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„Nachhaltige Produktion ist eine historische Chance“

DAS INTERVIEW ZUM SCHWERPUNKTTHEMA „Nachhaltige Produktion ist eine historische Chance“

Schleswig-Holstein ist ein landwirtschaftlicher Gunststandort und die langfristigen Perspektiven für die Landwirtschaft sind sehr gut – auch wenn es kurzfristige Schwankungen gibt wie zuletzt bei den Milchpreisen, sagt Prof. Dr. Christian Henning. Der wachsende Wunsch der Verbraucher, nachhaltig produzierte Lebensmittel zu kaufen, biete große Chancen für die Bauern. Allerdings sei die Organisation einer nachhaltigen Landwirtschaft viel komplexer, hier sei die Politik gefragt, bei Anpassungsproblemen zu helfen. Wichtig findet Henning, dass die Bauern sich aktiv an der Diskussion um die Neuausrichtung der Produktion einbringen.

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Prof. Dr. Christian Henning (53) ist seit 2001 an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) und forscht in Neuer Politischer Ökonomie, Netzwerkökonomik und Agrarökonomie.

Quelle: Sven Janssen

Schleswig. Wie würden Sie die Lage der Landwirtschaft in Schleswig-Holstein beschreiben?

Wir haben eine positive Einkommensentwicklung in den vergangenen 10 Jahren, und es ist von einer Fortsetzung dieser Entwicklung auszugehen. Allerdings sind die positiven Entwicklungen kurzfristigen Schwankungen ausgesetzt, wie etwa die niedrigen Milchpreise zeigen. Das hebt den klar positiven Trend aber nicht auf. Zentral für die langfristig positiven Aussichten sind zwei Megatrends: Einerseits global steigende Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe, vor allem durch steigende Nachfrage in den Schwellenländern. Andererseits eine stark steigende Nachfrage nach Nachhaltigkeitsgütern in reichen Industrieländern, das heißt neben Klimaschutz vor allem Wasser-, Natur und Tierschutz.

Nachhaltig produzierte Waren werden stärker gefragt?

Mit zunehmenden Einkommen steigt der Anteil der Konsumausgaben für diese Güter. Somit stellt die Entwicklung zu einer nachhaltigen Produktionsweise eine historisch einmalige Chance dar, den Klauen des „Engel'schen Gesetzes“, eines der zentralen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, das den schmerzhaften Schrumpfungsprozess der Landwirtschaft in einer wachsenden Volkswirtschaft bedingt, zu entkommen.

Allerdings ist die Organisation einer nachhaltigen Landwirtschaft erheblich komplexer. Hier ist die Politik gefragt, denn beim Übergang sind Anpassungsprobleme zu erwarten.

Die Zahl der Bauernhöfe im Land ist stark gesunken. Wann wird der Prozess zu Ende sein?

Das „Höfesterben“ ist ein globales Phänomen. In Deutschland hat sich die Zahl der Betriebe seit 1945 von über 1,3 Mio auf 280000 reduziert, das heißt, alle 30 Jahre halbiert sich die Zahl der Betriebe. Diese Entwicklung wird sich fortsetzten. Grob gerechnet bedeutet dies, dass sich die durchschnittliche Betriebsgröße von 70 Hektar auf 140 Hektar verdoppelt in den nächsten 30 Jahren.

Zentrale Ursache ist der technische Fortschritt. Das bedeutet, dass wir aufgrund eines verbesserten Wissens mit den gleichen Ressourcen mehr oder höherwertige Güter produzieren können.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie im Strukturwandel?

Strukturwandel ist eine grundlegende Voraussetzung für eine nachhaltige Verbesserung unserer Lebensqualität. Die Frage eines balancierten Strukturwandels beinhaltet die Richtung und die Geschwindigkeit wie auch eine hinreichende Kompensation der Verlierer des Strukturwandels. Ein Risiko ist, dass Verlierer ignoriert werden. Dies kann zu untragbaren sozialen Härten und zur sozialen Polarisierung und Konflikten führen. Darum sind Mechanismen wichtig, die Richtung und Geschwindigkeit des Strukturwandels steuern und diesen sozial abfedern. Wichtig sind flexible, dezentrale politische Steuerungsmechanismen, während dirigistische Politiken zu neuen Fehlentwicklungen führen.

