Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Für die kleinen Betriebe wird es eng

HOTELS UND GASTRONOMIE Für die kleinen Betriebe wird es eng

Prsonalmangel im Hotel- und Gaststättengewerbe ist kein neues Phänomen. Aber es dürfte sich weiter verschärfen.

Voriger Artikel
Die Spezialisten
Nächster Artikel
Auf der Überholspur

Lisa Bierlich macht Betten im „Hotel Gremersdorf“. Die 19-Jährige aus Großenbrode ist im dritten Jahr ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau.

Quelle: Hannes Lintschnig

Ihr Traum war es nicht. Es ist eher zufällig dazu gekommen, dass die beiden im „Hotel Gremersdorf“ eine Ausbildung machen. „Ich habe die Stellenanzeige gesehen und mich einfach mal so beworben“, sagt die 19-Jährige Lisa Bierlich aus Großenbrode, die jetzt im dritten Jahr ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau ist. „Ich fand es sofort toll hier. Der Chef und die Arbeitskollegen sind wirklich nett.“ Ihr Freund ist ein Jahr später zu ihr in das rund 1500-Seelen-Örtchen Gremersdorf gezogen und macht im selben Betrieb eine Kochausbildung: „Klar, es ist hier Dorf pur. Hier ist nichts los“, sagt Shasah Krosch, der aus Fehmarn stammt. „Aber die Arbeit macht Spaß und wir wollten zusammenbleiben. Wir hatten Glück, dass hier gerade ein Koch gesucht wurde.“

Obwohl das aus Sicht seines heutigen Arbeitgebers gar nicht soviel mit Glück zu tun hatte. Denn im „Hotel Gremersdorf" wird gutes Personal ständig gebraucht. „Grundsätzlich suche ich immer“, sagt Hotel-Chef Hartmut Kohlscheen, der den Betrieb 1984 von seinen Eltern übernommen hat. Er inseriert regelmäßig in einschlägigen Internetportalen und Tageszeitungen. „Es ist ziemlich schwierig, gute Mitarbeiter oder Auszubildende zu finden. Manche kommen mit komplett falschen Vorstellungen zu mir.“ Und viele sind es auch nicht. „Früher hatte ich hier 30 bis 40 Bewerbungen im Jahr. Heute sind es vielleicht noch drei bis vier.“

Fachkräftemangel ist in der Gastronomie kein neues Phänomen. „Aufgrund des demografischen Wandels verschiebt sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage zugunsten der Arbeitnehmer“, sagt Olga Nommensen, Sprecherin der Agentur für Arbeit Lübeck. Nach der Grenzöffnung habe die Lübecker Bucht von jungen Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern profitiert, die hier eine Ausbildung aufnahmen. „Aber auch da sind die Schülerzahlen rückläufig und die Schüler finden nun dort eine Ausbildungsstelle.“

Problematisch sei außerdem, dass viele Betriebe nicht ganzjährig beschäftigen und dass gerade kleinere Betriebe, die nicht direkt an der Küste liegen, schlecht an öffentlichen Verkehrsmittel angebunden seien. Die Arbeitsmarktzahlen sprechen eine deutliche Sprache: Auf einen Bewerber für eine Ausbildung in der Gastronomie kamen im touristenstarken Kreis Ostholstein im vergangenen Jahr 10,9 Stellen (3,2 Stellen in Schleswig-Holstein). Und: „Der Bedarf insbesondere an Fachkräften wird bei uns eher noch zunehmen, da es Neubauten beziehungsweise Erweiterungen von Hotels gibt“, so Nommensen.

Dirk Himmelmann von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) kennt das Problem. „Es betrifft die komplette Ostseeküste“, sagt der NGG-Geschäftsführer der Region Lübeck. „Oftmals arbeiten die Betriebe unterbesetzt. Ich kenne Fälle, wo die Mitarbeiter nicht eine oder zwei Überstunden machen, sondern tageweise Überstunden ableisten müssen.“ Das mache den Job nicht attraktiver. „Dazu kommt, dass in Schleswig-Holstein im Vergleich zu den anderen alten Bundesländern im Hotel- und Gastronomiebereich am schlechtesten bezahlt wird“, sagt Himmelmann.

Auch Stefan Scholtis, Hauptgeschäftsführer Dehoga Schleswig-Holstein, macht sich Sorgen. „Es ist kein Geheimnis, dass wir einen Fachkräftemangel haben. Eine große Masse an Betrieben hat Probleme, Köche und andere gelernte Mitarbeiter zu finden“, sagt Scholtis. Das betreffe sowohl kleine als auch große Betriebe, wobei kleinere Hotels und Gaststätten besonders darunter litten. „Die großen Häuser erscheinen bei vielen jungen Auszubildenden oftmals attraktiver als kleinere Betriebe, die vielleicht nicht direkt an der Küste, sondern etwas weiter im Landesinneren liegen. Obwohl die Ausbildungsqualität in kleineren Betrieben nicht schlechter sein muss“, sagt Scholtis. Die logische Konsequenz daraus sei Servicemangel: Betriebe verkleinern ihre Karte, reduzieren die Außengastronomie oder führen Ruhetage ein. „Das ist natürlich der allerletzte Schritt, aber sie können sich ja keine Mitarbeiter schnitzen. Man muss eben das Beste daraus machen“, so Scholtis.

