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IT-Nachwuchs

MODERNES LERNEN Sorge um den qualifizierten IT-Nachwuchs

Digitales Lernen in Schulen, Universitäten und während des Berufs wird immer wichtiger, um in der schnelllebigen Welt der Digitalisierung wettbewerbsfähig zu bleiben und IT-Fachkräfte zu sichern. Trotz vieler digitaler Bildungsangebote sieht der Interessenverband DiWiSH in Schleswig-Holstein ein „digitales Handicap“.

„Hello World“ – dieses Mini- Script gehört zu den ersten Programmierschritten überhaupt. An vielen Schulen und vor allem auch an Grundschulen ist Informatik jedoch immer noch ein Fremdwort.

Quelle: Fotos: Tobias Schulz, Edler Von Rabenstein /fotolia

Der Verein Digitale Wirtschaft Schleswig-Holstein (DiWiSH) schlägt Alarm: Informatiklehrer an schleswig-holsteinischen Schulen seien nicht gut genug ausgebildet, zu wenig Schulen haben eine Digitalisierungsstrategie, kleine und mittelständische IT-Unternehmen im Land haben im „war for talents“ immer öfter das Nachsehen. Ohne weitreichende politische Veränderungen sei die Zukunftsfähigkeit des Landes im Bereich der Digitalisierung massiv gefährdet. „Mit Blick auf die Prognos-Studie aus dem Jahr 2016 und den dort erstmalig vorgestellten Digitalisierungskompass als Maßstab für eine IT- und Technologie-getriebene Wirtschaft, landet bei den betrachteten mehr als 400 Kreisen und kreisfreien Städten kein einziger Standort aus Schleswig-Holstein in der Gruppe der 17 Digitalisierungsgewinner“, sagt Doris Weßels, zweite Vorsitzende von DiWiSH. „Das ist bitter. Daran müssen wir arbeiten. Unsere digitale Agenda in Schleswig- Holstein ist sicherlich ein erster Schritt in die richtige Richtung.“

Im Landesministerium für Schule und Berufsbildung ist das digitale Lernen natürlich eines der wichtigsten Themen bei der Digitalen Agenda. „Wir müssen Schülerinnen und Schüler auf die digitale Welt vorbereiten – das ist eine Kernaufgabe von Schulen“, sagte Bildungsministerin Britta Ernst bei einer Rede im Landtag im vergangenen Jahr. Die Digitalisierung verändere alle Lebensbereiche der Gesellschaft, die Arbeitswelt und auch die Freizeitgestaltung. „Handy, Tablet, Whiteboard – das gehört alles für die meisten längst zum Alltag“, sagt die Ministerin. Deswegen hat Ernst vor zwei Jahren den Wettbewerb „Lernen in einer digitalen Gesellschaft“, bei dem sich schleswig-holsteinische Schulen als digitale Modellschulen bewerben können auf den weg gebracht. Vorbildliche und erfolgsversprechende Schulvorhaben, die das Lernen mit digitalen Medien ermöglichen, werden hierbei vom Land gefördert. 2015 hat das Land 300 000 Euro, ein Jahr später 500 000 Euro und in diesem Jahr noch einmal eine Million Euro für das Projekt zur Verfügung gestellt. Mittlerweile sind 113 Schulen in Schleswig-Holstein – also fast jede achte – digitale Modellschulen. „Ich habe fast alle diese Schulen besucht und mir die Projekte angesehen. Nachhaltige Initiativen, guter Unterricht mit digitalen Medien – eingebettet in gute pädagogische Konzepte – sowie starkes Engagement der Schulen und Schulträger bei diesem Thema zeigen überall im Land, dass unsere Schulen sich auf den Weg gemacht haben“, sagt Britta Ernst.

Die IT-Ausstattung an Schulen in Schleswig-Holstein wird derweil auch immer besser – das bescheinigt ein Bericht des Landesministeriums aus dem vergangenen Jahr. Von den 803 Schulen im Land haben sich 656 an der landesweiten Umfrage zur IT-Ausstattung beteiligt. Rund 30 Prozent der Einrichtungen verfügen mittlerweile über einen Zugang zu schnellen Internetanschlüssen, also VDSL, Kabel oder Glasfaser. Im Vergleich zu vor zwei Jahren hat sich die Zahl der Schulen mit schnellen Internetanschlüssen verdoppelt. Das Ziel des Ministeriums ist es, bis 2020 allen Schulen schnelle Internetanschlüsse auf Glasfaserbasis zu ermöglichen.

