werden nach Hamburg oder Berlin exportiert. Oder eben in den Rest der Welt. „Und wenn dann Aldi, Lidl und Co. wissen, dass wir auf dem Weltmarkt keinen Absatz haben und keinen guten Preis erzielen, drücken die ganz schamlos den Preis. Der einzelne Bürger kann ja der Kassiererin nicht zehn Cent mehr geben und sagen, das ist für den Bauern“, so Lüschow.

Die gesunkene Nachfrage trifft zudem auf ein gestiegenes und weiter steigendes Angebot. Denn das Milchjahr beginnt erst. Die Milchleistung der Kühe nimmt Mitte, Ende Mai zu, dann nimmt sie bis November wieder ab. In Zeiten der schlechten Milchpreise steigern viele die Produktion noch, um über die Maße Gewinne einzufahren oder zumindest die Verluste zu senken. Alles mit Verzögerungen — man kann die Milchleistung einer Kuh nicht drosseln oder erhöhen wie den Produktionsausstoß einer Maschine.

Manch einer hofft auf den Bio- Markt. Im Sommer 2015 eröffnete Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Dr. Robert Habeck in Mühlenrade bei Mölln die „Bauernmeierei Hamfelder Hof“, 27 Biobauern aus der Region verarbeiten dort zusammen ihre Milch. „Für Bio-Milch gibt es eine große Nachfrage und stabile Preise, die deutlich über dem liegen, was man für konventionelle Milch ausgezahlt bekommt.

Das könnte ein Anreiz sein, umzustellen“, betonte damals der Minister. 20 Cent mehr bekommt der Biobauer für seine Milch derzeit auf dem Markt im Vergleich.

Thomas Thee vom Ministerium sagt: „Das ist sehr lukrativ, aber es ist nur eine Momentaufnahme. Wir wissen nicht, wie der Preis sich in den nächsten zwei Jahren entwickelt.“ Solange dauert die Umstellung auf „bio“.

Peter Lüschow bleibt bei seinen konventionell gehaltenen Milchkühen. „Ich freue mich über jeden, der an diesem Markt erfolgreich Geld verdienen kann. Aber wenn das zu viele machen, geht wieder der Preis runter.“ Er schätzt, dass deutschlandweit vielleicht noch 450 Bauern umstellen können. Auch Professor Thiele ist skeptisch: „Eine Umstellung jetzt würde weitere Liquidität kosten.“

Selbstvermarktung und Bio seien keine schnelle Lösung, auch wenn der Biomarkt wächst. "Seine Bedeutung ist immer noch vergleichsweise gering bei einem Umsatzanteil von drei Prozent im Bereich der deutschen Milchwirtschaft.“

Wie lange die Milchbauern noch aushalten müssen, kann niemand vorhersehen. „Es ist klar, dass es irgendwann wieder aufwärts geht. Das ist keine Dauerkrise“, macht Holger D. Thiele Mut. Länder mit bisher niedrigen Verbräuchen signalisieren stärkere Nachfrage nach Milchprodukten, die Weltbevölkerung wächst. Aber viele der nachfragenden Länder hätten zu wenig Devisen für deutsche Milchimporte.

„Der Minister sieht den Handlungsbedarf", so Thomas Thee aus dem Landwirtschaftsministerium. Die Möglichkeiten der Landesregierung seien aber begrenzt. „Bei solch einer fundamentalen Krise reichen nicht ein paar Euro aus dem Landeshaushalt.“ Entscheidungen aus Berlin und Brüssel müssten her.

Professor Thiele: „Die kurzfristigen Maßnahmen, die die Politik nach wie vor zur Verfügung hat, sind die klassischen Hilfen wie die Unterstützung bei der Lagerhaltung.“ Milchprodukte wie Pulver werden in Zeiten schlechter Preise eingelagert. Zur Not direkt vom Staat. Liquiditätshilfen oder staatliche Mengensteuerungen wie zu Zeiten der Quote werden angeboten oder sind wieder im Gespräch.

Die EU könnte wieder Exporterstattungen zahlen, auch wenn die nur noch in außergewöhnlichen Situationen erlaubt sind. Das Problem: solch ein Exportdumping schwächt den Weltmarktpreis weiter. Der Preis könnte weiter fallen, das Ende der Krise in noch weiterer Ferne rücken.

„Es ist fünf nach zwölf für die Milchviehhalter!“, sagt BDM-Vorsitzender Romuald Schaber.   •

Von Nicole Hollatz

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