Doch manchmal kann man einfach nichts mehr machen. „Ich kenne einen kleinen Betrieb in Schleswig, der komplett schließen musste, weil es keine qualifizierten Mitarbeiter gab“, sagt Finn Petersen, Geschäftsführer NGG Schleswig- Holstein Nord. Der Name eines Betriebes und die Lage seien entscheidende Vorteile bei der Mitarbeitersuche. „Ländliche Gebiete sind für junge Leute meist nicht so interessant wie die touristischen Ballungsgebiete direkt an der Küste“, sagt Petersen. „Und wenn ein Hotel einen großen Namen hat, dann ist es sowieso attraktiver für junge Menschen.“

So wie das Bayside in Scharbeutz. „Wir haben für den Sommer wieder eine vollbesetzte Crew“, sagt Geschäftsführer Töns Haltermann. Rund 120 Mitarbeiter hat das Hotel direkt am Ostseestrand. „Wir betreiben einen erheblichen Aufwand. Wir suchen über Internetportale, über die sozialen Medien und über Anzeigen. Das kostet richtig Geld“, sagt Haltermann, der schon seit 20 Jahren im Hotelgeschäft ist und nie so viele Probleme hatte, Mitarbeiter zu finden. Ebenfalls sei der Aufwand für Arbeitgeber gestiegen, Mitarbeiter zu halten. „Es geht nicht unbedingt nur ums Geld, sondern um gemeinsame sportliche und kulturelle Aktivitäten. Wir versuchen, eine Bindung der Mitarbeiter an unser Haus zu schaffen.“

Trotzdem sei es auch für große Betriebe nicht leicht, Personal zu finden. „Das Problem in dieser Branche ist, dass viele Arbeitgeber an den Tariflöhnen vorbei ihre Mitarbeiter schwarz bezahlen“, sagt Haltermann. Das betreffe besonders kleine Betrieben. „Aber häufig sind das falsche Versprechungen. Die Mitarbeiter haben keine Sicherheiten und die Anstellung endet nach der Hauptsaison. Bei uns sind 99 Prozent der Mitarbeiter ganzjährig angestellt und wir zahlen übertariflich“, sagt Haltermann. Viele seiner Bewerber wollen trotzdem lieber schnell viel Geld verdienen – an den Tarifverträgen vorbei. „Das ist für große Häuser ein echtes Problem. Aber ich will mich nicht beschweren. Wir haben seit unserer Eröffnung nie Serviceeinbußen wegen Mitarbeitermangels verkraften müssen. Es ist Jammern auf hohem Niveau.“

Jammern mag Hartmut Kohlscheen gar nicht. Obwohl er gewiss allen Grund dazu hätte. Denn in Gremersdorf, wo der letzte Bus nach Heiligenhafen um 19 Uhr abfährt, ist es besonders schwer, Mitarbeiter zu finden. Auch Kohlscheen hat vor einiger Zeit seine Speisekarte reduzieren müssen. Mehr als etwa acht A-la-Carte-Gerichte plus saisonale Angebote gibt es nicht mehr. Genauso wenig wie ein Mittagsangebot. „Mittags habe ich meine Bude zu. Das kann ich gar nicht leisten“, sagt Kohlscheen, der in seinem Hotel 60 Zimmer hat. Zwölf seiner Mitarbeiter sind ganzjährig beschäftigt, insgesamt arbeiten 22 Leute im „Hotel Gremersdorf“. Sorge, dass er mal keine Mitarbeiter mehr findet, hat Kohlscheen trotzdem nicht. „Das passt schon. Wir sind hier sehr familiär, das schätzen auch einige junge Leute“, sagt er. „Außerdem biete ich nicht nur eine Ganzjahresbeschäftigung, sondern in meinem Betrieb kann auch jeder Auszubildende übernommen werden.“

Es ist tatsächlich das Familiäre, was Lisa Bierlich und Shasah Krosch an ihrem Arbeitsplatz schätzen. „Hier ist alles sehr locker geregelt. Und es gibt zum Glück nur ganz selten Teildienste“, sagt Krosch, der noch etwa eineinhalb Jahre braucht, um seine Ausbildung zu beenden. „Klar, hier wird auch richtig hart gearbeitet. Das muss ja auch sein. Aber das Miteinander ist wirklich toll." Das findet auch Lisa Bierlich. „Wenn man mal zu spät kommt, dann ist der Chef meistens gar nicht richtig sauer und es gibt kaum Ärger. Das mag ich, es macht eine schöne Atmosphäre.“

Trotzdem wissen die beiden jetzt schon, dass sie nach ihrer Ausbildung nicht mehr im „Hotel Gremersdorf“ weiterarbeiten werden. „Wir wollen beide in der Gastronomie bleiben, es macht uns wirklich viel Spaß“, sagt Krosch. „Aber wir wollen gemeinsam nach Fehmarn ziehen, da ist meine Heimat. Ob wir da etwas im Gastronomiebereich finden werden, weiß ich noch nicht. Aber mit ein bisschen Glück kriegen wir schon was.“

Die Chancen stehen gut für die beiden, einen Job zu finden. Glück braucht wohl eher Hartmut Kohlscheen für seine Suche nach neuen Auszubildenden. Und zwar spätestens dann, wenn Lisa Bierlich und Shasah Krosch ihre Koffer packen und aus Gremersdorf verschwinden.  

 Hannes Lintschnig

Voriger Artikel
Nächster Artikel
LN Jobs Stellenanzeigen aufgeben

Das Stellenportal der Lübecker Nachrichten bietet Ihnen den passenden Rahmen für Ihre Stellenangebote. Schalten Sie Ihre Anzeige schnell und effizient hier. mehr

Hier finden Sie die älteren Ausgaben von dem Magazin "DIE WIRTSCHAFT". mehr

Mediakompass: Werbekanäle bei den Lübecker Nachrichten

Werben mit Erfolg: Bei den Lübecker Nachrichten, als regional marktführendes Medienhaus, haben Sie die Chance Ihre Werbung über verschiedene Werbekanäle und Crossmedia-Optionen optimal zu präsentieren! mehr