Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Luxusproblem Selbstverwirklichung

ARBEITSETHIK Luxusproblem Selbstverwirklichung

Früher diente die Arbeit vor allem zum Geldverdienen. Heute stehen immer häufiger ganz andere Dinge im Mittelpunkt: jeden Tag neue Herausforderungen, Leidenschaft und spannende Aufgaben, das Hobby zum Beruf machen — wohin führt unsere moderne Arbeitsethik?

Voriger Artikel
Eine Frage des Glaubens
Nächster Artikel
Die Spezialisten

Klar, will man mit einem Job Geld verdienen. Aber viel wichtiger scheint — zumindest wenn man den Gesprächen im Café, den Umfragen unter Studenten oder etlichen Zeitschriftenartikeln über Selbstverwirklichungen glaubt — der Spaß an der Arbeit zu sein. Wobei Spaß es schon lange nicht mehr trifft: Den eigenen Traum will man verwirklichen, das machen, was man schon immer machen wollte, wozu man sich berufen fühlt, sexy soll diese Arbeit sein, repräsentativ und selbstverständlich dazu taugen, beim Smalltalk Eindruck zu schinden. Immer häufiger geht es um Spaß bei der Arbeit, Selbstverwirklichung und Identifikation mit dem, was man täglich tut.

Doch die Ansprüche stehen im Gegensatz zu Zahlen und Statistiken: Laut dem „Engagement Index 2014“ der Unternehmensberatung Gallup fühlen sich nur 15 Prozent der Beschäftigten an ihren Job „emotional hoch gebunden“. 70 Prozent der Beschäftigten hingegen sprechen von geringer emotionaler Bindung — sprich: Sie schieben Dienst nach Vorschrift.

Aber reicht das nicht eigentlich auch? Wieso wird die Bedeutung der Arbeit heute so sehr überhöht? Müssen wir uns alle selbstverwirklichen? Wohin führt das, wenn alle nur noch nach Selbstverwirklichung im Beruf streben? Ist es nicht auch genauso gut, die Arbeit als das zu sehen, was sie primär ist: ein Broterwerb. Das, was uns die Rechnungen bezahlen lässt. Wenn der Job dann auch noch Spaß macht und man Anerkennung bekommt - reicht das nicht? Muss es wirklich der Traumjob sein? Gibt es den überhaupt? Wird nicht alles irgendwann zur Routine?

Porträts über Frauen, die ihren Weg gehen, sind in fast jeder Ausgabe der großen Frauenzeitschriften zu lesen. Frauen, die ihren Nine-to-Five-Job in der Bank oder der örtlichen Spedition kündigten, um das zu machen, was sie schon immer machen wollten. Die eine wurde schon immer im Bekanntenkreis für ihre opulenten Geburtstagstorten gefeiert. Da liegt es doch nahe, ein kleines Café mit den besten Torten der Stadt zu eröffnen. Die andere bedachte alle ihre Freundinnen mit so süßen selbstgenähten Babystramplern — klar, dass sie nach der Elternzeit ihren Onlineshop in Betrieb nahm und sich ganz der Nähmaschine widmet. Wieder eine andere, die mit den tollen Motto-Kindergeburtstagen hat sich ja jetzt als Weddingplanerin selbstständig gemacht, das war ja schon immer ihr Traum, erzählt man sich. Und der Sohnemann der Zugehfrau, so ein ganz Schlauer, der war ja schon als kleiner Junge nicht vom Computer wegzukriegen, der entwickelt eigene Apps, Startup sagt man dazu, nein, Geld verdienen tut er noch nicht, aber er arbeitet die halbe Nacht durch. Der Sohn des Kollegen übrigens, der hat seinen Job als Pharmareferent geschmissen und ist als Surflehrer nach Hawaii gezogen.

Früher konnten sich Menschen ihren Beruf meist nicht aussuchen. „Arbeit war Schicksal“, schreibt der Autor Roman Krznaric in seinem Buch „Wie man die richtige Arbeit für sich findet“. Erst nach der Industrialisierung entstand die Möglichkeit, sich einen Beruf zu wählen. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung ist also auch ein Resultat unserer Überflussgesellschaft. Der Autor rät dazu, sich vom Mythos abzuwenden „da draußen gäbe es den einen perfekten Job, der nur darauf wartet, dass wir ihn finden.“ Stattdessen, so Krznaric, sollten wir anerkennen, dass wir ein „multiples Selbst“ haben und zahlreiche Jobmöglichkeiten in Frage kommen.

