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Natürliche Auslese?

STRUKTURWANDEL Natürliche Auslese?

Die Gewinne schrumpfen, die Flächen werden größer. Die Zahl der Bauernhöfe sinkt kontinuierlich. Kann von einem Höfesterben die Rede sein?

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Klein gegen Groß

Ende Gelände: Immer mehr Betriebe geben auf. Wenn auch bestimmte Segmente der Landwirtschaft ausgenommen sind – so wird doch oft von einem Höfesterben gesprochen.

Quelle: Lassedesignen / Fotolia

„Nein, ein Höfe-Sterben haben wir nicht. Wir haben einen leicht erhöhten Strukturwandel“, sagt Holger Schädlich vom Kreisbauernverband Ostholstein-Lübeck.

„Die Landwirte mit mehr als 100 Hektar haben bessere Marktchancen, die Produktivität ist höher. Die Größe ist ein ausschlaggebender Faktor für den Gewinn. Das ist die Marktwirtschaft, genau wie in anderen Bereichen.“

Holger Schädlich

Kreisbauernverband Ostholstein-Lübeck

Die Zahlen des Statistikamtes Nord sind deutlich, egal welchen Namen man der Entwicklung gibt. Seit 1999 ist die Zahl der Bauernhöfe um fast ein Drittel gesunken. Damals gab es in Schleswig-Holstein noch 18058 landwirtschaftliche Betriebe, Ende 2016 waren es nur noch 12 716. Im Land haben im Jahr 2016 insgesamt 12 700 Betriebe eine landwirtschaftlich genutzte Fläche von gut 988 900 Hektar bewirtschaftet. Allein zwischen 2013 und 2016 haben fünf Prozent der Betriebe dicht gemacht, im Vergleich dazu die bundesweiten drei Prozent „Strukturwandel“.

Ursache sind auch finanzielle Probleme, beispielsweise ausgelöst durch den extrem niedrigen Milchpreis im Jahr 2016. Die Landwirtschaftskammer geht davon aus, dass die Milchkrise in dem Jahr mindestens 400 Milchviehhalter zum Aufgeben gezwungen hatte. „Alles deutet im Vergleich zum Vorjahr auf eine Verdopplung des Strukturwandels hin“, sagte Kammer-Sprecherin Daniela Rixen der „Wirtschaft“. Vor allen Viehhalter hätten aufgegeben. Die Zahl der Milchviehhalter sank um gut 10 Prozent, die der Rinderhalter sank genau wie die Hühnerhalter um neun Prozent in Schleswig-Holstein, dazu minus elf Prozent Schweinehalter. Aber: Gerade bei Milchkühen und Geflügel gab es ein deutliches Plus am Tierbestand. Die Ställe werden größer, müssen größer werden, um wirtschaftlich am Markt mithalten zu können.

Genauso die Flächen. „Die Landwirte mit mehr als 100 Hektar haben bessere Marktchancen, die Produktivität ist höher. Die Größe ist ein ausschlaggebender Faktor für den Gewinn. Das ist die Marktwirtschaft, genau wie in anderen Bereichen“, erklärt Holger Schädlich.

Wie groß ist das Unternehmen, wie gut ist die Eigenkapitalausstattung oder müssen Kredite oder Pachtzinsen bedient werden, wie entwickeln sich die Marktpreise? Die zum Teil schlechten Preise zeichnen sich im Gewinn der Landwirte ab – sie sind im Sturzflug. Im Wirtschaftsjahr 2010/2011 hatten die Landwirte im Schnitt am Jahresende noch 65777 Euro über, 2015/2016 waren es nur noch 35523 Euro. Nicht viel, wenn man regelmäßig in neue Technik oder Tiere investieren muss, noch weniger, wenn man Reserven für schlechte Milchpreiszeiten zurücklegen müsste. Denn gerade diese Ertragsseite hat sich ins negative verändert, dem stehen um bis zu 20 Prozent höhere Pachtpreise für Acker- und Weideland gegenüber. Denn gut die Hälfte der von einem schleswig-holsteinischen Betrieb bewirtschafteten Fläche ist zugepachtet und treibt die Betriebskosten in die Höhe.

Manch einer wird zum „Nebenerwerbslandwirt“, macht den Stall zur Ferienwohnung oder setzt auf Windkraft und Direktvermarktung, verkauft seine Milch literweise über einen Frischmilchautomaten am Hof – das sprichwörtliche Kleinvieh, das auch Mist macht. Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein berät zu diesen Einkommensalternativen: „Eine wachsende Zahl von Familien sichert mittlerweile die Zukunft ihres Betriebes durch zusätzliche Einkommensfelder ab und orientiert sich dabei an den sich dynamisch verändernden Märkten.“ Dann sind es die Ferienwohnungen, die idyllisch auf dem Bauernhof das Sterben des eigentlichen Hofes verhindern.