Über alle Schularten hinweg stehen im Durchschnitt für acht Schüler ein Computer zur Verfügung. Vor zwei Jahren lag die die Computer-Schüler-Relation noch bei 1 zu 8,7. Mehr als 57 Prozent aller Schulen nutzen ein Online-System zum Austausch von Materialen und zur schulinternen Kommunikation. Etwa ein Viertel der Schulen verfügt über ein eigenes IT-Budget. Bei 60 Prozent der Schulen ist die Medienbildung konzeptionell verankert, 122 Schulen gaben an, dass sie gerade an einem Medienkonzept arbeiten (2014 waren es lediglich 21). Knapp zwei Drittel aller Schulen verfügt über feste W-Lans, allerdings gibt es hier deutliche Unterschiede bei den Schularten. So sind es bei den Grundschulen lediglich 53 Prozent, bei den Gymnasien hingegen 83 Prozent. Auch die Nutzung von privaten Endgeräten in Schulen rückt zunehmend in den Fokus. „Bring Your Own Device“ wollen die meisten beruflichen Schulen, Gymnasien und Gemeinschaftsschulen verstärken, bei Grund- und Förderschulen ist der Anteil allerdings mit etwa zehn bis 15 Prozent sehr gering. „Technisch sind die meisten Schülerinnen und Schüler gut ausgestattet, die kompetente und sinnvolle Nutzung müssen viele aber noch lernen“, erläuterte Ernst. Schule sei einer der besten Orte, an dem dieses Lernen stattfinden könne und müsse - und dabei seien Lehrkräfte die wichtigsten Akteure, nicht der Computer oder das Tablet.

Dass nicht nur die digitale Ausstattung der Schulen sondern Qualifikation der Lehrkräfte das zentrale Problem ist, findet auch Doris Weßels, zweite Vorsitzende von DiWiSH. Der Verein DiWiSH fordert, Informatik als obligatorisches Schulfach in den Schulen einzuführen. „Man braucht kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass neben dem Schreiben, Lesen und Rechnen zukünftig auch das digitale Verstehen zu den Basiskompetenzen gehört. Aus unserer Sicht sollte das Schulfach ‚Informatik' gleichberechtigt neben die bereits etablierten naturwissenschaftlichen Fächer Physik, Chemie und Biologie treten und bereits in der Sekundarstufe I im gleichen Umfang gelehrt werden“, fasst Weßels das Ergebnis einer Expertenrunde mit Unternehmern, Professoren und Informatiklehrern im Land zusammen. Zwar sei man im Moment in Schleswig-Holstein gefühlt noch recht gut positioniert, was auch mit der regen IT-Gründerszene zusammenhänge. „Aber wo bleibt der qualifizierte Nachwuchs und damit unsere Zukunft, wenn unsere schleswig-holsteinischen Schülerinnen und Schüler auch zukünftig ohne qualifizierten Informatikunterricht auskommen müssen – im Gegensatz zu Schülerinnen und Schülern in Bayern, Sachsen und anderen Bundesländern, die offenbar andere Prioritäten setzen? Mit diesem ‚digitalen Handicap’ im Ländervergleich können und wollen wir nicht leben“, so Weßels. Laut Weßels mangele es selbst bei den digitalen Modellschulen im Land häufig an qualifizierten Lehrpersonal. „Wir haben ein gravierendes und leider nicht schnell behebbares Problem: Unsere Lehramtsausbildung in Schleswig-Holstein produziert quasi keine Informatik-Lehrer oder -Lehrerinnen, die nach dem Abschluss in Schleswig-Holstein bleiben und das Fach unterrichten. Viele Lehrer oder Lehrerinnen springen ein, haben aber das große Problem, ihr Wissen halbwegs aktuell zu halten“, sagt Weßels.

Auch im Bereich der Hochschulbildung sieht Doris Weßels dringenden Handlungsbedarf. Zwar sehe das vielfältige Hochschul- und Weiterbildungsangebot auf den ersten Blick ganz gut aus, es fehle allerdings an Kompetenzzentren für autonome Systeme, Robotik, künstliche Intelligenz und ähnliche Zukunftsthemen. „Viel wichtiger ist darüber hinaus die ‚Beweglichkeit' des leider doch sehr starren und behäbigen Systems Hochschule. Die notwendige Anpassung und Veränderung von Lehrinhalten, der Aufbau neuer Studiengänge und so weiter dauern leider viel zu lang“, sagt die Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Kiel. „In einer hochdynamischen Welt, die immer mehr disruptive Veränderungen erlebt, muss das Bildungssystem endlich aus dem Dornröschen-Schlaf erwachen.“

Dazu kommt, dass viele Absolventen von IT-nahen Studiengängen nicht in Schleswig-Holstein bleiben, sondern wegen besserer Karriere- und Verdienstmöglichkeiten in die typischen Boom-Regionen wie Hamburg, Frankfurt und München abwandern. „Typische Zitate meiner Studierenden wie: ‚Wo gibt es denn hier interessante IT-Unternehmen? Ich muss mich doch notgedrungen woanders bewerben' sprechen Bände“, sagt Weßels. Das liege auch daran, dass die IT-Unternehmen im Land bei den Studierenden nicht bekannt sind. „Wir müssen in Schleswig-Holstein im Hochschulbereich dringend unsere Kräfte stärker bündeln, Synergien nutzen und die Formen der Zusammenarbeit intensivieren. Es muss eine bessere Verzahnung und Durchlässigkeit der Hochschultypen geben, damit wir als Hochschulen in Schleswig-Holstein im bundesweiten Wettbewerb um Studieninteressierte nicht zurückfallen.“

