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Handarbeit auf dem Plöner See

FISCHWIRTSCHAFT Handarbeit auf dem Plöner See

Kalle Krause ist Fischer auf dem Großen Plöner See. Seit Jahren gehen die Bestände in dem Gewässer zurück, es wird immer schwieriger für seinen Betrieb zu überleben. Doch der 31-Jährige liebt seinen Job – und hofft auf bessere Zeiten in der Binnenfischerei.

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Klein gegen Groß

Auslage im Hofladen: Lachsforellen, Saiblinge und anderer Räucherfisch werden hier angeboten. Frischer geht es kaum.

Der See ist ruhig heute. Keine Wellen, blauer Himmel, strahlender Sonnenschein. Kalle Krause startet den Motor seines zehn Meter langen Bootes, dreht sich eine Zigarette, richtet seine Schirmmütze und setzt sich ans Steuer. „Dann wollen wir mal gucken, was so drin ist“, sagt Krause, nimmt einen beherzten Zug von seiner Zigarette, gibt Gas und schaut auf die Weite des Großen Plöner Sees. Kalle Krause ist Fischer. Er fährt heute raus auf den See und kontrolliert, ob die Reusen voll sind. „Letzte Woche haben Fischwilderer zehn unserer Reusen leergemacht“, sagt Krause, der beim Fischereibetrieb Lasner in Ascheberg bei Plön angestellt ist. „Das waren bestimmt drei Zentner Aal. Das tut schon weh.“

Denn die Aalbestände im Großen Plöner See gehen seit Jahren zurück. Was früher der Brotfisch für heimische Fischer in Schleswig-Holstein war und in Massen aus den Seen des Landes gefischt wurde, ist heute schwieriger zu fangen. Das gilt auch für andere Fischsorten. Rüdiger Lasner, der Chef des Betriebs, kann davon ein Lied singen. „Früher haben wir zehn Netze gestellt und hatten drei Zentner Fisch darin“, sagt Lasner, der seit 39 Jahren den Fischereibetrieb in Ascheberg betreibt. „Heute stellen wir 30 Netze und haben zehn Kilogramm Fisch oder sogar weniger.“

Das geht anderen Fischern, die andere Seen bewirtschaften, ähnlich. Insgesamt gibt es nur 14 Binnenfischereibetriebe in Schleswig- Holstein. „Und davon können kaum Betriebe nur von der Fischerei an sich leben“, sagt Sabine Schwarten, Vorsitzende des Verbandes der Binnenfischer und Teichwirte in Schleswig-Holstein. „Die meisten haben sich Einkommensalternativen zum Überleben gesucht.“ Schwarten selbst bewirtschaftet einige Seen in Ostholstein, ihr Betrieb ist noch ein reiner Fischereibetrieb.

Es werde den Fischern im Land nicht leicht gemacht. Nicht nur die wenigen Fische, auch die immer mehr werdenden Auflagen bedrohten die wirtschaftliche Existenz der Fischer. „Ich verbringe bald mehr Zeit im Büro als auf dem See“, sagt Schwarten, die aus einer Fischerfamilie mit 850-jähriger Tradition stammt. „Man sollte den Fischern mehr vertrauen. Denn anders als in der Küstenfischerei haben wir auf den Seen keine Konkurrenzsituation. Wenn ich mehr Fisch entnehme, als dem See guttut, dann schneide ich mir ins eigene Fleisch. Ich habe viel Erfahrung und meinen eigenen See gut im Blick.“

Kalle Krause ist nun länger als eine Viertelstunde auf dem 3000 Hektar großen See in eine Richtung gefahren. Relativ nah am Ufer ragen Holzstäbe aus dem Wasser. Es sind die Pricken, die in den Grund des Sees gerammt wurden und an denen die Reusen für die Aale befestigt sind. Langsam nähert sich Kalle mit seinem Boot der ersten Pricke. Er greift sie, zieht sie aus dem Wasser und legt sie quer über sein Boot. Dann greift er nach der Schnur, die an die Pricke gebunden ist und zieht eine Reuse an die Wasseroberfläche. „Hier ist nichts drin“, sagt er, lässt die Reuse wieder ins Wasser gleiten und rammt die Pricke in den Grund des Sees – eine ziemlich wacklige Angelegenheit.

