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Jenseits bekannter Attraktionen

STADTFÜHRUNG Jenseits bekannter Attraktionen

Klassische Stadtführungen gibt es in Lübeck schon lange. Wer abseits der eingetretenen Routen Lübecks Geschäftsszene kennenlernen will, ist bei Christoph Rode richtig

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Auf der Überholspur

Auf seinen Touren erzählt Stadtführer Christoph Rode (M.) den Teilnehmern Wissenswertes über die Hansestadt.

Quelle: Majka Gerke

Es ist ein warmer Sonnabend im Mai. Die Sonne funkelt durch die grünen Blätter der Linden und bringt den roten Backstein der Aegidienkirche im alten Handwerkerviertel der Hansestadt zum Leuchten. Neben der Kirche steht Christoph Rode und wartet. Denn der idyllische Platz unter den Bäumen ist der Anfangspunkt einer besonderen Tour durch die Stadt. Hier beginnt Rodes „Lübecker Kultouren“.

Zehn Menschen, alle etwas über 50 Jahre, stehen erwartungsvoll vor ihm. „Wenn Sie eine klassische Stadtführung erwarten, dann zahle ich Sie gerne wieder aus. Bei mir läuft das anders.“ So beginnt Christoph Rode seine Stadtführung, die im klassischen Sinne keine ist. Aber andererseits doch. Denn er führt seine Besucher anders an die Stadt heran. Hanse? Ist nicht unbedingt sein Thema. Die sieben Türme? Die werden fast unbemerkt umgangen. Holstentor, Rathaus oder Backsteingotik: Das alles lässt er aus.

Bei Rode erfährt man dagegen viel über das Leben in der Stadt. Fast nebenbei erwähnt er auf dem rund dreieinhalbstündigen Weg über die Altstadtinsel geschichtliche Daten.

Gern gibt er ausgewählte Informationen und Geschichten wieder. Ganz nebenbei belebt Christoph Rode die Wirtschaft, wenn er seine Kunden nicht die ausgetretenen Pfade der Touristenführer entlang führt, sondern durch schmale Gassen, Durchgänge und Höfe zu ausgewählten Galerien und Geschäften.

Dort überlässt er den Inhabern das Feld. Die erzählen über ihre Geschäftsidee, über die Häuser, in denen sie arbeiten oder über die Nachbarschaft. Um den Teilnehmern diese kleinen Marsch-Pausen zu versüßen, gibt es auf den einzelnen Stationen kleine leckere Köstlichkeiten zum Probieren, die Konditormeister Marcus Thannhäuser, Lebensgefährte von Christoph Rode, kreiert hat.

Rode führt seine Gäste über den schmalen Durchgang 47 in der Aegidienstraße in die Wahmstraße zu Bettina Elters „Leinen und Lavendel“. In dem kleinen Laden gibt es Wäscheantiquitäten, alte Aussteuerwäsche, Seifen und pflegende Kosmetik. 24 Nachthemden habe die moderne Frau Anfang des 20 Jahrhunderts besessen, erzählt sie den interessierten Damen, während die Herren lieber an kerniger Seife schnuppern.

Rode steht derweil im Hintergrund und tippt in sein Handy, der nächste Halt wird schon mal vorbereitet. Der gelernte Versicherungskaufmann, der täglich nach Hamburg pendelt, kennt seine Heimatstadt wie seine Westentasche. Beim Gassigehen mit seinen beiden Hunden hat er Ecken, Galerien und Geschäfte entdeckt, die ihm vorher entgangen sind. Davon profitieren seine Kunden heute. Immer die gleichen Wege zu gehen ist langweilig, findet Rode.

Auf die Idee mit den professionellen Stadtführungen kam er durch Freunde und Familienmitglieder. „Ich habe immer schon gerne Leute durch Lübeck geführt. Da kam dann immer der Spruch: ,Du solltest Stadtführer werden’“, sagt Rode. Irgendwann bewarb er sich tatsächlich bei den Lübecker Stadtführern. „Die haben mich aber nicht genommen.“

Zur gleichen Zeit nahm er in Hamburg an der Shopseeing Blankenese-Tour teil, einer Führung durch ausgewählte Hamburger Geschäfte. „Da dachte ich, das müsste man auch für Lübeck machen.“ Und entwickelte so die Lübecker Kultouren. Das war vor rund zwei Jahren. Heute führt er fast jeden Sonnabend durch Lübeck und plant, sich Hilfe zu holen, um eine weitere Tour anbieten zu können.

Katrin Roden und Christine Apel-Witt laufen schon das zweite Mal mit Christoph Rode durch die Hansestadt. Damit sind sie aber nicht Spitzenreiter. „Ich habe eine Teilnehmerin, die war schon sechsmal mit mir unterwegs“, sagt Rode. Roden und Apel-Witt haben die Tour im letzten September schon einmal gemacht und nun ihren Freundeskreis animiert, es ihnen gleichzutun. „Ich hab einiges schon wieder vergessen“, sagt Katrin Roden und und beißt in das hübsch verzierte kleine Törtchen, das Bettina Elter herumreicht. Christoph Rode verschmäht die Leckereien. „Am Anfang hab ich auf jeder Tour die Köstlichkeiten mitgegessen. Das mache ich heute nicht mehr.“ 14 Kilo mehr hatte die Waage irgendwann angezeigt.

Auch Christine Apel-Witt ist froh, noch einmal die Runde zu drehen. Sie nutzt den Ausflug auch für die Jagd nach Geburtstagskleinigkeiten für ihren Gatten.