Worauf müssen sich Betriebe einstellen?

Schleswig-Holstein ist ein landwirtschaftlicher Gunststandort in der gesamten Welt. Das garantiert die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Allerdings variiert der durchschnittliche Gewinn je Hektar erheblich. Dieser Wettbewerb wird eher zunehmen und für eine Selektion der erfolgreichen und innovativen Betriebe sorgen. Zentral wird die Wettbewerbsfähigkeit aber auch durch politische Rahmenbedingungen geprägt sein. Hier sind erhebliche Anpassungen bei der Tierproduktion zu erwarten. Wichtig ist es, dass sich die Landwirte als Kollektiv aktiv an der Diskussion zur Neuausrichtung der Produktion beteiligen und diese mitgestalten, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Die Zeiten interventionistischer Agrarpolitik mit staatlich garantierten Abnahmepreisen und -mengen sind ein stückweit vorbei.

Sind Verbraucher bereit, mehr für Lebensmittel auszugeben?

Was wir in Analysen feststellen können, ist eine klare Verschiebung gesellschaftlicher Ansprüche an eine nachhaltigere Landwirtschaft. Die Verbraucher sind zunehmend daran interessiert, dass die landwirtschaftliche Produktion in Deutschland im Einklang mit gestiegenen Ansprüchen an Nachhaltigkeit ist. Diese gestiegenen Ansprüche sind auch mit einer grundsätzlichen Zahlungsbereitschaft für Nachhaltigkeitsgüter verbunden, aber die effektive Umsetzung am Markt ist schwierig und faktisch nur politisch lösbar.

Immer wieder gibt es Lebensmittelskandale. Versagen unsere Prüfmechanismen?

Im Gegenteil, die Lebensmittelskandale wie die Fipronil-belasteten Eier zeigen, wie effektiv unsere Lebensmittelkontrollen heute sind. Die Lebensmittelsicherheit, insbesondere die Freiheit von Schadstoffen und Rückständen und Besatz mit Mikroorganismen, hat in Deutschland ein extrem hohes Niveau erreicht, das sich seit dem Jahr 2000 kontinuierlich verbessert hat. Lebensmittelskandale, die zu einer Gefährdung oder sogar tatsächlichen Schädigungen menschlicher Gesundheit geführt haben, gibt es heute praktisch nicht mehr.

Wie sieht unsere Landwirtschaft in dreißig Jahren aus?

Ich gehe davon aus, dass die Anzahl der Betriebe sich noch einmal halbieren und die durchschnittliche Betriebsgröße auf 140 Hektar steigen wird. Gleichzeitig wird die Produktionstechnik stark durch digitale Systeme geprägt sein, und es wird zu einer stark vernetzten und transparenten Produktionsweise kommen. Weiterhin denke ich, dass eine Verschiebung in der Konsumstruktur von der tierischen zu pflanzlichen Produkten stattfinden wird, die sich auch in der Produktionsstruktur widerspiegelt. Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe werden trotz einer erhöhten Nachfrage aufgrund des technischen Fortschritts nur moderat steigen, während die betrieblichen Gewinne zumindest in Deutschland erheblich stärker steigen aufgrund der gesellschaftlichen Vergütung der Nachhaltigkeitsgüter.

In der Lebensmittel- und Futtermittelverarbeitung wird es zu Innovationen kommen, insbesondere durch die Verwertung neuer Biorohstoffe, wie beispielsweise Algen oder Insekten. Diese Innovationen werden aber nur sehr bedingten Einfluss auf die Produktionsstruktur in Schleswig-Holstein haben.

Interview: Christian Risch

LN

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