Die Überhöhung der Arbeit hat auch Folgen auf die seelische Verfassung. So warnt die Bundespsychotherapeutenkammer vor zu hohen Ansprüchen an die Arbeit. Der „Druck zur Selbstverwirklichung“ im Beruf und im Privatleben führe zu einer zusätzlichen Belastung und gestiegenen Burn-out-Zahlen: „Viele Menschen geben sich selbst die Schuld, wenn sie ihren eigenen oder fremden Ansprüchen nicht genügen.“

Je größer der Idealismus, desto größer ist die Gefahr, enttäuscht zu werden, hat auch der Autor Jakob Schrenk beobachtet: „Eine nüchternere Herangehensweise hilft.“ Zunächst einmal sei Arbeit Broterwerb, das solle man nicht vergessen. Der Autor warnt in seinem Buch davor, vor lauter Selbstverwirklichung das Privatleben außer Acht zu lassen. In seinem Bekanntenkreis hatte der Journalist beobachtet, wie die Trennung von Beruf und Privatleben immer stärker aufweichte bis hin zur Selbstausbeutung. Als er das Buch „Die Kunst der Selbstausbeutung“ schrieb sah er diese Selbstausbeutung noch kritischer, heute sagt er etwas gelassener: „Es ist ja eigentlich eine gute Sache, vollständig im Beruf aufzugehen und einen Job zu finden, der zur eigenen Persönlichkeit passt.“ Die heutige Arbeitswelt biete mehr Möglichkeiten dazu — aber sie sei auch komplizierter geworden: „Wir müssen stärker lernen, uns selbst zu organisieren, auch den Mut zu haben, nein zu sagen. Wer das nicht kann, der beutet sich selbst aus, bei dem nimmt Arbeit zu viel Platz im Leben ein.“

Und wer meint, der Ausbeutung durch den Arbeitgeber zu entgehen und sich mit seinem Traum selbständig macht, der sollte sich nichts vormachen: Auch als Selbstständiger hat man sich an Termine zu halten, ist man von anderen, meistens den Kunden, abhängig. Das Hobby zum Beruf zu machen, das ist schön und gut — aber, so Jakob Schrenk: „Die Arbeit sollte nicht das einzige Hobby sein.“ Hobbys dienen schließlich der Entspannung und sind eigentlich so etwas wie ein Gegenpart zur Arbeit. „Die Arbeit darf nicht alles fressen.“

Wenn man unzufrieden mit seiner derzeitigen Arbeit ist, muss es nicht immer gleich die 180-Grad- Kehrtwende sein, auch wenn viele Medien das suggerieren. Man muss nicht immer gleich kündigen und Walbeobachter in Kanada werden oder das neuste Szenecafé auf dem Kiez eröffnen. Manchmal reicht es, sich zu fragen, was einen eigentlich wirklich nervt oder unzufrieden macht. Denn oft sind es die kleinen Dinge: der Lärm im Großraumbüro, die Überstunden, Kollegen, die die eigenen Projekte blockieren. Oft lassen sich diese Probleme leichter lösen als man denkt. Und der eigene Job erscheint einem wieder in einem ganz anderen Licht. Denn wo ist das Problem, zu sagen: „Meine Arbeit bringt mir meistens Spaß, aber nicht immer. Doch ich habe tolle Freunde, schöne Hobbys und viele Gründe, mich auf den Feierabend zu freuen.“   •

Von Nathalie Klüver

Voriger Artikel
Nächster Artikel
LN Jobs Stellenanzeigen aufgeben

Das Stellenportal der Lübecker Nachrichten bietet Ihnen den passenden Rahmen für Ihre Stellenangebote. Schalten Sie Ihre Anzeige schnell und effizient hier. mehr

Hier finden Sie die älteren Ausgaben von dem Magazin "DIE WIRTSCHAFT". mehr

Mediakompass: Werbekanäle bei den Lübecker Nachrichten

Werben mit Erfolg: Bei den Lübecker Nachrichten, als regional marktführendes Medienhaus, haben Sie die Chance Ihre Werbung über verschiedene Werbekanäle und Crossmedia-Optionen optimal zu präsentieren! mehr