Für Marlies und Volker Prahl ist der Ausflug eine kleine Reise in die Vergangenheit. Die beiden Reinfelder haben acht Jahre in Lübeck gewohnt und gearbeitet. Doch heute sehen sie Ecken, wo sie noch nie waren. „Ich habe schon einige Stadtführungen in Lübeck mitgemacht. Aber so eine noch nie“, sagt Volker Prahl.

Weiter geht es die Wahmstraße herunter. Vorbei an der Ecke, wo mal Lübecks erste Dönerbude stand, links ins Balauer Fohr und weiter geradeaus bis zur Hundestraße.

Dort an der Ecke Tünkenhagen hat seit zehn Jahren Gabi Bannow ihre „Galerie für eine Nacht“. In den niedrigen Räumen mit den Möbeln aus den 50er Jahren hängen ihre bunten Bilder. Zusätzlich fertigt sie feinen Perlenschmuck. Und an zwei Tagen gibts außerdem selbstgebackenen Kuchen und besondere Kaffeespezialitäten.

Seit zwei Jahren sind Bannow und die Galerie ein Teil der Tour. Dann steht sie Samstagsvormittags kurz nach 10.30 Uhr hinter dem alten Holztresen, der mitten durch den Verkaufsraum geht und erzählt über die Vergangenheit des alten Gebäudes als Edeka-Markt. „Meine Oma hatte hier ihren Laden“, sagt Bannow und teilt ihre Erinnerungen, wie sie als Kind in die großen Holzkiepen hinter dem Tresen Zucker und Mehl abgefüllt hat. Und über ihre Bilder, die Möbel-Restaurationen und Veranstaltungen, die sie in ihrer Galerie regelmäßig stattfinden.

Die Gruppe zieht weiter die Hundestraße hoch. Kurze Stippvisite im Höveln-Gang. Dort steht nicht das Stiftungswesen im Vordergrund, sondern die ungewöhnliche Dachterrasse eines Anwohners und die alten Gaslaternen. Nächster Halt: die Keramikwerkstatt von Susanne Meissner. In dem schmalen Laden verkauft die quirlige Töpferin selbstgemachtes Geschirr. Jedes Stück ein Unikat.

Von dort geht es schnellen Schrittes zur Königstraße und nach wenigen hundert Metern die Glockengießerstraße hinunter. „Wir müssen ein bisschen Zeit aufholen“, treibt Rode an. Das Günter Grass-Haus ignorierend, geht es über den Glandorps Hof erst in das Atelier von Künstlerin Ina Fenske, wo es original Lübecker Plettenpudding gibt, ins Amaro von Roswitha Denker. In dem Schokoladenladen verteilt Verkäuferin Britta Rudartis erst einmal Lavendelschokolade und erklärt über Sorten und Herkunftsländer des Kakaos auf. „Das Amaro kommt immer an“, meint Christoph Rode. Und wirklich: Fast alle Tour-Teilnehmer lassen sich nicht zweimal bitten und kaufen ein. 70 Schoko-Herzen und zahlreiche kleine Schoko-Käfer in goldener Glanzfolie packt Roswitha Denker für Christine Apel-Witt ein. „Das wird die Deko für den Geburtstagstisch meines Mannes“, erklärt sie.

Danach geht es über den Birnenbaum-Hof, in dem angeblich Lübecks ältester Obstbaum steht und in dem Marcus Thannhäuser mit kleinen Gläschen Birnenschnaps und pikanten Käse-Birnen-Törtchen auf die Teilnehmer wartet, ins Pappagena von Haike Gerdes- Franke. In der Papierwerkstatt in der Rosenstraße kriegen die Lübeck-Fans einen kleinen Exkurs über das Basteln mit Papier und den Denkmalschutz des alten Hauses. Auch bei Gerdes-Franke stand Christoph Rode irgendwann einfach vor der Tür und erzählte von seiner Idee mit den etwas anderen Stadtführungen. „Es ist für mich eine Art Lebendwerbung“, sagt sie.

Geschäfte, die Ziel der Führung werden wollen, gibt es genug. „Mittlerweile fragen Inhaber bei mir nach, ob ich nicht mit meinen Kunden zu ihnen kommen kann“, sagt Rode. So kann er die Tour beliebig variieren.

Die meisten seiner Teilnehmer kommen aus der Hansestadt und dem Umland. Doch auch Firmen und Gruppen buchen ihn für Sonder- oder Privatführungen. Mittlerweile kommen Anfragen sogar aus Köln oder Düsseldorf. „Es ist einfach ein anderes Format, was viele anspricht.“ Maximal 14 Leute nimmt er normalerweise pro Gruppe an. Klein und Individuell soll die Tour sein. 24 Euro kostet der Spaziergang, inklusive der sieben Köstlichkeiten.

Vom Papier in der Rosenstraße geht es über die zarten Glasvasen in der Galerie von Frank Siebert in der Großen Burgstraße zu Pimenta in der Fischergrube. Bei Angelika Fernandes Costa gibt es die schärfsten Chilis der Stadt in Form von Chutney, Pasten oder Ölen. Langsam nähert sich die Tour dem Ende: dem 400 Jahre alten Berkentienhaus in der Mengstraße. In dem alten Kaufmannshaus gibt es zum Abschluss noch eine kleine Olivenölverköstigung. Nach fast vier Stunden, sieben Kostproben und zehn Stationen ist die Stadtführung vorbei. „Reden kann jeder. Aber Herr Roden zeigt das alte Handwerk und interessante Geschäfte. Das macht die Stadtführung aus“, sagt Christine Apel-Witt.   •

www.luebecker-kultouren.de

 Majka Gerke

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