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Liebliche lübsche Tradition

REGIONALE STÄRKEN I Liebliche lübsche Tradition

Am Anfang der Erfolgsgeschichte der Ernährungswirtschaft in der Region stand das Marzipan. Heute wird nach neuen Produkten und effizienteren Methoden gesucht.

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Am Anfang der Erfolgsgeschichte der Ernährungswirtschaft in der Region stand das Marzipan. Heute wird nach neuen Produkten und effizienteren Methoden gesucht.

Quelle: Hoda Bogdan - Fotolia

Wer an Lübeck denkt, denkt nicht nur an die Backsteingotik, die Nobelpreisträger Thomas Mann und Willy Brandt — sondern meist auch unweigerlich an Marzipan. Denn „Lübecker Marzipan“ ist nicht nur ein geschützter Begriff, sondern auch ein geflügeltes Wort. Dabei wird in der Stadt längst nicht nur Marzipan produziert, vielmehr haben sich in der Region Lübeck eine ganze Zahl von namhaften und bekannten Unternehmen der Ernährungsindustrie angesiedelt — viele von ihnen Marktführer in ihren Gebieten.

Doch den Anfang machte das Marzipan, und so verwundert es nicht, dass die Hansestadt Lübeck gerne auch als „Marzipanstadt“ bezeichnet wird. Manche meinen gar, die süßherbe Mandelmasse wurde in Lübeck erfunden — doch dem ist nicht so. Wo das Marzipan eigentlich herkommt, ist nicht bis ins Letzte belegt, aber am wahrscheinlichsten ist die Herkunft aus dem Orient: Es waren wohl die Perser, die das Mandel-Zucker-Rosenwasser-Gemisch als erste kreierten.

Dennoch kommt Lübecks Ruf als Marzipanstadt nicht von ungefähr. Schon 1530 wurde Marzipan das erste Mal in der Zunftordnung erwähnt, zu Anfang durften nur Apotheker die Süßigkeit herstellen und verkaufen — galt sie doch damals als eine Art Allheilmittel gegen allerhand Wehwehchen. Schließlich wich das Privileg der Apotheker und in Lübeck wuchs die Zahl der Zuckerbäcker, die die Ma

rzipanherstellung übernahmen. 1808 waren in den Lübecker Büchern 135 Marzipanhersteller erwähnt.

Darunter auch Niederegger, der heutige Marktführer im Premiumsegment. 1806 übernahm der Konditor Johann Georg Niederegger das bis dato unter dem Namen Café Maret bekannte Unternehmen von seinem Lehrherrn Johann Gerhard Maret, der die Konditorei in der Breiten Straße 1786 gegründet hatte. Seit 1929 wird das Unternehmen mit heute 500 Mitarbeitern von der Familie Strait geführt, die auch heute noch die Geschäftsleitung innehat. Etwa 30 Tonnen Süßwaren produziert das Unternehmen im Schnitt am Tag. Das Unternehmen lobt die Vorteile der Region Lübeck, die sich aus der Anbindung an die Metropolregion Hamburg ergeben — und durch die motivierten Mitarbeiter im Großraum Lübeck. Nachteilig sei jedoch die weite Entfernung von vielen Entscheidern und Logistikzentralen des Lebensmitteleinzelhandels, so Willi Meier von Niederegger. Besonders negativ sei das Förderungsgefälle von Polen über Mecklenburg-Vorpommern nach Schleswig-Holstein bei der Unterstützung von großen Investitionsvorhaben, kritisiert Meier. „Aber auch die Infrastruktur in Lübeck, insbesondere die Verkehrssituation, ist eine Katastrophe.“

Niederegger ist aber nicht der einzige Marzipanfabrikant mit einer langen Tradition. Heute sind es noch vier Lübecker Unternehmen, die sich der Marzipanherstellung widmen.

Die Lübecker Firma Erasmi & Carstens etwa blickt auf eine 150-jährige Geschichte zurück und konzentriert sich auf die industrielle Marzipanproduktion für den Massenbereich, zu dem auch die Discounter zählen.

Auf 100 Jahre Tradition schaut die Firma Lübecker Marzipan-Fabrik von Minden & Bruhns GmbH & Co. KG zurück, die heute rund 150 Mitarbeiter beschäftigt und ihre Waren unter der Marke Lubeca vertreibt. Die Firma mit Sitz im ostholsteinischen Stockelsdorf wurde 1904 von Felix Bruhns, Wilhelm Beth und Hennig von Minden in Lübeck als „Lübecker Marzipan-Fabrik von Minden & Bruhns“ gegründet.

Erst 1950 hingegen wurde die Firma Mest gegründet, die sich auf die handwerkliche Produktion kleiner Mengen spezialisiert hat.

Die Lübecker Marzipanhersteller setzten 1982 gemeinsam durch, das sich nur „Lübecker Marzipan“ nennen darf, was tatsächlich in Lübeck hergestellt wurde. Der Begriff ist auch ein Qualitätsmerkmal:

Denn das Verhältnis von Rohmasse und Zucker darf höchstens 70 zu 30 Prozent betragen.

