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Liebe aus der Distanz

FERNBEZIEHUNGEN Liebe aus der Distanz

Berufliche Gründe stecken oft dahinter. Aber noch viel mehr haben technische Entwicklungen im Bereich der Kommunikation dazu geführt, dass Fernbeziehungen immer verbreiteter sind. Wie lebt es sich, wenn der Partner dauerhaft hunderte Kilometer entfernt weilt?

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Quelle: Nd3000 / Fotolia

Wenn abends das Telefon klingelt, beginnt die schönste Zeit des Tages. Sie reden viel, sie reden lange, aber auch wenn sie sich am Telefon nahe fühlen – die „richtige“ Nähe kann das Telefon nicht ersetzen, sagt Märry Raufuss. Deshalb kommt es schon mal vor, dass sie für ein Abendessen quer durchs Land fährt.

„Fernbeziehungen halten, wenn die Vorteile die Nachteile aufwiegen.“

Dr. Peter Wendel

Autor und Einzel-, Paar- und Familientherapeut

Sie ist 26, hat eine vierjährige Tochter und einen Mann. Doch ihr Mann ist Wirtschaftsingenieur und unter der Woche beruflich unterwegs. Der 33-Jährige kommt nur an den Wochenenden in die gemeinsame Wohnung. Und das ist schon ein Fortschritt, berichtet Märry. Denn bis vor kurzem hatte er noch eine eigene Wohnung in Frankfurt. Sieben Monate lang, seit sie sich kennenlernten: „Da er auch unter der Woche ständig beruflich pendelt, war dieses Hin und Her zwischen Münster und Frankfurt nicht mehr tragbar“, blickt Märry zurück. Die beiden heirateten, er gab sein Leben in Frankfurt auf und zog nach Münster. Ein gemeinsamer Lebensmittelpunkt, Schluss mit der ständigen Organisation, wer wann wohin fährt: „Das war zwischendurch so anstrengend, dass wir beide mehr gestresst waren, als die gemeinsame Zeit zu genießen.“

Ein fester Lebensmittelpunkt trotz Fernbeziehung: Damit hat sich Familie Raufuss für ein Lebensmodell entschieden, wie die meisten berufstätigen Fernbeziehungspaare, bestätigt Fernbeziehungsexperte Dr. Peter Wendl vom Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. In 75 Prozent der Fälle pendeln die Männer. Ein gemeinsamer Lebensmittelpunkt habe auch finanzielle Vorteile – klar, eine große und eine kleine Wohnung kosten weniger als zwei große. Nicht ganz unwichtig, schließlich scheitern viele Fernbeziehungen an der Finanzierbarkeit, so Wendl. Die meisten Fernbeziehungen entstünden heute übrigens nicht mehr, weil einer jobbedingt wegziehen muss. Immer mehr Beziehungen sind von Anfang an eine Fernbeziehung: Weil sich immer mehr Pare übers Internet kennenlernen. So wie das Ehepaar Raufuss, das sich über eine Dating-App kennenlernte.

Jeder achte Deutsche führte nach offiziellen Schätzungen im Jahre 2014 eine Fernbeziehung. Der Arbeitsmarkt erfordert eine immer größere Flexibilität und nicht immer finden beide Partner einen Job in derselben Region. Bleibt also nur das Pendeln. Manchmal über Jahre hinweg. Sich sonntags oder montagsmorgens verabschieden und freitags auf den anderen am Bahnhof oder Flughafen warten. Immer und immer wieder. Das kann eine Belastung für die Beziehung sein. Muss es aber nicht. „Fernbeziehungen halten, wenn die Vorteile die Nachteile aufwiegen“, sagt Peter Wendl. Hört sich einfach an.

Irgendwie selbstverständlich. Aber das ist es nicht. Denn dafür müsse die Sinnfrage geklärt sein: Wieso nehmen wir diese Pendelei auf uns? Nur wenn die diese Frage positiv beantwortet ist, hält eine Beziehung die Belastungen aus, die eine Fernbeziehung mit sich bringt. Hat man die Sinnfrage beantwortet, haben auch Fernbeziehungen keine höhere Scheidungsrate. In der Region gibt es einfach keinen passenden Job, das kann so eine Erklärung sein.

Wenn sich jemand nur an einem bestimmten Ort in seinem Beruf selbst verwirklichen kann, kann das ebenfalls ein Grund sein. Oder auch: Bei dem Job wird so viel mehr Geld verdient, dass dieser finanzielle Vorteil die Nachteile aufwiegt. Wobei jeder selbst für sich ausmachen muss, ab wann ein finanzieller Vorteil den Nachteil des Pendelns, des Nicht-immer-Zusammenseins aufwiegt.