Von der Schule über die Hochschule bis hin zum lebenslangen Lernen im Beruf ist jedes Glied der Kette sehr wichtig, damit Schleswig-Holstein bei der Digitalisierung nicht hinterherhinkt. Besonders für das letzte Glied der Kette, dem lebenslangen Lernen im Beruf, gibt es in Schleswig-Holstein ein bundesweit einmaliges Angebot. Die Oncampus GmbH, eine Tochter der Fachhochschule Lübeck, bietet zahlreiche Online-Studiengänge und Online-Kurse zur Weiterbildung an. „In unserer virtuellen Fachhochschule haben wir mittlerweile etwa 4000 Studierende. Wir haben innerhalb von 20 Jahren eine komplette Hochschule aufgebaut, ohne auch nur ein Gebäude dafür zu errichten“, sagt Andreas Wittke, Chief Digital Officer der Oncampus GmbH, stolz. 14 Prozent der Studenten der Fachhochschule Lübeck studieren online, etwa 80 Prozent davon aus Schleswig-Holstein. Wittke sieht besonders im IT-Bereich große Vorteile eines Online-Studiums. „IT ist das schnelllebigste Feld dieser Welt. Jeder Informatiker macht Learning on the job. Die Geschwindigkeit wird immer mehr, alles ist agil geworden“, sagt Wittke. Hochschulen haben laut Wittke große Probleme, bedarfsgerechte Angebote im IT-Bereich zu schaffen, da beispielsweise Lehrbücher sehr schnell veraltet sind. „Man benötigt heutzutage flexible Angebotsformen on demand“, sagt Wittke. Deswegen bietet die Oncampus GmbH Selbstlernkurse ohne Dozenten an. „Man kann sich das an einem Beispiel aus dem Alltag verdeutlichen: Wenn bei meinem Fahrrad die Kette abspringt und ich nicht weiß, wie ich sie wieder ranbekomme, dann hilft es mir nicht weiter, wenn dazu in sechs Wochen ein Kurs startet. Ich brauche Soforthilfe“, sagt Wittke. „Alle Lernmaterialien bei unseren Selbstlernkursen sind in einer Cloud. Wir arbeiten mit den Zielgruppen im Internet zusammen und verbessern die Qualität der Angebote. Das ist sehr agil und sehr schnell“, sagt Farina Steinert, Chief of Digital Happiness bei Oncampus. „Besonders die multimedialen Angebote werden von Berufstätigkeiten sehr gut angenommen.“

Ein besonderes Angebot, was im Kontext des Fachkräftemangels durchaus relevant erscheint, hat die Oncampus GmbH vor etwa zwei Jahren eingeführt. Das Projekt „integration.oncampus.de“ ermöglicht den unkomplizierten Zugang zu formaler und informeller Bildung für Geflüchtete. „Das Besondere daran ist, dass es sehr unbürokratisch und sehr offen organisiert ist“, sagt Wittke. Es bietet verschiedene, zum Teil an Hochschulen anrechenbare und creditfähige Hochschulkurse und "leistet damit einen erheblichen Beitrag zur Förderung beruflicher Integration Geflüchteter“. Die Plattform hat mittlerweile rund 8000 Registrierungen. Die Inhalte der Online-Kurse auf Deutsch und auf Englisch sind sehr verschieden, von „Interkultureller Integration“, „Betriebswirtschaftslehre" und "Einführung in die Wirtschaftsinformatik“ bis zu „E-Business Management“, „Management und Leadership“ und „Allgemeine Volkswirtschaftslehre“ können Interessierte zwischen vielen Angeboten wählen. „Bei dem Projekt ‚integration.oncampus.de' fällt auf, dass die Mobile-Device-Nutzung mit etwa 60 Prozent besonders hoch ist. Bei den Präsenzstudiengängen beträgt sie etwa 20 Prozent, bei den Online-Studiengängen rund 30 Prozent“, sagt Wittke. Im vergangenen Jahr wurde das Projekt von dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung als ein herausragendes digitales Projekt zur Integration mit dem Preis für Innovation in der Erwachsenenbildung ausgezeichnet. Das freut auch Rolf Granow, Geschäftsführer der Oncampus GmbH: „Die FH Lübeck und oncampus setzen seit zwanzig Jahren auf Digitalisierung zur Öffnung von Hochschulbildung für nicht-traditionelle Zielgruppen. Ein Angebot für Geflüchtete zu schaffen war für uns nicht nur eine konsequente Fortführung unserer Strategie, sondern vor allem eine Herzensangelegenheit.“   •

Hannes Lintschnig

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