Doch auch wenn das Marzipan das Image Lübecks stark mitgeprägt hat, blicken auch noch andere Lebensmittelhersteller auf eine fast ebenso lange Firmentradition zurück. So zum Beispiel das Familienunternehmen Brüggen. Beim Endverbraucher als Marke nicht so bekannt wie Niederegger, da auf den Produktpackungen selten der Name Brüggen steht: Auf dem deutschen Markt werden die Produkte meist über Handelsmarken vertrieben. Dabei werden verschiedene Segmente vom Discountmarkt bis zum Premiumprodukt bedient.

Die H. & J. Brüggen KG ist zu hundert Prozent in Familienbesitz und wird heute in vierter Generation von Hanno Brüggen, Jochen Brüggen und Johannes Brüggen geführt. Seit 1886 ist der Müsliproduzent in Lübeck ansässig, heute arbeiten hier mehr als 600 Menschen.

Gegründet wurde die Brüggen KG 1968 in Neumünster: Die Firmengeschichte begann mit einem Mühlenunternehmen, das Buchweizen verarbeitete. 1886 wurde eine zweite Mühle in Lübeck errichtet, der Standort wurde wegen der Wasseranbindung gewählt. Seit 1965 werden in Lübeck Cornflakes produziert — die Lübecker waren eines der ersten deutschen Unternehmen, die diese Cerealien herstellten.

Zwar nicht direkt auf dem Lübecker Stadtgebiet, aber dafür in unmittelbarer Nachbarschaft der Stadtgrenze liegen die Schwartauer Werke, die ebenfalls eine mehr als hundertjährige Firmentradition aufweisen und wie Niederegger Marktführer in ihrem Gebiet sind. Am Stammsitz Bad Schwartau wurde das Unternehmen 1899 von den Brüdern Otto und Paul Fromm gegründet. 1910 brachten sie den Schwartauer Kunsthonig Marke Holstentor auf den Markt, zwei Jahre später folgte die erste Konfitüre. Im Jahr 1968 übernahm Dr. Arend Oetker die Geschäftsführung. Seitdem sind die Schwartau-Konfitüre Marktführer — auch heute noch. Mitte der 80er Jahre wurde das Produktsortiment um den Müsliriegel Corny erweitert. Im Jahre 2002 wurden die Schwartauer Werke schließlich mehrheitlich vom Schweizer Konzern Hero übernommen. Heute arbeiten in Bad Schwartau über 800 Mitarbeiter.

Ähnlich lang ist die Firmentradition der Stadtbäckerei Junge. Sie wurde 1897 durch Johannes Conrad Detlef Junge in der Lübecker Yorkstraße 17 gegründet — und ist auch heute noch in Familienhand.

Axel Junge führt das Unternehmen, für das heute 3200 Mitarbeiter arbeiten. Das heutige Konzept mit Bäckereiwaren und Snacks gibt es seit 1975. Da eröffnete Junge als einer der Ersten ein Geschäft mit Snacks. Heute gibt es 170 Geschäfte nach diesem Konzept — von Ostholstein bis nach Greifswald.

Eine mehr als 50-jährige Firmengeschichte hat das Unternehmen Arko, das 1948 von Cuno Rothfos und seinem Vater, dem Hamburger Kaffeehändler Bernhard Rothfos gegründet wurde. Der Name Arko entstand als Abkürzung für den etwas sperrigen Begriff „Arbeitsgemeinschaft für den Vertrieb von Konsumgütern“. Heute beschäftigt das Unternehmen mit Sitz in Wahlstedt 700 Mitarbeiter und betreibt bundesweit 150 eigene und 90 Franchise-Filialen sowie 3500 Depots in Supermärkten und Bäckereien. 2014 wurden alle Gesellschaftsanteil der Arko GmbH von der Arko-Stiftung an ein Beteiligungsunternehmen der Waldersee Treuhand- und Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH & Co. KG übergeben.

Im Laufe der langen Firmentradition haben sich für die Lübecker Traditionsunternehmen auch die Herausforderungen geändert. Allen voran nennen viele Unternehmen aus dem Großraum Lübeck den Fachkräftemangel. Eine weitere Herausforderung sei auch die stärker werdende Konzentration der Handelslandschaft, so Niederegger-Sprecher Meier: „Aber insbesondere die Produktinnovationen lassen uns optimistisch in die Zukunft blicken.“

Die Unternehmen arbeiten zusammen im foodRegio-Verband Lübeck, eine sehr positive Zusammenarbeit, wie Willi Meier von Niederegger hervorhebt: „Sei es der Austausch untereinander und das Finden gemeinsamer Lösungsansätze für gleiche oder ähnliche Problematiken in den Bereichen Beschaffung, Energie und Dienstleistungen sowie im Personalbereich.“ Auch die Zusammenarbeit mit den Lübecker Hochschulen stärke das Unternehmen in der Innovationskraft und Prozessoptimierung. •

Von Nathalie Klüver

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