Wichtig für den Erfolg einer Fernbeziehung aus beruflichen Gründen seien gemeinsame Perspektiven. Denn anders als bei Fernbeziehungen unter Studenten sind Fernbeziehungen aus beruflichen Gründen meist keine zeitlich beschränkten Beziehungen. Bei einem Studium weiß man: In drei Jahren bin ich fertig und dann suchen wir uns einen Arbeitsplatz in derselben Gegend. Bei einer Fernbeziehung aus beruflichen Gründen geht das nicht immer so einfach. Oft weil es einfach keinen Job für beide in derselben Region gibt. Oder einer einfach nicht umziehen kann.

Dennoch brauchen auch diese Fernbeziehungspaare gemeinsame Perspektiven, betont Peter Wendl. Die kurzfristige Perspektive ist das nächste Wiedersehen. Mittelfristig ist es ein gemeinsamer Urlaub. Und was die langfristige Perspektive angeht, sollten sich die Paare mit der Frage auseinandersetzen, wie lange sie so eine Fernbeziehung führen wollen. Ein paar Jahre? Wie viele Jahre? Auf Dauer? Nur einige Monate? Welche Möglichkeiten gibt es, wieder zusammenzuziehen? Gibt es neue berufliche Perspektiven, worauf kann man hinarbeiten? „Wir haben relativ schnell gemerkt, dass wir den Schritt Zusammenziehen schnell wagen müssen oder unsere Beziehung überdenken müssen“, sagt auch Märry Raufuss. Ein großer Schritt sei das gewesen, aber auch, wenn ihr Mann nach wie vor unter der Woche unterwegs ist, fühle sich die Beziehung nun anders an: „Es ist einfach angenehm, dass keiner mehr seine Tasche packen muss, um den anderen zu besuchen.“

Wichtig für das Gelingen einer Fernbeziehung ist der erfüllte Alltag auch ohne den anderen, sagt Peter Wendl. „Wer sich unter der Woche ohne den anderen nur ,halb’ fühlt, der wird scheitern.“ Es geht darum, ein eigenes Sozialleben aufzubauen, einen eigenen Freundeskreis und die Zeit ohne den anderen auch zu genießen. Der häufigste Grund, weshalb Fernbeziehungen scheitern, sei jedoch Grund wie bei „normalen“ Beziehungen: die mangelnde Kommunikation. Gerade eine Fernbeziehung brauche gute Absprachen, bessere noch als wenn man zusammenwohnt. Denn Vertrauen ist immens wichtig.

Ein Vorteil bei Berufstätigen sei sicher auch die Tatsache, dass man sich unter der Woche voll auf seinen Job konzentrieren kann, ohne schlechtes Gewissen, so Peter Wendl. Keiner, der ein langes Gesicht macht, wenn man mal wieder bis zehn im Büro saß. Keiner, der zuhause wartet und vor dem gekochten Abendessen sitzt. „Ob das auf Dauer als Vorteil funktioniert, hängt davon ab, ob beide Partner das als bereichernd empfinden.“ Komplizierter werde so eine Fernbeziehung dann, wenn ein Kinderwunsch im Spiel ist, der gerade bei Akademikern oft wegen einer Fernbeziehung aufgeschoben wird – aber nicht dauerhaft aufgeschoben werden kann. Denn die biologische Uhr tickt zumindest bei den Frauen– und nimmt keine Rücksicht auf Fernbeziehungen und die Karriereleiter. Viele Paare ziehen endgültig zusammen, wenn sich Nachwuchs ankündigt – oft ist es die Frau, die ihren Beruf dann aufgibt. Oder zumindest wird ein gemeinsamer Lebensmittelpunkt gewählt – und meistens ist es dann auch der Mann, der pendelt. „75 Prozent der Pendler sind Männer“, bestätigt auch Peter Wendl.

Eines merke man bei Fernbeziehungen deutlich schneller als wenn man dauerhaft zusammenwohnt: Ob man sich auseinandergelebt hat. Denn das komme nicht so schleichend, so Beziehungsexperte Peter Wendl. Das kann ein Vorteil sein. Und noch einen großen Vorteil haben Fernbeziehungen gegenüber „normalen Beziehungen“, hebt Wendl hervor: Durch die intensive Qualitytime setze eine Veralltäglichung nicht so schnell ein. Denn die Wiedersehensfreude nach einer Arbeitswoche oder je nach Frequenz auch einem Arbeitsmonat, die halte wesentlich länger an als wenn man sich täglich sieht.

Nathalie Klüver

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