Einzige Ausnahme vom „Höfesterben“: Die Gruppe der ökologisch wirtschaftenden Betriebe stieg binnen drei Jahren um gut sieben Prozent auf 460. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche wuchs auf 38 000 Hektar (plus 13 Prozent) an. Aber auch in diesem Segment müssen die Betriebe größer werden, um mithalten zu können. Ein durchschnittlicher Öko- Landwirt muss 83 Hektar beackern.

Andere Landwirte drehen weiter an der Optimierungsschraube, versuchen mit mehr Fläche, höheren Viehbestand, effektiverer Düngung oder besseren Vermarktungswegen beispielsweise die Gewinnseite zu verbessern. „Die wirtschaftliche Lage bei vielen Landwirten ist schlecht, die bürokratischen Anforderungen sind stark gestiegen, die gesellschaftliche Debatte über die Landwirtschaft wird von allen Seiten oft hart geführt. Viele Landwirte sorgen sich um die Zukunft ihrer Höfe und ihrer Familien.“, sagte Landwirtschaftsminister Dr. Robert Habeck vor einem Jahr, als ein breites Bündnis aus Landwirtschaftsministerium, Berufsverbänden, Landwirtschaftskammer, Nordkirche, Landfrauen und der Sozialversicherung das Beratungsnetzwerk „Landwirte in Not“ vorstellten. Landwirten soll mit Beratungsangeboten geholfen werden, bevor die Tiere im Stall verhungern. Die Landwirtschaftskammer bietet eine sozioökonomische Beratung und ein Sorgentelefon zum „Durchhalten in Krisenzeiten“ an.

Die Landwirtschaft in Schleswig-Holstein verändert sich, kontinuierlich seit sechzig, siebzig Jahren. In den 1950er Jahren arbeitete noch jeder vierte Schleswig-Holsteiner in der Landwirtschaft.

Heute sind es nicht einmal drei Prozent der arbeitenden Menschen. Allein seit 1999 ist die Zahl der Beschäftigten in der Branche im nördlichsten Bundesland um 13000 Menschen gesunken. Landwirt, so richtig selbständig auf dem Feld oder im Stall, will kaum einer mehr werden. Dabei steigt, so Dr. Kirsten Hess vom Landesbauernverband, die Zahl derer, die eine Ausbildung in dem Bereich absolvieren.

Aber nicht alle, die ausgebildet werden, bleiben in der klassischen Landwirtschaft. Schädlich: „Manch einer studiert weiter, andere gehen in den Landhandel.“ Ausgebildete Landwirte werden in vielen Bereichen nachgefragt. Auch ein Aspekt des Struktuwandels der letzten Jahrzehnte: aus den Familienbetrieben werden Arbeitgeber mit zwei, drei Angestellten. Die Familienarbeitskräfte stellten mit knapp 49 Prozent erstmals weniger als die Hälfte aller beschäftigten Personen.

Und die Tendenz ist fallend: „Jeder vierte Hof hat keinen potenziellen Nachfolger, und die Anforderungen an die nächsten Generationen steigen“, schreibt Eike Rix von der Sparkasse Mittelholstein AG im Bauernblatt des Landes. Holger Schädlich: „Die Betriebe hören in der Regel auf, wenn die Altenteiler in Rente gehen und keines der Kinder den Hof übernehmen will.“ Die guten, die wirtschaftlich stabilen Betriebe, haben, so Schädlich, bessere Chancen, in der Familie weiter geführt zu werden.

„Die Landwirtschaft ist immer noch ein hartes Brot, wenn der Nachwuchs jahrzehntelang mit ansieht, wie die Eltern 365 Tage im Jahr melken und immer investieren müssen, um mithalten zu können, sehen sie auch, dass sie woanders ihr Geld einfacher verdienen können“, berichtet Schädlich vom eh schon ausgedünnten Arbeitsmarkt, auf dem der Nachwuchs große Auswahlmöglichkeiten hat. Die Motivation, sich dann für die arbeitsintensive und krisengeplagte Landwirtschaft zu entscheiden, sei gering.

Noch geringer ist die Chance, dass jemand von außerhalb den Betrieb übernimmt. Schädlich: „Es gibt kaum einen Wirtschaftsbereich, der pro Arbeitskraft so viel Eigenkapital braucht. Man braucht, um eine Familie zu ernähren, 100, besser 200 Hektar oder 75 Kühe. Das muss ein Quereinsteiger erst einmal finanzieren.“ Die Investition liege schnell bei einer Million Euro.

Die Folge des leicht erhöhten Strukturwandels: „Es gibt Dörfer, auf denen es gar keinen Landwirt mehr gibt. Genauso wie es dort schon keinen Schmied und keinen Bäcker mehr gibt“, sagt Holger Schädlich.

Nicole Hollatz

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