Dann geht es zur nächsten Reuse. Kalle greift nach der Pricke, zieht die Reuse aus dem Wasser. „Hier ist etwas“, sagt Kalle, hievt die Reuse weiter an Bord und kippt rund 15 zappelnde Aale in den Fußraum seines Bootes. Sie tummeln sich neben seinen Füßen, wickeln sich um seine Gummistiefel. Einige verstecken sich hinter dem Tank des Bootes. Kalle lässt die leere Reuse wieder zu Wasser und rammt die Pricke in den Seegrund. Dann öffnet er zwei Klappen eines kleinen, mit Wasser gefüllten Fischkastens an Bord, den Sicker. Er versucht die glitschigen Aale neben seinen Füßen mit bloßen Händen zu greifen und in den Sicker zu packen. „Nun kommt schon her“, schimpft Kalle, doch die Fische gleiten immer wieder durch seine Hände. „Na, dann nehme ich eben den Kescher.“

Seit vier Jahren ist Kalle Krause jetzt schon auf dem Fichereihof Lasner. Im vergangenen Jahr hat er seine Ausbildung abgeschlossen, er ist nun Fischwirtgeselle der Binnen- und Flussfischerei. „Ich habe schon als Kind gern geangelt und habe viel Zeit im Wald verbracht“, sagt Krause, der in Bad Segeberg aufgewachsen ist. „Ich bin gern in der Natur. Das mag ich an meinem Beruf.“ Dass Krause Fischer wird, war für ihn nicht immer klar. Der 31-Jährige hat sich auch jahrelang am Studium der Volkswirtschaftslehre, der Theologie, der Geschichte und Philosophie sowie der Sonderpädagogik versucht. „Das war nichts für mich. Ich muss etwas mit meinen Händen machen, und ich muss draußen sein.“

Zur Freude von Rüdiger Lasner. Denn auch wenn sein Fischereibetrieb mit einigen Problemen zu kämpfen hat: Er hätte in diesem Jahr fünf weitere Mitarbeiter gut gebrauchen können. „Bewerbungen hatten wir viele, aber nicht jeder ist für die Fischerei geeignet“, sagt Lasner. Denn die Arbeit als Fischer sei schwer, dreckig, kalt und nass, man müsse leidensfähig sein, um den Beruf auszuüben. „Es ist kein Job von neun bis fünf Uhr. Feierabend ist, wenn alles fertig ist. Und die Bezahlung ist auch nicht besonders hoch“, sagt Lasner. An Kalle schätzt der 55-Jährige nicht nur, dass man mit ihm auch nach Feierabend tiefgründige Gespräche bis in die Nacht hineinführen kann. „Kalle ist sich für keine Arbeit zu schade. Je größer der Dreck, je höher die Wellen: Das ist Kalles Ding“, sagt Lasner.

Kalle konnte Rüdiger Lasner noch übernehmen. Anderen Lehrlingen sagt er zu Beginn der Lehrzeit, dass er sie nach der Ausbildung wahrscheinlich nicht beschäftigen kann. „Der Fischerberuf stirbt aus, und das ist politisch so gewollt. Man setzt eben auf Aquakultur“, sagt Lasner. „Früher haben wir als Fischer die Fische gefangen, verladen, und zappelfrisch zum Kieler Seefischmarkt gebracht. Damals konnte man noch gut überleben, da gab es noch gutes Geld für Aal und Hecht.“ Heute seien es nur noch etwa 50 Prozent an reiner Fischerarbeit, die auf dem Betrieb in Ascheberg erledigt werden. Der Rest der Arbeit wird für die Bratküche, Gastronomie und den Marktverkauf aufgewendet. Denn die Fischbestände wurden seit den 80iger Jahren weniger, der Seefischmarkt in Kiel ist mittlerweile geschlossen. „Dafür gibt es nur einen Grund: den Kormoran“, sagt Lasner. „In Hochzeiten kommen hier bis zu 7000 Kormorane und fressen den See leer. Der Vogel hat die Fischbestände um 80 bis 90 Prozent reduziert. Früher haben wir halb Schleswig-Holstein mit Fisch versorgt, heute reicht es nicht mal mehr für meinen Laden. Wir haben mehr Absatzmöglichkeiten als es Fische im See gibt.“

Auch der Dieksee bei Malente und der Behler See bei Plön sind laut Sabine Schwarten stark vom Kormoranfraß betroffen. „Beim Kellersee bei Eutin gab es von 2009 bis 2011 Fraßverlust von etwa 50 Tonnen durch Kormorane. Der Fischbestand hat sich bis heute nicht davon erholt“, sagt Schwarten. Der Kormoran ist zwar zum Abschuss freigegeben, während der Brutzeit ab März ist das Schießen allerdings verboten. „Wir ziehen die Vögel mit Fischen aus unserem See auf und dann dürfen wir sie abschießen. Dann ist der Schaden aber schon angerichtet.“ Überhaupt sei Schießen nicht die richtige Methode.

„Das Problem muss am Nest gelöst werden. Wir brauchen ein Kormoranmanagement mit einer Geburtenkontrolle. Das fordern wir seit 20 Jahren.“

Etwa genauso lange widersprechen Umweltverbände wie der Nabu. Der Kormoran sei nicht das Problem der Fischer, sondern die Marktsituation, heißt es auf den Internetseiten vom schleswig-holsteinischen Landesverband des Nabu. Schließlich liege die Fraßmenge eines Kormorans nur bei etwa 300 Gramm am Tag. „Aale werden nur dann gefressen, wenn sie in großer Zahl vorhanden sind. Gegenüber Kleinfischen, die in Schwärmen leben und von Kormoranen gemeinschaftlich befischt werden, ist die Jagd auf Aale energieaufwändiger und lohnt sich deswegen zumeist nicht“, sagt Ingo Ludwichowski, Sprecher von Nabu Schleswig-Holstein. Außerdem belegten wissenschaftliche Erkenntnisse einen nur geringen Einfluss von Fische verzehrenden Vögel auf Fischbestände. „Weitaus bedeutsamer sind räuberische Fische selbst und die Ernährungs- und Nährstoffsituation in den Gewässern.“

Mittlerweile ist der Sicker von Kalles Boot gut gefüllt, er macht sich auf den Weg zurück zum Hof, vorbei an hunderten Wildgänsen und Schwänen, die sich auf dem See ausruhen. „Manchmal kommt auch der Seeadler“, sagt Kalle. „Der fliegt hinter dem Boot her, weil er denkt, dass etwas für ihn abfällt. Ich hatte schon einmal sechs Seeadler hinter mir.“ Kurz vor dem Ufer des Fischereihofes steigt Kalle mit seiner Wathose ins Wasser und macht das Boot am Steg fest. Er keschert die Aale aus dem Sicker und bringt sie in den Schlachtraum, wo sie zunächst gewogen werden. „Drei Zentner, das ist gutes Mittelmaß“, sagt Krause.

Dann geht es ans Schlachten. Erst tötet Kalle die Aale, schlitzt sie auf, entfernt die Innereien und wäscht die Fische. Einige Aale kommen in die Räucheröfen, aus anderen wird „Aal in sauer“ gekocht, der Rest wird eingefroren. Für Kalle ist es seine tägliche Arbeit, seine Handgriffe wirken sehr routiniert. „Ich weiß, dass es um die Fischerei nicht sehr gut steht“, sagt Krause, der dennoch seine Zukunft in dem Beruf sieht. „Ich hoffe auf bessere Zeiten für die Fischerei. Außerdem möchte ich in der Lage sein, mich selbst ernähren zu können und die Fischereitradition fortzuführen.“

Hannes Lintschnig

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